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Full text of "Der Russisch-türkische Krieg, 1877-1878 auf der Balkan-Halbinsel"

& 









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Der 



Russisch-türkische Krieg 

^ 1877-1878 

auf der Balkan-Halbinsel. 



VERFASST VON DER KRIEGSGESCHICHTLICHEN COMMISSION DES 
KAISERLICH RUSSISCHEN HAUPTSTABES. 



AUTORISIERTE VOLL-INHALTLICHE UEBERSETZUNG 

von 

Victor Grzesicki Franz Wiedstruck 

k. und k. Hauptmann, ü. c. im Inf.-Rgmt. k. und k. Hauptmann im Generalstabs- 

Nr. 20, commandiert beim Generalstabe. Corps. 



Im Auftrage des 
k. und k. Chefs des Generalstabes 

herausgegeben von der 

Direetion des k. und k. Kriegs-Arehivs. 



I. BAND. 

MIT 1 TEXT- UND 2 KARTEN-BEILAGEN. 



WIEN 1902. 

IN COMMISSION BEI L. W. SEIDEL 8f SOHN 
K. 1 \h K. HOFBU< HHÄNDLEH 



ALLE RECHTE VORBEHALTEN. 



Vorwort zur deutschen Ausgabe. 



"Lieber Auftrag des k. und k. Chefs des Generalstabes hat 
das Kriegs- Archiv die deutsche Uebersetzung des vor kurzem 
erschienenen russischen Generalstabswerkes über den Krieg 
1877 — 1878 in der Absicht veranlasst, um der Armee die authen- 
tische Darstellung dieses interessanten Krieges zu vermitteln. 

Dies schien erwünscht, weil die Begebenheiten des russisch- 
türkischen Krieges reichlich Stoff zur Belehrung bieten. Organi- 
sation, Ausbildung, Vorbereitung des Heeres für den Krieg, Mobili- 
sierung und Aufmarsch der Streitkräfte, endlich Kriegführung und 
Taktik einer der Gegenwart noch nicht allzu fernen Periode 
werden in diesem Werke in gründlichster Weise besprochen. 

Ung'eachtet einer gelegentlich der Ausgabe der ersten zwei 
Bände veröffentlichten Bemerkung des russischen Generalstabes, 
dass die Quellen zu diesem Werke nicht so ergiebig waren, wie 
jene ähnlicher Publicationen anderer Mächte, da die Verwertung 
kriegsgeschichtlichen Materiales in Russland erst in jüngster 
Zeit angebahnt wurde, besitzt diese officielle Darstellung dennoch 
den Wert eines Quellenwerkes ersten Ranges, indem sie auf 
authentischem Materiale fusst. 

Bezüglich der reichhaltigen Karten-Beilagen sei bemerkt, 
dass grundsätzlich die Reproduction der Originale — mit Be- 
schreibung in lateinischer Schrift — angestrebt wurde; nur hin- 
sichtlich jener Karten und Pläne, bei welchen dies aus technischen 
Gründen, um das Erscheinen des Werkes nicht zu verzögern, 
nicht räthlich schien, wurde der Ersatz dem vortrefflichen Karten- 
raateriale des militär-geographischen Institutes entnommen. 

Direction des k. und k. Kriegs-Archivs. 



Bemerkungen über die Schreibweise der Eigennamen. 

Nicht geringe Schwierigkeiten verursachte bei der Ueber- 
setzung des vorliegenden Werkes die Ueb ertragung der vielen 
slavischen, türkischen und rumänischen Namen. Bezüglich der 
geographischen Benennungen wurde im allgemeinen die in den 
Kartenwerken des k. u. k. militär-geographischen Institutes übliche 
Schreibweise angewendet. Aber auch diese Kartenwerke stimmen 
miteinander nicht immer überein; speciell bringt die neue General- 
karte i : 200.000 die dermalen ortsüblichen Bezeichnungen, welche 
von den bisher gebräuchlichen nicht selten abweichen. Wo 
solche Differenzen vorkamen, und auch in Fällen, wo die russische 
Benennung von jener in den Karten des Institutes stark abweicht, 
wurde die üblichste Bezeichnung beibehalten und die übrigen in 
Klammern beigefügt. In den die Operationen behandelnden 
Theilen (vom II. Bande angefangen) werden die geographischen 
Namen grundsätzlich nach der neuen Generalkarte angewendet. 

Die Schreibweise der Personennamen ist thunlichst dem 
in der österreichisch - ungarischen Armee eingeführten „Feld- 
Wörterbuche : deutsch, polnisch, ruthenisch, russisch" angepasst, 
wobei jedoch einige Abweichungen angewendet wurden, um die 
Schreibart der geographischen und der Personennamen nach Mög- 
lichkeit in Uebereinstimmung zu bringen. So wurde der slavische 
„s"-Laut (im Deutschen dem weichen „/'-Laute entsprechend) mit 
„#" wiedergegeben ; analog wurde das slavische „c" im deutschen 
Texte mit„c" ausgedrückt, jedoch dort, wo bezüglich der Aussprache 
ein Zweifel bestehen konnte, durch f ,tz" ersetzt. Für die beiden im 
Russischen vorkommenden „/"-Laute (hart und weich) wurde im 
allgemeinen das einfache „/" angewendet; wo aber dem Klange nach 
die Erweichung des „/"-Lautes besonders zum Ausdrucke kommen 
musste, wurde dies durch Anhängen eines „f bezeichnet. Das 
ausklingende ,J" nach „z" und „y" in russischen Namen wurde 
weggelassen. Abweichend von diesen angenommenen Regeln 
wird das Wort „Zar" und dessen Ableitungen mit W Z" (nicht „Tz") 
geschrieben, weil diese Schreibweise in der für die k. u. k. Militär- 
Bildungsanstalten normierten „Rechtschreibung" angewendet wird. 
Aehnlich verhält es sich mit den Worten „Ukas" und „Prikas", 
bei welchen am Schlüsse „s" an Stelle des slavischen „z" gesetzt 
wurde. 

Die Uebersetzer. 



I. BAND. 

DIE LAGE VOR DEM KRIEGE 



MIT 1 TEXT- UND 2 KARTEN-BEILAGEN. 



Digitized by the Internet Archive 
in 2013 



http://archive.org/details/derrussischturki01grze_0 



INHALT. 



Seite 
Ueberblick der Ursachen des Krieges und der Lage Russlands vor dem Kriege i 

I. CAPITEL. 

Der Kriegsschauplatz 15 

Allgemeine Uebersicht des Kriegsschauplatzes in der europäischen Türkei. — Rumänien 
als Basis. — Die Donau. — Donau-Bulgarien. — Das Transbalkan-Gebiet. — Der Kriegs- 
schauplatz in militärischer Beziehung. — Daten über den Kriegsschauplatz, welche vor 
dem Kriege in Russland bekannt waren. 

II. CAPITEL. 

Die Streitkräfte der Türkei 40 

Politische Lage des türkischen Reiches vor dem Kriege 1877—1878. — Organisation der 
Landmacht nach dem Projecte vom Jahre 1869. — Bestand und Ergänzung der Armee. 

— Feld-Truppen (Nizam): Infanterie, Cavallerie, Artillerie, technische Truppen; deren 
Bewaffnung und Ausrüstung. — Landwehr (Redif) und deren Cadres. — Bestand der 
Officiere und Unterofficiere. — Verpflegung und Ausrüstung der Armee. — Die wichtigsten 
Eigenschaften und die Gefechtsweise der türkischen Truppen. — Entwicklung der türki- 
schen Streitkräfte seit dem Aufstande in der Hercegovina und Vertheilung derselben zur 
Zeit der Kriegserklärung. — Die Kräfte der Türken in den verschiedenen Perioden des 
Feldzuges. — Flotte. 

III. CAPITEL. 

Die Streitkräfte Rumäniens, Serbiens und Montenegros 59 

Die Streitkräfte Rumäniens : die „active" und die ,, Territorial- Armee". — Die Streitkräfte 
Serbiens: die „reguläre Armee" und das ,, Volksheer". — Die Streitkräfte Montenegros 
und deren Situation zur Zeit der Kriegserklärung Russlands an die Türkei. 

IV. CAPITEL. 

Die Streitkräfte Russlands 70 

Bestand der Wehrkraft zu Beginn der Siebziger-Jahre. — Reformen 1873—1874. — 
Ergänzung der Officiere und der Mannschaft. — Aenderungen in der Organisation der 
Armee in der Periode 1870—1877. — Feld-Truppen: Infanterie, Cavallerie, Artillerie, 
Ingenieur-Truppen. — Vereinigung der Feld-Truppen in Corps-Verbände. — Besatzungs- 
und Etapen-Truppen: Festlings-, Reserve- und Local-Truppen. — Hilfs-Formationen. — 
Militär-Sanitäts-Anstalten. — Irreguläre Truppen : Kasaken, Fremdvölker-Formationen. 

— Reichswehr. — Bewaffnung. — Ausrüstung. — Trainwesen. 

V. CAPITEL. 

Die taktische Ausbildung der russischen Armee 134 

Einfluss des Krim-Krieges und der folgenden Kriege. — Olficiers-Corps. — Mannschaft. 
— ' Infanterie. — Cavallerie. — Artillerie. — Ingenieur-Truppen. — Stäbe. — Gemeinsame 
Beschäftigungen der verschiedenen Waffengattungen. — Resume. 



Seite 

VI. CAPITEL, 

Die Flotte Russlands 199 

Die maritimen Streitkräfte Russlands vor dem Kriege 1877—1878. — Schiffsbestand. — 
Kriegsschiffe, deren Armierung; Gliederung in Flotten und Flotillen. — Die Commando- 
führung über die Schiffe und Geschwader. — Personalstand der Flotte. — Maritime 
Ausbildung und Kriegsbereitschaft. — Handels-Flotte. — Häfen.— Der Kriegsschauplatz 
am Schwarzen Meere. — Die Unterstützung der Land-Truppen durch die Flotte. 

VII. CAPITEL. 

Vorbereitungen zum Kriege und Entwicklung der russischen Streitkräfte bis 

zum Juli 1878 224 

Massnahmen des Kriegs-Ministeriums zur Versetzung der Tiuppen auf den Kriegs- 
stand. — Ausgabe neuer organischer Bestimmungen. — Neuformationen. — Die Mobi- 
lisierung im November. — Die erste nachträgliche Mobilisierung. — Die weiteren Mobi- 
lisierungen. — Zusammensetzung der Operations-Armee, Organisation und Stand des 
Obercommandos. — Der Aufmarsch in Bessarabien. — Vorkehrungen zur Vertheidigung 
der Schwarzmeer-Küste. — Aenderungen in der Organisation der Armee während der 
Cantonierung in Bessarabien. — Zustand, Gesundheitsverhältnisse und Uebungen der 
Truppen. — Inspicierungen im Winter und Frühjahre. 

VIII. CAPITEL. 

Das russische Eisenbahnnetz im Herbste 1876 und die Mitwirkung der Bahnen 

beim Aufmarsche der Operations-Armee 277 

Entwicklung des russischen Eisenbahnnetzes zu Beginn des Jahres 1877. — Truppen- 
transport-Pläne. — Mobilisierungs-Transporte im November und December 1876. — Auf- 
marsch-Transporte. — Unterbrechungen des Bahnbetriebes. — Allgemeine Folgerungen. 

IX. CAPITEL. 

Intendanzwesen, Verpflegung und Ausrüstung der russischen Operations- Armee 305 

Organisation des Feld-Intendanzwesens, der Verpflegung und Bekleidung. — Ausrüstung. 
— Train. — Ausrüstung der Officiere. — Vorbereitende Massnahmen zur Versorgung 
der Armee mit Proviant, Bekleidung, Ausrüstung, Zelten, Train und Geldmitteln. — 
Verhältnisse bei der Armee in Bessarabien bezüglich Verpflegung, Bekleidung, Aus- 
rüstung und Unterkunft. 

X. CAPITEL. 

Kriegserklärung Russlands an die Türkei 341 

Eintreffen Kaiser Alexanders II. bei der Armee. — Allerhöchstes Manifest über die 
Kriegserklärung an die Türkei. — Circular des Reichskanzlers Fürsten Gorcakow. — 
Regeln für die Beziehungen zum Feinde und zu den neutralen Staaten. — Armee-Befehl 
vom 12. [24 J April. — Proclamation an die Bevölkerung Rumäniens. — Abreise des 
Kaisers Alexander von der Armee und Rückkehr desselben. 



Ueberblick der Ursachen des Krieges und der 
Lage Russlands vor dem Kriege. 

Für die vorliegende, rein militärische Beschreibung des 
russisch-türkischen Krieges 1877— 1878 auf der Balkan-Halbinsel 
beschränkt sich die Darlegung der Vorgeschichte des Feld- 
zuges auf eine flüchtige Skizzierung der nächsten Ereignisse und 
der diplomatischen Verhandlungen, welche zum Kriege führten 
und eine bestimmte Ausgangs-Situation schufen. 

Im Februar 1875 waren Unruhen in der türkischen Provinz 
Herceg'ovina ausgebrochen. Die Ursache derselben lag, nebst 
dem religiösen Antagonismus, hauptsächlich in den Agrar- 
verhältnissen des Landes. Obwohl die Leibeigenschaft in Bosnien 
und der Hercegovina bereits im Jahre 1851 aufgehoben worden 
war, so verblieb doch die dortige christliche Landbevölkerung in 
sehr drückender ökonomischer Abhängig'keit von der herrschenden 
Classe, den Adeligen, welche ihre slavische Nationalität zwar 
noch nicht abgestreift, aber schon vor langer Zeit den moham- 
medanischen Glauben angenommen hatten. 

Die aufrührerische Bewegung gieng bald in offenen Auf- 
stand über; dieser griff weiter um sich und verbreitete sich über 
ganz Bosnien. Die Aufständischen wurden immer kühner und 
begannen nicht nur türkische Ortschaften, sondern sogar türkische 
Truppen-Abtheilungen zu überfallen. Ende Juli umlagerten sie 
Trebinje und andere befestigte Ortschaften, welche von Türken 
besetzt waren. 

Es war jedoch klar, dass diese Erfolge nicht von Dauer 
sein konnten und dass eine blutige Vergeltung seitens der 
Türken folgen musste. Deshalb beschlossen die Regierungen 
Deutschlands, Oesterreichs und Russ]ands, über Anregung" des 
letztgenannten Staates, helfend einzugreifen. Nachdem sie sich 

Der russisch-türkische Krie^. I. Bd. l 



des Einverständnisses der übrigen europäischen Grossmächte, 
nämlich Englands, Frankreichs und Italiens versichert hatten, 
beauftragten sie ihre Vertreter in Constantinopel, sich an die 
ottomanische Regierung mit einer Collectiv-Note zu wenden, in 
welcher sie den gemeinsamen Rathschlag ertheilten, die Türkei 
möge das insurgierte Land nicht durch Waffengewalt, sondern 
durch gelindere Massnahmen beruhigen. Sie schlugen der Pforte 
vor, zu diesem Zwecke einen ausserordentlichen Commissär hin- 
zusenden und zu den Verhandlungen mit den Insurgenten eine 
internationale, aus den Consuln der europäischen Mächte 
bestehende Commission zu delegieren. Dieser Vorschlag- wurde 
von der türkischen Regierung angenommen. 

Die Commission bereiste Ende August Bosnien und die 
Hercegovina ; nachdem sie sich mit der Lage der Bevölkerung- 
bekannt gemacht hatte, kam sie zur Ueberzeugung, dass das 
insurgierte Land nur durch gründliche Reformen beruhigt werden 
könne. 

Liier auf überliessen es die Mächte dem Wiener Cabinet 
als dem meistinteressierten, ein Project für die Wiederher- 
stellung- der Ruhe im Lande auszuarbeiten. Dieses Project wurde 
in einer Circular-Note niedergelegt, welche den Plan einer 
ganzen Reihe localer Reformen enthielt. Der Inhalt dieser Note 
wurde am 19. [31.] 1 ) Jänner 1876 der Pforte mitgetheilt. 

Die ottomanische Regierung gab dem Dräng-en Europas 
nach, sie gewährte den Insurg-enten Amnestie und nahm die 
vorgeschlagenen Reformen in Angriff. Diese Nachgiebigkeit 
vermochte jedoch nicht, den Unruhen ein Ende zu bereiten ; die 
Herceg-ovcen glaubten den türkischen Versprechungen nicht. 
Im Frühjahr 1876 griff der Aufstand auch nach Bulgarien 
hinüber, dessen Einwohner sich durch die türkische Herrschaft 
bedrückt fühlten. Hier wirkten schon im Monate März Emissäre 
des bulgarischen revolutionären Comites, welches seinen Sitz in 
Bukarest aufgeschlagen hatte. Im April entstanden Unruhen in 
einigen Ortschaften der Kreise Philippopel und Tatar Pazardzik. 
Es bildeten sich bewaffnete Banden, welche sich im Balkan und 
dessen Ausläufern verborgen hielten und von dort Ueberfälle 
auf mohammedanische Ortschaften ausführten. 

Die Bewegung, welche die christlichen Nationen der 
Balkan-Halbinsel ergriffen hatte, musste nothwendig-erweise eine 



vom Uebersetzer. 



Reaction unter der mohammedanischen Bevölkerung hervorrufen. 
Zum Schutze ihrer Jahrhunderte alten Privilegien und ihrer 
Herrschaft über die Christen, griffen die Mohammedaner an vielen 
Orten zu den Waffen. In Saloniki erschlug der fanatisierte 
Pöbel am 24. April [6. Mai] den deutschen und den französischen 
Consul. Einen noch drohenderen Charakter nahmen die Wirren 
in Constantinopel an. 

Unter der türkischen Intelligenz, welche europäische Bildung 
genossen hatte, bestand schon seit langem die Partei der so- 
genannten „Jungtürken", welche die Wiedergeburt ihres Vater- 
landes durch die eigenen nationalen Kräfte, wenn auch auf 
Grundlage europäischer Cultur, anstrebte. Vom Anbeginn der 
hercegovinischen Unruhen betrachteten sie mit unverhohlenem 
Unwillen die Nachgiebigkeit der Regierung. Mitte Mai führten 
sie, indem sie sich den entfachten religiösen Fanatismus der 
Constantinopeler Bevölkerung zunutze machten, eine Palast- 
Revolution herbei. Sultan Abdul Azis starb plötzlich auf 
räthselhafte Art. Auf den Thron gelangte sein Vetter Murad II. 
Dieser Umsturz complicierte noch mehr die verworrene Lage 
der Dinge auf der Balkan-Halbinsel. 

Nachdem die jungtürkische Partei die Macht an sich gerissen 
hatte, beschloss sie, ihr Vaterland von der europäischen Vor- 
mundschaft zu befreien. Zu diesem Zwecke sollte vor allem der 
Aufstand der Christen unterdrückt werden, welcher den Anlass 
für die fremdländische Einmischung geboten hatte. Die Wieder- 
herstellung der Ruhe sollte in Bulgarien beginnen und zwar 
vorerst in dem reichen, jenseits des Balkan liegenden Theile 
desselben [Transbalkan- Gebiet]. 

Ende Mai war der Aufstand in Bulgarien unterdrückt, wo- 
bei die an der ,,Pacificierung" theilnehmenden Haufen der 
türkischen Baschibosuk und Tscherkessen freien Spielraum zur 
Entfaltung ihrer räuberischen Gelüste gefunden hatten. Die 
Kunde von jenen Drangsalen der Bulgaren, durch Gerüchte und 
Zeitungen übertrieben, erregte von neuem die öffentliche Meinung 
in Europa überhaupt, namentlich aber in Russland. 

Die warme Theilnahme des russischen Volkes an dem 
Schicksal der Balkan-Völker, die mit ihm eines Blutes und 
eines Glaubens waren, fand ihren Ausdruck anfangs in sehr 
bedeutenden Geldunterstützungen, später, während des serbisch- 
türkischen Krieges, in dem Eintritte zahlreicher Freiwilligen, 
welche in den Reihen des serbischen Landsturmes fochten. 



Mit dem Ausbruche des Aufstandes in der Herceg-ovina 
war die Lage der Regierungen der dem Aufstandsgebiete 
benachbarten slavischen Länder, nämlich Serbiens und Monte- 
negros, sehr "schwierig geworden. Angesichts der Ereignisse in 
Bulgarien konnten sie unmöglich länger in Unthätigkeit verharren. 
Die serbischen Truppen, unter Commando des pensionierten 
russischen Generals Cernjajew, überschritten demnach am 20. Juni 
[2. Juli] die Grenze und fielen in Bulgarien ein. Am selben Tage 
eröffnete auch Montenegro die Feindseligkeiten. 

So entwickelte sich die in der Hercegovina entstandene Agrar- 
bewegung zu einer ausgedehnten slavischen Nationalbewegung, 
welche einen bedeutenden Theil der Balkan-Halbinsel ergriff. 

Inzwischen hatte, wie zu erwarten stand, der serbische 
Miliz-Landsturm dem Drucke der regulären türkischen Armee 
Abdul Kerim Paschas nicht standgehalten; die Serben wurden 
geschlagen und in das Morava-Thal zurückgeworfen. Besorgt um 
seine Hauptstadt, wandte sich Fürst Milan am 11. [23.] August 
an die Grossmächte mit der Bitte, den Türken Halt zu gebieten 
und auf den Abschluss eines Waffenstillstandes hinzuwirken. Diese 
Bitte wurde selbstverständlich in Russland sehr sympathisch 
aufgenommen. Der englische Gesandte in St. Petersburg, Lord 
Loftus, berichtete an seine Regierung, dass er für nichts ein- 
stehe, falls die Vorrückung der türkischen Truppen nicht auf- 
gehalten würde. 

Unter solchen Umständen beschloss England, die Initiative 
zu ergreifen. Im Einvernehmen mit den Grossmächten forderte 
das Londoner Cabinet im Namen ganz Europas, die Pforte solle 
zeitweilig die Kriegs-Operationen einstellen; dies geschah auch. 
Hierauf trat England mit einem grossen Programm für die 
Pacificierung des Orients hervor. In demselben war die Rede 
von dem Friedensschlüsse mit Serbien und Montenegro (letzteres 
sollte sogar einen Gebietszuwachs von der Türkei erhalten) und 
von der Gewährung administrativer Autonomie an Bosnien, 
Hercegovina und Bulgarien. 

Dieses Programm wurde der ottomanischen Regierung 
durch den englischen Gesandten am 9. [21.] September über- 
mittelt; die darin enthaltenen Vorschläge wurden von den Ver- 
tretern Russlands und der übrigen Mächte unterstützt. Die 
Türkei lehnte indes das Programm ab. 

Das Verhalten der ottomanischen Regierung stützte sich 
offenbar auf den Umstand, dass die europäischen Mächte auch 



diesmal, wie in früheren Fällen, über die der Türkei gegenüber 
im Falle einer Ablehnung anzuwendenden Zwangsmassregeln 
nicht übereingekommen waren. Die Schuld an diesem Versäum- 
nisse traf nicht Russland, denn die russische Regierung hatte für 
den Fall einer Weigerung seitens der Pforte folgendes beantragt : 
Besetzung Bosniens und der Hercegovina durch österreichische 
Truppen, ferner Ausführung einer gemeinsamen Demonstration 
zur See am Bosporus durch ein vereinigtes Geschwader aller 
Mächte. Aber England und Oesterreich erklärten sich hiemit 
nicht einverstanden ; hier trat eben der grundsätzliche Unter- 
schied zwischen den Bestrebungen Russlands zur Wiederher- 
stellung des Friedens auf der Balkan-Halbinsel und der Politik 
der westeuropäischen Mächte klar zutage. 

Formell verfolgten alle Mächte die gleichen Ziele, im Wesen 
aber giengen ihre Anschauungen weit auseinander. Die europäischen 
Mächte trachteten, nebst der Verfolgung ihrer besonderen Ziele, 
hauptsächlich den Status quo zu erhalten ; Reformen zu Gunsten 
der aufständischen Provinzen wurden von ihnen nur insoweit ge- 
fordert, als dies zur Erreichung des erwähnten Hauptzieles un- 
bedingt erforderlich war. Russland hingegen brachte wohl der 
Idee der Erhaltung des Friedens und des europäischen Ein- 
vernehmens seine Sympathie entgegen, aber es stellte die Inter- 
essen der mit ihm bluts- und glaubenseinigen Balkanvölker allem 
anderen voran. Diese Interessen forderten nicht allein die Ein- 
stellung der zeitweiligen Unruhen und der inneren Zwietracht, 
sondern auch ernste Bürgschaften für die Zukunft. Das von 
Russland angestrebte Resultat konnte jedoch auf dem Wege 
diplomatischer Verhandlungen nur unter der Voraussetzung er- 
reicht werden, dass sich hinter den friedlichen Forderungen die 
entschiedene Absicht durchblicken Hess, im Bedarfsfalle ener- 
gischere und wirksamere Massnahmen zu ergreifen. 

Es kann keinem Zweifel unterliegen, dass das volle Ein- 
vernehmen der europäischen Diplomatie in diesem Sinne den ge- 
wünschten Zweck erreicht hätte ; dies war auch die Ansicht 
Kaiser Alexanders II. Die russische Diplomatie trachtete dem- 
nach die Angelegenheit in diese Richtung zu lenken, sie fand 
jedoch kein Entgegenkommen und keine Unterstützung bei den 
Grossmächten, welche jeden Gedanken eines ausserdiplomatischen 
Druckes verwarfen. In der That führten alle Bemühungen der 
europäischen Diplomatie, welche sich über ein Jahr in die Länge 
zogen, nicht zum erwünschten Ziele, selbst dann nicht, als Fürst 



Milan von Serbien am 11. [23.] August 1876 um die Intervention 
der Mächte zum Schutze Serbiens vor den Folgen seiner Nieder- 
lage bat. 

Die Erregung unter den Mohammedanern hatte in dieser 
Zeit immer mehr zugenommen. Der unentschlossene Sultan 
Murad II. wurde vom Throne gestürzt und am 19. [31.] August 
durch seinen jüng-eren Bruder Abdul Hamid ersetzt. Der Kampf 
g*egen die Ungläubigen wurde als „heiliger Krieg" erklärt. 

Anfangs October stellte es sich heraus, dass die von England 
eingeleiteten diplomatischen Verhandlungen zu keinem günstigen 
Ende führen würden ; die russische Regierung forderte demnach 
durch ihren Gesandten bei der Pforte, Graf Ignatjew, die Ein- 
berufung einer internationalen Conferenz nach Constantinopel. 
Zugleich wurde beschlossen : im Falle der Ablehnung seitens der 
Pforte, den Grafen Ignatjew abzuberufen und spätestens anfangs 
November eine partielle Mobilisierung der Armee anzuordnen ; 
sollte diese Drohung fruchtlos bleiben, dann würde Russland der 
Türkei den Krieg erklären. 

Auf den Vorschlag des Grafen Ignatjew gab die otto- 
manische Regierung" ausweichende Antworten ; mittlerweile lief 
der Termin des mit den Serben vereinbarten Waffenstillstandes 
ab. Die Türken eröffneten von neuem die Offensiv- Operationen, 
und am 17. [29.] October 'wurden die Serben bei Djunis zer- 
sprengt. Der Weg nach Belgrad war frei. In seiner Noth 
richtete Fürst Milan an Kaiser Alexander IL eine Depesche 
mit der Bitte, Serbien zu retten. Hierauf liess Seine Majestät 
am 18. [30.] October der Pforte mittheilen: „falls sie binnen 
zwei Tagen nicht einen Waffenstillstand auf sechs Wochen 
oder zwei Monate annähme, würde die russische Gesandtschaft 
Constantinopel verlassen und die diplomatischen Beziehungen 
würden abgebrochen werden." Die türkische Regierung ver- 
fügte hierauf die Einstellung der Operationen auf dem ganzen 
Kriegsschauplatze mit 20. October [2. November]. 

Der entscheidende Schritt Russlands erregte die Unzufrieden- 
heit Englands. Der Führer des englischen Cabinets, Lord Beacons- 
field, hielt am 28. October (10. November) bei einem vom Lord- 
mayor Londons in Guildhall veranstalteten Bankette eine Rede, 
deren Spitze gegen Russland gerichtet war. Er erklärte, dass 
England vor allem beflissen sei, für die Einhaltung" jener Ver- 
träge zu sorgen, welche die Integrität der Türkei garantierten, 
und dass die Verbesserung der Lage der christlichen Unterthanen 



der Türkei erst in zweiter Linie in Betracht käme ; zum Schlüsse 
seiner Rede führte Lord Beaconsfield aus, dass der Friede 
schon deshalb erhalten bleiben würde, weil niemand besser als 
England zum Kriege vorbereitet wäre ; falls aber England den 
Kampf aufnehmen müsste, so würde es ihn auch so lange fort- 
setzen, bis es sein Ziel erreichte. 

Kaiser Alexander IL hielt seinerseits am 29. October 
fn. November] in Moskau eine Ansprache an den Adel und die 
Stadt-Repräsentanz, in welcher er den festen Entschluss kundgab, 
solche Garantien zu erlangen, welche die Ausführung alles dessen 
gewährleisten würden, was Russland von der Pforte zu fordern 
berechtigt sei ; sollte die Pforte sich den Forderungen Europas 
nicht fügen, so würde Russland selbständig vorgehen. Um diesen 
Worten mehr Nachdruck zu verleihen, erfolgte am 1. [13.] November 
die Allerhöchste Verfügung zur Mobilisierung eines Theiles der 
russischen Armee. Nunmehr fand es die englische Regierung 
für angemessen, die Forderungen Russlands zu unterstützen und 
sie veranlasste auch die Pforte, der Einberufung der Conferenz 
nach Constantinopel zuzustimmen. 

Die Bevollmächtigten der sechs europäischen Grossmächte 
versammelten sich zu den Vorberathungen am 20. November 
[2* December] in den Räumen der russischen Gesandtschaft zu 
Constantinopel. Sie hatten die Friedens-Bedingungen zwischen 
der Türkei und Serbien, beziehungsweise Montenegro zu ent- 
werfen, sowie ein neues Statut der Verwaltung Bosniens, der 
Hercegovina und Bulgariens auf Grundlage weitgehender Auto- 
nomie auszuarbeiten. Am 10. [22.] December wurde das Ein- 
vernehmen in diesen Fragten erzielt. 

Die türkischen Bevollmächtigten jedoch, welche nunmehr 
zur Theilnahme an den Sitzungen der Conferenz eingeladen 
wurden, wichen directen Antworten aus, indem sie sich auf 
die soeben vom Sultan Abdul Hamid seinem Reiche ge- 
währte Constitution beriefen. Es war, wie sie erklärten, die 
Notwendigkeit einer engeren Gebiets -Autonomie nicht vor- 
handen, da allen Unterthanen des Sultans weitgehende Rechte 
gewährt worden waren ; falls es dennoch nothwendig wäre, 
einzelne Bedürfnisse zu befriedigen, so würden diese nicht in 
der aus fremden Diplomaten bestehenden Conferenz, sondern 
viel richtiger in dem einzuberufenden ottomanischen Parlamente 
beurtheilt werden. Schliesslich lehnte die türkische Regierung 
am 8. [20.] Jänner alle Forderungen Europas rundweg ab. 



s 

Hierauf verliessen die Vertreter aller sechs Grossmächte Con- 
stantinopel. 

Nichtsdestoweniger wandte sich Russland ; welches noch immer 
nicht die Hoffnung" auf das Einvernehmen unter den europäischen 
Grossmächten verloren hatte, am 19. [31.] Jänner an dieselben 
mit der Frage, wie sie sich angesichts der Weigerung der Pforte 
zu verhalten gedächten. Die Mächte zögerten mit der Antwort ; 
inzwischen schloss die Türkei Frieden mit Serbien (16. [28.] Februar) 
und begann nunmehr, ihre Truppen gegen Montenegro zu con- 
centrieren. 

Die russische Regierung, welche von den Mächten keine 
Antwort auf ihre Frage erhalten hatte, entsandte Ende Februar 
den Grafen Ignatjew zur Bereisung der europäischen Haupt- 
städte mit dem Auftrage, die Cabinette zur Unterzeichnung eines 
Protokolls zu bewegen, in welchem die Minimal-Forderungen 
Europas gegenüber der Türkei ausgedrückt waren. 

Nachdem Graf Ignatjew sich überzeugt hatte, dass die 
übrigen Mächte ihre Zustimmung zum Protokoll geben würden, 
sobald sich England zur Unterzeichnung bereit erklärte, traf er 
anfangs März in London ein. Das Ergebnis der Verhandlungen 
schritt jedoch nur langsam fort, da das Londoner Cabinet die 
Forderung stellte, dass die Demobilisierung der russischen Armee 
als Bedingung in das Protokoll aufgenommen werde. Eine der- 
artige Verpflichtung- in einem internationalen Acte konnte seitens 
Russlands unmöglich acceptiert werden. Um jedoch die Geneigt- 
heit Russlands zu bezeugen, wurde Graf Suwalow, Gesandter 
in London, beauftragt, mündlich zu erklären, die russische 
Regierung würde der Entsendung eines türkischen Bevoll- 
mächtigten nach Petersburg zum Zwecke der Verhandlungen 
über die Abrüstung — unter gewissen von der Pforte zu er- 
füllenden Bedingungen — zustimmen. 

Hierauf wurde am 19. [31.] März das Protokoll von den Ver- 
tretern der Grossmächte in London unterzeichnet. Vor der Unter- 
fertigung jedoch wurden zwei Declarationen, eine englische und 
eine russische, abgegeben. In der erster en erklärte der gross- 
britannische Minister des Aeussern, Lord Derby, England würde, 
im Falle es den Mächten nicht gelänge, den Krieg abzuwenden, 
das Protokoll als nicht bestehend betrachten. Die Declaraticn 
des Grafen Suwalow besagte, die russische Regierung sei 
bereit abzurüsten, aber erst wenn die Türkei mit Montenegro 
Frieden geschlossen, ihre Truppen auf den Friedensfuss gesetzt 



und die im Protokoll angegebenen Reformen in Angriff ge- 
nommen habe. 

Zehn Tage nach Unterzeichnung des Londoner Protokolls, 
d. i. am 29. März [10. April] antwortete die Türkei mit der Ab- 
lehnung der im Protokoll gestellten Anträge. In der betreffenden, 
sehr ausführlichen Circular-Note wurde unter anderm erklärt: ,,die 
Türkei als unabhängiger Staat könne keinerlei Controle, weder 
eine gemeinsame, noch eine sonstige über sich anerkennen. 
Indem sie mit den übrigen befreundeten Staaten Beziehungen 
unterhalte, welche auf dem internationalen Rechte und auf Ver- 
trägen basierten, könne sie den fremdländischen Agenten oder 
Vertretern, welche zum Schutze ihrer Landsleute bestimmt seien, 
keineswegs die Mission officieller Beaufsichtigung zugestehen". 

Nach Erhalt einer solchen Antwort blieb Russland nichts 
übrig, als zu den Waffen zu greifen. 

Am 12. [24.] April 1877 ergieng das Allerhöchste Manifest 
über den Krieg mit der Türkei, und am selben Tage über- 
schritten die russischen Truppen auf beiden Kriegsschauplätzen, 
in Europa und in Asien, die Grenze. 



Der Krieg, welcher nunmehr Russland durch die Verhält- 
nisse aufgezwungen worden war, fand das Reich in einer Lage, 
welche der Entfaltung seiner natürlichen Kräfte und seiner 
Macht keineswegs günstig war. Dafür gab es zwei grund- 
verschiedene Ursachen. 

Einerseits war das vom letzten Orient- (Krim-) Kriege 
1854—1856 herrührende Deficit noch bei weitem nicht behoben, 
anderseits hatten die grossartigen grundsätzlichen Reformen und 
Verbesserungen Kaiser Alexanders IL, welche namhafte Opfer 
erforderten, noch nicht vermocht, Früchte zu tragen. Es war 
dies eine Uebergangs-Periode für das Volk, für das Reich und 
für die bewaifnete Macht Russlands. 

Der Krim-Krieg hatte die finanzielle Lage Russlands 
erschüttert; neue, mit Reformen verbundene Einrichtungen, der 
Ausbau eines ziemlich beträchtlichen Eisenbahnnetzes und die 
Notwendigkeit der Vermehrung der Streitkräfte, um sie auf 
die Höhe der modernen Forderungen zu bringen, nöthigten zu 
neuen Ausgaben und Opfern. Alles dies belastete wiederum die 
Finanzen des Reiches und verhinderte lange Zeit hindurch die 



IO 

Herstellung des budgetären Gleichgewichtes. Zudem hatten die 
vielen Millionen Bauern, welche nun zur Aufklärung und zu 
einem selbständigen Leben berufen worden waren, noch nicht 
vermocht, ihre Thatkraft zu entwickeln, welche geeignet 
gewesen wäre, die auf der nationalen Cultur und Leistungs- 
fähigkeit beruhende Kraft des Reiches zu vermehren. 

Die staatliche Finanzlage Russlands hatte sich erst in den 
letzten Jahren vor dem Kriege verbessert; das Jahr 1875, 
welches der Periode neuer ausserordentlicher Ausgaben aus 
Anlass des nahenden Krieg'es unmittelbar vorangieng, ergab 
einen Ueberschuss der Einnahmen über die Ausgaben in der 
Höhe von über 33 Millionen Rubel. Dieses Resultat wurde 
durch rücksichtslose und consequente Sparsamkeit erreicht, 
welche sich alljährlich auch im Heeresbudget fühlbar machte 
und demnach auf die Wehrkraft nicht ohne Wirkung blieb. 

Das vom Krim-Kriege herrührende Deficit äusserte seine 
Rückwirkung* nicht nur allgemein auf die militärische Machtfülle 
Russlands, sondern auch in anderer Richtung. 

Zur Entlastung* der Bevölkerung hatte nach dem Krim- 
Kriege sechs Jahre hindurch, und zwar 1856 — 1862, keine 
Recruten- Aushebung stattgefunden, es war demnach auch in der 
Reserve der entsprechende Zuwachs ausgebildeter neuer Jahr- 
gänge ausgeblieben, wogegen die älteren Jahrgänge allmählich 
ausgeschieden waren. 

Im Jahre 1874 war wohl die allgemeine Wehrpflicht ein- 
geführt worden, aber sie hatte sich bis zum Beginne des Krieges 
noch nicht besonders fühlbar machen können, und zwar weder 
in der quantitativen noch in der qualitativen Verbesserung des 
Heeres und der Reserve ; in der Stärke und in der Kriegs- 
bereitschaft der Armee war sie noch nicht zum Ausdrucke 
gelangt. 

Die erwähnte Organisation der russischen Armee und der 
Grad der Durchführung derselben bis zum Kriege hiengen 
hauptsächlich von den Geldmitteln ab und beschränkten sich 
demnach auf ein relativ bescheidenes Mass. Die vorhandene 
Reserve an ausgebildeter Mannschaft reichte jedoch bei weitem 
nicht für den Bedarf der damaligen Organisation im Falle einer 
allgemeinen Mobilisierung der Armee allein, geschweige denn 
für die Cadres der Landsturm-Formationen und für den Ersatz 
der sich in jedem Kriege ergebenden Abgänge aus. Es war 
auch ein bedeutender Abgang an Reserve-Officieren vorhanden. 



Die gleichen finanziellen Erwägungen waren auch die Ursache 
des langsamen Fortschrittes der Verbesserungen, namentlich 
bezüglich der Ausrüstung. So war unter anderm die Umbewaffnung 
mit den neunormierten Modellen der kleincalibrigen Handfeuer- 
waffen, System Berdan, noch bei weitem nicht abgeschlossen, 
so dass zwei Drittel der bei den Truppen vorhandenen Hand- 
feuerwaffen aus umgearbeiteten alten Sechslinien-Gewehren 
bestanden, die gegenüber den Berdan-Gewehren unvergleichlich 
minderwertig waren. 

So kam es, dass die g-esammte Infanterie der Truppen ; 
welche im Jahre 1877 auf beiden Kriegsschauplätzen die 
Operationen eröffneten, mit alten, umgearbeiteten Gewehren 
bewaffnet war ; eine Ausnahme bildeten nur die Schützen- 
Bataillone. 

Die Neubewaffnung* der Artillerie mit weittragenden Ge- 
schützen war noch nicht in Angriff genommen worden. 

Schliesslich hatte Russland im Krim-Kriege seine ganze 
Schwarzmeer-Flotte verloren und durfte sie auf Grund des Pariser 
Friedens vom Jahre 1856 nicht wieder ins Leben rufen. Obwohl 
diese Bedingung nachträglich durch die Londoner Conferenz 
vom Jahre 187 1 aufgehoben worden war, hatte es an Mitteln 
gefehlt, um in dem relativ kurzen Zeiträume seither eine genügend 
starke Flotte zu schaffen. 

Die Folge davon war, dass das Schwarze Meer während 
der ganzen Dauer des Krieges in der Gewalt der türkischen 
Flotte blieb, welche zu jeder beliebigen Zeit durch einen 
eventuellen Verbündeten der Türkei verstärkt werden konnte. 
Dadurch wurde das Schwarze Meer, welches unter anderen Ver- 
hältnissen den russischen Streitkräften als entsprechende Basis 
für beide Kriegsschauplätze und als Verbindungsweg- zwischen 
denselben gute Dienste geleistet hätte, nunmehr nicht allein zu einem 
trennenden Hindernisse, sondern es gestattete im Gegentheile 
den Türken, feindliche Unternehmungen gegen die lange, Russland 
gehörige Küste am Schwarzen Meere durchzuführen. 

Dieser letztere Umstand nöthigte Russland, zum Küsten- 
schutze sehr bedeutende Kräfte zurückzubehalten, deren Ver- 
wendung bei der Offensiv- Armee auf der Balkan-Halbinsel zu 
Beginn des Krieges mit einem Schlage die entscheidendsten 
Erfolge zu sichern vermocht hätte. 

Der Mangel einer Seeverbindung-, welcher für die russischen 
Truppen während des ganzen Krieges fühlbar war, machte sich 



12 

besonders in der entscheidenden Schlussperiode, d. i. beim An- 
märsche gegen Constantinopel und während des Stillstandes dort- 
selbst empfindlich g'eltend, zu einer Zeit also, da die Verbindungen 
der russischen Balkan- Armee nur auf dem Umwege über Bulgarien 
und Rumänien führten. 

Alle diese ungünstigen Verhältnisse zusammengenommen, 
bildeten jene allgemeinen grundsätzlichen Ursachen, welche — 
abgesehen von theilweisen Unvollkommenheiten und Fehlern 
— während des ganzen Krieges zu zahlreichen kleinen Stockungen 
und sogar zu ernsten Misserfolgen führten. 

Die Folgen dieser Ursachen behinderten zweifellos auch 
die russische Diplomatie, sowohl vor Beginn des Krieges, als 
insbesondere nach dessen Beendigung, während des Berliner 
Congresses. 



Die Ereignisse des russisch-türkischen Krieges auf der 

Balkan-Halbinsel gliedern sich nach ihrem Verlaufe 

in drei Hauptperioden: 



Anfängiiche Offensive der russischen Armee bis zur Unter- 
brechung derselben durch die zweite Schlacht bei Plevna. Diese 
Periode umfasst die Zeit vom 12. [24.] April bis ig. [31.] 
Juli 1877. 

IL 

Stillstand der russischen Offensive bis zur Einnahme Plevnas 
am 28. November [10. December] 1877. 

III. 

Schliesslich^ Offensive der russischen Armee gegen Con- 
stantinopel, Einstellung derselben durch den Waffenstillstand 
vom 19. [31.] Jänner 1878; Friedensschluss zu San Stefano am 
19. Februar [3. März] 1878. 



„Eine erschöpfende systematische Darstellung 
aller Kriegsereignisse zu verfassen, ohne sich in 
eine unzeitgemässe Kritik einzulassen, hiebei aber die 
Thatsachen mit voller Wahrhaftigkeit darzustellen." 



So lautete die der kriegsgeschichtlichen Commission mittels 
Allerhöchst genehmigten Vortrages des Kriegs-Ministers übertragene 
Aufgabe. 



I. CAPITEL. 
Der Kriegsschauplatz. 

Allgemeine Uebersicht des Kriegsschauplatzes in der europäischen Türkei. — 
Rumänien als Basis. — Die Donau. — Donau-Bulgarien. — Das Transbalkan-Gebiet. 

— Der Kriegsschauplatz in militärischer Beziehung. — Daten über den Kriegsschau- 

platz, welche vor dem Kriege in Russland bekannt waren. 

(Hiezu Karten-Beilage I.) 

Das ausgedehnte ottomanische Kaiserreich besass vor dem 
Feldzuge 1877 — 1878 in Europa, Asien und Afrika eine Area von 
77.000 Quadratmeilen [4,297.000 km 2 '] mit 40*4 Millionen Einwohnern. 
Hievon entfielen auf die europäischen Besitzungen : 9400 Quadrat- 
meilen [525.000 km 2 ] mit 17*3 Millionen Einwohnern, und zwar: 
unmittelbare Besitzung-en 6200 Quadratmeilen [346.000 km 2 ] mit 
11*5 Millionen, ferner Rumänien 2200 Quadratmeilen [123.000 km 2 ] 
mit 4*5 Millionen und Serbien 1000 Quadratmeilen [55.800 km 2 ] 
mit 1*3 Millionen Einwohnern; auf Asien entfielen 31.600 Quadrat- 
meilen [1,763.000 km 2 ] mit 17*6 Millionen und auf Afrika 
36.000 Quadratmeilen [2,009.000 km 2 ] mit 5*5 Millionen Einwohnern ; 
von den afrikanischen Besitzungen waren Aegypten und Tunis 

— 30.000 Quadratmeilen [1,674.000 km 2 ] mit 4-2 Millionen Ein- 
wohnern — nur als Vasallenstaaten der Pforte zu betrachten. 
Als Ergänzungsquelle für ihre Streitmacht konnte die türkische 
Regierung nur die mohammedanische Bevölkerung des Reiches 
in Betracht ziehen; diese betrug gegen 25 Millionen Seelen; ohne 
Aegypten, Tunis und Arabien aber nur gegen 19 Millionen. 

Zu den europäischen Besitzungen des ottomanischen Kaiser- 
reiches zählte nominell auch noch Montenegro ; dasselbe war 
jedoch seit Beginn des 19. Jahrhunderts factisch völlig unab- 
hängig'. Was die Vasallen-Eürstenthümer — Rumänien und Serbien 



10 

— betrifft, so durfte die otto-manische Regierung* auf deren 
Streitkräfte nicht nur nicht zählen, sondern musste dieselben 
geradezu als feindlich betrachten. 

Das türkische Reich stiess unmittelbar mit dem russischen 
nur längs einer relativ sehr unbedeutenden Strecke zusammen, 
nämlich im Kaukasus, woselbst die gemeinsame Grenze 400 Werst *) 
betrug'. In Europa berührten sich die Türkei und Russland 
(Gouvernement Bessarabien) nur durch das Territorium des 
türkischen Vasallen-Fürstenthums Rumänien auf einer 450 Werst 
langen Strecke. Zum Einmärsche der russischen Truppen aus 
Bessarabien in die Türkei konnte nur jener schmale Raum in 
Betracht kommen, der sich zwischen dem südöstlichsten Gebiete 
Oesterreich-Ungarns — nämlich Siebenbürgen — und dem 
Schwarzen Meere in einer Gesammtbreite von 200 Werst hinzieht. 
Aus dem Vorausgesagten geht hervor, dass sich die kriegeri- 
schen Ereignisse des letzten Feldzuges auf zwei von einander 
getrennten Kriegsschauplätzen abspielen mussten, nämlich auf 
einem europäischen und einem asiatischen ; der wichtigere von 
beiden war aus politischen und militärischen Gründen der euro- 
päische ; er umfasste die ganze Osthälfte der Balkan-Halbinsel. 
Als Grenzen dieses Kriegsschauplatzes können gelten: im Norden 
die Grenz-Linie zwischen Rumänien und Ungarn (Siebenbürgen), 
im Nordosten die Grenze zwischen Rumänien und Russland, im 
Osten und Südosten das Schwarze Meer, der Bosporus, das 
Marmara-Meer und die Dardanellen, im Süden und Südosten das 
Aegäische Meer bis zur Bai von Lagos, das Rhodope-Gebirge, 
der Rilo Dag und der Kara Dag, im Westen das Radomir- 
Gebirge, der westliche Balkan und die serbische Grenze. 

Innerhalb der bezeichneten Linien umfasste der Kriegs- 
schauplatz gegen 5000 Quadratmeilen [279.000 km*\ mit 10 Mil- 
lionen Einwohnern; indessen spielten sich die wichtigsten Ereignisse 
des Feldzuges in Mittel- und West-Bulgarien, im Kessel von Sofia, 
in Rumelien und in der Dobrudza ab, auf einem Räume von 
2000 Quadratmeilen [11 1.600 km T \ mit 4 Millionen Einwohnern. 
Die Ausdehnung* des Kriegsschauplatzes von Nord nach Süd 
betrug circa 500 Werst (von der Süd-Grenze Siebenbürgens 
bis zum Aegäischen Meere gerechnet) und von West nach Ost 
gleichfalls gegen 500 Werst. Durch die beiden von der Natur 



J ) 1 Werst = 1-067 km, also annähernd I km, weshalb bei abgerundeten An- 
gaben in der Folge die Umrechnung der Werst in Kilometer entfällt. — D. Ueb. 



gegebenen Abschnitts-Linien Donau und Balkan, welche alle 
Wege von Russland nach Constantinopel durchschneiden, wurde 
der Kriegsschauplatz in drei Theile gegliedert, die sich von ein- 
ander in Klima, Bevölkerung, Reichthum des Landes, natürlichen 
und politischen Verhältnissen vielfach unterschieden ; diese Theile 
waren: Rumänien, das an der Donau liegende Gebiet von Bulgarien 
und das Gebiet jenseits des Balkan [letztere Gebiete sind im 
weiteren als Donau-Bulgarien, resp. Transbalkan- Gebiet bezeichnet]. 
Die Unterschiede zwischen den bezeichneten Räumen sind sehr 
bedeutend; es ist daher nothwendig, jeden derselben und auch 
die sie von einander trennenden Abschnitts-Linien für sich zu 
beschreiben. 

Rumänien — gelegen zwischen Oesterreich-Ungarn, Russ- 
land, dem Schwarzen Meere und der Donau — ist an den Kar- 
pathen Gebirgsland und geht mit der Annäherung an die Donau 
allmählich zunächst in Hügelland und schliesslich in die Ebene 
über. Die Wasser-Linien, welche das Land von dem bezeichneten 
Gebirge gegen die Donau zu durchschneiden, ferner alle Gebirgs- 
bäche verursachen nicht selten plötzliche Ueberschwemmungen 
und unterbrechen dann häufig die Communicationen. Zu den be- 
deutenderen Flüssen zählen: Jiu (Schyl), Oltu (Alt), Vede, Argesu 
mit dem Zuflüsse Dambovita, Jalomita, Seret und Prut; dieselben 
sind nur im Mittellaufe schiffbar, eignen sich aber in ihrem ganzen 
Laufe zum Herabflössen des in ihrem Quellgebiete überreichlich 
wachsenden Holzes, das für einen eventuellen Brückenbau sehr 
gelegen kommt. 

Ueberhaupt ist Rumänien hinreichend bewässert und nur 
im Osten von Bukarest, zwischen der Donau und dem Jalomita- 
Flusse befindet sich eine wasserlose, unbesiedelte Steppe (das 
sogenannte Baraganu), in welcher Truppenbewegungen äusserst 
schwierig- durchführbar sind. 

In klimatischer Beziehung, speciell was die Gesundheits- 
verhältnisse betrifft, befindet sich Rumänien in recht günstiger 
Lage ; nur in den tief gelegenen Gegenden, besonders in der Nähe 
der Ufer des Prut und der Donau, die im Frühjahre überschwemmt 
sind, herrscht Wechselfieber. 

Die Bevölkerung des Fürstenthums, welches Russland vieles 
zu verdanken hat und mit ihm den Glauben theilt, zeichnet sich 
durch nationale und religiöse Einheitlichkeit aus. Die Bevölkerungs- 
ziffer betrug nach statistischen Daten aus dem Jahre 1876 gegen 

Der russisch-türkische Krirc;. I. Bd. 2 



iS 

4 1 •_> Millionen. Die mittlere Dichtigkeit erreichte circa 2000 Seelen 
per Quadratmeile [55.8 km 2 ]. An Städten waren 83 vorhanden, 
darunter Bukarest mit 221.000 und Jassi mit 90.000 Einwohnern; 
ausserdem g-ab es sechs Städte, deren Bevölkerungsziffer 20.000 
überstieg. 

Die rumänischen Ortschaften, Dörfer und Meierhöfe sind 
hauptsächlich längs der Flussthäler gruppiert. Für die Unter-, 
bringung der Truppen boten sie im östlichen Theile des Landes 
keine besonders günstigen Verhältnisse, wohl aber im mittleren 
und westlichen, wo sie infolge der Anordnung der Gehöfte in 
dichten Gruppen die Unterdachbringung grosser Truppenmengen 
auf relativ engen Räumen gestatteten. 

Obgleich Rumänien hauptsächlich ein Agricultur-Staat ist, 
so vermochte es dennoch nicht, für die russische Armee die bei 
derselben üblichen Landesproducte aufzübring-en ; Roggen und 
Hafer — die Hauptverpflegsmittel der russischen Truppen — 
waren nur in unzulänglicher Menge zu finden, und Buchweizen 
sowie Hirse kamen überhaupt nicht vor. Unter solchen Verhält- 
nissen mussten später Zwieback, Graupen und Hafer aus Russ- 
land nachgeschoben werden. 

Als hauptsächlichste Communicationen durch Rumänien an 
die Donau kamen für die russische Armee in Betracht: 1. die 
Eisenbahn Ungheni-Jassi-Päscani-Tecuciü-Galatz-Ploesci-Bukarest- 
Giurgevo (an der Donau gegenüber Ruscuk [Ruscuk, Russe]) in einer 
Längen- Ausdehnung* von 600 Werst; von der Station Päscani der 
bezeichneten Linie zweigt die nach Czernowitz und weiter nach 
Lemberg führende Bahn ab; von der Station Tecuciü der Zweig 
nach Birlat; von der Station Ploesci die Bahn nach Siebenbürgen 
und weiter nach Pest, dann von der Station Kitila [bei Clincenca] 
die (300 Werst lange) Bahn über Pitesci und Craiova nach Turnu 
Severinu, von wo aus sie auf österreichisch-ungarisches Gebiet 
übertritt und gleichfalls nach Pest führt. 2. Die Landstrasse 
Sculeni - Jassi, welche sich als Chaussee im Thale des Seret- 
Flusses bis Focsani und von dort über Buzeü, Ploesci und Buka- 
rest nach Giurgevo fortsetzt (400 Werst). 3. Die Chaussee von 
der Eisenbahn-Brücke bei Ungheni südlich an Jassi vorbei, weiter 
längs des Laufes des Birlat-Flusses nach Tecuciü und von dort 
nach Galatz (230 Werst). 4. Die Landstrasse von Leovo nach 
Falciu und weiter längs des Prut-Flusses nach Galatz (115 Werst). 
5. Die theils als Landstrasse, theils als Chaussee geführte Linie 
von Bolgrad nach Galatz und weiter über Bräila nach Bukarest 



19 

(240 Werst), mit Abzweigungen zur Donau nach Hirsova, Cälarasi 
und Oltenita. Die Stadt Galatz bildet den Knotenpunkt aller ge- 
nannten Communicationen mit Ausnahme der zweiten; und es erwies 
sich daher die rechtzeitige Besetzung dieses Punktes und der 
benachbarten Städte Reni undBräila als unbedingt nothwendig, um 
die Offensive aus dem russischen Gebiete gegen Bukarest zu sichern. 

An diesen Punkt führte auch die russische Bahn-Linie Bender- 
Galatz heran, welche erst nach erfolgter Kriegserklärung voll- 
ständig ausgebaut wurde. Trotzdem fanden auf ihr Militär- Trans- 
porte noch während des Feldzuges statt. 

Alle oben bezeichneten aus Russland nach Rumänien 
führenden Communicationen werden vom Prut gekreuzt. Dieser 
Fluss hat ungeachtet seiner geringen Breite eine reissende 
Strömung und ist nur oberhalb Ungheni durchfurtbar. Unter- 
halb der Jijia-Münclung x ) fliesst der Prut in einem versumpften 
Thal, welches zur Zeit der Schneeschmelze überschwemmt ist. 
Brücken bestanden nur bei Sculeni und Ungheni (Eisenbahn- 
Brücke). Ausserdem waren bei Falciu und an der Strasse Reni- 
Galatz Fähren vorhanden. Infolge der oben dargestellten Eigen- 
schaften bildete der Prut ein bedeutendes Hindernis für den 
Ueb ergang von Truppen. 

Die wichtigste Linie für eine weitere Offensive der rus- 
sischen Truppen durch den westlichen Theil des Fürst enthums 
war die Eisenbahn und die derselben parallel laufende, theils als 
Chaussee, theils als Landstrasse geführte Route von Bukarest 
über Pitesci, Slatina, Craiova nach Calafatu (280 Werst) mit den 
von ihr zur Donau führenden Zweigen: 1. von Bukarest über 
Alexandria nach Turnu Mägurele (120 Werst), sammt Abzweigung 
von Alexandria nach Zimnicea (35 Werst), und 2. die Chaussee 
von Craiova nach Rahovo [Orehovo] (65 Werst). 

Alle diese Communicationen in Rumänien entsprachen bei 
weitem nicht den gehegten Erwartungen. 

Die Eisenbahnen waren nicht solid g'ebaut und besassen 
ein unzureichendes rollendes Material (sie konnten täglich höchstens 
vier bis fünf Militärzüge befördern); sie vermochten daher auch 
bei der Offensive der Truppen bis zur Donau nur wenig unter- 
stützend mitzuwirken^. 



*) Die Jijia mündet unterhalb Ungheni in den Prut. 

2 ) Alle rumänischen Bahnen waren eingeleisig und hatten eine engere Spur- 
weite als die russischen; es war daher unmöglich, durch russische Locomotiven und 

2* 



20 

Die Chausseen hielten eine stärkere Inanspruchnahme durch 
Truppen und Trains nicht aus; die Landstrassen und Land- 
wege, welche besonders in den ebenen Gebieten auf einem Boden 
von Schwarzerde und Lehm führten, waren nach jedem heftigeren 
Regen beschädigt und bildeten auch schon darum schwer passier- 
bare Communicationen, weil sie keine solid gebauten Brücken 
besassen. 

Alle rumänischen Städte waren durch ein Telegraphen-Netz 
verbunden. 

Für die bevorstehenden Krieg-s-Operationen hatte Rumänien 
der russischen Armee als Basis zu dienen. Aus den oben be- 
schriebenen Eigenschaften des Landes erhellt, dass es in dieser 
Beziehung vielen Bedingungen nicht entsprach; es vermochte nicht 
jene Verpflegs- Artikel aufzubringen, welche bei der russischen 
Armee üblich und derselben daher unentbehrlich waren und be- 
günstigte gleichzeitig in keiner Weise weder deren Nachschub 
aus Russland, noch auch überhaupt einen raschen Aufmarsch der 
Truppen; eing-ezwängt zwischen Oesterreich und dem von der 
türkischen Flotte beherrschten Schwarzen Meere, war das Land 
in den Flanken nicht gesichert; es bot endlich — zwar in der 
Front durch die Donau gedeckt — auch nicht einen beständigen 
Ueb ergang über diesen Strom. 

Die Donau hatte während des Feldzuges für die russische 
Armee eine dreifache Bedeutung*: i. bis zum Aufmarsche der 
Truppen — als Sicherungs-Linie, welche die strategische Ent- 
wickelung der Armee deckte; 2. nach bewirktem Aufmarsche — 
als Vertheidigungs-Linie der Türken, welche zu forcieren war; 
und 3. nach dem Uebergange — als Hindernis, welches die Ver- 
bindung der russischen Armee mit ihrer Basis erschwerte. 



Waggons ihren überaus geringen Bestand an rollendem Material (20 leichte, 64 ge- 
mischte und 48 Güterzugs-Locomotiven, 422 Passagier-, 351 Special-Waggons und 
1600 Güterwagen) zu verstärken. Der niedrige Bahndamm, welcher bei Regengüssen 
leicht unterwaschen wurde, die unsolid gebauten, bei Ueberschwemmungen häufig zer- 
störten Brücken, die schlecht eingerichteten Stationen mit unzureichenden Reserve- 
Geleisen, Werkstätten und Heizhäusern, und schliesslich der Umstand, dass die Bahnen 
Eigenthum verschiedener Gesellschaften waren, erschwerten in hohem Masse deren 
Ausnutzung. Infolgedessen musste man in der Anfangsperiode des Feldzuges angesichts 
der Unzulänglichkeit der vorhandenen Transportmittel und der Hilflosigkeit der 
rumänischen Bahn- Verwaltungen Reserve-Vorräthe an Zwieback in ungeheuren Mengen 
auf dem weiten Umwege über Galizien mittels der österreichischen Bahnen nach 
Rumänien schaffen. 



21 

Bei einer allgemeinen Stromrichtung von West nach Ost 
bildete die Donau damals vom Eisernen Thore bis zum Schwarzen 
Meere (775 Werst) die türkische Grenze; von Vidin bis Cernavoda 
dringt sie in einem flachen Bogen in das Innere der Balkan- 
Halbinsel ein und wendet sich in ihrem Unterlaufe anfangs nach 
Nord, dann nach Ost, um sich endlich in das Schwarze Meer zu 
ergiessen. 

Die Stromrichtung der Donau erleichterte Operationen der 
Türken gegen beide Flanken der am Mittellaufe concentrierten 
russischen Armee und ermöglichte überdies eine unmittelbare 
Bedrohung von Galatz, dem Hauptknotenpunkte der aus Russland 
nach Rumänien führenden Communicationen. 

Die Strömung der Donau ist trotz des geringen Gefälles 
ziemlich reissend (34 Sazen [72 tri] in der Minute oder 4 Werst 
in der Stunde) 1 ); es erklärt sich dies aus der grossen Menge von 
Zuflüssen, welche den Charakter von Gebirg'swässern haben. Die 
Tiefe beträgt gewöhnlich nicht weniger als 10 Fuss 2 ) [3*05 tri] 
(nur ab und zu entstehen zur heissen Jahreszeit Furten, die aber 
äusserst selten den ganzen Fluss durchqueren) ; entsprechend dem 
Schmelzen des Schnees nimmt die Tiefe auch beträchtlich zu 
(um 4 bis 10 Fuss [1*22 bis 3*05 m] über das Normale). Die Breite 
des Stromes beträgt 350 Sazen [750 tri] bis 1V2 Werst, bei 
Ueberschwemmungen bis zu 10 Werst und mehr. 

Von der serbischen Grenze bis zur Festung Silistria fliesst 
die Donau in einem Bette, weiterhin theilt sie sich in Arme und 
unterhalb Isaccea ergiesst sie sich durch drei Mündungen in das 
Schwarze Meer. Die geringste Breite (350 Sazen [750 tri]) hat der 
Strom gegenüber Calafatu, Lom Palanka, Nikopoli [Nikopol], 
Ruscuk und Hirsova. 

Hochwasser kommt bei der Donau alljährlich mehrmals vor, 
und zwar je nach der Schneeschmelze in der Ebene, im Balkan- 
Gebirge, in den Karpathen und in den Alpen. Die Zeitpunkte 
des Beginnes und der Beendigung der einzelnen Hochwasser- 
Perioden und die Menge des Hochwassers unterliegen bedeutenden 
Schwankungen. Besonders stark ist das Frühjahrs-Hochwasser, 
welches durch die Schneeschmelze in den Karpathen und im 
Balkan-Gebirge hervorgerufen wird. Dasselbe beginnt im März oder 
anfangs April, dauert gewöhnlich sechs bis acht Wochen und 



a ) 1 Sazen = 2-134 m. — D. Ueb. 
2 ) 1 Fuss = 30-5 cm. — D. Ueb. 



22 

endet zumeist anfangs Juni ; manchmal zieht es sich aber bis in 
die Mitte Juni hinein, was auch im Jahre 1877 geschah. Bei 
anhaltendem Regenwetter dauert das Hochwasser, wohl auch noch 
länger. Ende Juli oder anfangs August überschwemmt infolg'e der 
Schneeschmelze in den Alpen die Donau auf circa zwei Wochen 
von neuem ihr Ufergebiet. 

Auf der ganzen beschriebenen Strecke kann während des 
grössten Theiles des Jahres die Schiffahrt betrieben werden, und 
durch die Sulina-Mündung können sogar See-Monitore in den 
Strom g'elang-en. 

Die Ufer der Donau sind von einander völlig verschieden ; 
das rechte ist hoch und steil, das linke zumeist niedrig, stellen- 
weise versumpft, stellenweise mit Schilfrohr bewachsen, weshalb 
man, um zum Strome zu gelangen, Faschinenwege herstellen 
muss. Während des Hochwassers überschwemmt die Donau 
fast ausschliesslich das linke Ufer auf 5 bis 10 Werst; ein 
Ueb ergang über den Fluss ist dann schwer möglich. 

Als Stellen, die sich im allgemeinen für einen Ueberg-ang 
auf das rechte Ufer eigneten, galten folgende Abschnitte : 1 . von 
Calafatu (gegenüber Vidin) bis 30 Werst unterhalb; 2. an der 
Mündung des Jiu-Flusses gegenüber Rahovo; 3. von der Mündung 
des Alt-Flusses bei Turnu Mägurele bis 1 5 Werst unterhalb ; 
4. bei Zimnicea; 5. bei Slobodsea und Giurgevo (gegenüber 
Ruscuk); 6. an der Mündung des Arg*esu (Oltentia) ; 7. bei Cälä- 
rasi; 8. bei Hirsova; 9. bei Bräila; 10. bei Galatz und 11. bei 
Reni. 

Das natürliche Hindernis, welches die Donau bildet, wurde 
noch durch die an derselben liegenden Festungen: Vidin, Nikopoli, 
Ruscuk, Turtukai [Tutrakan] und Silistria verstärkt. Diese Festungen 
eigneten sich zur Concentrierung türkischer Streitkräfte sowohl 
behufs activer als auch passiver Vertheidigung des Flusses; sie ver- 
hinderten überdies die Einrichtung der Donau als Communications- 
Linie. Ausserdem besassen die Türken auf dem Strome eine Panzer- 
Flotille, was den Donau-Uebergang für die Russen noch mehr 
erschweren musste als in den früheren Feldzügen. 

Die Donau friert nicht jeden Winter zu, aber der Eisgang 
gestattet nicht, eingebaute Brücken im Strome zu belassen; er 
dauert circa zwei Monate, nämlich von December bis Februar. 
Dies ist die gefährlichste Zeit für eine Armee, die den Uebergang 
bewirkt hat. Abgeschnitten von ihren Verbindungen, muss sie,, 
wenn es ihr nicht gelang, am rechten Ufer sich eine Hilfsbasis 



23 

einzurichten, entweder von den Mitteln des occupierten Gebietes 
leben oder zu ihren Magazinen auf das rumänische Ufer zurück- 
kehren, wie dies in den früheren Kriegen Russlands mit der 
Türkei auch geschah. Selbst in jenen seltenen Jahren, wo die 
Donau vollständig zufriert, ist die Verbindung auf dem Eise unzu- 
verlässig, da die Eisschichte nicht dick genug ist, um schwere 
Lasten zu tragen 1 ). 

Donau-Bulgarien (der grösste Theil des gegenwärtigen 
Fürstenthums Bulgarien) liegt — abgesehen vom nordöstlichen 
Theile — auf den Nordhängen des Balkan-Gebirges. Nahe am 
Balkan ein Gebirgsland darstellend, geht es nach Massgabe der 
Annäherung an die Donau in ein Hügelland und stellenweise 
sogar in die Ebene über. Von Süd nach Nord wird es von zahl- 
reichen Flüssen und Bächen durchschnitten, welche alle in die 
Donau münden (Timok, Lom, Og*ost, Skit, Isker, Vid [Vit], Osma 
[Osöm], Jantra, Kara Lom [Cerni L.] und Tekedere [Carasar dr.]). 
Die Thäler dieser Wasser-Linien haben auf der Ostseite höhere 
Ufer als auf der Westseite. Von West nach Ost fliesst nur der 
Karncik, der aus der Vereinigung zweier Flüsse (dem Büj. Karncik 
und dem Deli Karncik) entsteht und 20 Werst südlich Varna in 
das Schwarze Meer fällt. 

Das Klima Domm-Bulgariens ist heiss in den niedrig 
gelegenen Theilen, dagegen ausserordentlich streng im Gebirge; 
hier dauert d.er Winter mit seinen manchmal minus 15 bis 18 Grad 
Reaumur erreichenden Frösten von Mitte November bis zum 
März. Die scharfen Uebergäng~e von der Tageshitze zur Nacht- 
kälte, die der Balkan-Halbinsel so eig'enthümlich sind, wirkten 
selbst zur warmen Jahreszeit auf die Gesundheits- Verhältnisse der 
Truppen höchst ung-ünstig ein. 

Donau-Bulgarien nimmt einen. Flächenraum von mehr als 
1000 Oudratm eilen [55.800 km] ein und zählte damals circa 
1 V2 Millionen Einwohner ; in den am Balkan gelegenen Theilen 
stellte es ein ziemlich gut besiedeltes Land dar ; weniger dicht 
war die Besiedelung nahe der Donau und noch schwächer im 
nordöstlichen Theile des Gebietes. 

Die Bevölkerung bestand theils aus orthodoxen Bulgaren 
(60 Procent), welche zumeist westlich der Linie Ruscuk - Elena 



*) Im Feldzuge 1877 — 1878 begann der Eisgang auf der Donau Mitte December 
1877, und am 31. December war der Strom vollständig zugefroren. Vom 15. Jänner 
1878 setzte sich das Eis wieder in Bewegung. 



24 

wohnten, theils aus Mohammedanern (40 Procent, und zwar: Türken, 
Tartaren und Tscherkessen); diese lebten östlich der bezeichneten 
Linie, hauptsächlich in der Umgebung von Osmanbazar [Osman 
Pazar], Eski Dzuma [E. Dzumaja], Sumla [Sumen] und Silistria. 

Die verschiedenen Theile Donau-Bulgariens weisen in militä- 
rischer Beziehung folgende charakteristische Eigentümlich- 
keiten auf: 

a) DasBabadag, begrenzt von der Donau, dem Schwarzen 
Meere und dem doppelten Trajanswalle (derselbe führt nahe und 
parallel der Bahn Cernavoda-Küstendje), ist in seinem nordöst- 
lichen Theile niedrig" und versumpft, im mittleren und südwest- 
lichen Theile dagegen hügelig - . 

Die überaus zahlreichen, mit üppigem Grase bewachsenen 
Weidegründe sind einer hohen Entwicklung* der Viehzucht 
günstig, und gewöhnlich wurden nicht nur aus Rumänien, sondern 
sogar aus Siebenbürgen Schafherden zur Weide hieher getrieben. 

Die schüttere Bevölkerung dieses Gebietes war äusserst 
gemischt; sie bestand aus Tartaren, Moldauern, Bulgaren, Türken 
Russen 1 ), Deutschen, Juden, Griechen und Tscherkessen. 

Das Babadag war von Nord nach Süd von einem ziemlich 
guten Fahrwege durchzogen, der von Isaccea und Tulca nach 
Babadag und weiter nach Küstendje führte ; von hier gieng eine 
Abzweigung* nach Medzidie. Von West nach Ost führte die Eisen- 
bahn Cernavoda-Küstendje (60 Werst lang) und ein Fahrweg 
von Mäcin über Isaccea nach Tulca. Da also hier Ueberfluss an 
Grasfutter vorhanden und der Nachschub von Verpflegs- Artikeln 
und Munition zum Hafen von Küstendje g-esichert war, so konnte 
dieses Gebiet einen günstigen Operations-Raum für jene türki- 
schen Truppen darstellen, welche etwa die Verbindungen der 
russischen Armee mit Rumänien bedrohen und deren Offensive 
gegen Silistria und Varna verhindern sollten. 

b)T)'ie Dobrudza, welche südlich an das Babadag anschliesst, 
liegt zwischen der Donau und dem Schwarzen Meere und dehnt 
sich bis beiläufig zur Linie Varna-Silistria aus. Sie bildet eine 
völlig flache Ebene, welche nur von Regenschluchten durch- 
schnitten ist und weder Wasser-Linien noch Waldungen aufweist. 
Die Bevölkerung bestand hauptsächlich aus Bulgaren. Abg-esehen 
von dem gut erhaltenen Fahrwege von Medzidie nach Hadzi Oglu 



l ) Nekrassow'zer : Nachkommen ausgewanderter Zaporoger und Raskolniks [d. s. 
Abtrünnige der orthodoxen Kirche] verschiedener Schattierungen. 



25 

Bazardzik, befanden sich die Comrnunicationen in schlechtem 
Zustande. 

Bei den geschilderten Figenthümlichkeiten konnte dieses 
Gebiet nur als ungeeignet für Operationen bedeutenderer Kräfte 
angesehen werden ; was überdies auch durch Beispiele aus der 
Kriegsgeschichte (1828 und 1854) bestätigt wird. 

c) Ost-Bulgarien, grösstenteils von dem sogenannten Deli 
Orman- Walde bedeckt, dehnt sich westlich der Dobrudza bis 
ungefähr zur Linie Ruscuk-Osmanbazar aus; es stellt ein von 
tiefen Schluchten durchschnittenes und mit dichtem Walde 
bestandenes Hügelland dar, das im südlichen Theile in die Aus- 
läufer des Balkan übergeht. An Wasser herrscht kein Mangel, 
obgleich der grössere Theil der Flüsse sich im Boden verliert, 
ohne die Donau zu erreichen. 

Die Bevölkerung dieses Gebietes war fast ausschliesslich 
mohammedanisch (Türken und Tscherkessen) ; sie war kriegerisch 
und musste, nach den früheren Feldzügen zu schliessen, als 
feindlich gesinnt betrachtet werden. 

Diese Befürchtung*en erwiesen sich indessen als nicht 
begründet. Ueberhaupt sei constatiert, dass im letzten Kriege die 
Russen unter besonderen Feindseligkeiten der türkischen Land- 
bevölkerung nicht zu leiden hatten. Der grössere Theil der letzteren 
verliess eilig den besetzten Landstrich, und jene Mohammedaner, 
welche in ihren Ortschaften verblieben, kamen allen Anforderungen 
der russischen Behörden nach. Zwischen Türken und Bulgaren 
kamen allerdings Öfters blutige Händel vor, aber es ereignete 
sich kaum ein Fall, dass in den von russischen Truppen belegten 
Orten die türkische Landbevölkerung einen Verrath begangen, 
die Waffen ergriffen oder die Verbindungen der Russen bedroht 
hätte. Mit einem Worte : die Türken zeigten keinerlei Neigung 
zu einem Parteigänger- oder Nationalkriege, und zwar nicht allein 
deshalb, weil man ihnen die Waffen abnahm, sondern auch weil 
sich die Verhältnisse mit der Zeit geändert hatten. Jahrhunderte 
lang Seite an Seite mit den friedlichen Bulgaren zusammenlebend, 
häufig von ihnen überdies materiell abhängig", hatten sie nach 
und nach ihre kriegerischen Neigungen und ihre religiöse Un- 
duldsamkeit verloren. Ohne Aufreizung von aussen her war der 
türkische Bauer gleichgiltig und träge. Was die unbotmässigere, 
aber faule Bevölkerung der Städte und die Tscherkessen betrifft, 
so verliessen dieselben bei der Annäherung russischer Truppen 
rechtzeitig die Gegend und begaben sich eiligst unter den Schutz 



26 

ihrer Armee ; diese Bevölkerung- war es auch hauptsächlich, aus 
der sich die Baschibosuk-Banden recrutierten. 

Die Wege des Deli-Orman-Gebietes waren schwer passier- 
bare Walddehleen ; sie führten fast ausschliesslich von der Donau 
nach Süden ; die besten waren jene von Silistria nach Razgrad, 
Sumla und Varna. Ausserdem führte von Varna in westlicher 
Richtung- die Eisenbahn über Razgrad nach Ruscuk (190 Werst 
lang) und in südlicher Richtung der Küstenfahrweg über Burgas 
nach Constantinopel. 

Die wichtigsten Ortschaften des Babadag, der Dobrudza und 
Ost-Bulgariens waren Tulca, Medzidie, Silistria, Razgrad, Sumla, 
Hadzi Oglu Bazardzik, Jenibazar und die Seehäfen Varna und 
Balcik. 

d) Der mittlere und westliche Theil Donau-Bulgariens. 
Dieses Gebiet war begrenzt von der Donau, der Linie Ruscuk- 
Osmanbazar, dem Balkan-Gebirge und dem Timok-Flusse ; die 
gebrochene Linie Razgrad-Trnova [Trnovoj-Plevna [Pleven]-Vraca- 
Belogradzik theilt es in zwei wesentlich verschiedenartige Zonen. 

Nördlich der genannten Linie, bis zum Steilufer der Donau, 
dehnt sich eine hochgelegene Ebene aus, die von Bächen und 
Regenschluchten durchschnitten und mit gepflegten Feldern 
sowie mit Weingärten und stellenweise mit niedrigem Buschwerk 
bedeckt ist. 

Südlich der bezeichneten Linie begannen die waldigen und 
wasserreichen Vorberge des Balkan. 

Den Haupttheil der Bevölkerung dieses Gebietes bildeten 
Christen; die Mohammedaner lebten zumeist in den Städten, und 
nur in der Umgebung von Trnova, Seljvi [Sevlijevo], Lovca und 
Plevna hatten sie auch Dörfer. 

Die Hauptbeschäftigung der Einwohner bildete die Land- 
wirtschaft ; sie gab einen überaus reichlichen Ertrag an Kukuruz, 
Weizen und stellenweise auch an Gerste ; dagegen gab es nur 
sehr wenig Hafer, Roggen und Heu. Ueberhaupt konnte dieser 
Landstrich mit seinen eigenen Mitteln bedeutende Streitkräfte 
ernähren; jedoch war dieser Umstand vor Beginn des Krieges 
nicht ins Calcul gezogen werden. 

Die Gebäude waren nicht überall zur Unterbringung von 
Truppen geeignet ; so bestanden sie in der Umgebung von Plevna 
aus engen und schmutzig-en Erdhütten, in denen im Winter auch 
die Hausthiere untergebracht wurden, und in den Vorbergen des 
Balkan war die Unterdachbringung der Truppen auch noch 



27 

dadurch erschwert, dass die einzelnen Ansiedlungen (Koliben — 
Gehöfte) weit von einander zerstreut lagen. Auf diese Weise war 
es also nicht leicht, eine grosse Armee thatsächlich in Quartiere 
zu verlegen, und selbst Sanitäts-Anstalten mussten in Zelten 
untergebracht werden. Nur in der Umgebung von Trnova und 
in einigen anderen Gegenden waren ausgedehnte und schön 
gebaute Dörfer zu finden. 

Im allgemeinen waren genug Wege vorhanden ; die meisten 
führten von der Donau zum Balkan. Dagegen gab es nur wenige 
Quer-Communicationen, besonders in der Zone der Vorberge. Die 
wenigen Chausseen waren schmal und bestanden lediglich aus 
einer dünnen Schotterschichte. 

Für eine von der mittleren Donau gegen den Balkan vor- 
rückende Armee hatten folgende Communicationen eine besondere 
Bedeutung: 

Längs-Communicationen : i. von Ruscuk (Chausseen): a) nach 
Razgrad, Eski Dzuma, Osmanbazar und Kotel (i 10 Werst); b) nach 
BjelafBela] Trnova und Elena zum Tvardica-Passe [Ferdzis-P.] (130 
Werst) und von Trnova über Gabrova [Gabrovo] zum Sipka-Passe 
(140 Werst) — in diesen Weg mündete auch die Chaussee von Sistov 
[Svistov] (die ganze Strecke vom Sipka-Passe bis Sistov betrug 120 
Werst) — ; 2. von Nikopoli über Plevna (erhaltener Fahrweg und dann 
Chaussee) : nach a) Lovca und Trojan ( 1 00 Werst) und b) nach Orhanie 
(125 Werst); 3. die Chaussee von Rahovo nach Vraca (60 Werst); 
4. die Chaussee von Lom Palanka nach Berkovica (65 Werst). 

Quer-Communicationen : 1. der zum Theil recht minderwertige 
Fahrweg längs des Donau-Ufers von Ruscuk über Bardin [Vardim], 
wSistov, Bjelovoda, Nikopoli, Staroselci, Rahovo, Lom Palanka nach 
Vidin (280 Werst) ; 2. die Chaussee von Bjela nach Plevna (8$ Werst) ; 
3. von Osmanbazar über Trnova nach Lovca als Chaussee und 
weiter als Fahrweg in der Richtung - auf Jablonica [Ablanica] an der 
Chaussee von Sofia (190 Werst). 

Einige der bezeichneten Communicationen waren in den vor 
dem Kriege 1877 — 1878 herausgegebenen Routen-Beschreibungen 
dargestellt. In der Wirklichkeit zeigte es sich dann, dass alle 
diese Verbindungen für Bewegungen grosser Truppenmassen und 
ihrer Trains nur sehr wenig geeignet waren. 

Besondere Schwierigkeiten aber mussten überwunden 
werden, als in Bulgarien die Regenzeit begann, und es waren 
da nicht einmal jene Massregeln von Erfolg- gekrönt, welche zur 
Ausbesserung* der wichtigsten Communicationen getroffen wurden 



28 

wie zum Beispiel die Arbeiten an den Strassen von der Ueber- 
g-ang'sstelle bei Sistov zum Sipka-Passe und nach Plevna etc. 1 ). 

In dem oben beschriebenen Landstriche hatten als Knoten- 
punkte der wichtigsten Communicationen und als Handelsplätze 
folgende Orte eine besondere Bedeutung: die Festung Ruscuk, 
Sistov, Nikopoli, Plevna, Lovca und Trnova. Speciell das letztere 
betrachteten die Bulgaren als ihre einstige Hauptstadt. 

In fortificatorischer Beziehung war Donau-Bulgarien durch 
mehrere Festungen verstärkt, welche bezweckten, die Ver- 
teidigung der Donau zu erleichtern und die Uebergänge über 
den östlichen, am leichtesten zugänglichen Theil des Balkan zu 
decken. 

Die wichtigsten Festungen waren : Sumla (Lagerfestung für 
60.000 Mann ; Gürtelumfang 32 Werst), Varna (See- und Lager- 
festung für 100.000 Mann; Gürtelumfang 34 Werst), Ruscuk 
(Lagerfestung für 20.000 Mann; Gürtelumfang 10 Werst) und 
Siüstria (Lagerfestung für 20.000 Mann; Gürtelumfang 12 Werst); 
sie bildeten das sogenannte Festungs- Viereck, welches überdies 
auf der Nord-Front noch durch die alten Befestigungen von 



*) Mit der Herrichtung der Communicationen wurde GL. Krenke betraut. Im 
Juli 1S77 war er mit der Verlängerung und Einrichtung der Chaussee Trnova-Gabrova 
zum Sipka-Passe und weiter nach' dem Dorfe Sipka beschäftigt- Im September des- 
selben Jahres wurde dem GL.Krenke die Verwaltung aller Communicationen in Nord- 
Bulgarien übertragen. Die wichtigsten hievon waren zu jener Zeit folgende: a) die 
theilweise chaussierten Fahrwege Sistov - Trnova- Sipka-Pass; Grivica (bei Plevna)- 
Bjela-Obretenik (südlich Ruscuk); b) die theilweise chaussierten Landstrassen: Sistov- 
Bolgareni [Blgarene] (östlich Plevna); Nikopoli-Plevna, Bjela-Cairkiöj -Trnova. Den ganzen 
Herbst 1877 hindurch hatte GL. Krenke damit zu thun, die Dammwege von den 
Donau-Brücken nach Sistov in Ordnung zu halten und den undurchwatbaren Koth 
aus den Strassen dieser Stadt zu entfernen. Später, nach dem Falle von Plevna, zu 
Beginn des Winters, wurde die Chaussee von Sistov nach Trnova ausgebessert. Die 
zu diesem Zwecke gewählte späte Jahreszeit und der Mangel an Arbeitern waren 
Ursache, dass alle Bemühungen des GL. Krenke erfolglos blieben, und dass unsere 
Truppen-Trains auf den bulgarischen Wegen während des ganzen Herbstes und Winters 
unsägliches Elend und furchtbare Schwierigkeiten zu überstehen hatten. Dieselben 
ungünstigen Verhältnisse hinderten GL. Krenke daran, den Weg Jamboli [Jämbol] -Burgas 
in brauchbaren Zustand zu bringen; es war dies zur Zeit, als Totleben bereits das 
Ober-Commando führte, und GL. Krenke zum Chef der militärischen Verbindungen 
in Nord- und Süd-Bulgarien ernannt wurde. Die Chaussee Jamboli -Burgas stellte 
damals die Haupt- Verbindungs-Linie unserer Truppen mit Russland dar, und trotzdem 
an derselben während der ganzen drei Monate October, November und December 1878 
gearbeitet und hiezu mehr als 200.000 Rubel in Silber verausgabt wurden, konnte man 
es doch nicht so weit bringen, dass diese kaum 100 Werst lange Strecke brauchbar 
geworden wäre. 



2 9 

Turtukai und auf der West-Front durch das in halbpermanenter 
Manier befestigte und vor dem Feldzuge neuerdings armierte Lager 
bei Razgrad verstärkt wurde. 

Dieses Viereck hatte eine äusserst wichtige Bedeutung, da 
dasselbe unmittelbar die durch Ost-Bulgarien führenden kürzesten 
Wege aus dem europäischen Russland nach Constantinopel 
sperrte und als strategische Flanken-Stellung auch die Communi- 
cationen Mittel-Bulgariens beherrschte. 

Der Besitz des Festungs -Viereckes bot der türkischen 
Armee eine sichere Basis, auf welche gestützt sie die Ver- 
bindungen der russischen Armee sowohl in Rumänien als auch 
in Mittel-Bulg-arien bedrohen konnte. 

Die Verteidigung* der Donau stützte sich auf die ziemlich 
bedeutende Festung Vidin (mit 8000 Mann Besatzung), auf die 
schwachen Befestigungen von Rahovo, die kleine veraltete 
Festung Nikopoli, auf die zum obenerwähnten Festungs- 
Viereck gehörenden Punkte Ruscuk und Silistria, und ausserdem 
auf Turtukai, sowie auf die unbedeutenden, veralteten, ganz 
kleinen Festungen von Hirsova, Mäcin und Tulca, welche keinen 
ernst zu nehmenden defensiven Wert besassen. 

Die Süd-Grenze Donau-Bulgariens bildet der Balkan. 

Das Balkan-Gebirge zieht sich von der Timok-Mündung 
in einer bogenförmigen Linie zum Schwarzen Meere hin ; es sperrt 
mit seiner Gebirgsmasse die nach dem Transbalkan-Gebiete 
führenden Zugänge und bildet so ein neues Hindernis für eine 
Armee, welche von Rumänien aus gegen die türkische Haupt- 
stadt vorrückt. Der Nordhang ist sanft und senkt sich terrassen- 
förmig zur Donau herab ; der Südhang dagegen ist steil und 
bildet an vielen Stellen felsige Abstürze. Ueber die allgemeine 
Kette der Berggipfel erheben sich einzelne Höhen, von denen 
die bedeutendsten im centralen Theile des Balkan gelegen sind 
und bis 7600 Fuss [2300 m\ ansteigen. Auf den meisten Pass- 
höhen fällt der Schnee Ende September und thaut erst im Juni. 
Dies ist die allgemeine Charakteristik des Balkan-Gebirges ; zu 
seiner detaillierten Betrachtung möge es in drei Theile, nämlich 
den westlichen, centralen und östlichen Balkan, eingetheilt werden. 

1. Der westliche Balkan bildet einen schmalen, zusammen- 
hängenden Rücken, der sich von der Timok-Mündung* bis zum 
Str. Isker hinzieht und fast 200 Werst lang ist. An seinem 
nordwestlichen Ende (bei Zajecar) ist dieser Rücken ungefähr 



iooo Fuss [300;;/] hoch; dann sich allmählich erhebend, steigt 
er im Centrum bis zu 6300 PTiss [1900 m\ ; fällt hierauf von neuem, 
und ist am Isker, seinem Ostende, nur noch höchstens 4500 Fuss 
[1400 m\ hoch. Beide Flänge sind mit dichtem Walde bedeckt, 
der nördliche mit Nadel-, der südliche mit Laubwald. Die Be- 
völkerung dieses Gebirgslandes bestand fast ausschliesslich aus 
Bulgaren, nur am Fusse des Rückens kamen tscherkessische 
Ansiedelungen vor. Der westliche Balkan vereinig-t sich im Süd- 
westen mit dem Vitos-Gebirge durch ein Bergland, das vom 
Thale des Nisava- Flusses durchschnitten wird. 

2. Der centrale Balkan liegt, in einer Ausdehnung von 
circa 240 Werst, zwischen dem Str. Isker und dem Gebirgs- 
knoten von Slivno [Sliven] ; die Breite des Gebirges beträgt 
circa 16 Werst, die mittlere Höhe gegen 4500 Fuss [1400 ni\. Der 
Nordhang- ist mit Eichen-, Buchen- und Ahornwäldern und im 
Quellgebiete des Vid mit uralten Nadelwäldern bedeckt, der Süd- 
hang- dagegen mit Ausnahme weniger Schluchten völlig kahl. 
Die Vorberge des Flauptrückens senken sich allmählich nach 
Norden herab und füllen den ganzen Raum bis zur Linie Lukovit- 
Lovca-Seljvi-Trnova-Osmanbazar aus. Der Nordhang des Balkans 
war ausschliesslich von Bulgaren bewohnt ; der Südhang dag-egen 
hatte eine gemischte, aus Bulgaren und Türken zusammengesetzte 
Bevölkerung. 

Die einzelnen Theile des centralen Balkan tragen nach 
den am Gebirgsfusse oder in den Bergthälern lieg-enden Städten 
und Ansiedelungen verschiedene Namen, und zwar : der Gross- 
Soiiische-, Etropol-, Zlatica-, Teteven-, Trojan-, Kalofer-, 
Sipka-, Trjevna [Trevna]-, Elena- und Slivno -Balkan. Hievon 
bilden die Rücken des Teteven-, Trojan- und Kalofer-Balkan 
auf eine Ausdehnung von fast 60 Werst den rauhesten, wildesten 
und unzugänglichsten Theil: der Hauptrücken erreicht hier in den 
Höhen des Teteven- und Kalofer-Balkan 6300 Fuss [19007/7], der 
südliche Abfall dagegen bildet eine senkrechte, zerrissene 
Felswand mit vielen Schluchten, in denen Gebirgsbäche herab- 
stürzen. 

Der Sipka-Balkan ist bedeutend niedriger ; der Pass er- 
reicht nur mehr eine Höhe von 4200 Fuss [1300 ui\. 

Die Verlängerung- des Sipka-Balkan bilden die Rücken des 
Trjevna-, Elena- und Slivno-Balkan ; hier ist die Flauptkette 
weniger felsig und erreicht in den Passhöhen nicht mehr als 
3500 Fuss [1 100 m\ Der wandartige Charakter des Südhanges 



3i 

erhält sich nur bis zum Wege von Trjevna nach Magliz 
[Möglis] ; weiterhin gestalten sich die Hänge immer sanfter und 
werden von den Thalschluchten unbedeutender Bäche durch- 
schnitten. 

3. Der östliche oder Kleine Balkan, welcher beim Gebirgs- 
knoten von Slivno beginnt und bis zum Schwarzen Meere 
reicht, nimmt einen Raum von 120 Werst Länge und 60 Werst 
Breite ein. Von den bereits beschriebenen Gebirgstheilen unter- 
scheidet er sich dadurch dass er anstatt einer geschlossenen, 
einheitlichen Gebirgskette aus drei von einander getrennten, 
parallelen Höhenrücken besteht. Von denselben ist der mittlere 
der wichtigste ; er zieht sich zwischen den Oberläufen des Büj. 
Kamcik und Dell Kamcik hin, wird von letzterem durch- 
schnitten und wendet sich dann — mit seinen Abhangsrücken 
den ganzen Raum zwischen dem Unterlaufe des vereinigten 
Kamcik und dem Hadzi dr. ausfüllend — zum Cap Polykastro 
[Cap Emine] ; der südliche Rücken läuft parallel dem mittleren 
läng-s des rechten Ufers des Deli Kamcik; der nördliche wendet 
sich gegen Eski Dzuma, wobei er Gebirgszweige in westlicher 
Richtung entsendet, und g*eht dann in ein bis zur Linie Razgrad- 
Bazardzik reichendes Hügelland über. 

Die mittlere Höhe des Kleinen Balkan beträgt circa 2500 Fuss; 
[750 m] seine Hänge sind — den Küstenstreifen ausgenommen — 
mit Wald bedeckt ; die Bevölkerung besteht fast ausschliesslich 
aus Mohammedanern (Türken und Tscherkessen). 

Der Balkan-Rücken weist trotz seines rauhen und wilden 
Charakters zahlreiche Uebergänge auf, die aus Donau-Bulgarien 
in das Transbalkan-Gebiet führen. Die Mehrzahl dieser Pässe war 
bereits vor dem Kriege bekannt ; wenigstens waren von den 
30 wichtigsten Ueberg-ängen, die im letzten Werke von Kanitz 
aufgezählt sind, fast alle ausführlich in der Broschüre „Der 
Balkan" beschrieben, welche die russischen Truppen nach dem 
Ausmarsche erhalten hatten. 

Die wichtigsten Balkan-Pässe sind folgende: 

1. Der Pass von Berkovica an der Chaussee Lom-Palanka- 
Sofia ; nach letzterem Orte führten über den westlichen Balkan 
auch zwei Gebirgssteig'e von Vraca. 

2. Der Pass von Orhanie oder Araba Konak-Pass ; über 
diesen bequemsten aller Balkan-Ueberg-äng-e führte die Chaussee 
Plevna - Sofia. Ausser der letzteren übersetzten den centralen 
Balkan ein ziemlich bequemer Weg von der Stadt Etropole nacli 



32 

dem Dorfe Styrg*el [Strögel] (über den Pass gleichen Namens) 
und einige Saumwege, sowie schwer passierbare Fusssteige, und 
zwar: von Etropole: a) zum Han von Araba Konak über den Berg 
Sandornik [Sandarnik], b) zum Dorfe Mirkovo über den Baba-Berg 
und c) zur Stadt Zlatica (über den Pass gleichen Namens) ; ferner 
von Teteven zum Dorfe Rahmanli [Rahmanlare] über den Pass 
von Rybari [Ribarica] ; von der Stadt Trojan über den Trojan- 
Pass nach Karlovo und vom Dorfe Novoselo über den Rosalita- 
Pass oder Mara-Gadjuk [M. Gedik] nach Kalofer. 

3. Der Sipka- oder St. Nikolaus-Pass ; über welchen die 
Haupt- Communication von Ruscuk nach Adrianopel führte. 

4. Der Pass von Trjevna, über welchen ein Fahrweg von 
der Stadt Trjevna nach dem Dorfe Seljci [Selce] und weiter über 
Magliz nach Kazanlik führte. 

5. Der Hainkiöj-Pass [Hain-Bogar], welchen ein überaus 
beschwerlicher Weg von Trnova über die Dörfer Kilifar [Kelifarevo] 
und Porovci [Prvovci] nach Hainkiöj [Kolubci] übersetzte. 

6. Der Pass von Tvardica (Kredic-Pass) [Tvrdica- oder 
Ferdzis-Pass] von Elena nach dem Dorfe Tvardica. 

7. Der Pass von Slivno an dem Saumwege von Stara Rjeka 
[Starareka] nach Slivno. 

Was die Pässe im Ost- oder Kleinen Balkan betrifft, so sind 
sie, wenn auch nicht' hoch, so doch lang und ermüdend; der 
wichtigste und bequemste von ihnen war jener von Kotel 
[d. i. Kasan-Pass], welcher die Städte Osmanbazar und Jamboli 
miteinander verbindet. 

Alle oben aufgezählten Wege, die den Balkan-Rücken in 
nordsüdlicher Richtung durchqueren, mündeten in eine gemein- 
same Längscommunication, d. i. die Strasse Sofia- Zlatica-Karlovo- 
Kazanlik-Eski Zagra-Slivno-Burgas, ein Umstand, der die Ver- 
theidigung des Balkan sehr erleichterte, indem er den Türken 
die Versammlung ihrer Truppen gegen diesen oder jenen Pass 
ermöglichte. 

Im allgemeinen muss darauf hingewiesen werden, dass man 
nicht nur in Russland, sondern besonders auch im Auslande die 
Bedeutung des Balkan- Gebirges als Vertheidig-ungs-Linie stark 
überschätzte. Die Ereignisse des letzten Feldzuges haben dar- 
gethan, dass im ganzen Balkan beinahe nicht ein einziger Pass 
vorhanden war, den die Infanterie auf Seitenpfaden nicht hätte 
umgehen können, um so in den Paicken des Vertheidigers zu 
gelangen. 



33 

Der transbalkanische Kriegsschauplatz wird begrenzt: 
im Norden vom Balkan, im Osten vom Schwarzen Meere, im Süden 
vom Marmara- und Aegäischen Meere, im Südwesten Und Westen 
vom Rhodope-Gebirge, dem Rilo Dag, dem Kara Dag und dem 
Radomir-Gebirge. 

Dieser weite Raum, der zumeist ein gebirgig-es Terrain auf- 
weist, ist von einigen bedeutenden Flüssen durchfurcht; er lässt 
sich in folgende Gebiete eintheilen : 

a) Das Gebiet von Sofia ; dasselbe enthält die Gebirgskessel 
von Sofia und Köstendil, welche zwischen dem Balkan, dem 
Ichtiman-Gebirge, dem Rilo und Kara Dag und dem Radomir- 
Gebirge eingesenkt sind. Die hohe Gebirgsgruppe des Vitos 
trennt die Kessellandschaften von Sofia und Köstendil von ein- 
ander. 

Ziemlich dicht besiedelt (1700 Seelen per Quadratmeile) 
[30 per hn 2 ~\, und zwar hauptsächlich von Bulgaren (96 Percent) 
mit einer geringen Beimischung von Türken, zeichnete sich 
dieses Gebiet ausser seiner numerisch starken Bevölkerung, 
welche 250.000 Menschen betrug, durch ein gesundes Klima und 
durch Fruchtbarkeit aus. 

Die Gebirgskessel von Sofia und Köstendil liegen bedeutend 
höher als die übrigen niedrigen Partien der Balkan-Halbinsel und 
dienen als Quellgebiete folgender Flüsse: des zur Donau fliessenden 
Isker, der in das Aegäische Meer sich ergiessenden Marica und 
Struma (Karasu) und der in die bulgarische Morava einmündenden 
Nisava. Durch den Lauf dieser Flüsse war auch die Richtung" 
jener Wege bestimmt, deren Knotenpunkt die Stadt Sofia 
(22.000 Einwohner) bildete, und letzteres war demnach mit allen 
Theilen der Balkan-Halbinsel durch Strassen verbunden. 

b) Das Marica-Thal (Thrakische Ebene) ; es liegt zwischen 
dem Balkan, dem Rhodope-Gebirge und dem Istrandza-Gebirge. 

Dieses Thal wurde ganz richtig als eines der reichsten 
Gebiete des ottomanischen Staates angesehen ; hier war fast alles 
Land cultiviert und bewässert und bestand aus Aeckern, Wein-, 
Gemüse- und Rosengärten, Reispflanzungen und dergleichen. Die 
ziemlich dichte Bevölkerung dieses Gebietes (über 2000 Seelen 
per Quadratmeile) [36 per km?\ zählte gegen 750.000 Einwohner; 
bis Adrianopel bestand sie aus Bulgaren mit dazwischen verstreuten 
Türken und Griechen, weiterhin hauptsächlich aus Türken allein 
und an der Küste nur aus Griechen. Der Reichthum der Be- 
wohner und grosse Magazine mit Vorräthen aller Art sicherten 

Der russisch-türkische Krieg. I. Bd. 3 



34 

einer in diesem Räume operierenden Armee die vollständige Ver- 
pflegung- mit Getreide, Vieh und Futter. 

Von den Wohnorten dieses Gebietes hatten" eine besonders 
hohe Bedeutung: Adrianopel 1 ) als der Knotenpunkt der wichtigsten 
Verbindungen und als zweite Hauptstadt des Reiches, mit 
90.000 Einwohnern, von denen mehr als die Hälfte aus Bulgaren 
und Griechen bestand ; Philippopel als Stadt mit 46.000 Ein- 
wohnern; durch Bahn und Chaussee mit Adrianopel und Con- 
stantinopel verbunden ; Tatar Bazardzik, Eski Zagra [Stara Zagora] 
und Jeni Zagra [Nova Zagora] als wichtige Wegknoten. 

Der Marica-Fluss ist von Adrianopel und unter günstigen 
Verhältnissen bereits von Philippopel angefangen schiffbar; 
oberhalb der letzteren Stadt ist er seicht und an vielen Stellen 
durchfurtbar. Die Breite des Flusses beträgt im Abschnitte 
Philippopel- Adrianopel durchschnittlich 100 Sazen [215 m~\ und 
weiter unterhalb bis zur Mündung* 150 Sazen [32057z]. 

Brücken über die Marica waren vorhanden: beiSemenli [Trk. 
Sejmen] zwei (darunter eine Eisenbahnbrücke) und je eine bei 
Mustafa Pascha, Adrianopel und nahe Dimotika( Eisenbahnbrücke). 
Die wichtigsten Zuflüsse der Marica sind : der Gjopsu [Strjama] 
und die Tundza, welche beide in fruchtbaren, blühenden Thälern 
fliessen, und die Ergene, längs welcher die Chaussee und die 
Eisenbahn von Adrianopel nach Constantinopel führten. 

c) Das Küstengebiet am Schwarzen Meere ; dasselbe liegt 
zwischen dem Rücken des Istrandza-Gebirges und dem Schwarzen 
Meere und stellt eine ärmliche, nur schwach von Bulgaren und 
Griechen besiedelte Gegend mit Felsboden dar. 

Nur in den Thälern, welche dem Hafen von Burgas zustreben, 
ist die Bevölkerung zahlreicher und wohlhabender. 

Der wichtigste Punkt dieses Gebietes ist Burgas, einer der 
besten Häfen des Schwarzen Meeres, welcher nach allen Seiten 
gegen Winde geschützt ist. 

d) Die Umgebung von Constantinopel ; sie bildet eine 
gewellte, wüste, unfruchtbare und sehr schwach besiedelte Ebene. 

Die Stadt selbst mit ihren 500.000 Einwohnern, von denen 
300.000 Mohammedaner waren, ist von dominierenden Höhen um- 
geben, und war bis zum letzten Kriege nach der Landseite hin 



a j Adriauopel war von den Türken noch wahrend des Krieges in ein weites 
befestigtes Lager mit Werken passageren Charakters und einem Fassungsraume für 
60.000 Mann umgewandelt worden. 



35 

fast ungeschützt; denn ihre alten Mauern und einige Defensions- 
Kasernen und Blockhäuser hätten bei einem ernstlichen Angriffe 
keinen Widerstand leisten können. Erst gegen Ende des Krieges 
schritten die Türken zum Bau befestigter Linien, um ihre Haupt- 
stadt zu schützen. 

e) Das Küstengebiet am Aegäischen Meer; dasselbe stellt 
ein von den Ausläufern des waldigen Rho dope- Gebirges aus- 
gefülltes Land dar ; das in seinen bergigen Theilen wüst und öde, 
in den Thälern nahe der Küste dagegen ziemlich dicht besiedelt 
ist. Die Bevölkerung war gemischt; sie bestand aus Griechen 
und Türken mit einer geringen Beimischung von Bulgaren. 

Die wichtigsten Orte des Gebietes waren die Hafenstädte 
Enos und Dedeagac, von denen das letztere die Endstation des 
Bahnzweiges Dimotika-Dedeagac bildete. 

Der transbalkanische Kriegsschauplatz war der Längen- 
richtung nach von zwei Haupt- Communicationen durchzogen: 
i . von der Strasse Sofia - Zlatica - Karlovo - Kazanlik - Eski Zagra - 
Slivno - Burgas (350 Werst) und 2. von der Chaussee Belgrad- 
Constantinopel, welche die Punkte Caribrod - Sofia - Philippopel 
und Adrianopel berührt (von Caribrod nach Constantinopel 
560 Werst). 

Diese beiden Haupt-Linien waren untereinander durch mehrere 
Quer- Communicationen verbunden, und zwar a) von Tatar Bazardzik 
nach Zlatica (60 Werst) ; b) von Philippopel nach Karlovo (60 Werst) ; 
c) von Papazli nach Eski Zagra (58 -Werst); d) von Hermanli 
[Harmanli] nach Eski Zagra (60 Werst); e) von Adrianopel nach 
Slivno (115 Werst); f) von Lüle Burgas über Kirk Kilisse nach 
Sizopol und g) von Cataldza über Saraj und weiter am Meeres-Ufer 
über Midia nach Sizopol. 

Ausser diesen Quer- Verbindungen zweigten von der Längs- 
Communication Sofia-Burgas zahlreiche Wege zu den Balkan- 
Uebergängen ab, und von der Chaussee Belgrad-Constantinopel 
die Wege nach Köstendil, Dubnica, Samokov, Batak, Stanimak, 
Enos, Gallipoli und Rodosto. 

An Eisenbahnen war auf dem transbalkanischen Krieg'S- 
schauplatze vorhanden: die in westöstlicher Richtung führende 
Bahn von der Station Bjelevo westlich Tatar Bazardzik über 
Philippopel und Adrianopel nach Constantinopel (450 Werst) und 
deren Abzweigungen: in nördlicher Richtung von Semenli nach 
Jamboli (90 Werst) und in südlicher Richtung- von Dimotika 
nach Dedeagac (100 Werst). 

3* 



36 

Resümiert man alles, was über den Balkan-Kriegsschauplatz 
gesagt wurde, so kommt man zum Schlüsse, dass Russland, da 
es das Schwarze Meer nicht beherrschte, seine Armee gegen 
die Türkei nur durch Rumänien fahren konnte, und dass das 
letztere auf diese Weise als Operationsbasis für den bevorstehen- 
den Krieg" dienen musste, ein Umstand, welcher — wie bereits 
hervorgehoben — sehr wesentliche Unzukömmlichkeiten in sich 
schloss. 

Ferner war die weitere Offensive der russischen Armee 
aus Rumänien durch die Vertheidigungs - Linien der Donau 
und des Balkan erschwert: 100 bis 120 Werst hintereinander 
liegend, hinderten beide die Annäherung an das Centrum der 
türkischen Macht — an Cargrad [wörtlich: „Zarenburg", d. i. die 
in Russland volksthümliche Bezeichnung- für Constantinopel]. 

Die Offensive g-egen den Balkan konnte durch Ost-, Mittel- 
oder West-Bulgarien, respective auf den diese Gebiete durch- 
ziehenden Communicationen erfolgen ; jene von Ost-Bulgarien waren 
indessen durch das Festungs-Viereck gesperrt, das auch die 
Uebergänge über den Kleinen Balkan in das Transbalkan-Gebiet 
beherrschte; jene von West-Bulgarien führten zwar über den 
bequemen Araba Konak-Pass in das reiche Gebiet von Sofia 
und an die Belgrad - Constantinopeler Chaussee, bildeten aber 
einen überaus grossen Umweg. Dagegen führten durch Mittel- 
Bulgarien die kürzeren Wege, von Ruscuk über Osmanbazar nach 
Jamboli (170 Werst) und von Sistov über Trnova nach Kazanlik 
(130 Werst); diese Communicationen waren demnach den übrigen 
vorzuziehen. 

Der vollständige Mangel an Bahnen in Mittel-Bulgarien und 
die Unzulänglichkeit der dortselbst vorhandenen Fahrzeuge, 
ferner die vorausgesetzte Armut des Landes gaben Veranlassung 
dazu, dass der russischen Armee bedeutende Intendanz-Transporte 
[Trains] nachgeschoben wurden, welche sogar auf den chaussierten 
Wegen nicht geringe Schwierig-keiten fanden; denn infolge ihrer 
primitiven Bauart vertrugen diese die schweren Militär-Transporte 
schon bei dem geringsten Regenfalle nicht, gar nicht zu reden von 
den Wegverhältnissen im Herbste und Winter 1 ). 



x j Thatsächlich erwies sich jedoch Mittel-Bulgarien — ganz abgesehen vom 
Transbalkan-Gebiete — als ein an Getreide und Yieh so reiches Land, dass die Be- 
dürfnisse der Armee bei entsprechender Organisation des Verprlegswesens schon durch 
die an Ort und Stelle vorhandenen Mengen hätten gedeckt werden können. Ueberdies 
wurden an vielen Punkten beträchtliche Vorräthe der Türken erbeutet. 



37 

Die Bauart der Ortschaften und Wohnstätten zwang dazu ; 
die Truppen zu jeder Jahreszeit im Freien lag-ern zu lassen 1 ). 

Die Eigentümlichkeiten des Kriegsschauplatzes auf der 
Balkan-Halbinsel in strategischer Beziehung können demnach wie 
folgt zusammengefasst werden: i. eine sehr kurze, in beiden 
Flanken und im Rücken bedrohte Basis; 2. eine lange Operations- 
Linie, welche viel Truppen zu ihrem Schutze benöthigte (von 
Bukarest über Sistov und Sipka nach Constantinopel 600 Werst) ; 
3. die Notwendigkeit des Nachschubes von Vorräthen aus Russ- 
land zur Armee bei überaus schwieriger und gefährdeter Ver- 
bindung ; 4. das Vorhandensein natürlicher und künstlicher 
Hindernisse, welche die Verteidigung begünstigten, dagegen die 
Offensive erschwerten; 5. endlich — wie aus den späteren Aus- 
führungen hervorgeht — die Unvollständigkeit und Ungenauigkeit 
der Daten über die Verhältnisse im Lande, was eine ganz be- 
sonders intensive Entwickelung des Nachrichtendienstes erforderte. 

Nachrichten über den Kriegsschauplatz waren vor dem 
Feldzuge nur mit grosser Mühe zu erlangen. 

Die Balkan-Halbinsel gehörte zu den am wenigsten be- 
kannten Ländern Europas. Die Ursachen hievon sind verständlich: 
seit der Festsetzung der türkischen Herrschaft waren hier wissen- 
schaftliche Untersuchungen jeder Art mit grossen Schwierigkeiten 
verbunden und erst seit relativ kurzer Zeit hatten westeuropäische 
Forscher begonnen, sich mit dem Lande zu beschäftigen. Aber 
deren Werke stützten sich häufig auf zweifelhafte türkische 
Quellen, waren daher nicht immer zuverlässig und überdies in 
Russland nur wenig bekannt. Für russische Gelehrte und Reisende 
war die Erforschung der Türkei besonders schwierig und nicht 
gefahrlos. 

Es ist daher ganz natürlich, dass unter solchen Verhältnissen 
in Russland die Kenntnisse über dieses Land unvollständig und 
keineswegs verlässlich waren. 

Die Erforschung der Türkei als Kriegsschauplatz begann 
erst nach dem Bukarester Frieden (18 12), als Russlands Grenze 

*) Es ist bekannt, dass während des ganzen Feldzuges beträchtliche Theile der 
Truppen nicht in Quaitieren untergebracht werden konnten; erst im November 
gelang es, einen Theil der Kranken und Verwundeten in Dorihäusem der Umgebung 
von Trnova und in Eazarethen unterzubringen, die in der Eile und mit grossen 
Schwierigkeiten in Trnova selbst errichtet wurden. Viel später, d. i. schon in der 
letzten Periode des Feldzuges, konnten einige Truppcnkürper auf mehrere Tage in 
Sofia, Adrianopel etc. in Quartiere verlegt werden. 



bis zur Donau vorgeschoben wurde. Die damals gesammelten 
Daten dienten als Material für die Herstellung der ersten, noch 
sehr unvollständigen Karte der Europäischen Türkei ; diese Karte 
benützten die russischen Truppen im Kriege 1828 — 182g. Während 
des letzteren wurde nun zum erstenmale eine Aufnahme der 
occupierten Gebiete, jedoch nur theilweise mit Messinstrumenten 
durchgeführt und auf Grund dieser die im Jahre 1835 heraus- 
gegebene Zehnwerst-Karte der Europäischen Türkei hergestellt ; 
dieselbe zeichnet sich durch grösste Vollständigkeit in jenen 
Theilen aus, die am Schwarzen Meere liegen. 

Nach dem Krim-Feldzug*e verlor mit der Auflösung der 
russischen Schwarzmeer-Flotte auch das türkische Küstenland am 
Schwarzen Meere seine bisherig-e Bedeutung für Russland. Da- 
gegen musste letzteres die inneren Gebiete der Türkei zu er- 
forschen trachten. Seit den Sechziger- Jahren wurden zu diesem 
Zwecke derart erfolgreiche Massregeln getroffen, dass schon im 
Jahre 1868 die „Sammlung militär-statistischer Daten 7 ' [wörtlich: 
der „militär-statistische Sammler' 7 ] herausgegeben werden konnte, 
in welcher ein relativ vollständiger Abriss der damaligen Verhält- 
nisse im ottomanischen Reiche zum erstenmale gedruckt erschien. 

Auf diese Weise war es zu Beginn des letzten Krieges ge- 
lungen, die Kenntnisse über die Türkei beträchtlich zu vervoll- 
ständigen; zu diesem Zeitpunkte war bereits auch die militär- 
topographische Zehn werst-K arte der Balkan - Halbinsel (des 
Obersten Artamanow) hergestellt und herausgegeben; ferner 
waren Daten über das Territorium, die Bevölkerung und die 
Streitkräfte des ottomanischen Reiches gesammelt worden, wie 
sie bei den früheren Kriegen nicht vorhanden gewesen. 

Sich hierauf nicht beschränkend, hatte das russische Kriegs- 
Ministerium gleich nach Kundmachung der Mobilisierung der 
Armee von dem bekannten Reisenden Kanitz in Wien die von 
demselben hergestellte Siebenwerst-Karte der Balkan-Halbinsel 
erworben und zu Beginn des Krieges in russischer Sprache heraus- 
gegeben 1 ). Diese beiden Karten waren nach einzelnen Routen 
entworfen und auf Grund unzusammenhängender ä la vue-Auf- 
nahmen gezeichnet ; sie enthielten in manchen Theilen aus- 



1 ) Bei der russischen Armee war auch noch die sogenannte österreichische 
Siebenwerst-Karte vorhanden : sie erschien aber erst nach Beginn der Operationen, 
da man in Wien mit ihrer Herausgabe erst im December 1876 begonnen hatte 
[d. i. die alte vom militär-geographischen Institute in Wien herausgegebene General- 
karte im Masse I : 300.000 1. 



39 

schliesslich erfragte Daten und erwiesen sich in der Folge 
als sehr unvollständig, namentlich in jenen Theilen Mittel- 
Bulgariens, welche von den Russen gleich nach dem Donau- 
Uebergange bei Sistov occupiert wurden. 

Ausser den Karten von Artamanow und Kanitz, wurden 
den Truppen der operierenden Armee während des Feldzug*es 
selbst die Broschüren: „Routenbeschreibungen in der Europäischen 
Türkei" und „Der Balkan" in 750 Exemplaren ausg-efolgt ; beide 
Broschüren waren vom militär-wissenschaftlichen Comite anfangs 
1877 herausgegeben worden und enthielten eine detaillierte Be- 
schreibung der wichtigsten Wege in Donau-Bulgarien und fast 
aller bekannten Pässe über das Balkan-Gebirge. 

Obgleich auf diese Weise die Kenntnisse über die Türkei 
vor dem Kriege 1877 — 1878 bedeutend vollständiger waren als 
jene, mit denen die russischen Truppen ihre früheren Feldzüge 
begonnen hatten, so fehlte im allg-emeinen doch noch manches ; 
vieles war auch unrichtig und verleitete zu falschen Folgerungen. 

Die wichtig-sten unrichtigen Voraussetzungen, welche sich 
in nachtheiliger Weise auf den Gang der Operationen fühlbar 
machten, waren folgende: 1. die übertriebene Bedeutung-, die 
man dem Balkan als Vertheidigungs-Linie zuschrieb, was zu Beginn 
des Winters 1877 beinahe zur Einstellung der Operationen geführt 
hätte; und 2. die Ansicht, dass man in Bulgarien, (welches man 
überdies arg verwüstet zu finden meinte) besonders mit Bezug auf 
Fuhrwerke und Fourage- Artikel nur sehr dürftige Hilfsmittel an- 
treffen werde ; dies führte wieder zu ganz unnützen Ausgaben 
und grossen Zeitverlusten bei den Kriegsvorbereitung-en. Viel 
schadeten den Truppen — besonders während der Operationen in 
Mittel- und West-Bulgarien — auch die bei ihnen vorhandenen 
unrichtigen Karten. 



IT. CAPITEL. 
Die Streitkräfte der Türkei. 

Politische Lage des türkischen Reiches vor dem Kriege 1877 — 1878. — Organisation 
der Landmacht nach dem Projecte vom Jahre 1869. — Bestand und Ergänzung der 
Armee. — Feld-Truppen (Nizam) : Infanterie, Cavallerie, Artillerie, technische Truppen; 
deren Bewaffnung und Ausrüstung. — Landwehr (Redif) und deren Cadres. — Bestand 
der Officiere und Unterofficiere. — Verpflegung und Ausrüstung der Armee. — Die 
wichtigsten Eigenschaften und die Gefechtsweise der türkischen Truppen. — Ent- 
wicklung der türkischen Streitkräfte seit dem Aufstande in der Hercegovina und 
Vertheilung derselben zur Zeit der Kriegserklärung. — Die Kräfte der Türken in den 
verschiedenen Perioden des Feldzuges. — Flotte. 

Zur Zeit, als der Bruch Russlands mit der Türkei erfolgte, 
war die politische Lag*e für das letztere Reich sehr ungünstig. 
Die türkische Regierung hatte nicht allein den Krieg gegen 
Montenegro und gegen die aufständische Bevölkerung von 
Bosnien, der Hercegovina, Thessalien, Epirus und Creta fort- 
zuführen, sie musste auch gefasst sein, den durch einen Waffen- 
stillstand unterbrochenen Krieg gegen Serbien wieder auf- 
zunehmen. Ausserdem rüstete Rumänien — offenbar geg'en die 
Türkei. Sehr wahrscheinlich war ferner auch eine Krieg\s- 
erklärung an die Pforte seitens der griechischen Regierung. 
Schliesslich konnten die zur selben Zeit entstandenen Grenz- 
Differenzen mit Persien eventuell diese Macht veranlassen, zu 
den Waffen zu greifen. Wenn man hinzufügt, dass Oesterreich 
seine Truppen an der bosnischen Grenze concentrierte, so 
erscheint es begreiflich, welche Kraftanspannung die Türkei 
aufbieten musste, um der Lage gerecht zu werden. 

Anderseits befanden sich sowohl die Finanzen als die 
inneren Verhältnisse des Landes in einer nicht befriedigenden 
Lage. Nichtsdestoweniger führte die vorangegangene Politik der 



ottomanischen Regierung und nicht minder der Druck der 
türkischen Nationalpartei zum Kriege mit Russland. 

So stand denn der türkischen Regierung eine schwere 
Aufgabe bevor — den sichtlich so ungleichen Kampf gegen 
Russland mit weitaus unzureichenden Streitkräften und mit un- 
genügenden Mitteln zur Entfaltung ihrer Wehrmacht auszufechten. 

Aus den folgenden Ausführungen ersieht man jedoch, dass 
die Regierung alles in ihrer Lage Mögliche that, um das vor- 
gesteckte Ziel zu erreichen. 

Der Grund zur neuesten Organisation der türkischen Armee 
nach dem Muster des preussischen Landwehr- Systems war im 
Jahre 1839 durch den Sultan Abdul Medzid gelegt worden; 
die endgiltig'e Annahme des Systems war im Jahre 186g erfolgt. 

Nach dem Projecte des damaligen Serasker (Kriegs- 
Minister) Hussein Awni Pascha sollte die türkische Landmacht 
bestehen aus : 

a) Nizam (Feld- und Local-Truppen), in der normierten 
Stärke von 210.000 Mann ; wovon 150.000 Mann ständig unter 
den Fahnen bleiben und 60.000 Mann, sogenannte „Ihtijat", 
beurlaubt sein sollten, mit der Bestimmung zur Ergänzung und 
zur Neuaufstellung von Nizam- Truppen im Kriegsfalle verwendet 
zu werden 1 ). 

Die Dauer der Dienstpflicht im Nizam war mit sechs Jahren 
bemessen ; hievon brachte der Infanterist die zwei letzten, der 
Cavallerist und Artillerist das letzte Jahr im Ihtijat zu. 

b) Redif (Landwehr-Truppen), in der normierten Kriegs- 
stärke von 192.000 Mann in zwei Classen eingetheilt. Zur ersten 
Classe wurden auf drei Jahre eingereiht jene Wehrpflichtigen, 
welche ihre Dienstzeit im Nizam und Ihtijat vollendet hatten, 
ferner die aus verschiedenen Gründen vom Präsenzdienste im 
Frieden befreiten Wehrpflichtigen im Alter von 20 bis 29 Jahren. 
Die Mannschaft der ersten Redif-Classe wurde nach Voll- 
streckung der für diese Classe normierten Dienstzeit auf drei 
Jahre in die zweite Redif-Classe übersetzt. Im Frieden besass 
der Redif nur schwache Cadres, bestehend aus den Compagnie- 
Commandanten, einigen Subaltern-Officieren und einer geringen 

*) Zu den ständigen Truppen zählte auch das Gendarmerie-Corps (Zaptie) 
welches militärisch organisiert war, jedoch Polizeidienste versah. Die Stärke dieses 
Corps belief sich auf circa 20.000 Mann, konnte aber bis auf 30.000 Mann gesteigert 
werden. 



4- 

Zahl an Mannschaft; im Kriegsfalle formierte er besondere Truppen- 
körper aller drei Waffen. Vorräthe an Montursorten und Waffen 
waren im Frieden vorhanden und vollkommen ausreichend. 

c) Mustahfiz (Landsturm), in der Stärke von 300.000 Mann, 
bestand aus acht Jahrgängen Wehrpflichtiger, welche ihre 
Dienstleitung im Redif vollstreckt hatten. Der Mustahfiz besass 
im Frieden keine Cadres und keine Vorräthe. 

Die Gesammtdauer der Wehrpflicht in allen aufgezählten 
Kategorien betrug 20 Jahre. 

Es war beabsichtigt, diese Organisation erst im Jahre 1878 
voll ins Leben treten zu lassen ; auf Grund derselben sollte die 
Türkei zu dieser Zeit über ein Heer von 700.000 Mann verfügen. 

Ueberdies war in ausserordentlichen Fällen die Auf- 
stellung von Hilfs-Truppen aus den in den Gebirgsgegenden an- 
sässigen asiatischen Stämmen, sowie den Albanesen u. a. pro- 
jectiert. Ein Theil dieser Truppen wurde unter der Bezeichnung 
Baschibosuk (assakiri-muawine), der Feld- Armee zugetheilt ; der 
Rest bildete die National-Garde (assakiri-mullie), und versah 
ausschliesslich den Garnisonsdienst. 

Stellungspflichtig war bloss die mohammedanische l ) Be- 
völkerung im Alter von 20 bis 26 Jahren 2 ). Im Wege der 
Stellung sollten jährlich 37.500 Mann in den Nizam eingereiht 
werden ; thatsächlich war jedoch die Zahl der Eingestellten infolge 
ungenügender finanzieller Mittel bedeutend geringer 3 ). Was übrig- 
blieb, wurde zum Redif eingereiht und überfüllte letzteren mit 
Leuten, welche keinen Präsenz-Dienst vollstreckt hatten und somit 
militärisch ganz unausgebildet waren. 

Behufs Ableistung der Militärpflicht war das ganze 
Territorium des Reiches in sechs Corps-Bereiche (Ordu), ent- 
sprechend den sechs Armee-Corps, eing-etheilt 4 ) ; das Garde-Corps 
sollte aus dem ganzen Reiche ergänzt werden. 

1 ) Die christlichen Gemeinden der Türkei hatten statt des ihnen zufallenden 
Contingen es von 1 6.000 Mann den „Bedel", d. i. eine per Kopf bemessene Wehr- 
tax~ zu erlegen. 

2 ) Stellvertretung und Loskauf waren zulässig. 

3 ) Vor dem Kriege wurde die mohammedanische Bevölkerung in den Ländern 
der eigentlichen Türkei auf 19 Millionen Menschen geschätzt. 

4 ) Die Corps der türkischen Armee führten folgende Bezeichnungen : I. (Garde-), 
IL (Donau-), III. (Rumelisches), IV. (Anatolisches), V. (Syrisches), VI. (Arabisches), 
VII. (Yemen-). Die letztgenannten zwei Corps, welche die Ruhe in der Provinz Yemen 
wiederherzustellen hatten, wurden zur Theilnahme an dem Kriege mit Russland 
nicht in Aussicht genommen und waren auch nicht vollzählig. 



43 

Jeder Corps-Bereich gliederte sich in so viele Bataillons- 
Kreise, als in demselben Bataillone lagen. 

In der Regel sollte aus der wehrpflichtigen. Bevölkerung 
(im Alter von 20 bis 32 Jahren) jedes Corps-Bereiches die Er- 
gänzung für folgende Truppen desselben aufgebracht werden: 

a) Für ein Nizam-Corps im Bestände von 24 Infanterie- 
Bataillonen, darunter 6 Schützen- (Sisane-) Bataillone, 24 Cavallerie- 
Escadronen, 14 Batterien Feld- Artillerie (9 Fuss-, d. i. fahrende, 
3 reitende und 2 Gebirgs-Batterien, im ganzen 84 Geschütze) und 
1 Sappeur-Compagnie. Thatsächlich waren aber die Corps von 
ungleicher Stärke : einige (I., III.) waren stärker als das Normal- 
Corps, andere (VI., VII.) schwächer; ferner 

b) für die entsprechende Zahl Redif-Bataillone 1. und 
2. Classe. 

Eine Vermehrung der Cavallerie und Artillerie war bei 
der Neu-Organisation nicht beabsichtigt. 

Die Local-Truppen bestanden aus Festungs- und Küsten- 
Artillerie- Comp agnien, sowie aus besonderen Local-Formationen ; 
an solchen aller drei Waffen bestanden gegen 1. Jänner 1877: 
165 Compagnien und 1 Escadron. 

An Truppen aller Kategorien mit Einschluss von Nizam, 
Redif, Garnisons- und Local-Truppen, Grenz-Bataillonen und 
Flotten-Redif-Bataillonen, sollte die Türkei nach dem Entwürfe 
vom Jahre 1869 im ganzen 573 Bataillone aufstellen. In Wirk- 
lichkeit wurden nach den Angaben Strecker (Resid) Paschas 
im Verlaufe des Krieges 740 Infanterie-Bataillone aufgestellt. 
Die Zahl der Cavallerie- und Artillerie-Körper überstieg um ein 
gering-es die im Frieden vorhandenen Escadronen und Batterien. 

Ersatz-Truppen waren nicht organisiert, und es war für 
den Ersatz der Abgänge bei den ausmarschierten Truppen nicht 
vorgesorgt. Infolgedessen verminderte sich der Stand einiger 
Feld-Bataillone im Laufe des Feldzuges bis auf 200 Mann und 
sogar weniger per Bataillon. 

Das Bataillon (tabor) bestand aus acht Compagnien (böjluk) ; 
eine Compagnie auf dem Kriegsstande zählte 96 Combattcmten ; 
das Bataillon hatte 774, das Regiment 2353 Combattanten. Die 
Bezeichnung- „Tabor" bedeutete die administrative Einheit aller 
Waffengattungen. Sowohl das Infanterie-Bataillon (piade-tabor), 
als die Batterie oder ein Theil derselben (topci-tabor) und eine 
Reiter- Abtheilung (suwari-tabor) — alles hiess „Tabor" oder 
„Tabur". 



44 

Die Escadron (böjluk) auf dem .Kriegsstande sollte 143 Reiter 
zählen. 

Die Batterie bestand aus 6 Geschützen und 12 Munitions- 
Wagen; der Kriegsstand betrug 110 Combattanten und 
1 1 7 Pferde. 

Während des Krieges wurden im russischen Feldstabe bei 
Berechnung- der feindlichen Kräfte das Infanterie-Bataillon mit 
650 Bajonnetten, die Escadron mit 100 Säbeln und die Batterie 
mit 100 Mann angenommen. In der Wirklichkeit war die Stärke 
der türkischen Infanterie-Bataillone im allgemeinen geringer, sie 
erreichte mitunter nur 250 und gieng sogar bis auf 100 Mann 
herab. Das türkische Verpflegs-System entzog auch in der Regel 
eine Menge Leute dem Frontdienste. 

Nach der für die türkische Armee angenommenen Organisation 
wurden die Infanterie-Bataillone (tabor) zu 3, die Escadronen zu 

6 in Regimenter (alai) vereinigt; je 2 Regimenter sollten eine 
Brigade (liwa), je 2 Brigaden eine Division (furk) bilden ; aus je 
2 Infanterie-Divisionen und 1 Cavallerie-Division sollte ein Corps 
(ordu) formiert werden. Je 3 Batterien bildeten ein Bataillon ; 
die Bataillone wurden per Corps in ein Regiment vereinigt, von 
welchem je ein Bataillon einer Infanterie-, beziehungsweise 
Cavallerie-Division zugewiesen wurde ; das letzte (4.) Bataillon 
bildete die Corps-Artillerie *). 

Mann muss jedoch hier im Auge behalten, dass diese 
Gliederung" in Corps, Divisionen und Brigaden in der Praxis nicht 
streng durchgeführt wurde und weder eine taktische noch eine 
administrative Bedeutung hatte. Alle nur einigermassen grösseren 
Heereskörper der türkischen Armee wurden je nach Umständen 
aus einzelnen Bataillonen der verschiedenen Heeres-Kategorien 
als Nizam, Redif, mitunter sogar Mustahfiz, gebildet. 

In den sieben Corps sollten an Nizam normalmässig vorhanden 
sein: 45 Infanterie-, 25 Cavallerie- und 2 technische Regimenter, 

7 einzelne Sappeur-Compagnien, 43 Schützen-Bataillone und 
105 Batterien 2 ), im ganzen: i86Vs Bataillone, 145 Escadronen 
und 630 Geschütze. 



*) Die Gebirgs-Geschütze wurden vornehmlich den Schützen-Bataillonen, in der 
Zahl von zwei per Bataillon beigegeben. 

2 ) Am 15. März 1877 wurde die Artillerie durch neuaufgestellte Feld- und 
Grebirgs - Batterien vermehrt; die Zahl der Batterien erreichte 143 mit 858 Ge- 
schütze n. 



45 

Die Infanterie war mit zweierlei Gewehr-Modellen, und zwar 
Henry — Martini und Snider bewaffnet. 

Das Henry- (Peabody-) Martini-Gewehr (Caliber 4-5 Linien = 
11 -4 mm) näherte sich seinen ballistischen Eigenschaften nach 
dem russischen Berd an- Gewehre (Anfangsgeschwindigkeit 1 360FUSS 
[415 m] in der Secunde) ; es hatte jedoch einen bis 1800 Schritt 
reichenden Aufsatz. Mit diesem Gewehre waren ungefähr 70 Procent 
der türkischen Armee bewaffnet. 

Das Snider-Gewehr (Caliber 5*77 Linien = 14*6 mm) entsprach 
dem bei dem grössten Theile der russischen Infanterie in Ver- 
wendung stehenden Gewehre Krnka und Karle (Anfangsgeschwindig- 
keit 11 75 Fuss = 358 m in der Secunde) ; ein Theil der Snider- 
Gewehre bestand aus umgearbeiteten Minie- Vorderladern. Der 
Aufsatz reichte bis 1300 Schritt. 

Die Munition wurde bei der Infanterie aus den Patronen- 
Verschlagen ergänzt, welche jedem Bataillone auf Tragthieren 
oder auf Landesfuhrwerken nachgeführt wurden. 

Die Cavallerie hatte Magazins- Gewehre Henry-Winchester 
(Caliber 4-3 Linien = io'9 mm) bei den Dragonern, sowie bei den 
1. und 6. Escadronen der Uhlanen-Regimenter (die übrigen 
Escadronen waren mit Piken, nebst Sä.beln und Revolvern, be- 
waffnet). Mit Winchester-Gewehren war auch ein Theil der 
Baschibosuks ausgerüstet. Auch bei diesen Gewehren reichte 
der Aufsatz bis 1300 Schritt. 

Die Feld-Artillerie war folgend bewaffnet : die reitenden 
Batterien und ein Drittel der Fuss-Artillerie — eine Batterie in 
jeder Fuss- Abtheilung (Bataillon) — mit vierpfündigen, die übrigen 
sechs Feld-Batterien jedes Corps mit sechspfündigen Stahl-Hinter- 
lad-Kanonen, die Gebirgs-Batterien endlich mit dreipfündigen 
Bronze-Hinterlad-Geschützen. 

Der grösste Theil der Geschütze der türkischen Artillerie 
gehörte zu den ersten Modellen der gezogenen Hinterlad-Kanonen, 
welche nicht durch Ringe verstärkt waren und mit relativ kleinen 
Ladungen feuerten, die den Geschossen eine Anfangsgeschwindig- 
keit von höchstens 1000 Fuss [305 vt\ in der Secunde verliehen. 
Diese Geschütze waren entweder mit dem Doppelkeil-Verschlusse 
Kreiner oder mit massivem prismatischen Verschlusse versehen. 

Die Zahl der weittragenden durch Ringe verstärkten Stahl- 
kanonen System Krupp, welche mit einer Anfangsgeschwindig- 
keit von 1400 Fuss [427 m] in der Secunde schössen, war besonders 
zu Beginn des Feldzuges sehr gering. Nach vorhandenen Daten 



46 

verfügte die Armee Abdul Keritn Paschas zu dieser Zeit 
bloss über 48 weittrag-ende Geschütze und erst in der Folge 
vermehrte sich deren Zahl, da die neu eintreffenden Batterien 
mit solchen bewaffnet waren. Bei Osman Pascha in Plevna war 
kein einziges solches Geschütz vorhanden. 

Die Geschossgattungen der türkischen Artillerie waren : 

1. Die Granate, einwandig ; mit Percussionszünder ; die Func- 
tionierung derselben war im allgemeinen nicht befriedigend ; 

2. das Shrapnel, mit Distanzzünder, wirkte gegen ungedeckte 
Truppen sehr erfolgreich ; es muss jedoch bemerkt werden, dass 
die Türken mit der Tempierung des Zünders nicht umzugehen 
verstanden ; 3. die Kartätsche, welche aber seitens der Türken 
äusserst selten verwendet wurde. 

Die artilleristische Ausrüstung der Armee war vollkommen 
sichergestellt x ). 

Die höheren Führer der türkischen Armee standen, mit 
wenigen Ausnahmen, nicht auf der Höhe ihrer Aufgabe. 

Das Officiers-Corps war nicht einheitlich : ein geringer Theil 
der Infanterie- und Cavallerie-Officiere (nicht mehr als 5 bis 10 Procent) 
hatte den Curs der Militär- Schulen absolviert, die grosse Mehrzahl 
war aber aus dem Mannschaftsstande befördert worden, wobei 
die Prüfung sich auf die Reglements beschränkte und nicht einmal 
die Kenntnis des Lesens und Schreibens forderte. 

Die Artillerie und die technischen Truppen hingegen er- 
gänzten sich zumeist durch gut ausgebildete Officiere, welche die 
Artillerie- und Ingenieur-Schule mit sechsjähriger Cursdauer ab- 
solviert hatten. 

Die Ergänzung der Unterofhciere erfolgte durch Ausbildung 
von Soldaten in den Unterofficiers- Schulen der Truppen. Trotz 
der kurzen Präsenz-Dienstzeit war die Qualität der Unterofficiere 
der türkischen Armee sehr befriedigend. Die grösste Aneiferung 



*) Zu Beginn des Krieges verfügte die Regierung nach officiellen türkischen 
Daten über: 138 Feld-Batterien und 800 Festungs-Geschütze; 334.OOO Henry-Martini- 
Gewehre, von welchen 310.000 an die Truppen ausgegeben waren und der Rest sich 
in Depots befand; 325.000 Snider-Gewehre, welche zum Theile an die Truppen 
besonders des Redif ausgegeben waren ; ungefähr 39. 000 Winchester-Gewehre und 
circa 20.000 Revolver, mit welchen die Cavallerie, die Miliz und die Gendarmen be- 
theilt waren. Ueberdies waren in Amerika neue Vorräthe an Gewehren in dem Aus- 
mass eines Drittels der vorhandenen bestellt worden. Dortselbst wurden auch Munitions- 
vorräthe successive beschafft. Es wurde allmählich ein bedeutender Vorrath an Patronen 
angesammelt; man beabsichtigte für jeden Fuss-Soldaten 500 bis 1 000 Patronen bereit- 
zustellen. 



47 

für das gute Verhalten der Unterofficiere war die Hoffnung auf 
die Beförderung zum Officier nach Ablauf der festgesetzten 
Dienstzeit. 

Die Heeresleitung litt an Vielköpfigkeit; sie befand sich 
nämlich in den Händen mehrerer voneinander unabhängigen 
Personen. So war der General-Feldzeugmeister (Muschir-tophane' 
— sozusagen der Artillerie-Minister und zugleich Leiter der 
technischen Truppen — in keiner Weise dem Kriegs- Minister 
(Serasker) untergeordnet. Diese Einrichtung, welche sich im Frieden 
eingelebt hatte, wurde dann im Kriege durch den Mangel an Ein- 
heitlichkeit in der Leitung der Armee fühlbar. 

Der Armee-Commandant war in seinen EntSchliessungen 
nicht frei, denn er musste seine Operations-Pläne der Genehmigung 
des Sultans unterbreiten, welcher sie in dem auf Kriegsdauer 
errichteten „geheimen Kriegsrathe" prüfen Hess. Die Ent- 
scheidungen dieses Kriegsrathes wurden zur Vollziehung dem 
Armee-Commandanten unmittelbar oder durch den Kriegs-Minister 
mitgetheilt. Zugleich war der Armee-Commandant verpflichtet, 
seine Massnahmen mit den Anschauungen des Kriegs-Ministers 
und des bei letzterem bestehenden Kriegsrathes (darichura) in 
Uebereinstimmung zu bringen. Schliesslich befanden sich auf dem 
Operationsschauplatze selbst Vertrauens-Personen des Sultans, 
deren Meinungen der Armee-Commandant auch Rechnung tragen 
musste 1 ). 

Der türkische Generalstab bestand aus 130 Officieren ver- 
schiedener Grade. Er ergänzte sich jährlich durch 8 Absolventen 
der Kriegsschule in der Hauptmanns- Charge. 

Feld- Anstalten waren nicht organisiert ; mobile Parks besass 
die Armee überhaupt nicht ; der ärarische Truppen-Train bestand 
aus vier Tragpferden oder Mauleseln für jede Infanterie- 
Compagnie und Cavallerie-Escadron ; alle übrigen Lasten, Vor- 
räthe und Schanzzeug wurden jedem Bataillon auf Landes- 
Fuhr werken oder Tragthieren nachgeführt, welche durch 
Requisition zu beschaffen waren ; dies beschränkte in hohem 
Masse die Beweglichkeit der Truppen und wurde, wie es sich 
im letzten Kriege herausstellte, nicht selten zum Hindernisse für 
Offensiv-Operationen der Türken. 

Das Spitalswesen entsprach kaum den Bedürfnissen der 
Friedenszeit, für den Krieg aber war in dieser Richtung gar 

a ) Nach den hinterlassend! Aufzeichnungen Strecker (Resid) Paschas. 



4* 

nicht vorgesorgt, und es bestanden nicht einmal Cadres für 
mobile Spitäler x ). 

Intendanz- Anstalten waren nicht vorhanden. Die Obliegen- 
heiten der Intendantur wurden sowohl im Frieden als im Kriege 
von dem obersten Rathe beim Kriegs-Ministerium, von den Corps- 
Commandanten und Corps-Räthen (Ausschüssen) versehen. 

Wiewohl die Verpflegung und die Geldgebüren der 
türkischen Truppen durch Gesetze und Vorschriften in genügendem 
Masse sichergestellt waren 2 J, so erfolgte in der Wirklichkeit 
die Auszahlung der Gebüren sehr unregelmässig und wurde 
zeitweise ganz eingestellt. Proviant, Fourage und Bekleidung, 
welche nicht nur an die Mannschaft, sondern auch an die 
Officiere in natura zu verabfolgen waren, wurden nicht recht- 
zeitig* und in ungenügender Menge ausgegeben. 

Ausser den Truppen des ottomanischen Reiches nahm an 
dem Kriege mit Russland ein Trupp en-Contingent des türkischen 
Vasallen-Staates Aegypten theil. 

Die Streitkräfte Aegyptens bestanden aus Feld-Truppen 
und deren Reserve, dann irregulären Truppen und Gendarmen 
(Kawassen). Die gesammte Kriegsstärke der ägyptischen Feld- 
Truppen erreichte 65.000 Mann mit 150 Geschützen. 

Hievon stellte Aegypten gegen Russland 12 Bataillone 
Infanterie, 1 Cavallerie-Regiment (6 Escadronen) und 4 Batterien 
bei. Die Infanterie war mit Remington-Hinterladern bewaffnet. 
Die Artillerie war mit geringer Ausnahme mit gezogenen 
Bronze-Vorderlad-Kanonen französischen Systems von vier- und 
zwölfpfündigem Caliber ausgerüstet. 

Der türkische Soldat zeichnete sich durch wertvolle 
militärische Eigenschaften aus. In der Erkenntnis, dass nur 
Mohammedaner das Recht hatten, Waffen zum Schutze des 
Sultans und des Glaubens zu tragen, war er, sich der religiösen 



1 ) In Friedenszeit bestanden: in Constantinopel acht Spitäler für 2200 Kranke, 
bei jedem Corps ein Spital, ferner einige abgesonderte Spitäler in mehreren Garnisons- 
orten. — Zu Beginn des letzten Krieges waren Spitäler eröffnet in : Varna, Nis, 
Sofia, Sumla, Silistria, Ruscuk. Tatar-Pazardzik, Osman Pazar, Trnovo und Gabrovo. 
Mit Beginn der Operationen erschienen zur Hilfeleistung für die verwundeten türkischen 
Soldaten fremdländische Hilfsgesellschaften mit ihren Aerzten und Ambulanzen. 

2 ) Der Corps-Commandant (musir) bezog einen Jahresgehalt von 33.000 Rubel; 
der Divisionär 8000, der Regiments-Commandant 2400, der Bataillons- und der 
Escadrons-Commandant 1200, der Infanterie-Hauptmann 460, der Unterlieutenant 
300 Rubel, die Mannschaft von 2 bis 4*5 Rubel jährlich. 



49 

Disciplin unterwerfend, gehorsam und bedurfte keines Antriebes. 
Strafen waren in der türkischen Armee sehr selten und wurden 
in der Regel durch mündliche Verweise ersetzt. Ausdauernd, 
nüchtern, massig, ein hervorragender Fussgänger, könnte der 
türkische Soldat bei entsprechender Ausbildung und Erziehung 
ein Muster-Soldat sein. 

Lagerübungen waren selten und brachten kaum einen Theil 
jenes Nutzens, welchen man von ihnen erwarten kann. Das 
Manövrieren mit Heereskörpern aus allen drei Waffengattungen 
gehörte nicht in den Rahmen der Truppen- Ausbildung. Eine 
Ausnahme bildeten die Truppen des 2. Corps, dessen Com- 
mandant Abdul Kerim Pascha seine Truppen zeitweise im 
Lag'er bei Sumla in der Stärke von 20 bis 30.000 Mann con- 
centrierte und in Detachements aller drei Waffen manöv- 
rieren liess. 

Nach Angaben Becker Paschas vollzog* die türkische 
Infanterie ihre Bewegungen sogar im Angesichte des Feindes 
in Haufen ohne jede Ordnung. 

Was nun die im letzten Kriege seitens der Türken 
bewiesene Eignung zur zähen Defensive betrifft, so findet die- 
selbe ihre Erklärung zum grossen Theile in den angeborenen 
Eigenschaften des türkischen Soldaten: seiner Ausdauer, Zähigkeit, 
seinem Fanatismus, der steten Unterwerfung unter das Schicksal, 
zum Theile auch in der Gewöhnung an Erdarbeiten, Aber auch 
die türkische Regierung that ihrerseits alles, um die Eignung 
ihrer Truppen für die Defensive zu heben, umsomehr, als diese 
Truppen zum grossen Theile aus rasch zusammengestellten und 
schlecht ausgebildeten Redif- und Mustahfiz-Bataillonen bestanden. 

Die Türken hatten, wie bereits erwähnt, ihre Infanterie mit 
einem (bezüglich Tragweite und Feuerschnelligkeit) vervoll- 
kommneten Gewehre, mit einem bedeutenden Patronen- Vorrathe 
und mit Schanzzeug ausgerüstet 1 ). Ihre Gefechtsweise war im 
allgemeinen folgende : sie besetzten eine in der Front mit- 
unter mehrere Werst ausgedehnte Stellung und hoben sofort 
Schützengräben (womögiich in mehreren Etagen), Verschanzung-en 

1 ) Jedes Infanterie-Bataillon hatte in der Regel mehrere Maulesel, welche mit 
je zwei Patronen-Verschlagen zu 2000 Patronen beladen waren. Jeder türkische Fuss- 
Soldat trug bei sich 150 bis 200 Patronen, verbrauchte aber tagsüber nicht selten das 
Doppelte. Die türkischen Truppen waren im Schiessen nicht regelrecht ausgebildet, 
sie schössen im Gefechte aufs Gerathewohl ohne zu zielen, dafür aber ununterbrochen. 
Auch das Schanzzeug wurde den Truppen mittelst Tragthieren nachgefühlt. 

Der russisch-türkische Krieg. I. Bd. 4 



50 

und Batterien aus ; sodann errichteten sie, wenn es die Zeit 
erlaubte, Redouten auf den wichtigeren Punkten. 

Die Herrichtung des Kampfplatzes seitens der Türken wird 
durch den nächststehenden Mitarbeiter und Gehilfen Skobelews 
folgend charakterisiert 1 ): 

„Wenn die Türken eine Stellung einnehmen, verstärken 
sie dieselbe sofort durch Schützendeckungen. Lässt man sie 
dann noch in Ruhe, so vertiefen sie die Deckungen, werfen 
Geschützstände auf und errichten hierauf offene und geschlossene 
Verschanzungen starken Profils. Wenn es die Zeit weiter 
gestattet, werden in den Befestigungen Traversen gegen Rücken- 
feuer und statt einer — falls es das Terrain zulässt — mehrere 
Linien Trancheen aufgeworfen. Schliesslich erweitern sie die 
Stellung*, indem sie die benachbarten Höhen einbeziehen und 
dieselben mit Deckungen verstärken. Ihre befestigten Lager bei 
Lovca und Plevna zeigen, dass die Erdarbeiten nicht eine Minute 
unterbrochen wurden." 

; ,Bei Lovca bauten die Türken, als die Befestigung der 
Stellung* für beendet galt, noch einige prächtige Depots und 
schritten endlich zu den letzten Arbeiten : dem Baue durch 
Blendungen gesicherter Unterkünfte für ihre Truppen. Diese 
letzte Arbeit Hessen wir sie nicht mehr vollenden." 

. ; In den Trancheen war die Sorge für die Bequemlichkeit 
der Soldatenunterkünfte erstaunlich. An der inneren Böschung 
der Trancheen waren Vertiefungen angebracht, in welche für 
die Kämpfenden Wasser, mitunter auch Meth und Zwieback 
gestellt wurde. Die Patronen wurden theils in diese Nischen 
gelegt, theils in Verschläg*en auf den Boden der Trancheen 
gestellt." 

,,Die von uns eroberten türkischen Befestigungen bei Sipka, 
Lovca und Plevna waren nicht nur solid in ihren Ausmassen, 
sondern auch äusserlich schön ausgeführt." 

„. . . Nicht einmal der Sieg liess die Türken an die Be- 
festigung ihrer Stellungen vergessen." 

Ueberhaupt waren die Befestigungen der Türken und deren 
Anlage so gut dem Terrain angepasst, dass nicht eine der vor- 
geschobenen Deckungen nach deren Einnahme durch die Russen 
diesen einen entsprechenden Schutz gegen Artillerie- und 
Infanteriefeuer gewährte. Bei der Anwendung des Infanterie- 



X J ,,Tagebuch und Notizen" von A. N. Kuropatkin. 



feuers trachteten die Türken, den Gegner auf möglichst grosse 
Entfernung und mit thunlichst dichtem Feuer zu treffen. Sobald 
sich demnach der Gegner im Schussbereiche zeigte, wurde gegen 
ihn ein lebhaftes Feuer eröffnet, wobei das Hauptaugenmerk 
nicht auf die Genauigkeit der einzelnen Schüsse, sondern auf 
das Bestreichen ganzer Flächen gerichtet wurde. 

Die türkische Artillerie war ihrer Ausbildung und Aus- 
rüstung nach die beste Waffengattung und schoss gut mit der 
Granate. Das Shrapnel wurde von den Türken ungeschickt 
gehandhabt. 

Dem Kampfe mit der stärkeren russischen Artillerie wich 
die Artillerie der Türken aus ; sie wechselte häufig die Stellung 
und machte ausgedehnten Gebrauch von Erddeckungen, in denen 
sie die Bedienung unterbrachte ; sie unterhielt hiebei das Feuer 
nur zeitweise. Beim Vorgehen der russischen Infanterie zum 
Angriffe wurde das Feuer mit besonderer Energie erneuert. 

Das Artilleriefeuer wurde gewöhnlich auf sehr weite 
Distanzen eröffnet, was zur Abnützung des eigenen Materials führte, 
ohne aber dem Gegner Schaden zuzufügen. Für eine Massen- 
wirkung war die türkische Artillerie nicht ausgebildet. 

Die angriffsweise Vorrückung der Türken begann mit einem 
andauernden Massenfeuer auf grosse Distanzen. Den Angriff 
selbst führte die türkische Infanterie in der Gefechtsordnung aus, 
welche aus einer dichten Schwarmlinie mit ganz nahe folgenden 
geschlossenen Unterstützungen bestand. Hinter dieser ersten 
Linie folgten in weiter Entfernung und in grossen Körpern die 
Reserven 1 ). Der Angriff wurde von lebhaftestem Gewehrfeuer 
begleitet. 

In der Regel führten die Türken ihre Angriffe frontal aus 
und nur in seltenen Fällen versuchten sie eine Umgehung der 
feindlichen Stellung. An den Flügeln der türkischen Infanterie 
tummelten sich gewöhnlich ungeordnete Haufen irregulärer 
Reiterei (Baschibosuk). Dass die Baschibosuk keinerlei Organisation 
besassen, wird von den Türken selbst bezeugt. Nach ihrem eigenen 
Urtheile waren diese halbwilden Horden weniger dem Feinde als 
den schutzlosen Einwohnern gefährlich. Den besten Theil der 
irregulären Reiterei bildeten die aus dem Kaukasus übersiedelten 



*) Die Mehrzahl der türkischen Commandanten zog es überhaupt vor, den 
grösseren Theil ihrer Kräfte in Reserve auf weite Entfernung von der Gefechtslinie 
zu halten. 

4* 



52 

Tscherkessen, welche jedoch einen namhaften Theil ihrer früheren 
kriegerischen Eigenschaften verloren hatten 1 ). 

Was die reguläre Cavallerie anbelangt, welche sich vor- 
zugsweise aus Kurden, Arabern und anderen asiatischen 
Stämmen ergänzte, so hatte sie unter Leitung europäischer 
Instructoren, welche weder die Gewohnheiten noch die Jahr- 
hunderte alten Traditionen beachteten, allmählich ihre mili- 
tärischen Tugenden soweit eingebüsst, dass sie sich auf dem 
Kriegsschauplatze nicht allein in keiner Weise bemerkbar 
machte, sondern sorgfältig jedem Zusammenstosse mit der 
russischen Cavallerie aus dem Wege gieng ; sie vermied es 
überhaupt, auf dem Kampfplatze zu erscheinen 2 ). 

Im allgemeinen muss bemerkt werden, dass die türkische 
Reiterei, sowohl die reguläre als die irreguläre, den schwächsten, 
am schlechtesten ausgebildeten und an Zahl geringsten Theil 
der türkischen Streitkräfte bildete 3 ). 

Die Frage nach der Zahl der von der Türkei im letzten 
Kriege aufgebotenen Truppen ist sehr schwer genau zu beant- 
worten. Die fortwährenden Unruhen und die ununterbrochenen 
Truppen-Verschiebungen zur Unterdrückung der Aufstände in 
den verschiedenen Gebieten der Türkei nöthigten dieselbe, die 
Zusammensetzung sowohl der grossen als der kleinen Körper 
so häufig zu ändern, dass es sogar im Frieden an genauen 



*) Im Jahre 1864. waren gegen 90.000 Tscherkessen beiderlei Geschlechts in 
die europäische Türkei eingewandert. Die kriegerischen Bergbewohner, nunmehr in 
kleinen Gemeinden unter den Bulgaren angesiedelt, wandten sich der Landwirtschaft 
zu und büssten nach und nach ihre kriegerischen Gewohnheiten ein. Der türkische 
Tscherkesse war im letzten Kriege nicht mehr der kühne Reiter und sichere Schütze 
von ehedem. Auf minderwertigen und kleinen Pferden sitzend, wichen die Tscherkessen 
dem Zusammenstosse mit feindlicher Cavallerie aus und zogen es vor, das Feuer zu 
Pferde zu eröffnen. Sie waren mit Magazins-Gewehren bewaffnet und unterschieden 
sich nach ihrer Ausrüstung, und Bekleidung nicht von den kaukasischen Kasaken. 

2 ) Die türkische Cavallerie war nach dem Reglement und Muster der 
französischen Armee durch eigens aus Frankreich hiezu berufene Officiere reorganisiert 
worden. Zu Gunsten der gleichmässigen Front entsagten die höheren türkischen Officiere 
den vollblütigen, temperamentvollen Pferden des Orients und ersetzten sie durch eine 
schlechtere in Europa beschaffte Sorte. 

3 ) Es wird angegeben, dass die Türken speciell auf dem europäischen Kriegs- 
schauplatze über circa 8000 Mann regulärer und ungefähr 20.000 Mann irregulärer 
Reiterei (Baschibosuk) verfügten. Die erstere Ziffer ist als übertrieben anzusehen, 
die zweite ist ganz willkürlich angenommen, denn über die Baschibosuk bestand 
keinerlei Evidenz. Strecker gibt die Zahl der am Kriege betheiligten irregulären 
Reiterei mit 12. 000 Mann an. 



53 

Daten über die Effectivstände der Armee mangelte. Im Verlaufe 
des ganzen letzten Feldzuges war türkischen Quellen zufolge die 
Stärke ihrer Truppenkörper sehr bedeutend geringer als die 
normierten Stände. 

Wenn es demnach auch möglich war, die Zahl der 
taktischen Einheiten in Erfahrung zu bringen, so war man, um 
deren Gefechtsstärke zu ermitteln, unter den vorangeführten 
Umständen auf Combinationen angewiesen. 

Von allen bezüglichen Daten haben naturgemäss jene den 
grössten Wert, welche die Stärke der Türken zu Beginn des 
Krieges angeben. 

Vor dem Aufstande in der Hercegovina und Bosnien ver- 
fügte die Türkei im Frieden über circa 128.000 Mann Feld- 
Truppen (Nizam), ungefähr 20.000 Gendarmen und 10.000 Mann 
Local-Truppen. Zu Beginn der Unruhen in den genannten 
Provinzen begann die Türkei — laut den erhaltenen Nach- 
richten — ihre Armee auf den Kriegsstand zu bringen ; anfangs 
des Jahres 1876 schritt sie an die Completierung der Nizam- 
Bataillone durch Ihtijat-Mannschaft; gleichzeitig mobilisierte sie 
über 100 Redif-Bataillone 1. Classe. Im Juni desselben Jahres, 
als Serbien und Montenegro der Türkei den Krieg erklärten, 
wurde die 2. Classe des Redif einberufen. Zugleich wurde 
die Theilnahme von Freiwilligen und Baschibosuk am Krieg'e 
gestattet. Ungefähr -um dieselbe Zeit wurden auch die ägyptischen 
Hilfs-Truppen gegen die Serben in Bewegung gesetzt. 

Auf diese Art zählte die türkische Armee gegen Ende 
October 1876, das ist zur Zeit der ersten Mobilisierung der 
russischen Truppen, ung'efähr 448 Infanterie-Bataillone, 147 Ca- 
vallerie-Escadronen und 114 Feld- und Gebirgs-Batterien. 

Von dieser Gesammtzahl befanden sich auf dem europäischen 
Kriegsschauplatze etwa 327 Bataillone, 84 Escadronen und 
68 Batterien, was annähernd 190.000 Bajonnette und Säbel ergeben 
mochte» 

Damaligen Nachrichten zufolge waren alle diese Truppen 
durch den vorangegangenen Kampf mit den insurgierten Gebieten 
und den Fürstenthümern arg gelockert ; grösstentheils waren 
sie an den Grenzen der letzteren versammelt x ). Nach Ueber- 



J ) Um diese Zeit befanden sich speciell zwischen Donau und Balkan, ohne die 
bei Vidin stehenden Truppen, im ganzen 14 Bataillone und 6 Escadronen, welche in 
kleinen Gruppen in den Festungen und Städten Donau-Bulgariens dislociert waren. 



54 

reichung des russischen Ultimatums vom 19. October [1. November] 
traf jedoch die türkische Regierung sofort Massnahmen zur Ver- 
legung und Verstärkung der Truppen. 

Die Vermehrung gieng laut den Nachrichten des Feld- 
stabes nur langsam vor sich; gegen 1. [13.] Jänner 1877 waren bloss 
1 8 Infanterie-Bataillone hinzugekommen ; die Stärke der Cavallerie 
und Artillerie hatte sich nicht erhöht. 

In der Vertheilung der Truppen waren dagegen namhafte 
Aenderungen eingetreten; zwischen der Donau und dem Balkan 
standen gegen 1. Jänner: 125 Inf an terie -Bataillon e, 29 Cavallerie- 
Escadronen und 26 Batterien ; was mit den bei Vidin und Zajecar 
befindlichen Truppen ungefähr 80.000 Mann ergab. 

Vom Monate Jänner bis zum Beginne des Krieges war 
die türkische Regierung bemüht, neue Redif-Truppen zu 
formieren, den Landsturm (Mustahfiz) zu den Fahnen ein- 
zuberufen, die Zahl der Feld- und Gebirgs-Batterien *) zu ver- 
mehren, Munitions- und Verpflegs-Vorräthe in Nis, Vidin ; Sumla, 
Adrianopel u. a. aufzustapeln. Dank diesen Massnahmen verfügte 
die Türkei schon Mitte März über 560 Bataillone mit 858 Feld- 
und Gebirgs-Geschützen. 

Von diesen Truppen standen unmittelbar hinter der Donau : 

a) in dem Festungs-Viereck (Sumla, Varna, Silistria, 
Ruscuk) gegen 60.000 Mann und 

b) in der Umgebung von Vidin gegen 58.000 Mann. 

Für beide Armeen war genügendes Material zu einem 
U ebergange auf das linke Donau-Ufer vorbereitet, und die Türken 
gedachten anscheinend den Uferwechsel bei Vidin und Silistria 
auszuführen. 

Im April und Mai 1877 zählte die gesammte türkische Armee, 
wie die Nachrichten des Feldstabes besagten, 580 Infanterie- 
Bataillone, 147 Cavallerie-Escadronen und 143 Batterien, das ist 
nach einer beläufigen Berechnung ungefähr 406.000 Mann aus- 
schliesslich regulärer Truppen mit 858 Feld-Geschützen 2 ). Es 
wurde angenommen, dass hievon ungefähr 280.000 Mann sich 
in der europäischen Türkei befanden und folgendermassen ver- 
theilt waren : gegen 90.000 Mann in Bosnien, Hercegovina, 
Albanien, Epirus, Thessalien und auf Greta ; der Rest mit 



l ) Hauptsächlich mangelte es an Pferden ; zur Beseitigung dieses Uebelständes 
entschloss man sich, die Schnellfeuer-Batterien aufzulassen. 

<l ) Die Stärke der irregulären Truppen soll nach den vorhandenen Nachrichten 
gegen 70.000 Mann betragen haben. 



55 

190.000 Mann war für die Operationen gegen die russische 
Armee bestimmt. 

Ende Mai verfügten die Türken laut russischen Nachrichten 
über 150.450 Mann zur Vertheidigung der Donau, und zwar: 
im Babadag-Gebiete 9650 Mann, im östlichen Bulgarien 87.750 
Mann und im westlichen Bulgarien (hauptsächlich bei Vidin) 
53.050 Mann. 

Ueberdies waren disponibel: zum Schutze des Balkan 
8650 Mann, im Transbalkan- Gebiet 18.150 Mann und in Con- 
stantinopel 12.900 Mann. 

Demnach verfügten die Türken, um den Russen an der 
Donau, im Balkan und auf dem Wege nach Constantinopel ent- 
gegenzutreten, schon damals über 189.000 Mann regulärer 
Truppen. 

So lauteten die Nachrichten des russischen Feldstabes über 
die Streitkräfte des Gegners unmittelbar vor dem Uebergange 
der russischen Armee über die Donau. 

Vergleicht man hiemit die türkischen Quellen, so findet 
man, dass die ziffermässigen Angaben in dieser Richtung* nahezu 
übereinstimmen 1 ). Die Gesammtstärke der türkischen regulären 
und irregulären Streitkräfte auf allen Schauplätzen wurde seitens 
der Türken mit 494.000 Mann angegeben. Hie von waren 
186.000 Mann im Tuna- [Donau-] Vilajet, das ist in der Dobrudza, 
im Festungs- Viereck, in Vidin, Trnovo, Gabrovo, Nis, Sofia und 
Adrianopel ausgewiesen. 

Die im sogenannten Festungs-Viereck und in den west- 
bulgarischen Festungen befindlichen Truppen waren ursprünglich 
bloss für die Vertheidigung* bestimmt und erst in der Folge 
sollte ein Theil derselben gegen die russischen Verbindungen 
wirken. Zur Bekämpfung der russischen Hauptkräfte im freien 
Felde nach deren Donau-Uebergange sollte hinter dem Balkan 
eine besondere Reserve- Armee vorerst aus Mustahfiz und später 
aus der mohammedanischen und der christlichen Bevölkerung 
Constantinopels formiert werden. Es gelang jedoch der Türkei, 
weder das eine noch das andere auszuführen, und erst im Beginne 
des Monates Juli trafen die Türken wirksamere Massnahmen, 



] ) Dies erscheint auch leicht begreiflich, da es den russischen Agenten in der 

Mehrzahl der Fälle nur jene Daten zu beschaffen gelang, welche in den Acten der 

Stäbe und Kanzleien vorhanden waren und demnach die normierten, nicht aber die 
Effectiv-Stände enthielten. 



5& 

um das Vordringen der russischen Truppen in das Innere des 
Landes aufzuhalten 1 ). 

Von diesen Massnahmen, sowie von der Entwicklung der 
türkischen Streitkräfte in den weiteren Perioden des Feldzuges 
wird später die Rede sein. 

Hier wäre bloss zu bemerken, dass im Laufe des Krieges 
die Gesammtzahl aller regulären türkischen Truppen kaum je 
500.000 Mann erreichte. Hievon konnten zu den Operationen gegen 
die russische Armee auf der Balkan-Halbinsel etwa 250.000 Mann, 
aber auch diese nicht auf einmal, sondern successive aufgeboten 
werden 2 ). Diese höchste Ziffer vermochten die Türken erst kurz 
vor dem Falle Plevnas zu erreichen. Nach der Gefangennahme der 
Armeen Osman Paschas und Wessel Paschas verminderten sich 
die türkischen Kräfte innerhalb eines Monats um 70.000 Mann. 
Zählt man ferner circa 20.000 Mann hinzu, welche früher die Waffen 
niedergelegt hatten und mindestens 50.000 Kranke, Verwundete 
und Gefallene, so ergibt sich, dass zum Schlüsse des Krieges in 
den Reihen des türkischen Heeres kaum mehr als 125.000 Mann 
standen, welche fähig waren, den Kampf mit den russischen 
Truppen auf der Balkan-Halbinsel fortzusetzen 8 ). 

Die türkische Flotte, deren Entwicklung Sultan Abdul 
Azis sein besonderes Augenmerk zuwandte, war wohl zahlreich, 
sie erwies aber den Land-Truppen keine wirksame Hilfe. 

Die Panzer-Flotte war in Bezug auf das Material durch die 
Fürsorge des Sultans auf eine hohe Stufe gebracht worden, aber 
der Personalbestand entsprach seiner Aufgabe nicht. Der Versuch, 
diesem Mangel durch Einberufung erfahrener Ausländer 
(Hobarth Pascha) abzuhelfen, hatte keinen Erfolg*. 

Nach officiellen Angaben bestand die türkische Flotte im 
Jahre 1877 aus 22 gepanzerten und 82 ungepanzerten Schiffen. 
Den vorhandenen Daten zufolge befanden sich auf diesen 
Schiffen 763 Geschütze und 15.000 Mann 4 ). 



x ) In der sogenannten Sumla- Armee waren für die Operationen im freien 
Felde Ende Juni kaum 30 Bataillone (circa 20.000 Mann), Mitte Juni aber nicht 
mehr als 50 Bataillone verfügbar. 

2 J Nach den Angaben des damaligen französischen Militär- Attaches bei der 
türkischen Armee im Kriege, Herrn Torcy, überstieg die Zahl nicht 220.000 Mann. 

3 ) Ueber die Gefechtsverluste der türkischen Truppen in diesem Kriege fehlt 
es selbst an annähernden Daten. 

4 ) Bericht des Inspections-Departements des Marine-Ministeriums für das Jahr 
1877, S. 93- 



57 

Die Panzer-Schiffe, mit einem drei- bis neunzölligen Panzer 
versehen, waren hauptsächlich mit gezogenen, sieben- bis neun- 
zölligen Armstrong-Vorderlad-Geschützen armiert; zum Theile 
fanden sich auch glatte Geschütze vor. 

Ende 1876 gliederte sich die türkische Flotte in folgende 
Geschwader : 

1. Das Donau- Geschwader, bestehend aus 5 gepanzerten 
Kanonen-Booten, 4 Schrauben-Schonern und 3 Transport- 
Dampfern, zusammen 12 Schiffe mit 22 Geschützen und 640 Mann 
Bemannung; 2. das Panzer-Geschwader, unter Commando 
Hobarth Paschas, im Marmara-Meere ; 3. das Mittelmeer- 
Geschwader; 4. das Geschwader des Rothen Meeres und 5. jenes 
des Persischen Busens. 

Die türkische Flotte zeichnete sich nicht durch besondere 
Gefechts-Eigenschaften aus ; sie konnte jedoch beim Truppen- 
Transporte wesentliche Dienste leisten, insbesondere bei der 
Mitwirkung von Privatdampfern, von denen 30 im Verlaufe einer 
Woche in Constantinopel allein gechartert werden konnten ; 
dies gewährte der Pforte die Möglichkeit, gegen 35.000 Mann 
gleichzeitig einzuschiffen und an einem beliebigen Punkte zu 
landen. Türkischen Quellen zufolge wurden während der ganzen 
Dauer des Krieges ungefähr 150 Bataillone aus den verschiedensten 
Theilen des Reiches auf dem Seewege nach Varna, Dedeagac, 
Constantinopel u. a. transportiert. Die grösseren Transport- 
Bewegungen fanden im Juli und December 1877 und zu Ende 
des Krieges statt. 

Laut Nachrichten des Feldstabes war die Donau-Flotille 
gegen 1. [13.] Jänner 1877 verstärkt worden und bestand aus 
10 bis 12 gepanzerten Schiffen verschiedener Grösse, 4 Schrauben- 
Schonern, 5 Kriegs-Dampfern, 9 Dampfern der Fluss-Flotille 
und einer grossen Zahl Barcassen, Schaluppen und Transport- 
Schiffen. 

Resümiert man die vorstehenden Ausführungen über die 
Streitkräfte der Türkei, so gelangt man zu dem Ergebnisse, 
dass die türkische Armee — ungeachtet vieler Mängel in der 
Organisation der Truppen, insbesondere hinsichtlich der höheren 
Führung und trotz ungenügender Ausbildung — sich als ein 
viel ernsterer Gegner erwies, als man es erwartet hatte. Die 
Ursachen sind, abgesehen von den vorzüglichen militärischen 
Eigenschaften des türkischen Soldaten, zu suchen: in der aus- 



gedehnten Anwendung- der schnellteuernden und weittragenden 
Waffen, soweit sich die schlecht ausgebildeten Truppen ihrer zu 
bedienen verstanden, ferner in der kunstvollen Ausnützung von Erd- 
deckungen, welche bei der seitens der türkischen Armee befolgten 
defensiven Art der Kriegführung- häufigste Anwendung fanden. 
Die feldmässige Befestigung leistete den Türken wesentliche 
Dienste ; der türkische Spaten, im Vereine mit dem weit- 
tragenden, schnellfeuernden und reichlich mit Munition dotierten 
Gewehre bildeten häufig unüberwindliche Hindernisse für den 
Angriff der an Zahl und Qualität überlegenen russischen 
Truppen. 



III. CAPITEL. 

Die Streitkräfte Rumäniens, Serbiens und 
Montenegros. 

Die Streitkräfte Rumäniens : die „active" und die ,,Territorial-Armee". — Die Streit- 
kräfte Serbiens: die „reguläre Armee" und das „Volksheer". — Die Streitkräfte 
Montenegros und deren Situation zur Zeit der Kriegserklärung Russlands an die Türkei. 

Gemäss des im Jahre 1831 herausgegebenen Statuts durften 
die Fürstentümer Moldau und Walachei, aus denen in der Folg-e 
das Fürstenthum Rumänien entstand; 7 Bataillone, 7 Escadronen 
und gegen 12.000 Mann unberittener und berittener Miliz auf- 
stellen. Diese reguläre rumänische Armee war zu jener Zeit ins 
Leben g*erufen worden, als Russland die Fürstenthümer ver- 
waltete ; die Reglements waren russisch, die innere Dienstes- 
organisation nach russischem Muster eingerichtet. 

Als im Jahre 1859 die Fürstenthümer unter dem Fürsten 
Alexander Cusa vereinigt wurden, gerieth alles Russische in 
Vergessenheit und an dessen Stelle trat das Französische ; aus 
Frankreich wurden auch die Instructoren berufen. Der Stand 
der Armee erhöhte sich auf 25 Bataillone, 8 Escadronen und 
4 Batterien und für den Polizeidienst im Inneren des Landes 
wurde eine berittene Wache (Calaraschen) formiert, wogegen den 
Grenzwachdienst Infanterie-Bataillone (Dorobanzen) zu versehen 
hatten. Die gesammte übrige Bevölkerung im Alter von 17 bis 
46 Jahren, welche in diesen Formationen nicht eing'etheilt war, 
bildete die National-Miliz. 

Im Jahre 1866, nach der Wahl des Prinzen Carl von 
Hohenzollern zum Fürsten, wurde damit begonnen, die Streit- 
kräfte des Landes nach deutschem Muster zu organisieren ; auch 



6o 

wurde in Rumänien nach preussischem Vorbilde das Territorial- 
system eingeführt. 

Anfangs October 1876 bestanden die rumänischen Truppen 
aus: a) der „activen Armee" mit ihrer Reserve; b) der „Territorial- 
Armee" mit ihrer Reserve (Cavallerie — Calaraschen J ), Infanterie 

— Dorobanzen, und Artillerie — Pompieri) ; c) der Miliz 2 ) ; und 
d) der National-Garde (in den Städtegemeinden) respective dem 
Landstürme 3 ) (in den Landgemeinden). 

Mit Ausnahme der Fremden war die gesammte Bevölkerung 
vom 21. bis 46. Lebensjahre kriegsdienstpflichtig. Die Einwohner- 
zahl Rumäniens betrug- vor dem Kriege gegen 4V2 Millionen. 

Die rumänischen Truppen ergänzten sich fast ausschliesslich 
aus einberufenen Recruten ; nur ein verschwindend geringer Theil 
waren Freiwillige und Längerdienende. Die Dienstzeit war wie 
folgt normiert: in der „activen Armee" — 4 Jahre Präsenz- Dienst- 
pflicht und 4 Jahre in der Reserve ; in der Territorial- Armee — 
5 (für die Calaraschen) und 6 Jahre (für die Dorobanzen) active 
Dienstpflicht und 3, respective 2 Jahre in der Reserve. 

Die Armee hatte zwei Stände, den Friedens- und den Kriegs- 
stand. Im Bedarfsfalle konnten nacheinander einberufen werden: 
die Reserve der activen Armee, die Territorial-Armee (Infanterie 

— Dorobanzen, Cavallerie — Calaraschen), die Miliz, die National- 
Garde und der National-Landsturm. 

Bei der activen Armee war das Regiment die administrative 
Einheit, Divisions- und Brigadestäbe gab es im Frieden nicht; 
zur Bildung derselben im Krieg'e wurden Generale und Offi eiere 
bestimmt, die im Frieden beim Generalstabe eingetheilt waren. 

Die active Armee und die Flotte bestanden aus: a) In- 
fanterie : 8 Linien-Regimenter (jedes zu 2 Bataillonen, das 
Bataillon zu 4 Compagmien), 4 Jäger-Bataillone, je ein Pompieri- 
Bataillon der Städte Bukarest und Jassi 4 ) und 2 Compagnien Fuss- 



r ) Zu den Calaraschen wurden über eigenen Wunsch wohlhabende Leute ein- 
getheilt, welche sich verpflichteten, auf eigene Kosten ein Pferd zu beschaffen und zu 
erhalten. 

-) Zur Miliz gehörten : a) alle Personen im Alter von 21 bis 29 Jahren, welche 
nicht in der activen Armee eingetheilt waren, b) jene, welche die Dienstpflicht in der 
Armee absolviert hatten, von ihrem 29. bis 37. Lebensjahre. 

'■') Alle Personen vom 37. bis 46. Lebensjahre. 

4 ; Die Pompieri-Bataillone hatten militärische Organisation. Im Jahre 1876 
wurde bei den Pompieri- Abtheilungen der 15 bedeutendsten Städte die neue Artillerie- 
Organisation eingeführt. 






6i 

Gendarmerie ; b) Cavallerie : 2 Roschioren-Regimenter zu 4 Esca- 
dronen (Rothe Husaren), 3 Escadronen regulärer Calaraschen und 
2 Escadronen berittene Gendarmerie ; c) Artillerie : 4 Regimenter 
(zu 5 fahrenden und 1 reitenden Batterie, ä 6 Geschütze) 1 ) > 
1 Compagnie technischer Artillerie und 1 Park-Abtheilung; d) tech- 
nischeTruppen — 1 Genie-Bataillon zu 4 Compagnien; e) der Donau- 
Flotille — 2 Dampfer mit je 4 Geschützen und 1 Kanonenboot 
mit 12 Ofncieren und 372 Matrosen (2 Marine-Compagnien) ; 
f) administrative Truppen — 1 Sanitäts-Compagnie und 1 Train- 
Escadron 2 ). 

Die Infanterie der activen Armee war mit dem Schnellfeuer- 
gewehr System Peabody, die Dorobanzen theilweise mit dem 
Dreyse-, theilweise mit dem Krnka- Gewehre bewaffnet; alle 
Infanteristen trugen Linemann'sche Spaten. Die Cavallerie war mit 
Säbeln, Pistolen und theilweise mit Zündnadel-Carabinern bewaffnet. 
Die Artillerie führte zumeist Krupp'sche Stahlkanonen, und zwar 
Vier- und Neunpfünder, von denen die letzteren weittragende 
Geschütze waren. Ein Theil der Artillerie hatte bronzene Hinter- 
lad-Kanonen (gegen 40 Geschütze). Ueberdies war eine Reserve 
von 100 gezogenen Vorderlad-Kanonen für denF all der Mobilisierung 
der Pompieri-Abtheilungen vorhanden; per Geschütz war ein 
Munitionswagen mit 50 Schuss normiert. Endlich existierte 
ein 160 Fuhrwerke zählender Munitions-Park ; in welchem 96 Schuss 
per Geschütz mitgeführt wurden. 

Das Sanitätswesen war ziemlich breit organisiert und hoch 
entwickelt. 

Bei jedem Regimente bestand ein Marodenzimmer für Leicht- 
kranke, ferner in der Stabsstation jeder Territorial-Division ein 
Spital, in Bukarest zwei Spitäler mit 400 Betten und eine Ab- 
theilung für Reconvalescente 3 ). Eine Sanitäts-Compagnie mit 
81 Unterofhcieren und 200 Mann bildete die Personal-Reserve für 
die Formierung von Verbandplatz-Abtheilungen im Kriegsfalle. 



1 ) Von den zwei Artillerie-Regimentern eines Corps bildete das eine die Corps- 
Artillerie, das andere wurde auf die zwei Divisionen aufgetheilt, deren jede eine Ab- 
theiluDg zu drei Batterien erhielt. 

2 ) Nach den vorgeschriebenen Ständen vom Jahre 1868 bestanden die Bataillone 
aus vier Compagnien zu 120 Mann im Frieden und 250 Mann im Kriege. Die 
Escadronen hatten einen Stand von 100 Pferden im Frieden und von 170 Pferden im 
Kriege. Die Compagnien des Genie-Bataillons gliederten sich in Pionnier-, Mineur-, 
Pontonier- und Telegraphen- Abtheilungen. 

• ) ) Ausserdem bestanden Militär-Spitäler in Craiova, Ploesci, Galatz, Jassi. 



Zur regulären Armee zählte auch eine Train-Escadron mit 
140 Zug-- und 25 Reitpferden (per Fuhrwerk vier Pferde). 

Die Territorial- Armee. In militärischer Beziehung* zerfiel 
Rumänien in vier Bezirke, welche den vier Territorial-Divisionen 
(Kleine und Grosse Walachei, Untere und Obere Moldau) ent- 
sprachen. Die Bezirke zerfielen wieder in Regiments-, Bataillons- 
und Escadrons-Kreise. 

Die Organisation der Territorial-Armee war jener der activen 
Armee analog; sie bestand im Kriege aus 16 Infanterie-Regi- 
mentern zu 2 Bataillonen (Dorobanzen) und 8 Cavallerie-Regi- 
m entern zu 4 Escadronen (Calaraschen). 

Die Territorial-Armee bewachte im Frieden die Reichs- 
Grenze und versah im Inneren den Polizei-Dienst; im Kriege bildete 
sie die Reserve der regulären Armee, konnte aber auch für secun- 
däre Operationen auf dem Kriegsschauplatze verwendet werden ] )- 
Die Artillerie der Territorial-Armee hatte nur Mannschafts- Cadres 
und einige Pferde. Ein organisierter Train war nicht vorhanden. 

Infolge der ungünstigen Finanzlage Rumäniens war die 
Ausrüstung der Armee noch mangelhaft und im Kriege fehlte 
es an vielem. 

Ueberhaupt war bei der rumänischen Armee vor dem 
Kriege mit der Türkei noch vieles unfertig ; trotzdem konnte 
Rumänien an regulären Truppen geg*en 20.000 Mann und an 
Territorial-Truppen gegen 32.000 Mann, das ist im ganzen 
52.000 Mann und 24 Batterien ins Feld stellen (52 Infanterie- 
und 4 Genie-Bataillone, 40 Escadronen Cavallerie, 144 Geschütze 
und 1 Munitions-Park mit 160 Fuhrwerken.) 

Diese Truppen sollten noch vor dem Kriege in 4 Infanterie- 
Divisionen und 4 Cavallerie-Brigaden eingetheilt und aus den- 
selben 2 Corps gebildet werden. 

Dies geschah im October des Jahres 1876, wo unter dem 
Vorwande von Herbst-Manövern die Kriegs-Ordre de bataille der 
rumänischen Armee zusammengestellt und auch verlautbart wurde ; 
nach derselben bestand die letztere aus 2 Corps zu 2 Infanterie- 
Divisionen; jede der letzteren aus 2 Infanterie-Brigaden, 1 Cavallerie- 
Brigade und 1 Artillerie-Regimente zu 3 Batterien ; ausserdem 
hatte jedes Corps eine Corps -Artillerie zu 6 Batterien (36 Ge- 
schütze) und 1 Cavallerie-Regiment (4 Escadronen). 



1 ) Thatsächlich wurden im Kriege 1877 — 18 7 8 Theile der Territorial-Armee in 
;1 ei eher Weise verwendet wie die reguläre Armee. 



63 

Bei den Corps waren sowohl reguläre als auch Territorial- 
Truppen eing-etheilt; aus Truppen beider Kategorien waren übrigens 
schon die Brigaden zusammengesetzt. 

Die Infanterie-Brigaden bestanden entweder aus 6 Bataillonen 
(nämlich aus i regulären und 2 Dorobanzen-Regimentern), oder 
aus 7 Bataillonen (und zwar aus 6 Bataillonen gleicher Zusammen- 
stellung wie oben und überdies 1 Jäger-Bataillon). 

Die Kriegsbereitschaft der rumänischen Armee zur Zeit 
der Kriegserklärung und ihre Betheiligung an den Operationen 
der russischen Truppen wird später bei der Darstellung der 
betreffenden Ereignisse zur Besprechung gelangen. 

Dem Fürsten thum Serbien wurde die Autonomie und das 
Recht, eigene Truppen zu unterhalten, im Frieden von Adrianopel 
im Jahre 1829 zuerkannt. 

Im Jahre 1867 räumten die Türken die letzten von ihnen 
in Serbien besetzt gehaltenen Punkte und dieses trat zur Pforte 
in das gleiche Unterthänigkeits-Verhältnis wie Rumänien, das 
heisst es blieb mit der Türkei nur noch durch die Verpflichtung" 
verbunden, alljährlich einen bestimmten Tribut zu entrichten. 

Das Fürstenthum Serbien besass vor dem Kriege eine 
Ausdehnung von circa 1000 Quadratmeilen [55.800 km 2 ] mit 
ungefähr 1,300.000 Einwohnern. 

Die Wehrpflicht war die allgemeine ; sie umfasste die ge- 
sammte wehrfähige Bevölkerung vom 20. bis zum 50. Lebensjahre. 

Die Streitmacht Serbiens bestand aus der „regulären 
Armee" und dem „Volksheere". 

Die reguläre Armee (das stehende Heer) war sehr 
schwach und hatte hauptsächlich die Bestimmung, einen Stamm 
von Ofncieren und Unterofncieren für das Volksheer zu bilden. 
Ihre Stärke betrug nach dem Gesetze vom 24. Februar 1876 
2 Bataillone Infanterie zu je 4 Compagmien, 2 Escadronen 
Cavallerie (160 Mann), 8 Feld-Batterien (64 Geschütze), 4 Gebirgs- 
Batterien (16 Geschütze), 1 Pionnier- und 1 Pontonier-Bataillon, 
1 Train- und 1 Sanitäts- Abtheilung. 

Der Effectivstand dieser „stehenden Brigade" belief sich 
auf circa 4000 Mann, welche im Frieden den Garnisonsdienst 
versahen und im Kriege die Cadres für das Volksheer bildeten. 

Das Volksheer, eine Art Landsturm, der im Frieden nur 
zu Waffenübungen einberufen wurde, zerfiel in zwei Aufgebote 
oder Linien. Als Grundlage für die Formierung desselben war 



das Territorial-System eingeführt worden, wonach das Fürsten- 
thum in 6 Bezirke und diese zusammen in 18 Brigade- und 
80 Bataillons - Kreise zerfielen ; letztere stellten 80 Bataillone 

1. Linie (im Verbände von 18 Brigaden) und ebensoviel Bataillone 

2. Linie auf. Das 1. Aufgebot hatte überdies 33 Escadronen, 
18 Batterien zu 6 Geschützen, 4 Festungs-Batterien, 19 Pionnier- 
Abtheihmgen, 18 Sanitäts- und 134 Train-Compagnien, 19 Hand- 
werker-, 19 Proviant- und 19 Zeugsarbeiter-Züge zu formieren. 

Zur Bewaffnung- des 1. Aufgebotes des Volksheeres waren 
Schnellfeuer-Gewehre System Peabody, für das 2. Aufgebot 
Hinter- und Vorderlader System Green vorhanden. Die Stärke 
der regulären Armee und des Volksheeres sollte nach den vor- 
geschriebenen Ständen 153.500 Mann und 204 Geschütze be- 
tragen, in Wirklichkeit jedoch konnten kaum 100.000 Mann auf- 
gebracht werden, und zwar inclusive der im Innern des Landes 
unentbehrlichen Truppen x ). 

An technischen Anstalten besass Serbien : eine Giesserei, 
eine Gewehr- und Pulver-Fabrik, eine Zündhütchen- und 
Patronen-Fabrik, eine Lafetten-Werkstätte und ein Arsenal. In 
Magazinen wurden 200 Reserve- Geschütze und 260.000 Gewehre 
(System Peabody, Green und gezogene Percussions-Gewehre) auf- 
bewahrt. 

Die reguläre Armee wurde vom Staate erhalten ; für das 
Volksheer stellte derselbe nur die Bewaffnung, Ausrüstung* und 
Munition, ferner im Kriege das Verpfiegsgeld und die 
Fourage bei. 

Im October 1876 war die Stärke und Vertheilung der 
serbischen Armee, die soeben einen schweren Kampf mit den 
türkischen Truppen überstanden hatte, etwa folgende : 

1. Die Süd- oder Morava- Armee des Generals Cernjajew 
befand sich zwischen der Stadt Aleksinac, der Position Deligrad, 
dem Dorf Djunis und dem Gebirgsrücken Jastrebac. 

General Cernjajew gab die Stärke dieser Armee um den 
17. [29.] October mit 28.000 Mann an 2 ). 

v ) Gegen den 20. Juli [1. August] 1876, das heisst vor dem Kriege mit der Türkei, 
gelang es den Serben, 90 bis 100.000 Mann aufzubringen ; hievon waren aber zur Zeit 
des Waffenstillstandes mit der Türkei bei sämmtlichen serbischen Armee-Gruppen 
zusammen nur noch circa 35 bis 40.000 Mann vorhanden. 

2 ) Nach dem Zeugnisse der russischen Officiere dagegen, welche am serbisch- 
türkischen Kriege theilnahmen, befanden sich gegen Ende September beim General 
Cernjajew im ganzen nur 32 reguläre und 14 halbreguläre Bataillone; die übrigen 



65 

2. Die Timok- Armee, gegenüber der von den Türken 
besetzten Stadt Zajecar; im ganzen circa 13.000 Mann. 

3. Die Ibar- Armee bei Movipazar, unter dem Commando 
des Generals Nowoselow; im ganzen 8000 Mann. 

4. Die Drina-Armee, unter dem Commando des Obersten 
Uso-Mirkovic, in der Nähe der Drina-Mündung, gegenüber 
der bosnischen Stadt Bjelina; im ganzen 9950 Mann. 

Ausserdem waren kleinere Detachements bei der Stadt 
Knjazevac zur Verbindung zwischen der Morava- und der Timok- 
Armee und bei der Stadt Zvornik zur Verbindung zwischen der 
Ibar- und Drina- Armee vorhanden. 

Zur Zeit des Waffenstillstandes mit der Türkei war die 
serbische Armee in einer äusserst traurigen Verfassung- ; sie 
bestand Mitte December 1876 aus: 

a) dem regulären Heere (4 Bataillone) — 2000 Mann ; b) zwei 
Brigaden Freiwilliger (8 Bataillone) = 3000 Mann *), und c) einer 
Brigade Drina -Freiwilliger = 4000 Mann; im ganzen circa 
9000 Mann. 

Zu dieser Zeit hatte, abgesehen von einigen kleineren 
Detachements, die als Cordons-Posten längs der Demarcations- 
Linie aufgestellt waren, das sogenannte Volksheer bereits zu 
bestehen aufgehört. 

Die russische Regierung versuchte, die Reorganisation des 
serbischen Heeres durch bedeutende Geldunterstützungen und 
durch Zulassung russischer Officiere zur Dienstleistung in Serbien 
zu fördern. 

Die Mission des zu diesem Zwecke nach Serbien com- 
mandierten GL. Nikitin hatte jedoch keinen Erfolg - : die 
serbische Regierung wollte keinen Krieg mehr. GL. Nikitin 
fand daher von dieser Seite bei der Durchführung seiner Aufgabe 
keine Unterstützung und wurde, nachdem er für die militärischen 
Bedürfnisse Serbiens nur einen kleinen Theil der ihm zur Ver- 
fügung gestellten Summen verausgabt hatte, über seine Bitte 
abberufen. 



Truppen waren völlig unbrauchbar ; die Stärke der Infanterie betrug annähernd 
15 bis 20.000 Mann. Nach Angabe des Hauptmanns Subbotic befanden sich gegen 
den 17. [29.] October beim General Cernjajew circa 19.500 Mann Infanterie. 

x ) Darunter 1542 Russen (die übrigen 1500 Freiwilligen waren Bulgaren, 
Anlauten, Montenegriner u. s. w.). Nach den Angaben von Augenzeugen waren in 
der für Serbien kritischesten Zeit an russischen Freiwilligen circa 2300 ausgediente 
Soldaten und circa 470 pensionierte Officiere vorhanden. 

Der russisch-türkische Krieg, f. Bd. 5 



66 

Auf diese Weise hätten die serbischen Truppen, falls es 
zu dem beabsichtigten Winter-Feldzug'e gekommen wäre, der 
russischen Armee keine nennenswerte Unterstützung leisten können. 

Von der Antheilnalime Serbiens am russisch-türkischen 
Kriege wird weiter unten die Rede sein. 

Die Streitmacht Montenegros beschränkte sich fast aus- 
schliesslich auf ein nationales Volksaufgebot [Landsturm], welches 
im Kriegsfalle einberufen wurde. 

Alle Montenegriner vom 16. bis 60. Lebensjahre waren 
kriegsdienstpflichtig. Auf den ersten Ruf des Fürsten konnte 
das Land 16.700 Wehrmänner (Krieger, Vojniks) aufstellen, 
welche Compagnien (Cetas), Bataillone und nur in seltenen 
Fällen höhere taktische Einheiten bildeten. Die Compagnie 
zählte durchschnittlich 108 Mann, das Bataillon 4 bis 6 Compagnien, 
die Brigade 4 bis 6 Bataillone, die Division 2 Brigaden. Die 
Compagnie, welche grösstentheils aus Gemeindegenossen be- 
stand, bildete für die montenegrinische Streitmacht eine Art 
natürlicher taktischer Einheit. 

Den Waffengattungen nach zerfiel die montenegrinische 
Armee in Infanterie und Artillerie ; Cavallerie war nicht vorhanden. 

Jede Nahie (Kreis) hatte unter dem Commando ihres Vojvoden 
ein ,, Aufgebot" (Vojska) von bestimmter Stärke aufzustellen und 
dieses operierte selbständig, ohne sich mit den Aufgeboten anderer 
Nahien zu vermischen. Eine solche Organisation bedingten die 
topographischen und ökonomischen Verhältnisse des Landes, in 
welchem es unmöglich war, auf einem Punkte mehr als 6000 bis 
7000 Mann zu versammeln und zu verpflegen J ). 

Jeder montenegrinische Krieger war verpflichtet, eigene 
Waffen zu haben. Jedoch hatte im Jahre 1876 der Fürst von 
Montenegro in Oesterreich auch einige tausend kleincalibrige 
Gewehre und 2500 Gewehre System Krnka erworben. 

Ausser diesem Landsturme bestand in Montenegro noch eine 
fürstliche Garde (die „Perjaniken") in der Stärke von 100 Mann, 
ferner circa 20 drei- und vierp fündige Gebirgs-Geschütze, die auf 
7 Batterien, jede zu 2 oder zu 4 Geschützen vertheilt waren. 

Die genaue zahlenmässige Stärke der montenegrinischen 
Armee zu bestimmen, war unmöglich, da überhaupt keinerlei 



1 ) Der montenegrinische Vojnik hatte sich auf eigene Kosten zu verpflegen; 
Weib und Kinder überbrachten ihm jeweilig die Nahrungsmittel für einige Tage. 



6 7 

Daten über die Menge der waffenfähigen Männer existierten. Es 
konnte nur angenommen werden ; dass Montenegro bei der grössten 
Anspannung aller Kräfte gegen 26.000 Krieger im Alter von 
14 bis 60 Jahren aufzubringen vermochte. 

Vor dem Abschlüsse des Waffenstillstandes mit der Türkei 
war die Situation der montenegrinischen Streitkräfte gegen Ende 
October etwa folgende : 

Gegenüber den Stellungen der Türken am Zaslap-Flusse 
hatten sich unter dem Commando des Peter Vukotic circa 
12 bis 13 montenegrinische Bataillone festgesetzt; circa 2 Batail- 
lone beobachteten die Festung Niksic, und 2 Bataillone befanden 
sich beim Flecken Krstac zur Bewachung der wichtigsten Com- 
municationen aus der Hercegovina nach Niksic ; circa 7 Bataillone 
unter Commando des Peiko Pavlovic operierten in der Herce- 
govina zwischen Trebinje, Bilek, Klobuci und Gacko. 

Gegen Albanien zu, und zwar zunächst zwischen dem Skutari- 
See und dem Meere, operierten 2 Bataillone mit 2 Geschützen, 
ferner standen gegenüber den Festungen Spuz und Podgorica 
und weiter bis zum Tara-Flusse hin circa 10 Bataillone mit 
5 Gebirgs-Geschützen ; bei Danilovgrad 3 Bataillone mit 4 Gebirgs- 
Geschützen und bei Kolasin und Berane 2 Bataillone. 

Im ganzen circa 38 bis 40 Bataillone in der Stärke von 
23.000 Mann, ferner 20 Gebirgs-Geschütze. 

Einige Tage vor der Kriegserklärung Russlands an die 
Türkei, respective gleich nach dem Ablaufe des mit 1. April 
endigenden Waffenstillstandes zwischen der Türkei und Monte- 
negro, erklärte die Pforte in kategorischer Weise, auf die 
Forderungen der Bevollmächtigten des Fürstenthums nicht ein- 
gehen zu wollen und brach die Verhandlungen mit ihnen ab. 

Gleichzeitig wurde den türkischen Truppen der Befehl er- 
theilt, Niksic zu verproviantieren, und wenn die Montenegriner 
sich dem widersetzen sollten, gegen sie die Kriegs-Operationen 
wieder zu eröffnen. 

Die wichtigste Aufgabe bei Beginn der letzteren fiel daher 
jenen montenegrinischen Truppen zu, welche unter dem Commando 
des Vojvoden Peter Vukotic die Stellung oberhalb Krstac 
besetzt hielten und so den Türken den Zugang zur Duga-Schlucht 
und nach Niksic sperrten. 

Die Offensive der Türken, deren erste Operationen von 
Erfolg begleitet waren, begann Ende Mai 1877. Am 24. Mai 
[5. Juni] stiess Suleiman Pascha auf die montenegrinischen 

5* 



68 

Truppen bei Krstac und zwang sie nach blutig'em Kampfe zum 
Rückzuge nach Presjeka, nahe dem Ausgange des Duga-Passes. 
Aber auch von hier mussten die Montenegriner zurückweichen 
und so den Weg nach Niksic freigeben, worauf Suleiman Pascha 
ohne Kampf, ja ohne einen Schuss, die Festung verproviantieren 
konnte. Er rückte sodann in das Innere von Montenegro vor, 
um sich mit zwei anderen türkischen Detachements zu vereinigen, 
von welchen das eine unter Commando Ali Saib Paschas von 
Süden, das andere unter Commando Mehemed Ali Paschas von 
Osten her in das Land eindrang. 

Die Gesammtstärke der bezeichneten türkischen Truppen 
betrug- gegen 60.000 Mann; mit dieser von allen Seiten anrücken- 
den Uebermacht hatten sich die wenigen, kaum eine Handvoll aus- 
machenden tapferen Vertheidiger der Schwarzen Berge zu messen. 

Nach einer ganzen Reihe denkwürdiger Heldenthaten unter- 
lagen denn auch die Montenegriner der Uebermacht der Türken. 

Für das Land begannen schwere Tage der Prüfung. 

Vom 5. bis 11. Juni [17. bis 23. Juni] wüthete in ganz 
Montenegro ein ununterbrochener Kampf, der damit endete, dass 
Suleiman Pascha, wenn auch mit einem Verluste von 10.000 Mann, 
sich mit Ali Saib Pascha bei Spuz 2 ) vereinigte. 

Die Nachrichten, welche zu jener Zeit bekannt wurden, 
waren äusserst verworren ; die Telegramme berichteten einmal 
über partielle Erfolge der Montenegriner, das anderemal dagegen 
meldeten sie den vollständigen Sieg der Türken und den nahen 
Untergang des Fürstenthums. 

All dies geschah einig'e Tage vor dem Ueb ergange der 
russischen Armee über die Donau, und nach der allgemeinen 
Ueberzeugung vermochte nur noch das Erscheinen der Russen 
in Bulgarien die Montenegriner zu retten . . . 

Gleich nach dejn Bekanntwerden des Ueberganges der rus- 
sischen Truppen bei Sistov [Svistov] meldete der Telegraph, dass 
die Montenegriner die gewaltigen Streitkräfte des Feindes nieder- 
gerungen hatten: am 16. [28.] Juni war es ihnen gelungen, den 
Türken im Moraca-Thale eine Niederlage beizubringen und sie zur 
Räumung des Fürstenthums zu zwingen. 

Die schnelle Vorrückung der russischen Truppen gegen den 
Balkan zwang die Pforte, Suleiman Pascha mit einem Theile 
seiner Truppen zum Schutze von Adrianopel abzuberufen; und 

J ) Im südlichen Theile Montenegros, im Kreise Danilovgrad. 



am 25. Juni [7. Juli] rückte Suleiman über Skutari und Antivari 
dahin ab. 

Hiemit war für die Montenegriner jede Gefahr geschwunden 
und im folgenden Monate bereits konnten sie wieder zur Offen- 
sive gegen Niksic übergehen. 

Am 10. und 11. [22. und 23.] Juli erstürmten sie die Trebes- 
Höhen, welche die Festung und Stadt Niksic beherrschen, ferner 
die Forts Gornopolje und Rabovac. Der den Montenegrinern 
so zugefallene Erfolg sollte ihnen bis zum Ende der Kämpfe treu 
bleiben. 

Am 27. August [8. September] eroberten sie die Festung 
Niksic, rückten dann in den Duga-Pass vor, nahmen die denselben 
schützenden Forts und Befestigungen im Kampfe weg und wandten 
sich endlich gegen Podgorica und Antivari Mit der Eroberung der 
letzteren Stadt gegen Ende des Jahres 1877 fand der Krieg hier 
seinen Abschluss. 

Aus der obigen flüchtigen Skizze ist ersichtlich, dass 
Rumänien — sowohl wegen der numerischen Stärke seiner Streit- 
kräfte als auch besonders wegen seiner geographischen Lage zum 
Haupt-Kriegsschauplatze — für Russland bei einem Krieg*e mit der 
Türkei die grösste Bedeutung haben musste, eine Bedeutung, die 
es auch thatsächlich erlangte. 

Weniger wichtig war Serbien, da es durch den — ■ seine 
Kräfte weit übersteigenden — Kampf mit der Türkei stark er- 
schüttert war. Unmittelbar an den Kriegsschauplatz anstossend, 
hätte aber das Land für die gegen den Balkan vorrückende 
russische Armee eine grosse Bedeutung dadurch erlangen können, 
dass es deren rechte Flanke gedeckt hätte. Die vollkommene 
Zerrüttung der Armee jedoch und politische Erwägungen der 
Regierung gestatteten es Serbien nicht, diese Aufgabe in einer 
entsprechenden Weise zu erfüllen. Erst gegen Ende des Krieges, 
als dessen Erfolg bereits gesichert war, stellte das Fürstenthum 
ein 60.000 Mann starkes Hilfs-Corps ins Feld. 

Was Montenegro betrifft, so war seine Wehrmacht — un- 
geachtet der Entfernung des Landes vom Haupt-Kriegsschauplatze 
— der gemeinsamen Sache dadurch von wesentlichem Nutzen, 
dass sie die Armee Suleiman Paschas für längere Zeit in 
Montenegro band und einen Theil der türkischen Streitkräfte 
dortselbst überhaupt bis zum Ende des Krieges fesselte. 



IV. CAPITEL. 
Die Streitkräfte Russlands. 

Bestand der Wehrkraft zu Beginn der Siebziger-Jahre. — Reformen 1873 — 1874. — 
Ergänzung der Officiere und der Mannschaft. — Aenderungen in der Organisation 
der Armee in der Periode 1870 — 1877. — ■ Feld-Truppen: Infanterie, Cavallerie, 
Artillerie, Ingenieur-Truppen. — Vereinigung der Feld-Truppen in Corps-Verbände. 
— Besatzungs- und Etapen-Truppen : Festungs-, Reserve- und Local-Truppen. — 
Hilfs-Formationen. — Militär-Sanitäts- Anstalten. — Irreguläre Truppen : Kasaken, 
Fremdvölker-Formationen. — Reichswehr. — Bewaffnung. — Ausrüstung. — 

Trainwesen. 

Zum besseren Verständnisse der Organisation und des Be- 
standes der russischen Landmacht unmittelbar vor dem Kriege im 
Jahre 1877 erscheint es unerlässlich, die zu Beginn der Siebziger- 
Jahre bestandene Organisation in Betracht zu ziehen und die 
wichtigsten, seitens der Heeresleitung in der Periode 1873— 1874 
durchgeführten Reformen zu besprechen. 

Zu Beginn der Siebziger-Jahre beistand die russische 
Armee aus : 

a) reg*ulären Truppen, und zwar Feld-, Festungs-, Reserve-, 
Wach-Truppen und Hilfs-Formationen ; hiezu gehörten auch die 
verschiedenen Militär-Behörden ; 

b) irregulären Truppen zweier Kategorien, und zwar 
Kasaken-Truppen und Formationen aus Fremdvölkern. 

Im Kriegsfalle durfte wie in früheren Kriegen auch auf 
die Einberufung der Reichswehr gezählt werden; im Frieden 
war jedoch für die Organisation derselben in keiner Weise 
vorgesorgt. 

Die Feld-Truppen bestanden aus: 

1.47 Infanterie-Divisionen, 8 Schützen-Brigaden und 48 Linien- 
Bataillonen. 



7i 

Die Infanterie-Divisionen waren : 3 Garde-, 4 Grenadier- 
und 40 Armee-Infanterie-Divisionen. Sie setzten sich aus 188 In- 
fanterie-Regimentern zusammen; von diesen zählten 16 je 
4 Bataillone, die übrigen je 3 Bataillone, Die Infanterie- und 
Linien-Bataillone gliederten sich in je 5 Compagnien, und zwar 
1 Schützen- und 4 Linien-Compagnien. 

Die Schützen-Brigaden gliederten sich in je 4 Bataillone zu 
4 Compagnien. 

Im ganzen zählte die Infanterie 660 Bataillone. 

2. 10 Cavallerie-Divisionen mit 56 Regimentern zu 4 Esca- 
dronen, im ganzen 224 Escadronen. 

3. 47 Fuss- [fahrende] Artillerie-Brigaden zu 4 Batterien ä 
8 Geschütze, im g-anzen 234 Batterien mit 1872 Geschützen; 
letztere waren vier- und neunpfündige gezogene Bronze-Hinter- 
lad-Kanonen 1 ). Ferner: 8 reitende Artillerie-Brigaden, im 
ganzen 18 Batterien mit 108 (vierp fündigen) Geschützen und 
8 Park-Brigaden mit 30 Artillerie-Parks. 

4. 5 Sappeur-Brig-aden mit 10 Sappeur-Bataillonen, 6 Pon- 
tonier-Halbbataillonen, 6 Feld-Telegraphen- und 2 Feld-Ingenieur- 
Parks 2 ). 

Die Festungs- Truppen bestanden aus 8 Regimentern 
und 5 selbständigen Bataillonen, zusammen 25 Infanterie-Batail- 
lonen und aus 59 (im Kriegsfälle 91) Festungs -Artillerie -Com- 
pagnien. 

Die Reserve-Truppen hatten die Bestimmung, sowohl 
im Frieden als im Kriege, Recruten für die übrigen Truppen 
auszubilden ; eine Ausnahme bildeten die Reserve-Sappeur- 
Bataillone, welche ausserdem in mancher Beziehung den Dienst 
analog den Feld-Truppen versahen. 

Die Reserve-Truppen formierten 80 selbständige Reserve- 
Infanterie-Bataillone, 56 Reserve-Cavallerie-Escadronen — zum 
Theile im Verbände von 6 Reserve-Cavallerie-Brigaden — , 4 Re- 
serve-Fuss- Artillerie-Brigaden zu 3 Batterien, 2 reitende Artillerie- 
Brigaden zu 2 Batterien und 4 Reserve-Sappeur-Bataillone. 

Die Wach -Truppen (Truppen für den inneren Dienst) 
hatten die Bestimmung, die Ordnung im Inneren der Monarchie 
aufrechtzuerhalten und den Local-, Convoi- und Etapen-Dienst 
zu versehen. Es waren im ganzen vorhanden; 70 Gouvernements- 



J ) Darunter 80 Gatling-Mitrailleusen. 

-) Ueberdies I turkestanische Sappeur-Compagiiie. 



7- 

Bataillone, i Bergwerk-Commando, ferner 603 verschiedene Com- 
manden (Kreis-, Local-, Etapen-, Convoi- und Post-Commanden). 

Die Hilfs - Formationen und Anstalten bestanden aus 
Gendarmerie - Commanden, verschiedenen Local -Artillerie- Ab- 
theilungen und Verwaltungen, Local-Parks, Depots, Ingenieur - 
Commanden und Verwaltungen, Lehr-Truppen (1 Infanterie- 
Bataillon und 1 Compagnie, 1 Escadron, 1 Fuss- und 1 reitende 
Batterie, 1 galvano-technische Compagnie), Militär-Eisenbahn- und 
Telegraphen-Commanden, Militär-Unterrichts-Anstalten, Intendanz- 
Depots, Werkstätten und Magazinen, Militär-Sanitäts-Anstalten, 
Gefangenhäusern, Remonten-Depots für Cavallerie und Artillerie 
und 2 Arbeiter-Brigaden. 

Die Kasaken-Truppen bildeten Fuss-, Reiter- und 
Artillerie-Formationen. Die Kasaken gliederten sich in folgende 
Heere : Don-, Kuban-, Terek-, Astrachan-, Orenburg*, Ural-, 
Sibirisches, Semirjece-, Transbajkal- und Amur-Heer ; über- 
dies waren vorhanden : das Irkutsk- und das Jenissejsk-Regiment. 
Im Kriegsfalle hatten die Kasaken im ganzen aufzustellen: 
31 Bataillone, 933 Sotnien und 26 reitende Batterien, mit einer 
normierten Gesammtstärke von 3980 Officieren und 177.099 
Kasaken. Die Grundbuchstärke betrug am 1. [13.] Jänner 1877: 
3236 Offi eiere und 181.930 Kasaken. 

Hievon standen im activen Dienste: 10 Bataillone, 289 Es- 
cadronen und Sotnien, 15 reitende Batterien, in der Stärke 
von 1771 Officieren und 63.218 Kasaken; der Rest der Officiere 
und der Mannschaft befand sich im Urlauber- Verhältnisse. 

Die Formationen aus Fremdvölkern bestanden anfangs 
1871 aus folg-enden Abtheilungen: der kaukasischen Leibgarde- 
Escadron des kaiserlichen Convoi, dem Daghestaner und dem 
Kutaiser irregulären Reiter-Regimente, der Daghestaner, Terek- 
Andi- und Kuban-Miliz, der Grusinischen Fuss-Druzine (Bataillon) 
und der Gurischen Fuss-Sotnie ; im ganzen 1 1 /\ Druzine und 
37 Escadronen und Sotnien, mit dem normierten Stande von 
132 Officieren und 5612 Mann. Der Effectivstand war bloss um 
1 Officier geringer. 

Die Gesammtstärke der Armee im Frieden betrug 733.761 
Mann, hievon an Feld-Truppen 5 17.079 Mann. Zur Augmentierung 
der Armee auf den Kriegsfuss waren in der Reserve 514.615 
Mann verfügbar. 

Mit den Kasaken und sonstigen irregulären Truppen 
standen der Heeresleitung anfang-s 1871 im ganzen 1,440.918 



73 

Mann zur Verfügung. An Officieren waren 24.788 effectiv vor- 
handen; auf den normierten Friedensstand fehlten 1052, auf den 
Kriegsstand aber ungefähr 6000 Officiere. Nachdem eine Reserve 
an Officieren nicht bestand ; konnte der Abgang nur zum Theile 
durch Eintheilung von Officieren aus dem Ruhestande und 
durch Uebersetzung solcher aus den Civil- Verwaltungen gedeckt 
werden. Der fehlende Rest sollte durch die Beförderung würdiger 
Unterofficiere zu Officieren completiert werden. 

Die Ergänzung der russischen Armee erfolgte bis zum 
Jahre 1874 durch jährliche Recruten- Aushebung aus den steuer- 
pflichtigen Ständen 1 ). 

In der Zeit von 1856 — 1862 fand keine Recruten-Aus- 
hebung statt, um die Bevölkerung nach den erhöhten Aushebungen 
zur Zeit des Krim-Krieges wieder zu entlasten. 

Als Neben quellen für die Deckung der Abgänge im Frieden 
und auch für die Augmentierung im Kriegsfalle dienten : die 
Einberufung zeitweilig und ohne Termin Beurlaubter, die Wieder- 
aufnahme von zeitlich untauglich Classificierten, die Aufnahme 
von Adeligen und Freiwilligen höherer Bildung, von Soldaten- 
kindern, Reichsbauern und sonstigen freiwillig Eintretenden, die 
Einreihung freiwillig zum Mannschaftsstande sich meldender 
Officiere des Ruhestandes und überzähliger Personen des geist- 
lichen Standes, Ersatzmänner 2 ), schliesslich Eintheilung von 
Sträflingen und aus anderen Verwaltungen wegen schlechter 
Aufführung rückgestellten Individuen. 

Vom Jahre 1863 an war als stellungspflichtiges Alter jenes 
vom 21. bis zum 30. Lebensjahre normiert. Die Dienstpflicht war 
nach den bis zum Jahre 1864 geltenden Bestimmungen ver- 
schieden festgesetzt: die vor dem 8. September 1859 Ein- 
getretenen hatten 20 Jahre zu dienen, hievon 15 Jahre unter 
den Fahnen und 5 Jahre auf unbeschränktem Urlaube ; jene, 
welche später eingereiht wurden, waren zu einer 15jährigen 
Gesammt-Dienstzeit verpflichtet, wovon 1 2 Jahre auf den Präsenz- 
dienst und 3 Jahre auf den Urlauberstand entfielen. Dieses 

*) Das Königreich Polen stellte Recruten aus allen Ständen nach einem 
besonderen Schlüssel und nach speciellen von jenen des übrigen Reiches ab- 
weichenden Bestimmungen. 

2 ) Zufolge des Recruten-Gesetzes war der Ersatz der Recruten durch Frei- 
willige zuLässig. Im Jahre 1868 wurde der Loskauf von der persönlichen Dienstpflicht 
durch Erlag einer bestimmten Taxe, sowie die Ersatzstellung gestattet. 



74 

Gesetz fand auf die Wach-Truppen und diverse locale Artillerie- 
und Ingenieur-Commanden keine Anwendung; im Jahre 1864 
wurde es auch auf die vorerwähnten Körper, zunächst pro- 
visorisch und vom Jahre 1866 an definitiv ausgedehnt. 

Vom Jahre 1864 an wurden neue Erleichterungen gewährt: 

Im genannten Jahre gestattete man den kaukasischen Truppen 
zur Belohnung für die Unterwerfung des Kaukasus, jene vor 
dem 8. September 1859 eingetretenen Leute, welche 15 Jahre 
activ gedient hatten, nicht wie bisher auf unbestimmte Zeit zu 
beurlauben, sondern direct zu entlassen. 

Im Jahre 1868 wurde, in der Absicht einer rascheren Ver- 
mehrung der Reserve, die Anordnung getroffen, dass die vor 
dem 8. September 1859 eingetretenen Leute nach 13J ähriger 
Dienstzeit, die nach diesem Tage eingereihten nach ioj ähriger 
Dienstzeit dauernd beurlaubt werden sollten, und zwar die ersteren 
auf 7, die letzteren auf 5 Jahre. 

Ueberdies wurde von der Beurlaubung der Leute auf 
kürzere Zeit, vom 9. und 8. Dienstjahre an, ausgedehnter Gebrauch 
gemacht; man fand daher schon im Jahre 1871 bei den Truppen 
kaum mehr als 7 Procent Mannschaft mit 9Jähriger oder noch 
längerer Dienstzeit. 

Die Erfolge Preussens 1870 — 187 1, welche zum grossen 
Theile der allg*emeinen Wehrpflicht zu verdanken waren, ver- 
anlassten auch die russische Regierung, das Ergänzungs-System 
zu ändern ; zugleich damit sollte die Wehrpflicht erweitert und 
auf eine den Forderungen der geänderten politischen Lage ent- 
sprechende Höhe gebracht werden. 

Am 1. [13.] Jänner 1870 [?] wurde mittels allerunterthänigsten 
Vortrages die Allerhöchste Genehmigung Seiner Majestät des 
Kaisers zur Ausarbeitung eines Entwurfes der bevorstehenden 
Vermehrung der Wehrkraft erbeten. Dieser Vortrag wurde von 
Seiner Majestät gutgeheissen ; in Ausführung der Allerhöchsten 
Willensmeinung wurden zwei Commissionen eingesetzt : die eine 
zur Ausarbeitung der Bestimmungen über die persönliche Wehr- 
pflicht, die andere zur Verfassung eines Organisations - Ent- 
wurfes über die Ersatz-, Local-, Reserve -Truppen und die 
Reichswehr. 

Nach Beendigung- der Arbeiten beider Commissionen und nach 
Abschluss der nothwendigen Vorbereitungen fand am 8. [20.] April 
1873 unter persönlicher Leitung Kaiser Alexanders IL eine 



75 

besondere Berathung über die strategische Lage Russlands und 
die Organisation der Armee statt. 

Die in dieser Sitzung gefassten Beschlüsse hatten eine 
radicale Aenderung der Ergänzungsart zur Folge und gaben den 
Anstoss zu bedeutenden organisatorischen Reformen. 

Der Commissions-Entwürf vom Jahre 1873 über die Wehr- 
pflicht erhielt am 1. [13.] Jänner 1874 die Allerhöchste Sanction, 
und schon zu Ende desselben Jahres erfolgte die 'Einberufung 
der Recruten nach dem neuen Gesetze. 

Die Grundzüge dieses Wehrgesetzes sind bis nunzu un- 
verändert geblieben. 

Der Wehrpflicht unterliegt die gesammte männliche Be- 
völkerung ; Loskauf und Stellvertretung sind unzulässig* ; die 
ihrer Standes- oder persönlichen Rechte verlustig Erklärten sind 
von der Wehrpflicht ausgeschlossen. 

Die Ableistung der Wehrpflicht erfolgt, entweder 1. durch 
Eintritt in den Präsenzstand, sodann Uebersetzung in die Reserve 
und hierauf in die Reichswehr, oder 2. durch unmittelbare Ein- 
reihung in die Reichswehr. Ueber die Art der Ableistung ent- 
scheidet das Los. Die Einberufung zur Stellung erfolgt nur ein- 
mal, und zwar in dem der Vollendung des 20. Lebensjahres 
folgenden Kalenderjahre. 

Die Dienstpflicht dauert im ganzen 15 Jahre, worauf die 
Einreihung- zur Reichswehr bis zur Vollendung des 40. Lebens- 
jahres erfolgt. 

Die nach der Losnummer nicht zum activen Dienste Be- 
stimmten werden unmittelbar in die Reichswehr eingetheilt, in 
welcher sie bis zum 40. Lebensjahre verbleiben. 

Die Dauer der Dienstpflicht im Präsenzstande und in der 
Reserve war damals folgend bemessen : 

1. Dienstpflichtige ohne Bildungs Vorrechte blieben 6 Jahre 
unter den Fahnen und 9 Jahre in der Reserve ; 

2. für Dienstpflichtige mit Bildungsvorrechten betrug* die 
Präsenzdienstpflicht je nach der Kategorie 6 Monate bis zu 
4 Jahren ; die übrige Zeit bis zur Gesammtdauer der Heeresdienst- 
pflicht von 15 Jahren hatten sie im Reserve-Verhältnisse zu ver- 
bleiben. 

In den entlegenen Militär-Bezirken hatten die Dienst- 
pflichtigen ohne Bildungsvorrechte 7 Jahre präsent, dagegen bloss 
3 Jahre in der Reserve zu dienen ; jene mit solchen Rechten 
4. Kategorie dienten 6 Jahre activ, 4 Jahre in der Reserve. 



7 6 

Die Wehrpflicht lastete nicht schwer auf der Bevölkerung, 
denn von den Stellungspflichtigen wurde höchstens ein Viertel 
thatsächlich eing-ereiht. 

Von der Wehrpflicht waren befreit : 

i. Geistliche aller Confessionen, orthodoxe Psalmensänger, 
ferner Absolventen der geistlichen Akademien, Seminare und 
Schulen; 

2 . zum Militär-Dienste Untaugliche ; 

3. Leute unter der Minimalgrösse von 2 Arsin 2V2 Wersok *) 

[i*53 »]- 

In der Ableistung der Wehrpflicht wurden Begünstigungen 
nach der Bildung und aus Familien-Rücksichten gewährt. Frei- 
willig Eintretende mit Bildungsvorrecht hatten Anspruch auf ab- 
gekürzten Präsenzdienst von 3 Monaten bis zu 2 Jahren; ihre 
Reserve-Dienstzeit war mit 9 Jahren bemessen. Die Begünstigungen 
aus Familienrücksichten waren in drei Kategorien eingetheilt, 
welche je nach der Rücksichtswürdigkeit und nach der Contingents- 
Ziffer Anspruch auf die Befreiung vom Präsenzdienste und auf 
die directe Eintheilung zur Reichswehr hatten. 

Im Jahre 1874 gestattete man den freiwilligen Eintritt von 
Personen mit oder ohne Bildungsvorrechte im Alter nicht unter 
20 und nicht über 30, im Kriege aber nicht über 40 Jahren. 

Als Nebenquellen der Ergänzung waren noch zu zählen : 
die Einreihung von Zöglingen, welche aus den Militär-Bildungs- 
Anstalten entfernt, sowie die Eintheilung von Personen, die aus 
der Ofnciers-Charge entlassen wurden. 

Alles dies gab aber zusammen weniger als 20 Procent der 
ganzen Ergänzungsziffer. 

Zur Zeit der Mobilisierung am 1. [13.] November 1876 
befanden sich unter den Fahnen 2 Altersclassen, welche nach 
dem neuen Wehrgesetze assentiert worden waren. Die Reserve 
bestand fast ausschliesslich aus Mannschaft, die noch aus den 
früheren Recruten-Aushebungen stammte. 

Im ganzen zählte die Armee gegen 1. [13.] November 1876 
an Mannschaft: 722.193 Mann activ, 752.305 in der Reserve, zu- 
sammen 1,474.498. Dieser Grundbuchstand deckte bei weitem 
nicht die im Organisations-Entwurf e vom Jahre 1873 vorgesehene 
Kriegsstärke ; ja, er reichte nicht einmal für die Uebergangs- 
Organisation aus ; zu letzterem Zwecke fehlten über 480.000 Mann. 

*) 1 Arsin = 071 m ; I Wersok = 4-4 cm] I Arsin hat 16 Wersok. — D. Ueb. 



77 

Wenn man jedoch von der Reserve 10 Procent Nichteinrückende 
abschlägt, so ergibt sich gegenüber dem Erfordernisse im 
Mobilisierungsfalle ein Abgang von 550.000 Mann. 

Die Unterofficiere ergänzten sich im Anfange der Re- 
gierung Kaiser Alexanders II. vorerst aus Freiwilligen mit 
Bildungsvorrecht, ferner aus sogenannten Cantonisten und 
schliesslich aus eingereihten Recruten. 

Die erste Kategorie wird hier nur der Vollständigkeit halber 
erwähnt, denn diese Freiwilligen waren nahezu ausschliesslich 
Officiers-Candidaten, mussten selbst ausgebildet werden und 
übten thatsächlich keinen Einfluss auf die Ausbildung und Er- 
ziehung der Mannschaft. 

Die Cantonisten-Bataillone im Vereine mit den zugehörigen 
Schulen und Lehr-Truppen lieferten nach damaligen Begriffen 
vorzüglich geschulte Instructoren und Lehrer, sowie den Nach- 
wuchs für solche Nichtcombattanten-Posten, die einer besonderen 
Vorbereitung bedurften. 

Die Zahl des Zuwachses aus dieser Kategorie war nicht 
bedeutend, aber bei der damaligen langen Dienstzeit übten die 
Cantonisten einen merklichen Einfluss auf die Qualität der Unter- 
officiere und auch auf die Ausbildung und Erziehung der Mann- 
schaft 1 ). Im übrigen erstreckte sich jedoch dieser Einfluss nicht 
mehr auf die dem Kriege 1877 — 1878 unmittelbar vorangehende 
Periode, denn die Soldatenkinder, welche bis dahin das 
Haupt-Contingent für die Cantonisten-Abtheilungen gebildet hatten, 
waren durch Allerhöchstes Manifest vom 26. August 1850 aus 
dem Militär- Verbände gestrichen worden, und die Zahl der Can- 
tonisten hatte hienach rasch abgenommen 2 ). 



1 ) Im Laufe einer 20jährigen Periode (1836 — 1856) wurden zu den Truppen 
jährlich im Durchschnitte 778 Cantonisten-Unterofficiere nach Absolvierung des Curses 
in den Lehr-Abtheilungen eingetheilt. In der gleichen Periode traten im Jahre durch- 
schnittlich 318 Musikanten ein. 

2 ) Am 1. [13.] Jänner 1856 befanden sich in den Cantonisten-Anstalten 42.681, 
überdies in der Erziehung bei Angehörigen 329.886 Soldatenkinder, wovon 204.451 
in ärarischer Verpflegung standen. Am I. [13.] Jänner 1859 hatte sich die Zahl der 
Cantonisten in den Anstalten auf 12.451 verringert. Hievon traten 5925 in die neu- 
eröffneten Militär- Schulen (und zwar 3225 in die Schulen selbst, der Rest in die bei 
den Schulen errichteten Abtheilungen) ; die übrigen wurden zum Dienste bei den 
Truppen, Militär-Behörden, Professionisten-Abtheilungen eingetheilt, zu Feldscherern 
ausgebildet oder den Angehörigen rückgestellt. 



78 

Die an Stelle der Cantonisten- Anstalten errichteten Militär- 
Schulen ergänzten sich durch freiwillig Eintretende ; die Zahl der- 
selben reichte indes zur Besetzung der freien Plätze bei weitem 
nicht aus. Im Jahre 1866 wurden sie in „Militär-Elementar- 
Schulen" umgewandelt und verloren endgiltig den Charakter von 
Unterofficiers-Bildungsschulen. 

Kurz vor dem Kriege und während desselben bestanden 
demnach die Unterofficiere nahezu ausschliesslich aus unmittelbar 
bei der Aushebung Eingereihten. Die Auswahl von Soldaten 
dieser Kategorie zu Unter officieren bot infolge der langen Dienst- 
zeit keine Schwierigkeiten. Man hatte Zeit und Gelegenheit, jeden 
Mann einzeln kennen zu lernen und zu beurtheilen ; die Aus- 
bildung und Erziehung vollzogen sich gewissermassen von selbst. 
Die auf diese Art gewonnenen Unterofficiere entsprachen voll- 
kommen den damaligen Anforderungen. 

Mit der Abkürzung der Präsenzdienstzeit wurde aber die 
Ergänzung der Unterofficiere bedeutend schwieriger; zur Durch- 
führung derselben waren neue Massnahmen und eine besondere 
Sorg'falt der Commandanten nöthig. Diese neuen Massnahmen 
— eine Folge der nach dem Krim-Kriege zur Geltung gekommenen 
modernen Anforderungen — kamen hauptsächlich in dem Streben 
nach Kenntnis des Lesens und Schreibens und in weiterer Con- 
sequenz, nach schulmässigem Unterrichte zum Ausdrucke. Vom 
Jahre 1857 an wurden nahezu in allen Corps, über Verfügung der 
Corps-Commanden, Truppen- Schulen für die nicht schreibkundigen 
Unterofficiere und eine Anzahl Soldaten eröffnet. Diese Schulen, 
welche eines gemeinsamen Charakters entbehrten, wurden zufolge 
der Instruction vom Jahre 1867 (Prikas des Kriegs-Ministeriums, 
Nr. 2Ö2) 1 ) durch die bei den Regimentern und selbständigen 
Bataillonen zu errichtenden „Unterofficiers-Lehr-Commanden" mit 
zweijährigem Curse ersetzt. Der Unterricht in den letzteren wurde 
im Verlaufe von zwei Winterperioden vorwiegend praktisch (Exer- 
cieren) betrieben, ohne hiebei jedoch die Theorie zu vernachlässigen. 

Im Jahre 1875 wurde der Curs mit Rücksicht auf die durch 
das neue Wehrgesetz systemisierte kürzere Präsenz-Dienstzeit 
auf eine Winter-Periode herabgesetzt. 

Die Lehr-Commanden gewährten wohl ein gewisses Mass 
von Kenntnissen, aber sie waren nicht in der Lage, jene Er- 



*) Die „Prikase des Kriegs -Ministeriums" werden im folgenden Texte einfach 
als „Prikase" bezeichnet. — D. Ueb. 



79 

ziehung zu ersetzen, welche nur die praktische Dienstleistung 
während einer längeren Periode zu bieten vermag, anderseits war 
die Wahl der Frequentanten dadurch beschränkt, dass gewisse 
Vorkenntnisse im Lesen und Schreiben gefordert wurden; die 
Folge war, dass zu den Lehr-Commanden nicht immer jene Leute 
eingetheilt wurden, welche sich ihren persönlichen Eigenschaften 
nach am besten hiezu eignen mochten. Es muss auch zugegeben 
werden, dass der schulmässige theoretische Unterricht, der häufig 
im Auswendiglernen gipfelte, nicht gerade zur geeigneten Aus- 
bildung von Unter officiers- Aspiranten beitrug. Auf alle Fälle ergab 
sich aus diesen und anderen Gründen die Notwendigkeit, die jungen 
Unterofficiere durch ältere Elemente zu stützen und zu festigen. 

Im Jahre 1868 wurden demnach die Bestimmungen über 
„Stellvertreter" [Capitulanten] verlautbart. Auf Grund derselben 
meldete sich eine Anzahl ausgedienter Unterofficiere zur Fort- 
setzung des Präsenz-Dienstes auf 5 Jahre. Im ganzen wurden 
innerhalb der nächsten 5 Jahre 6247 Längerdienende behalten, 
darunter aber bloss ein Drittel Unterofficiere. 

In Anbetracht dieses ungünstigen Ergebnisses wurde im 
Jahre 187 1 (Prikas Nr. 169) verfügt, dass die Capitulation nur 
von Jahr zu Jahr verlängert werde. Im Jahre 1874 wurden 
endlich neue Bestimmungen über die längerdienenden Unter- 
officiere (Prikas Nr. 259) verlautbart; es wurden hiemit den 
Capitulanten erhöhte Gebüren und äussere Abzeichen gewährt. 
Die Zahl der Längerdienenden betrug im Jahre 1877, einschliess- 
lich der bei den Stäben und Behörden eingetheilten, nur 
6126 Mann, das ist ungefähr 6 Procent des im Frieden normierten 
Gesammtstandes an Unterofficieren. 

Die Zahl der erfahrenen, längerdienenden Unterofficiere 
war sonach in der Periode vor Beginn des Krieges relativ sehr 
gering. Daraus ergab sich — bei der Jugend der grossen Mehr- 
zahl der Unterofficiere — die naturgemässe Folge, dass die ganze Last 
der Ausbildung und Erziehung der Mannschaft, welche früher 
durch die erfahrenen, alten Unterofficiere getragen wurde, nun- 
mehr den Ofhcieren, und zwar sowohl den höheren als den 
niederen zufiel. Aus diesem Grunde wurde auch mittelst Prikas 
Nr. 28 vom Jahre 1875 verfügt: „Sämmtliche jungen Officiere 
sind sogleich nach dem Eintreffen beim Truppenkörper auf die 
Compagnien und Escadronen zu vertheilen." 

Bei den Special-Truppen, nämlich der Artillerie und den 
technischen Truppen, erhielten die Unterofficiere auch schon 



So 

vor dem Krim-Kriege nebst ihrer praktischen Ausbildung im 
Dienste einen besonderen, zum Theile schulmässigen Unterricht 
und lernten unbedingt schreiben und lesen. Zu Unterofficieren 
wurden solche Soldaten befördert, welche eine Sappeur-Brigade- 
Schule, beziehungsweise eine Artillerie-Divisions-Schule mit 
Erfolg* absolviert hatten ; bei der Artillerie durfte nur ein Drittel 
der Unterofficiersposten durch Leute besetzt werden, welche 
die Divisions-Schule nicht besucht hatten. Die obg-enannten 
Schulen standen unter Aufsicht besonderer Comites, und zwar 
eines für die Artillerie-Schulen und eines für die Ingenieur- 
Schulen. 

Die einmal in feste Normen gebrachte Heranbildung der 
Unterofficiere der Special-Truppen änderte sich in der Folge 
wenig, es trat bloss ein allmählicher Wechsel in den An- 
schauungen über die zu stellenden Anforderungen ein, und es 
wurden gewisse Verbesserungen eingeführt. Die Verkürzung der 
Präsenz-Dienstzeit übte auch hier eine ungünstige Rückwirkung 
aus, obzwar schon bei der Auswahl der Recruten zu den 
Special-Truppen besser geeignetes Material eingetheilt wurde. 

Für den Fall einer Mobilisierung bestand nicht nur kein 
Abgang, sondern im Gegentheil ein erheblicher Ueberschuss 
an Unterofficieren. 

Die Ergänzung des Officiers-Nachwuchses in der 
Armee erfolgte hauptsächlich: i. durch Ausmusterung aus den 
Militär-Bildungs- Anstalten; 2. durch Beförderung von Freiwilligen 
und bei der Stellung Assentierten zu Officieren. 

Ueberdies kamen als Neben-Ergänzungsquellen noch in 
Betracht: die Reactivierung von Officieren des Ruhestandes 
und die Uebersetzung von Officieren aus anderen Verwaltungen. 

Am 1. [13.] Jänner 1876 dienten 25.953 Officiere activ. Von 
ihnen gehörte höchstens ein Drittel zur 1. Kategorie, das ist zu 
jenen, welche eine hinreichende allgemeine und militärische Bildung 
genossen hatten. Dieses an sich geringe Quantum war überdies 
höchst ungleichmässig unter Garde- und Armee-Truppen, sowie 
den verschiedenen Waffengattungen vertheilt. Die grosse Mehr- 
zahl der aus den Kriegs- Schulen hervorgegangenen Officiere 
diente in der Garde, in der Artillerie, den technischen Truppen 
und im Topographen-Corps. Für die Armee-Infanterie und 
Armee-Cavallerie blieb nur eine geringe Minderzahl übrig. 

Die erwähnten Officiere hatten ihre Ausbildung in den 
Cadetten-Corps mit Special-Classen, in der Constantin-Kriegs- 



8i 

Schule, in der Artillerie- und der Ingenieur-Schule erhalten. 
Nach der Umwandlung der Cadetten-Corps in Militär-Gymnasien 
genossen sie die allgemeine Bildung in diesen oder in Civil- 
Mittelschulen, die militärische hierauf . in 3 Infanterie-Kriegs- 
Schulen J ), dem Pag-en-Corps und dem finnländischen Corps, der 
Nikolaus-Cavallerie-Schule, der Artillerie-, der Ingenieur- und der 
Topographen-Schule. 

Von den übrigen Officieren der russischen Armee konnte etwa 
die Hälfte als den elementaren Forderungen der allgemeinen und 
der militärischen Bildung entsprechend gelten ; dies waren die 
aus den Junker-Schulen hervorgegangenen Officiere. Der Rest 
genügte sog*ar diesen bescheidenen Anforderungen nicht. 

Freiwillige 2 ) wurden in den Fünfziger- Jahren zu Officieren 
befördert: 1. nach Ableistung einer bestimmten Zeit im Unter- 
ofhciersstande — 6 Monate bis 12 Jahre — je nach der Vorbildung 
und den besonderen Vorrechten; 2. in gewissen Fällen nach 
Ablegung einer Prüfung auf Grund besonderer Programme. 

Diese Programme waren für die in Armee-Infanterie- 
Regimenter eintretenden Freiwilligen sehr kurz und beschränkten 
sich auf allgemeine Gegenstände, vom Jahre 1861 an auch auf 
die Kenntnis der Reglements der eigenen Waffe 3 ) ; die be- 
treffenden Freiwilligen wurden nach Vollstreckung der bestimmten 
Termine ohne weitere Prüfung — ausgenommen die Kenntnis 
der Dienstes-Obliegenheiten — zu Officieren befördert. 

Die bei der Garde eintretenden Freiwilligen wurden vor der 
Einreihung einer strengeren Prüfung aus den Gegenständen all- 
gemeiner Bildung unterzogen; sie waren jedoch verpflichtet, vor 
Ablauf ihrer Dienstzeit eine Prüfung aus militärischen Gegen- 
ständen an der Schule der Garde-Unterfähnriche und Cavallerie- 
Junker abzulegen. 

Mit Ausnahme der Garde und der Special-Truppen hatten 
sonach die aus Freiwilligen hervorgegangenen Berufsofficiere 
gar keine militärische, die Mehrzahl auch nur eine sehr dürftige 
allgemeine Vorbildung genossen. 

Die Beförderung zu Officieren erfolgte in den meisten Fällen 
nur auf Grund langer Dienstzeit und ausreichender Gewandt- 



*) Eine 4. Kriegs-Schule wurde 1866 eröffnet, jedoch 1870 wieder aufgelöst. 

2 ) Die Freiwilligen hatten Vorrechte auf Grund der Vorbildung oder der 
Abstammung. 

3 ) Bei der Infanterie bis zum Bataillons-Exercieren (einschliesslich) ; bei der 
Cavallerie auch das Regiments-Exercieren. 

Der russisch-türkische Kriee. I. Bd. 6 



82 

heit im Truppendienste. Letztere Bedingung wurde hiebei in 
sehr engem Sinne aufgefasst. Das Ideal für die Beurtheilung 
war nicht der künftige Officier als Führer, Lehrer und Erzieher 
der Mannschaft, sondern eher — der Ordonnanz-Unterofficier. 

Die Freiwilligen mit Bildungsvorrecht aus dem Stande der 
Artillerie und der technischen Truppen hatten die Officiers- 
Prüfung- nach einem ziemlich umfangreichen Programme bei der 
Artillerie-, beziehungsweise der Ingenieur-Abtheilung des kriegs- 
wissenschaftlichen Comites abzulegen. 

Der Mangel an Officieren in der Periode 1854 — 1856 gab 
Veranlassung, die Anforderungen an die freiwillig Eintretenden 
noch mehr herabzusetzen, die Dienstzeit für die Adeligen auf 
ein Jahr zu beschränken und die Dauer der Dienstpflicht für die 
Freiwilligen mit Bildungsvorrecht je nach der Kategorie auf 
zwei bis sechs Jahre zu verringern. 

Die ungenügende Vorbildung der freiwillig Eintretenden 
wurde richtig erkannt, und man ergriff deshalb die erste sich 
bietende Gelegenheit zu Beginn der Sechziger-Jahre, um die 
Aufnahme von Aspiranten mit geringer Vorbildung zu erschweren ; 
auch die Prüfungen wurden verschärft. Bei dem damaligen all- 
gemein niederen Niveau der Volksbildung hatte diese Massregel 
zur Folge, dass die Zahl der freiwillig- Eintretenden sich auf 
weniger als ein Fünftel reducierte. 

Dieser Mangel musste unbedingt beseitigt werden. Man 
war nun genöthigt, einerseits die grossen Unterschiede in den 
Eintrittsbedingungen auszugleichen, anderseits musste den frei- 
willig Eintretenden die Gelegenheit geboten werden, während 
ihrer Dienstleistung ihre allgemeine Bildung zu vervollständigen 
und sich die unerlässlichen militärischen Kenntnisse anzueignen. 
Dieses Ziel wurde durch die Entwicklung der Junker- Schulen 
erreicht, welche in ihren Anfängen zu Beginn der Vierziger- 
Jahre über Initiative der Truppen-Commandanten geschaffen 
worden waren. Zugleich wurde für die Freiwilligen mit Bildungs- 
vorrecht die Erlangung der Officiers-Charge von der Ablegung 
der Ofhciers-Prüfung an einer Junker-Schule abhängig gemacht. 

Die Junker-Schulen waren entsprechend dem sich fühlbar 
machenden Bedarfe allmählich bei einigen Corps-Stäben entstanden; 
in Kriegszeiten wurden sie zumeist geschlossen. Der Unterrichts- 
Curs dauerte ein oder zwei Jahre und hatte hauptsächlich die im 
Verbände des betreffenden Corps dienenden Adeligen und Frei- 
willigen mit Bildungsvorrecht zu Officieren auszubilden. 



Im Jahre 1854 wurde in Finnland eine Militär-Schule er- 
öffnet; sie erhielt im Jahre 1861 die Bezeichnung , Junker-Schule 
für die in Finnland dislocierten Truppen". Zu gleicher Zeit ent- 
stand eine Junker-Schule beim IV. Armee-Corps in Woronjez. 
Im Jahre 1860 wurden solche Schulen beim L, IL und III. Armee- 
Corps errichtet. Aehnliche Schulen, aber in kleinerem Umfange, 
gelangten auch bei einzelnen Divisions- Stäben zur Aufstellung. 

Von den vorerwähnten Schulen bestanden im Jahre 1863 
nur mehr folgende: 1. jene des IV. Armee-Corps in Woronjez; 
2. jene des II. Armee-Corps mit der Bezeichnung „Truppen- 
Schule des Königreichs Polen" und 3. die „Junker-Schule für 
die in Finnland dislocierten Truppen". 

Im Jahre 1856 legte General- Adjutant Graf Rüdiger einen 
neuen Plan für die Junker- Schulen zur Allerhöchsten Genehmigung 
vor. Hienach sollten Junker-Schulen bei sämmtlichen Corps — 
Garde ausgenommen — ferner bei den Stäben der Reserve- 
Infanterie- und Reserve- Cavallerie-Divisionen errichtet werden. 
Der Entwurf wurde in den Flauptzügen Allerhöchst gutgeheissen 
und einer besonderen Commission unter Vorsitz des Grafen 
Rüdiger — und nach dessen Tode unter jenem des General- 
Adjutanten Plautin — behufs Ausarbeitung der organischen 
Bestimmungen für die Junker-Schulen überwiesen. 

Die Commission legte die ausgearbeiteten Entwürfe schon 
im folgenden Jahre (1857) vor. Die weitere Lösung der Frage 
stiess jedoch auf ganz besondere Schwierigkeiten und verzögerte 
sich bis zum Jahre 1864. 

Am 14. [26.] Juli 1864 wurde das Project der Errichtung 
von Junker- Schulen J ) mit zweijähriger Cursdauer Allerhöchst be- 
stätigt. Die Schulen gelangten successive zur Aufstellung ; am 
1. [13.] Jänner 187 1 bestanden bereits 16 Junker- Schulen. Damit 
war die Möglichkeit gegeben, die Anforderungen an die Officiers- 
Aspiranten zu verschärfen. Im Jahre 1868 wurde in diesem Sinne 

— abgesehen von den Zöglingen der Militär -Bildungs -Anstalten 

— die Erlangung der Ofhciers-Charge von der Absolvierung des 
Junker-Schul-Curses, beziehungsweise der Ablegung der gleich- 
wertigen Schlussprüfung an einer Junker-Schule abhängig gemacht. 

Zu Beginn des Jahres 1876 wurde die Zahl der Junker- 
Schulen auf 17 gebracht, in welchen 4342 Junker den Unterricht 



*) Für den Eintritt in die Junker-Schulen war eine Aufnahmsprüfung vor- 
geschrieben. 

6* 



84 

genossen. Im selben Jahre wurden 2006 Junker als Officiers- 
Aspiranten ausgemustert. 

Bis zum 1. [13.] Jänner des genannten Jahres waren aus 
allen Junker-Schulen 9618 und bis zum folgenden 1. [13.] Jänner 
11.626 Junker hervorgegangen. Die Ausmusterung im Jahre 1877, 
also schon während des Krieges ; ergab 1868 Officiers- Aspiranten. 

Die Zahl jener Officiere, welche als Recruten durch Aus- 
hebung oder regelmässige Stellung in das Heer gelangt waren, 
konnte nur sehr gering sein 1 ). Bis zum Jahre 1874 war die für 
die Erlangung der Officiers- Charge seitens der vorerwähnten 
Kategorie vorgeschriebene Dienstzeit wie folgt bemessen : bei 
der Garde 10 Jahre, bei den „Armee"-Truppen 12 Jahre, in den 
Militär-Bezirken Sibirien und Orenburg 1 5 Jahre, im Wach-Corps 
18 Jahre. Im Laufe des Krim-Krieges wurde diese Dienstzeit 
bei der Garde auf 8 Jahre herabgesetzt; während der Polnischen 
Insurrection im Jahre 1863 fand eine weitere Reduction statt, 
und zwar für die Garde auf 7, für die übrigen Truppen auf 
8 Jahre. Eine unausweichliche Voraussetzung für die Beförderung 
dieser Leute in die Officiers-Charge war, dass sie sich während 
der ganzen Dauer ihrer Dienstzeit im Mannschaftsstande keine 
Körperstrafe zugezogen hatten. 

Vom Jahre 1874 an mussten die im Wege der regel- 
mässigen Stellung auf 4 oder mehr Jahre Assentierten, welche 
die Officiers-Charge anstrebten, vorerst ihrer Präsenzdienst- Ver- 
pflichtung genügen und einige Zeit, das ist je nach der Vor- 
bildung 1 bis 2 Jahre, als Unterofficiere bei der Truppe dienen. 
Von jenen, welche auf kürzere Zeit assentiert worden waren, 
wurde bloss die vorherige Beförderung zum Unterofficier ge- 
fordert. 

Die Officiers-Prüfung wurde bis zum Jahre 1868 seitens 
der im regelmässigen Wege eingereihten Unterofficiere bei den 
Divisionsstäben nach einem sehr einfachen Programme abgelegt. 
Die Prüfungs-Candidaten hatten hiebei zu erklären, ob sie die 
Beförderung zum Officier anstreben oder auf dieselbe verzichten. 
In letzterem Falle verlor der Betreffende zwar den Anspruch auf 



*) Nach den vorhandenen Ausweisen für das Jahr 1862 entstammten die präsent 
dienenden Officiere den verschiedenen Kategorien in dem nachstehend angegebenen 
Verhältnisse: ehemalige Cadetten-Corps-Schüler in der Infanterie 1 /s, Cavallerie V4, 
Schützen 4 /b ; ehemalige Junker und Freiwillige in der Infanterie 3 /s, Cavallerie 2 /3, 
Schützen l /a ; ehemalige Unterofficiere in der Infanterie ^is, Cavallerie V20, Schützen 
V200. (Aus ,,Bobrowskij, Junker-Schulen".) 



85 

die Beförderung zum Officier, gewann aber, wenn er die Prüfung 
bestand, namhafte Vortheile, wie zwei Drittel der Gage eines 
Fähnrichs (dies zählte nach 5 Jahren zur Pension), besondere Ab- 
zeichen u. s. w. Jene ; welche die Prüfung nicht bestanden, er- 
hielten bloss ein Drittel des Fähnrichs - Gehaltes. Die grosse 
Mehrzahl der Unterofficiere machte von den Vorth eilen Gebrauch 
und verzichtete freiwillig auf die Officiers-Charge. 

Was endlich die aus dem Ruhestande activierten oder aus 
anderen Verwaltungen zutransferierten Officiere betrifft, so gilt 
bezüglich ihrer Vorbildung dasselbe wie betreffs der übrigen 
Officiere. 

Für die höhere militärische Fachbildung sorgten die be- 
stehenden vier Akademien, und zwar die Nikolaus -Generalstabs-, 
die Michael -Artillerie- und die Nikolaus -Ingenieur -Akademie, 
schliesslich die militär-juridische Akademie. In dem Zeiträume 
1854 — 1876 hatten 2288 Officiere die Akademien besucht, darunter 
829 die Generalstabs-, 561 die Artillerie-, 697 die Ingenieur- 
und 201 die juridische Akademie. Im Jahre 1876 absolvierten 
24 Officiere die Generalstabs-, 13 die Artillerie-, 23 die Ingenieur- 
und 28 die juridische Akademie. 

Hiebei darf nicht übersehen werden, dass nach der Absol- 
vierung der Akademie nur die Hälfte dieser Officiere, und zwar 
vorwiegend Generalstabs-Officiere bei der Truppe weiter diente, 
wogegen die Artillerie- und Ingenieur-Officiere zum grössten 
Theile, die Justiz-Officiere aber ausnahmslos den Dienst bei Be- 
hörden und Anstalten fortsetzten. 

Zur Ergänzung der Militär-Aerzte diente hauptsächlich die 
medicinisch-chirurgische Akademie. Ueberdies wurden als Militär- 
Aerzte Personen aufgenommen, welche ihre medicinischen Studien 
an einer Universität beendet hatten. 

Die Ergänzung der Militär-Beamten erfolgte nach denselben 
Grundsätzen wie jene der Civil-Beamten in den übrigen Ver- 
waltungen. 

Der Abgang an Officieren und Militär-Beamten im Kriegs- 
falle war sehr gross. Die normierte Zahl an ersteren im Kriege 
nach der nicht zur vollen Durchführung gelangten Organisation 
vom Jahre 1873 betrug 44.000; vorhanden waren am 1. [13.] No- 
vember 1876 im ganzen 26.888 Officiere; gegenüber dem syste- 
misierten Friedenstande bedeutete dies einen Ueberschuss von 
545 Officieren. Auf den Kriegsstand fehlten bei vollständiger 
Mobilisierung 17.000 Officiere, das ist rund 40 Procent. Eine 



86 

Reserve an Officieren war bis zum Jahre 1874 nicht normiert und 
auch nicht vorhanden; in der Zeit von 1874 bis Ende 1876 konnte 
sie sich noch nicht gebildet haben ; da die Fälle des Austrittes 
von Officieren aus der Activität vor Vollendung ihrer Gesammt- 
wehrpflicht im allg-emeinen selten waren. — Die systemisierte 
Zahl von Militär-Beamten belief sich im Kriegsfalle auf mehr 
als 15.000; im Frieden waren effectiv 81 19 vorhanden; auf den 
Kriegsstand fehlten demnach gegen 7000 oder 47 Procent. Be- 
sondere Nachtheile bot der Mangel an ärztlichem Personal. 

Um diese Abgänge zu decken, musste dass Kriegs-Ministerium 
eine Reihe besonderer Massnahmen treffen, welche im VII. Capitel 
besprochen werden. 

Nebst den vorangeführten Aenderungen in der Ergänzungs- 
art der Truppen wurden in der Periode 1870 — 1877 zahlreiche 
Neuerungen in der Organisation der russischen Wehrmacht durch- 
geführt. 

Schon im Jahre 1873 wurde in einer unter persönlicher 
Leitung Kaiser Alexanders II. stattgefundenen Berathung 
Folgendes beschlossen: 1. die Feld-Truppen zu vermehren, 2. die 
Local-Truppen umzuwandeln und auszugestalten, 3. Cadres für 
die Reserve- und Ersatz-Truppen aufzustellen 1 ). 

Die Verstärkung der Feld-Truppen war folgendermassen 
projectiert: 1. sämmtliche Infanterie-Regimenter erhalten vierte 
Bataillone 2 ); 2. im Kaukasus sind neuaufzustellen: 1 Infanterie- 
Division und 2 Uhlanen-Regimenter 3 ) ; 3. die Zahl der Fuss- 
Batterien der Feld-Artillerie ist um 2 Batterien (Nr. 7 und 8) per 
Artillerie-Brigade zu vermehren 4 j ; 4. die reitende Artillerie ist 
zu reorganisieren; 5. die Ingenieur-Truppen sind zu vermehren; 
6. zu den Cavallerie-Divisionen sind Kasaken-Regimenter ein- 
zutheilen. 

Die Local-Truppen sollten derart umgestaltet werden, dass 
sie im Kriegsfalle als fertiges Material und als Cadres für Reserve- 
und Ersatz-Truppen dienen könnten. Den aufgestellten Reserve- 



*) Die beabsichtigte Errichtung von Friedens-Cadres für die Ersatz-Truppen 
kam nicht zur Durchführung. 

-j Bis I. [13.] November 1876 waren bereits 40 Regimenter zu 4 Bataillonen 
formiert. 

3 J Zur Aufstellung der Uhlanen-Regimenter kam es nicht. 

4 ; Diese Absicht wurde nicht einmal nach Beendigung des Krieges durch- 
geführt. 



§7 

Truppen und den umgewandelten Festungs-Truppen sollte der 
Dienst im Rücken der Feld- Armee übertragen werclen. 

Um die im Laufe des Krieges entstehenden Abgänge ohne 
Unterbrechung decken zu können, beabsichtigte man, im 
Mobilisierungsfalle besondere Ersatz-Formationen für die Feld- 
und Reserve-Truppen zu errichten. Schliesslich wollte man die 
Reichswehr organisieren. 

Die finanzielle Lage des Reiches gestattete jedoch nicht, 
die beabsichtigten Aenderungen gleichzeitig und in vollem Um- 
fange durchzuführen; es wurde demnach beschlossen, die 
Neuerungen successive auf Grund fallweise ergehender Aller- 
höchster Verfügungen und ohne ausserordentliche Ausgaben in 
Angriff zu nehmen. Das Kriegs-Ministerium wurde verpflichtet, 
vom Jahre 1873 die nächsten fünf Jahre hindurch sich mit dem 
normalen Jahresbudget zu begnügen und aus diesem die Aus- 
gaben für die Neuaufstellungen und Umwandlungen, für die Neu- 
bewaffnung', Bereitstellung von Vorräthen etc. zu bestreiten. 
Auf diese Art konnten viele wesentliche Neuerungen bis zum 
Kriege nicht völlig durchgeführt werden, andere waren überhaupt 
noch nicht in Angriff genommen worden. 

Die wichtigsten organisatorischen Massnahmen, welche in 
der Zeitperiode 1870 — 1876 ins Leben traten, wurden in nach- 
stehender Reihenfolge durchgeführt : 

Im Jahre 1872 wurde die Aufstellung fünfter und sechster 
Batterien bei den Artillerie-Brigaden, ferner die Verstärkung der 
Feld-Parks angeordnet. 

Im Jahre 1873 wurden — in Erwartung der allgemeinen 
Reorganisation der Truppen IL Linie — die Reserve-Bataillone 
aufg*elöst. 

Im Jahre 1874 wurden die Feld- und Local-Truppen des Militär- 
Bezirkes Kaukasus reorganisiert *), in den zehn Militär-Bezirken 
des europäischen Russland die Wach-Truppen reformiert, neue 
organische Bestimmung-en für die Reserve- und die Ersatz-Truppen 
ausgegeben und aus den Garde-Truppen das Garde-Corps formiert. 

Im Jahre 1875 wurde die Cavallerie und die reitende Artillerie 
reorganisiert, ferner' die Grundzüge für die Organisation der 
Artillerie-Feld-Parks festgestellt. 



l ) Die Regimenter der kaukasischen Grenadier-Division und jene von 5 Armee- 
Infanterie Divisionen erhielten vierte Bataillone, ferner wurde die 41. Infanterie-Division 
neuauf<:estellt. 



88 

Im Jahre 1876 wurden die Garde-Infanterie-Regimenter auf 
vier Bataillone gebracht ; die Festungs-Artillerie erhielt eine neue 
Org'anisation ; es wurden einige Artillerie-Ersatzkörper formiert, 
einTheil der Armee in Corps-Verbände vereinigt und schliesslich 
die organischen Bestimmungen für die mobile Reichswehr aus- 
gegeben . 

Aus den vorstehenden Ausführungen ist zu ersehen, dass 
das Kriegs-Ministerium in dieser Periode eine ungewöhnliche 
Thätigkeit zum Zwecke der Vervollkommnung der Organisation 
der russischen Landmacht entfaltet hatte. In relativ kurzer Zeit 
war ein grosser Theil des Programmes vom Jahre 1873 aus- 
geführt worden. 

Es war jedoch nicht möglich gewesen, die wichtigsten 
Mängel zu beseitigen, nämlich den Abgang an Reserve- 
Officieren und an ausgebildeter Reserve-Mannschaft zu decken. 
Zum Kampfe mit der Türkei allein waren die verfügbaren Kräfte 
mehr als ausreichend, es konnte aber — ungeachtet des Ueber- 
schusses an unausgebildetem Material — immerhin im Falle 
besonderer politischer Complicationen ein Mangel an organisierten 
Streitkräften eintreten und dazu führen, bereits errungene Vor- 
theile aufzugeben. 

Nach Durchführung der vorerwähnten Reformen stellte 
sich die Organisation der russischen Armee anfangs November 
1876 wie folgt dar: 

Die Landmacht Russlands bestand aus regulären und 
irregulären Truppen, dann der Reichswehr. 

Die regulären Truppen gliederten sich in vier Kategorien: 

1. Active oder Feld-Truppen, 2. Besatzungs- und Etapen- 
Truppen (Truppen im Rücken der Feld- Armee), 3. Ersatz- 
Truppen, 4. Hilfs -Formationen. 

Die irregulären Truppen theilten sich in: 1. Kasaken, 

2. Formationen aus Fremdvölkern. 

A. Reguläre Truppen. 

I. Die Feld-Truppen bestanden aus Infanterie, Cavallerie, 
Artillerie und Ingenieur-Truppen; sie gliederten sich in: 48 In- 
fanterie-Divisionen 1 ), 8 Schützen - Brig-aden 2 ), 34 Linien -Batail- 



l ) 3 Garde-, 4 Grenadier-, 41 Armee-Infanterie-Divisionen. 

2 j I Garde-, 5 Armee-, I kaukasische, I turkestanische Schützen-Brigade. 



89 

lone *), 17 Cavallerie - Divisionen 2 ), 51 Fuss -Artillerie -Brigaden 
und 1 selbständige Fuss-Batterie 3 ), -i reitende Garde- Artillerie- 
Brigade und 22 reitende Batterien 4 ), schliesslich 5 Sappeur- 
Brigaden 5 ) — das ist 682 Bataillone, 224 Escadronen, 2556 Ge- 
schütze, 15 V* Sappeur - Bataillone, 6 Pontonier - Halbbataillone, 
9 Telegraphen-, 2 Feld-Ingenieur- und 2 Belagerungs-Ingenieur- 
Parks. 

Ein Theil dieser Truppen stand — wie weiter nach- 
gewiesen wird — im Verbände von 7 Corps und zwar : 1 Garde- 
und 6 Armee-Corps. 

a) Die Infanterie bestand aus 192 Infanterie-Regimentern 
(10 Garde-, 18 Grenadier-, 164 Armee-), 32 Schützen- und 34 Linien- 
Bataillonen ; im ganzen zählte die Feld-Infanterie 682 Bataillone. 

Unmittelbar vor dem Kriege war beschlossen worden, alle 
Infanterie-Regimenter auf 4 Bataillone zu 4 Compagnien zu 
bringen. Diese Massregel wurde aber bloss im Kaukasus und 
beim Garde-Corps, im ganzen also bei 10 Divisionen durch- 
geführt. Die übrigen Regimenter behielten ihre frühere 
Zusammensetzung mit 3 Bataillonen zu 5 Compagnien, darunter 
4 Linien- und 1 Schützen-Compagnie. Die Schützen-Bataillone 
bestanden aus je 4 Compagnien. 

Von den Linien-Bataillonen gliederten sich die 7 kaukasischen 
in je 4 Compagnien, die übrigen (15 turkestanische, 2 Orenburg-, 
4 westsibirische und 6 ostsibirische) in je 5 Compagnien ; in 
jedem Linien-Bataillone war 1 (4. oder 5.) Schützen-Compagnie. 

Je 2 Infanterie-Regimenter bildeten eine Brigade, je zwei 
Brigaden eine Division ; je 4 Schützen-Bataillone formierten eine 
Brigade. 

Für die Linien-Bataillone bestanden keine höheren Ver- 
bände ; sie waren jenen Gebiets-Commandierenden unterstellt, in 
deren Bereiche sie garnisonierten. 



J ) 7 kaukasische, 2 Orenburg-, 4 westsibirische, 6 ostsibirische und 15 turke- 
stanische Linien-Bataillone. 

2 ) 2 Garde-, 14 Armee- und I kaukasische Cavallerie-Division. Ueberdies 
bestanden 2 Kasaken-Divisionen ; Don- und kaukasische (combinierte Kasaken-). 

3 j 48 Artillerie-Brigaden, entsprechend der Zahl der Infanterie-Divisionen, 
3 Brigaden von abweichender Zusammensetzung (2 turkestanische, I ostsibirische i 
und 1 westsibirische selbständige Fuss-Batterie. Ueberdies waren 3 Batterien(dar unter 
2 Gebirgs-) in der Aufstellung begriffen. 

4 ) Darunter I noch in der Formierung begriffene reitende Gebirgs-Batterie. 

5 ) 1 combinierte, I kaukasische, ferner 3 mit Nummern I bis 3. 



90 

Die Stärke der Truppenkörper und Abtheilungen der 
Infanterie war seit 1874 durch den systemisierten Friedens- und 
Kriegsstand festgesetzt. Diese Stände waren nicht gleichmässig ; 
die Regimenter zu 3 Bataillonen hatten andere Stände als jene 
zu 4 Bataillonen ; besondere Stände waren für die Schützen- und 
die Linien-Bataillone bestimmt 1 ). 

Bei allen Fuss-Truppen gliederten sich die Compagnien in 
2 Züg"e ; jeder Zug in 2 Halbzüge, jeder Halbzug in 2 Schwärme. 
Die Compagnien der Regimenter zu 3 Bataillonen sollten nach 
dem Kriegsstande 42 Rotten per Zug, jener zu 4 Bataillonen je 
54 Rotten per Zug haben. 

Unmittelbar vor der Kriegserklärung wurde die Organisation 
der Compagnien wesentlich geändert (Prikas Nr. 128 vom 
9. [21.] April 1877). Hienach gliederte sich jede Compagnie in 
2 Halb compagnien, die Halbcompagnie in 2 Züge und jeder 
Zug- (auf Kriegsstand) in 4 Schwärme. Diese Neuerung hatte 
den Zweck, den Schwarm-Commandanten die Leitung ihrer 
Schwärme zu erleichtern, welche bei der früheren Organisation 
infolge der grösseren Zahl an Soldaten schwierig war [früher 
8 Schwärme, jetzt 16 Schwärme per Compagnie]. 

Die Kriegsstände der Infanterie waren : 



Compagnie eines Regiments zu 3 Bataillonen 

9 9 »9 9 9 9)4 9 5 

., ,, Schützen-Bataillons . 

,, „ Linien- „ ... 

Bataillon eines Regiments zu 3 Bataillonen 

,1 4 

Schützen-Bataillon 

Linien- ., 

Regiment zu 3 Bataillonen 

9, 99 4 9, 

Schützen-Brigade zu 4 Bataillonen 
Infanterie-Division zu 12 Bataillonen . 

.,16 „ ... 



Gefechtsstand 

(Rajonnette, ohne 

Unlerofficiere) 


Verpflegsstand 


168 


200 


216 


247 


168 2 ) 


200 


168 3 ) 


203 


840 


I.OOI 


864 


989 


6 7 2 ») 


823 


84O ») 


1.067 


2.520 


3-316 


3-456 


4.283 


2.880 


3-634 


10.080 


13.284 4 ) 


13.824 


17.152 



1 ) Einzelne Linien-Bataillone waren auch im Frieden auf dem Kriegsstande, 
die übrigen auf erhöhtem Friedensstande. 

2 ) Bei den kaukasischen Schützen-Bataillonen: 2iö Mann per Compagnie und 
864 Mann per Bataillon. Der Verpflegsstand des Bataillons sollte 1 163 Mann erreichen. 

z ) Bei den kaukasischen Linien-Bataillonen: 216 Mann per Compagnie, 
864 Mann per Bataillon. Der Verpflegsstand war nicht bei allen Bataillonen gleich. 
4 ) Mit dem Divisions-Lazarethe : 13.952 Mann. 



9i 

Thatsächlich hatten aber die Truppenkörper der Divisionen 
zu 16 Bataillonen bei der Mobilisierung nahezu denselben Stand 
wie jene zu 12 Bataillonen. Dies kam daher, dass die Differenz, 
welche zwischen den Regimentern zu 3, beziehungsweise 
4 Bataillonen bei der Vermehrung- von 12 auf 16 Bataillone sich 
ergab, in dem damals für die Mobilisierung der ganzen Armee 
giltigen Mobilisierungs-Entwurfe (Rospissanije) Nr. 6 noch nicht 
berücksichtigt war. Die Garde-Divisionen erreichten bloss einen 
Stand von 84 anstatt 108 Rotten per Compagnie. Der Verpflegsstand 
der Garde -Divisionen belief sich demnach nur auf 13.808 Mann; 
bei den kaukasischen Divisionen betrug derselbe 13.653 Mann. 

b) Die Cavallerie (reguläre) war nach den Bestimmungen 
vom Jahre 1875 zum Theile mit Kasaken-Regimentern in 
17 Cavallerie-Divisionen von nicht gleichmässiger Zusammen- 
setzung vereinigt worden. Ueberdies waren, wie bereits erwähnt,- 
2 weitere Divisionen ausschliesslich aus Kasaken-Regimentern 
formiert. 

18 Divisionen bestanden aus je 4 Regimentern, und zwar: 
1. Garde-Cavallerie-Division aus Cürassier-Regimentern ; 1. bis 
14. Cavallerie-Division, jede aus 1 Dragoner-, 1 Uhlanen-, 1 Husaren- 
und 1 Don-Kasaken-Regimente ; die kaukasische Cavallerie- 
Division aus Dragoner-Regimentern ; die Don-Kasaken-Division 
aus Don-Kasaken-Regimentern ; die kaukasische (combinierte) 
Kasaken-Division aus 3 Kuban- und 1 Terek-Kasaken-Regimente ; 
schliesslich die 2. Garde-Cavallerie-Division aus 7 Regimentern 
im Frieden und 8 Regimentern im Kriege (2 Dragoner-, 
2 Uhlanen-, 2 Husaren-, 1 combinierten Garde-Kasaken-Regimente 
mit der zugetheilten Garde-Ural-Escadron). Das combinierte 
Garde-Kasaken-Regiment entwickelte sich bei der Mobilisierung 
durch Einberufung beurlaubter Escadronen in 2 Regimenter: 
das Kaiser- und das Ataman-Regiment ; die Ural-Escadron 
wurde selbständig. 

Die Garde-Kasaken-Regimenter bestanden eigentlich aus je 
6 Escadronen; die ersten 2 (1. Aufgebot) waren im Frieden 
activ und beim combinierten Garde-Kasaken-Regimente ein- 
getheilt; aus dem 2. Aufgebote, welches erst im Mobilisierungs- 
falle zur Dienstleistung einrückte, wurden die nächsten 2 Esca- 
dronen (3. und 4.) formiert, das combinierte Regiment theilte 
sich dann in 2 Regimenter zu 4 Escadronen; das 3. Aufgebot 
konnte ebenfalls bei der Mobilisierung- oder erst während des 



" 



Krieges einberufen werden und formierte wieder 2 Escadronen 
(5. und 6.), so dass jedes Regiment sodann 6 Escadronen zählte. 

Im Verbände der 1 9 Cavallerie-Divisionen standen im g'anzen 
237 Escadronen (darunter 13 Garde-Kasaken-) und 130 Sotnien, 
zusammen 367 Escadronen und Sotnien. 

Die neue Organisation der Cavallerie mit der Gliederung 
in Divisionen zu 4 Regimentern und der Einreihung der 
Kasaken-Regimenter — an Stelle der früheren Divisionen zu 
6 Regimentern — war erst ein Jahr vor Ausbruch des Krieges 
eingeführt worden ; diese kurze Zeit war begreiflicherweise nicht 
genügend, um die Mehrzahl der Commandanten mit ihren Truppen 
und umgekehrt bekannt zu machen. 

Sämmtliche regulären Cavallerie-Regimenter gliederten sich 
in 4 Escadronen, die Kasaken-Regimenter in 6 Sotnien, mit 
Ausnahme der Terek-Kasaken, bei welchen die Regimenter aus 
je 4 Sotnien bestanden. Jede Division theilte sich in 2 Brigaden 
(2. Garde-Division in 3 Brigaden) zu 2 Regimentern (Dragoner- 
und Uhlanen-, oder Husaren- und Kasaken-). Die Escadronen 
und Sotnien gliederten sich in 4 Züge zu 16 Rotten. 

Die Kriegsstände der Cavallerie waren: 

Zahl der berittenen 

und Verpflegsstand : 

bewaffneten Soldaten Mannschaft Reitpferde 

Escadron 128 156 149 

Sotnie 128 155 151 

Regiment: Reguläres 512 860 J ) 609 

„ Kasaken- zu 6 Sotnien . ' . . 768 943 930 

„4 „ . . . 532 605 602 

Ausser den bereits angeführten Truppen zählten zur regulären. 
Cavallerie noch 2 Divisionen [Halb-Regimenter] : die Krim- und 
die Baschkiren-Division 2 ). Sie ergänzten sich ■ — ■ ausser einem 
schwachen russischen Cadre — aus Krim-Tartaren und Baschkiren. 

c) Die Feld-Artillerie theilte sich in die Fuss- [fahrende] 
und die reitende Artillerie ; zur Feld-Artillerie wurden auch die 
Artillerie Parks gezählt. 

Die Fuss-Artillerie bestand aus 48 einheitlich zusammen- 
gesetzten Brigaden, ferner 3 Brigaden (1. und 2. turkestanische 



*) Darunter 593 Berittene. Ueberdies waren per Regiment 16 Freiwillige 
normiert. 

2 ) "Während des Krieges wurde aus der Baschkiren-Division ein Regiment zu 
4 Escadronen gebildet. 



93 

und i ostsibirische) von abweichender Zusammensetzung, 
schliesslich i selbständigen (westsibirischen) Batterie. Im ganzen 
299 Batterien mit 2392 Geschützen. 

Nach der normalen Organisation sollte jede Brigade aus 
8 Batterien zu 8 Geschützen bestehen ; diese Organisation war 
zwar genehmigt, aber überhaupt nicht verlautbart worden, da es 
an Geldmitteln zur Durchführung fehlte. Die 48 Brigaden be- 
standen somit thatsächlich aus je 6 Batterien ; die ersten 
3 Batterien waren mit neunpfündigen, die übrigen mit vierpfündigen 
gezogenen Hinterlad -Bronze- Kanonen bewaffnet 1 ). Eine Aus- 
nahme bildeten 4 Brigaden im Kaukasus (20., 21., 39. und 41), 
bei welchen die sechsten Batterien mit dreipfündigen Gebirgs- 
Geschützen bewaffnet waren; bei der 20. und 21. Brigade hatten 
auch die dritten Batterien Gebirgs-Geschütze. Ausserdem wurden 
für die Operations-Armee erst nach der Mobilisierung 2 Gebirgs- 
Batterien aufgestellt (Prikas Nr. 361 von 1876). Hiebei muss er- 
wähnt werden, dass die sechsten Batterien der 44 Brigaden des 
europäischen Russland erst unmittelbar vor der Mobilisierung 
die vierpfündigen Kanonen mit zugehörigem Material, als Ersatz für 
die bisher in Verwendung gestandenen Schnellfeuer- (Kartätsch-) 
Geschütze, erhielten ; letztere wurden ausgeschieden, da man sich 
im Kriege nur geringen Nutzen von ihnen versprach 2 ). 

Die Artillerie Turkestans und Sibiriens war abweichend 
organisiert 3 ). 

Wie bereits erwähnt, bestanden sämmtliche Batterien der 
Fuss- Artillerie, sowie auch die reitende Gebirg's-Batterie aus je 
8 Geschützen. Die Batterien hatten dreierlei Stände 4 ). 



*) Bei der Mobilisierung des Garde- Corps wurde dessen gesamrate Artillerie 
einheitlich mit neunp fündigen Geschützen bewaffnet. 

2 ) Bei der Operations-Armee befand sich während des Krieges I Schnellfeuer- 
Batterie. 

3 ) Die 1. turkestanische Artillerie-Brigade bestand aus 4 Batterien mit folgender 
Bewaffnung: 1. Batterie — Neunpfünder ; 2. u. 3. Batterie — Vierpfünder; 4. Batterie 
— dreipfündige Gebirgs-Geschütze ; überdies gehörte zur Brigade I reitende Gebirgs- 
Batterie, welche im Sommer 1876 aufgestellt worden war. Die 2. turkestanische und 
die ostsibirische Artillerie-Brigade bestanden aus je 3 Batterien, und zwar: I. u. 2. Bat- 
terie mit Vierpfündern, die 3. Batterie mit Gebirgs Geschützen. Die westsibirische 
Fuss-Batterie hatte vierpfündige Geschütze. 

4 ) Und zwar: I. Kriegstand: Bedienung für 5 Züge (5. = Ersatz-Zug) und Pferde 
für den vollen Stand an Geschützen und Munitionswagen ; 2. erhöhter Friedensstand : 
Bedienung für 4 Züge, Pferde für 8 Geschütze und 8 Munitionswagen ; 3. normaler 
Friedensstand : verminderte Bedienung für 4 Züge, Pferde für 4 Geschütze und 
2 Munitionswagen. 



94 

Die reitende Artillerie bestand aus 26 regulären reitenden 
Batterien (darunter 5 Garde-), 1 reitenden Gebirgs- Batterie 
und 21 Kasaken-Batterien l ) (darunter 1 Garde-). Sämmtliche 
regulären und Don-Kasaken-Batterien hatten 6 Geschütze, die 
übrigen Kasaken-Batterien hatten im Frieden 4, im Krieg'e 
8 Geschütze ; eine Ausnahme bildete die reitende Artillerie der 
Orenburg-Kasaken, welche im Frieden aus 3 Batterien zu 6 Ge- 
schützen, im Kriege aber aus 8 Batterien zu 6 Geschützen bestand. 

Die gesammte reitende Artillerie war mit vierpfündigen 
gezogenen Bronze-Hinterlad-Kanonen bewaffnet. Einschliesslich 
der Kasaken zählte die reitende Artillerie 66 Batterien mit 
416 Geschützen. Die 6 Garde-Batterien bildeten eine Brieade • 
die übrigen Batterien waren auf die Cavallerie-Divisionen mit Nr. 1 
bis 14 derart vertheilt, dass bei den ersten 7 Divisionen je 2 reguläre 
Batterien, bei den letzten 7 Divisionen je 1 reguläre und 1 Kasaken- 
Batterie eingetheilt waren 2 ). 

Die Geschütze waren sowohl bei der Fuss- als auch bei der 
reitenden Artillerie sechsspännig 3 ). Auf jedes neunpfündige Ge- 
schütz entfielen 1V2 hölzerne Munitionswagen neuer (vierrädrig) 
oder 3 hölzerne Munitionswagen alter Construction (zweirädrig). 
Auf ein vierpfündiges Geschütz entfiel 1 Munitionswagen neuer 
oder 2 Munitionswagen alter Construction. Die zweirädrigen 
Munitionswagen waren dreispännig, die vierrädrigen sechsspännig 4 ). 



x ) Die (6.) Garde-Don-Kasaken-Batterie bestand im Frieden bloss aus I Division 
die 2. Division war im Urlauber -Verhältnisse. Ferner: 7 Don-Kasaken-Batterien 
(Nr. 8 bis 14), 5 Kuban- (Nr. 1 bis 5), 2 Terek- (Nr. 1, 2), 4 Orenburg- (Nr. I, 2, 5, 6) 
und 2 Transbajkal- (Nr. I, 2) Kasaken-Batterien. Die vorangeführten Batterien bestanden 
schon im Frieden. Im Kriegsfalle stellten die Kasaken weitere 18 Batterien (14 Don- und 
4 Orenburg-) auf; die Gesammtzahl der Kasaken-Batterien im Kriege betrug sonach 39. 
Die Don- und die Orenburg-Kasaken stellten ausserdem je 1 Ersatz-Batterie auf. 

2 ) Seit dem Jahre 1875 waren für die reitende Artillerie zweierlei Stände syste- 
misiert : der Kriegsstand — Bedienung für 4 Züge (4. = Ersatz-Zug), Pferde für die 
volle Zahl der Geschütze und Munitionswagen; der Friedensstand — Bedienung für 
3 Züge, Pferde für alle Geschütze, aber nur für 2 Munitionswagen. 

3 j Das neunpfündige Geschütz wog mit Lafette und beladener Protze lOJ 1 !* Pud 
[1642 kg] ; es entfielen demnach auf jedes Pferd 17-8 Pud [291-5 kg] Zuglast. Das 
vierpfündige Geschütz (der Fuss- und reitenden Artillerie) wog 77 Pud [1261 kg] ; 
auf ein Pferd entfielen bloss 12-8 Pud [209-6 kg]. In beiden Fällen ist das Gewicht ohne 
Fahr-Kanoniere und ohne Bedienungs-Mannschaft berechnet. 

4 ) Die neuen Munitionswagen, System Oberst Engelhardt, waren zur Zeit der 
Kriegserklärung bloss bei 39 schweren (neunpfündigen) und 68 leichten (vierpfündigen) 
Batterien vorhanden. Ausserdem war noch ein eiserner vierrädriger Munitionswagen 
projectiert, mit welchem aber die Versuche noch nicht beendet waren. 



95 

Bei Beginn des Feldzuges hatten die meisten Batterien die 
Munitionswagen neuen Modells noch nicht erhalten und machten 
den Krieg mit zweirädrigen Munitions wagen mit. Das Gewicht 
eines solchen Wagens ohne Bedienungs-Mannschaft betrug un- 
gefähr 74V2 Pud [1220 kg\ 

Die gesammte Feld- Artillerie (einschliesslich der Kasaken) 
zählte im Jahre 1876 auf dem Kriegsfusse 365 Batterien mit 
2808 Geschützen 1 ). 

Die Kriegsstände der Artillerie waren: 

Verpflegsstand: 
Combattante Reit-u. Artill.- 

Mannschaft Mannschaft Zugpferde 

Artillerie-Brigade 1494 1730 II 16 

Batterie: schwere Fuss- 279 316 199 

,-, leichte „ 219 255 173 

„ reitende 219 253 224 

„ Gebirgs- 209 326 120 

., Don-Kasaken 279 308 303 

,, Kuban-Kasaken 285 321 296 

„ Terek-Kasaken 285 321 296 

Fliegender Divisions-Paik 284 321 272 

Mobiler „ „ 228 265 234 

Reitender Artillerie-Halbpark 195 228 187 

Das Stärke Verhältnis der Artillerie zur Infanterie war un- 
gefähr 4 Geschütze auf iooo Bajonnette ; jenes zur Cavallerie bei 
den einzelnen Divisionen verschieden 2 ). 

Die Artillerie-Parks befanden sich, was ihre Organisation 
betrifft, in einem Uebergangs-Stadium nicht nur vor der Mobili- 
sierung, sondern während der ganzen Dauer des Krieges. 

Zu Beginn des Feldzuges hatten die Feld-Truppen Artillerie- 
Parks von 4 verschiedenen Typen bei sich; die im Jahre 1875 

Baiterien Geschütze 

x ) Batterien: neunpfündige Fuss- 143 H44 

,, vierpfündige ,, 147 1176 j 

,, vierpfündige reitende 26 156 \ 1588 

,, vierpfündige Kasaken- 39 252 j 

.', dreipfündige Gebirgs-Fuss- ... 9 7 2 \ 

,, dreipfündige reitende Gebirgs- . . I 8 I 

Zusammen . . 365 2808 

2 ) Auf IOOO Bajonnette entfielen: bei den Infanterie-Divisionen zu 16 Bataillonen 
4*1 [?] Geschütze, bei jenen zu 12 Bataillonen 4-1 [?] Geschütze. Bei den Cavallerie- 
Divisionen entfielen auf 1000 Säbel : bei der I. Garde-Cavallerie-Division zu 16 Es- 
cadronen und bei der 2. Garde-Cavallerie-Division zu 32 Escadronen nahezu 6 Geschütze, 
bei der I. bis 14. Armee-Cavallerie-Division zu je 18 Escadronen und 6 Sotnien. 
5*2 Geschütze, bei der Don-Kasaken-Division zu 24 Sotnien nahezu 4 Geschütze. 



ang*eordnete Reorg'anisation galt als die normale. Nach der- 
selben sollten bestehen : 48 fliegende Divisions-Parks — ent- 
sprechend der Zahl der Infanterie-Divisionen — 1 7 fliegende Park- 
Abtheilungen für Cavallerie und 7 Abtheilungen für Schützen- 
Brig-aden (ohne die turkestanische). 

Nach der Normal-Organisation waren für jeden Divisions- 
Park 130 vierrädrige Munitionswag'en vorgeschrieben; jeder Park 
gliederte sich in 5 Abtheilungen : 2 mit Kleingewehr- und 3 mit 
Geschütz-Munition. 

Jeder Park hatte eine Infanterie-Division sammt Artillerie und 
1 Kasaken-Regiment mit Munition zu versorgen. Eine Park-Ab- 
theilung für Cavallerie führte 16 Munitionswagen mit Geschütz- 
Munition und 8 Munitionswagen mit Kleingewehr-Patronen mit. Eine 
Schützen-Parkabtheilung hatte 16 Kleingewehr-Munitionswagen. 

Die mobilen Parks bestanden nach der normalen Organisation 
aus 48 Abtheilungen, entsprechend' den vorhandenen 48 Infanterie- 
Divisionen. Jede Abtheilung hatte 48 vierrädrige Munitionswagen 
mit Vorräthen für 1 Infanterie-Division, 1 Schützen- Bataillon, 
1 Cavallerie-Regiment, 1 Kasaken-Regiment und 8 Batterien. 

Im Sinne dieser Organisation wurden im Laufe des Krieges 
aufgestellt: 7 fliegende Divisions-Parks, 7 Park Abtheilungen für 
Cavallerie, 2 für Schützen und 22 mobile Park- Abtheilungen. 

Infolge des Mangels ' an vierrädrigen Munitions wagen behielt 
ein Theil der Parks die alte Organisation vom Jahre 1867, ein Theil 
hatte die Uebergang-s-Organisation vom Jahre 1875 angenommen, 
schliesslich war ein Theil nach der provisorischen Organisation 
vom Jahre 1876 eingerichtet. 

Nach der alten Organisation vom Jahre 1867 hatten die 
fliegenden und die reitenden Artillerie-Parks je 84 dreispännige 
zweirädrige Munitionswagen ; die mobilen Parks führten entweder 
55 Fuhrwerke mit der zweispännigen Deichsel oder 90 Fuhr- 
werke mit Gabeldeichsel. 

Nach dieser Organisation waren im Feldzug*e 2 reitende 
Artillerie-Parks (Nr. 4 und 5) und 12 mobile Parks (Nr. 10 bis 18 
und 22 bis 24) formiert. 

Die Park- Organisation vom Jahre 1867 1 ) ) der damaligen 
Armee-Organisation angepasst, entsprach nicht mehr der neuen 



r ) Vor dem Kriege 1877 — 1878 bestanden als Friedens- Cadres für die Artillerie- 
Parks: 29 Artillerie- und 7^2 reitende Artillerie-Parks, welche — ausgenommen die 
kaukasischen und den finnländischen — in 8 Park-Brigaden vereinigt waren. 



97 

Gliederung der Armee. Da es aber an Mitteln fehlte, um die 
gesammte Artillerie mit vierrädrigen Munitions-Fuhrwerken zu 
betheilen, wurde im Jahre 1875 bei Festsetzung der künftigen 
normalen Organisation beschlossen, eine Uebergang s- Organisation 
einzuführen, indem man die Zahl der Parks der neuen Gliederung 
des Heeres entsprechend änderte, jedoch die altartigen Fuhrwerke 
beliess. Aus den vorhandenen zweirädrigen Munitionswagen for- 
mierte man Divisions-Parks zu 124 Munitionswagen, aus den 
Fuhrwerken der mobilen Parks mobile Park-Abtheilung-en zu 
49 Wagen. Nach dieser Org-anisation wurden 10 fliegende Divi- 
sions-Parks und 7 mobile Park- Abtheilungen formiert. 

Es reichten jedoch selbst die altartigen Fuhrwerk-Vorräthe 
nicht aus, um die nöthige Zahl der Parks aufzustellen. Man war 
sonach bei der Mobilisierung der Armee genöthigt, die fehlenden 
Parks nach einer provisorischen Organisation aufzustellen. Die 
Zusammensetzung derselben war nicht gleichmässig ; sie be- 
standen zum Theile aus den noch vorhandenen zweirädrigen 
Munitionswagen, zum Theile aus unegalen Fuhrwerken, schliesslich 
aus einer Anzahl vierrädriger Munitionswagen, welche erst von 
den Fabriken zu liefern waren. 

Der Bestand dieser Parks war folgender: 

12 fliegende Parks (Nr. 10 bis 18 und 22 bis 24) zu 96 zwei- 
rädrigen Munitionswagen ; 

2 reitende Artillerie-Parks (Nr. 7 und 8) zu 122 unegalen 
Fuhrwerken ; 

3 Park-Abtheilung'en für Cavallerie zu 40 zweirädrigen 
Munitionswagen ; 

1 Schützen-Park- Abtheilung mit 20 ebensolchen Wagen; 

2 mobile Park- Abtheilungen zu 50 zweirädrigen Munitions- 
wagen ; 

4 mobile Parks zu 110 unegalen Fuhrwerken und 

1 mobiler Park mit 192 vierrädrigen Munitionswagen. 

Die reitenden Parks wurden halbiert und jeder Halbpark 
einer Cavallerie-Division zugetheilt. 

Aus dem Vorstehenden ist ersichtlich, wie verschieden die 
Park-Organisation war. Demgemäss war auch die Munitions- Aus- 
rüstung per Geschütz und Grewehr bei den einzelnen Divisionen 
ungleich, je nach der Zusammensetzung der beigegebenen Parks. 

Die Belagerungs- Artillerie bestand im Frieden bloss 
aus Munitions- und Material- Vorräthen, welche in den Artillerie- 

Der russisch-türkische Krieg. I, ßd. 7 



öS 

Depots verwahrt wurden. Die Vorräthe waren für 3 Parks 
berechnet (Nr. i ; 2 und kaukasischer). Friedens-Cadres waren 
nicht vorhanden. Das Personal lieferte im Mobilisierungsfalle die 
Eestungs-Artillerie. 

Die Belag^erungs-Parks Nr. 1 und 2 bestanden aus je 400, 
der kaukasische aus 230 Geschützen 1 ). Die ersten zwei Parks 
gliederten sich in je 12, der kaukasische in 10 Abtheilungen. 
Die ersten zwei Abtheilung'en jedes Parks waren für die Ein- 
schliessung* und das erste Bombardement der Festungen, die 
folgenden 8 (im kaukasischen Park 6) Abtheilungen für die regel- 
mässige Belagerung bestimmt; die restlichen 2 Abtheilungen 
dienten zum Ersätze, beziehungsweise als Reserve. 

Die frühere Organisation der Belagerungs-Artillerie war 
erst Ende 1876, das ist bereits nach Verlautbarung der Mobilisierung, 
durch die neue ersetzt worden 2 ). 

d) Die Ingenieur-Truppen bestanden nach der früheren 
Organisation, wie bereits erwähnt, aus 1 1 Feld- und 4 Reserve- 
Sappeur- Bataillonen, 6 Pontonier- Halbbataillonen, 6 Feld -Tele- 
graphen-Parks, 2 Feld-Ingenieur- und 2 Belagerungs-Ingenieur- 
Parks, schliesslich 2 selbständigen Compagnien: der galvano- 
technischen Lehr- und der turkestanischen Sappeur-Compagnie. 

Im October 1876, unmittelbar vor der Mobilisierung, wurden 
die Reserve-Sappear-Bataillone in Feld-Bataillone umgewandelt, 
3 Feld-Telegraphen-Parks neu aufgestellt und die bestehenden 
6 Parks neugegliedert. 

Im December desselben Jahres gelangte in Moskau das erste 
Eisenbahn-Bataillon zur Aufstellung ; es erhielt die Nummer 3, ent- 



x ) Und zwar: Park Nr. 1 Kaukasischer 

1 und 2 Park 



vierundzwanzigpfündige Bronze- 140 66 

vierundzwanzigpfündige Stahl- 60 — 

neunpfündige Stahl- 80 60 



Mörser 



Summe der Kanonen . . 280 126 

gezogene achtzöllige Stahl- 40 — 

gezogene sechszöllige Bronze- c 40 38 

gezogene zweipudige [32 hg\ — 36 

glatte einhalbpudige [8 kg\ Bronze- .... 40 30 



.Summe der Mörser . . 120 104 



Gesammtzahl der Geschütze . . 400 230 

2 ) Jeder Park bestand aus dem Commando und 2 Abtheilungen : der Truppen- 
Abtheilung (6 Bataillone Festungs- Artillerie) und der Transport- Abtheilung. 



99 

sprechend der Nummer der Sappeur-Brigade ; zu welcher es ein- 
getheilt wurde. 

Im Jänner 1877 wurden folgende Aenderungen verfügt: die 
Pontonier- Halbbataillone waren in Bataillone umzubenennen; 
die Zahl derselben sollte um 2 neuaufzustellende Bataillone, somit 
von 6 auf 8 vermehrt werden *) ; die Feld-Ing-enieur-Parks waren 
von 2 auf 5, die Eisenbahn-Formationen auf 4 Bataillone zu ver- 
mehren, schliesslich waren 2 selbständige Minen-Compagnien neu 
aufzustellen. 

Die Durchführung- dieser Neuerungen konnte erst nach 
Massgabe der Fertigstellung des laut den neuen Normen vor- 
geschriebenen Materials erfolgen. Es wurden deshalb von den 
oben aufgezählten Verfügungen bloss folgende durchgeführt: die 
Pontonier-Halbbataillone wurden in Bataillone umbenannt ; im 
Laufe des Jahres 1877 wurden das 2. und 4. Eisenbahn-Bataillon 
und 2 Minen-Compagnien in Kronstadt und Kerc aufgestellt. Die 
Minen-Compagnien hatten die Bestimmung, die Häfen des Bal- 
tischen und des Schwarzen Meeres durch Minen zu schützen. 

Nach Durchführung dieser Aenderungen sollten die Feld- 
Ingenieur - Truppen bestehen aus: 15V4 Sappeur- Bataillonen 
(darunter 1 turkestanische Sappeur- Compagnie), 8V4 Pontonier- 
Bataillonen (darunter 1 kaukasische Pontonier - Comp agnie) 2 j ; 
4 Eisenbahn-Bataillonen (thatsächlich bestanden nur 3), 9 Feld- 
Telegraphen-Parks, 5 Feld-Ingenieur- und 2 Belagerungs-Inge- 
nieur-Parks (bei der 2. und 3. Sappeur-Brigade), endlich 2 Minen- 
Compagnien. 

Am 1. [13.] November 1876 wurden aus den vorangeführten 
Truppen 5 Brigaden in nachstehender Zusammensetzung formiert : 

1. Brigade: Sappeur - Bataillone — Garde-, Grenadier- und 
Nr. 1 ; Feld-TelegTaphen-Parks Nr. 1 und 2. 

2. Brigade: Sappeur -Bataillone Nr. 2, 3, 4; Pontoniei*- 
Halbbataillone Nr. 3, 4 ; Feld-Telegraphen-Parks Nr. 3, 4 ; Be- 
lagerungs-Ingenieur-Park Nr. 1. 

3. Brigade: Sappeur -Bataillone Nr. 5, 6 ; 7; Pontonier- 
Halbbataillone Nr. 5, 6; Eisenbahn -Bataillon Nr. 3; Feld-Tele- 
graphen-Parks Nr. 5, 6 ; Feld-Ingenieur-Park Nr. 2 ; Belagerungs- 
Ingenieur-Park Nr. 2. 



*) Im Kaukasus sollte eine selbständige kaukasische Pontonier- Compagnie for- 
miert werden. 

2 ) Die Pontonicr-Bataillone Nr. 7 und 8, sowie die kaukasische Pöntonier- 
Compagnie sind während des Krieges nicht zur Aufstellung gelangt. 



IOO 

4. Brigade: Sappeur-Bataillone Nr. 8, 9, 10; Pontonier- 
Halbbataillone Nr. i, 2; Feld-Telegraphen-Parks Nr. 7, 8; Feld- 
Ingenieur-Park Nr. 1. 

Kaukasische Brigade: Kaukasische Sappeur-Bataillone 
Nr. 1, 2, 3; kaukasischer Feld-Telegraphen-Park 1 ). 

Diese Zusammensetzung der Sappeur-Brigaden blieb bis 
zum Schlüsse des Krieges unverändert. 

Die Kriegsstände der Ingenieur-Truppen waren: 

Bajonnette Verpflegsstand 

Sappeur-Compagnie ■. . 208 [Nicht angegeben] 

Sappeur-Bataillon 2 ) 832 H23 

Pontonier-Bataillon 240 468 

Eisenbahn-Bataillon 832 1069 

Feld-Telegraphen-Park . . . . < — 367 

Feld-Ingenieur-Park — 136 

Belagerungs-Ingenieur- Park — 272 

Laut der organischen Bestimmungen vom 4. [16.] Jänner 1877 
hatte jedes Sappeur-Bataillon im Frieden aus 5 Compagnien 
zu bestehen; im Kriegsfalle sollte dasselbe eine Compagnie 
zur Bildung von Ersatz-Cadres und Reserve-Formationen aus- 
scheiden. Es war beabsichtigt, 5 Ersatz-Bataillone und 2oReserve- 
Sappeur-Compagnien zu formieren, letztere in der Weise, dass 
jede fünfte Compagnie eines Sappeur-Bataillons sich in 2 Reserve- 
Compagnien entwickelte. Thatsächlich behielten aber die 
Sappeur-Bataillone die Gliederung zu 4 Compagnien; sie for- 
mierten im Mobilisierungsfalle bei jeder Brigade ein Ersatz- 
Bataillon durch Abgabe von Cadres seitens aller Compagnien 
der Sappeur-Bataillone. Reserve- Compagnien wurden überhaupt 
nicht aufgestellt, mit Ausnahme einer Reserve-Compagnie mit 
Segel-Pontons, die aus der 4. Compagnie des 3. Sappeur-Bataillons 
formiert wurde. 

Jedes Pontonier-Bataillon bestand aus 2 Compagnien 3 ). 



2 ) Ausser Brigade-Verband blieben : die KLronstädter und die Kercer Minen- 
Compagnien, überdies die galvano-technische Lehr-Compagnie und die turkestanische 
Sappeur-Compagnie. 

2 ) Der Kriegsstand der Sappeur-Bataillone war unverändert geblieben. 

3 ) Der Ponton-Park jedes Bataillons konnte für den Uebergang von Truppen 
allein, ohne Trains, eine KLriegs-Brücke in der Länge von 146 bis 172 Sazen [3 II bis 
3477/2; 1 Sazen = 2-134 w] schlagen; hatten Trains die Brücke zu benützen, so konnte 
diese — wegen der erforderlichen grösseren Festigkeit — nur 128 bis 135 Sazen [273 bis 
288 ni] lang sein ; für die Benützung durch Belagerungs-Artillerie konnte die Brücke nur 



IOI 



Die Eisenbahn-Bataillone gliederten sich in 4 Compagnien 
(2 Bau-, 2 Betriebs-). 

Die Feld-Telegraphen-Parks waren zur Erhaltung der tele- 
graphischen Verbindung zwischen den Theilen der operierenden 
Armee bestimmt. Jeder Park gliederte sich in 3 selbständige Ab- 
theilungen ; jede Abtheilung konnte 33 Werst Leitung, der ganze 
Park 100 Werst mit 6 Stationen bauen. Ueberdies waren beim Park 
450 Sazen [960 m] Flusskabel vorhanden. Das Leitungs-Material 
wurde auf vier- und sechsspännigen Fuhrwerken mitgeführt 1 ). 

Die Feld-Ing'enieur-Parks bestanden aus je 3 Abtheilungen 
zu 4 Gruppen. Jeder Park führte eine Schanzzeug-Reserve für 
12 Infanterie-Divisionen und 12 Sappeur-Compagnien, in demselben 
geringen Ausmasse, wie es für die Truppen- Ausrüstung normiert war. 

Jeder Belagerungs - Ingenieur-Park bestand aus 4 Ab- 
theilungen ; jede Abtheilung enthielt Werkzeug und sonstiges 
Zugehör für die Belagerung einer Festung. 

Vereinigung der Feld-Truppen in Corps-Verbände. 
Mit der Einführung der territorialen Militär-Bezirke und unter 
dem Einflüsse der damals in Frankreich bestandenen Heeres- 
Organisation waren in Russland die Corps-Verbände aufg-elöst 
worden ; die Division bildete somit im Frieden die höchste 
taktische Einheit. Erst im Kriegsfalle sollten die Truppen in 
Corps vereinigt werden. Im Jahre 1873 beschloss man — mit 
Rücksicht auf die bevorstehende Vermehrung der Armee und in 
dem Streben, die Mobilisierung zu beschleunigen — - die Corps- 
Verbände bei den Feld-Truppen wieder einzuführen. Schon im 
folgenden Jahre wurde aus allen Garde-Truppen das Garde-Corps 2 ) 
formiert; im Jahre 1876 wurde zugleich mit der Mobilisierung die 
Formierung* von 6 Armee-Corps in folg'ender Zusammensetzung 
verfügt. 



100 bis 114 Sazen [213 bis 243 m~\ lang gemacht werden. Bei der Ueberschiffung von 
Truppen fasste jeder Halbponton 48 Mann (nebst 6 Pontonieren) ; für die Ueber- 
führung von Cavallerie, Artillerie und Trains wurden aus Pontons Ueberschiffungs- 
glieder verschiedener Grösse und Tragkraft zusammengesetzt. 

1 ) Die Feld-Telegraphen-Parks erschienen in diesem Kriege zum erstenmal auf 
einem Kriegsschauplätze. Bis zum Kriege hatten sie weder an den Truppen-Concen- 
trierungen, noch an Manövern theilgenommen. Eine Ausnahme bildeten in dieser 
Beziehung zwei in Petersburg dislocierte Parks. 

2 ) 3 Infanterie- und 2 Cavallerie-Divisionen mit Artillerie, Gajrde-Schützen- 
Brigade, Garde-Sappeur-Bataillon u. a. m. 



102 



Corps 

VII. Armee- 

VIII. „ 

IX. „ 

X. „ 

XL „ 

XII. 



Infanterie- 
Divisionen 


Cavallerie 
Division 


iS-, 36. 


7- 


9., 14. 


8. 


5.. 31. 


9- 


13-, 34- 


10. 


11., 32. 


11. 


12., 33- 


12. 



Jedes dieser 6 Armee-Corps bestand demnach aus 2 In- 
fanterie- und 1 Cavallerie-Division nebst 2 Artillerie-Brigaden und 
2 reitenden Batterien. Die Gefechtskraft des Corps betrug: 
24 Bataillone (20.160 Bajonnette) 2 ) ; 18 Escadronen und Sotnien 
(2562 Säbel) 2 ) und 108 Geschütze (96 Fuss- ; 12 reitende). 

Jedem Corps sollten beig'egeben werden : 2 Divisions- 
Lazarethe (1 per Infanterie-Division), 2 fliegende Divisions-Parks 
und 1 reitender Artillerie-Halbpark (an Stelle eines ganzen Parks). 
Der Verpflegsstand des Corps einschliesslich der Anstalten war mit 
35.294 Mann und 8490 Pferden normiert 3 ). Die Zahl der Fuhrwerke 
war mit 1197 — ohne die Officiers-Bagag'en — bemessen 4 ). 

Ende Februar 1877 wurden weitere 9 Corps formiert, und 
zwar das Grenadier-Corps, die Armee-Corps I bis VI, XIII und 
XIV. Dieselben waren wie folgt zusammengesetzt: 



Corps 
Grenadier- . 
I. Armee- 
IL „ 

III. „ 

IV. „ 





Infanterie- 
Divisionen 


Cavallerie 
Division 


I., 


2., 3. Gren. 


— 


22., 


24-, 37- 


I, 


25-, 


26., 27. 


2. 




28., 29. 


3- 




16., 30. 


4- 



x ) Mit den Unterofficieren 22.200. 

2 ) Mit den Unterofficieren und Trompetern 3314. 

3 ) Verpflegsstand beim Garde-Corps 46.000 ; beim Grenadier-Corps nahezu 
40.000 Mann. 

4 ) Ausweis der Stände : 

Mann Pferde Fuhrwerke 

Corps-Hauptquartier 53 21 5 

2 Infanterie-Divisionen mit Stäben . . . 26.568 I.780 526 

2 Artillerie-Brigaden 3.460 2.060 148 

1 Cavallerie-Division 3.462 3.062 100 

2 reitende Batterien 506 612 26 

2 mobile Divisions-Lazarethe 416 230 56 

2 fliegende Divisions-Parks (M. 1875) . . 642 580 286 

1 reitender Artillerie-Halbpark 187 145 50 

Summe . . 35.294 8.490 i-l'97 



io3 

Infanterie- Cavallerie- 

Corps Divisionen Division 

V. Armee- 7., 8. 5. . 

VI. „ 4'.i 6 ; I0 - 6 - 

XIII. „ ....... 1., 35- 13. 

XIV. ,, 17., 18. 1. Don-Kas. 

Die meisten Infanterie- und Cavallerie-Divisionen waren 
demnach auf die Corps aufgetheilt. Ausser Corps-Verband blieben 
10 Infanterie-Divisionen (2., 3., 19., 20., 21., 25., 38., 39., 40. 
und 41.) und 3 Cavallerie-Divisionen (14., kaukasische Cavallerie- 
und kaukasische combinierte Kasaken-Division). 

Von den Feld-Truppen standen überdies ausserhalb der 
Corps -Verbände : alle Schützen- und Linien-Bataillone, die 
Ingenieur-Trupp en ; und jene Kasaken-Formationen, welche nicht 
auf die Cavallerie-Divisionen aufgetheilt waren. . 

Aus dem Vorstehenden ist ersichtlich, dass die Mehrzahl 
der Corps-Commandanten nur wenige Monate Zeit hatte, um sich 
mit ihren Truppen bekannt zu machen ; einige übernahmen ihr 
Commando erst unmittelbar vor dem Ausmarsche. 

IL Besatzungs- und Etapen-Truppen. Diese für 
secundäre Operationen, für den Etapendienst und für die Ver- 
stärkung der Armee im Felde bestimmten Truppen gliederten 
sich in 1. Festungs-Truppen, 2. Reserve-Truppen, 3.Local-Truppen. 

1. Die Festun gs- Truppen, welche zur Bildung der ständigen 
Festungs-Besatzungen und zur Verteidigung der Festungen 
bestimmt waren, bestanden aus Infanterie und Artillerie. 

a) Die Festungs-Infanterie wurde im Jahre 1874 zu dem 
Zwecke formiert, um die Feld-Infanterie von dem Festungs- 
Besatzungsdienste zu entlasten. Im Bedarfsfalle konnte die 
Festungs-Infanterie auch zu Operationen im freien Felde ver- 
wendet werden; sie war deshalb gleich der Feld-Infanterie be- 
waffnet und ausgerüstet, hatte jedoch keinen Train und bedeutend 
schwächere Friedens-Cadres. 

Im Frieden sollten 29 Festungs - Infanterie - Bataillone zu 
4 Compagnien (48 Rotten per Compagnie) bestehen. Im Kriegs- 
falle formierte jede Compagnie ein Bataillon zu 4 Compagnien 
(108 Rotten per Compagnie), wodurch sich das Cadre-Bataillon zu 
einem Regimente mit 4 Bataillonen entwickelte 1 ). Die Festungs- 



*) Die Cadre-Bataillone wurden nach den Festungen, eventuell innerhalb der 
Festung mit Nummern bezeichnet. Bei der Umwandlung in Regimenter nahmen letztere 
die Nummer und Bezeichnung jener Bataillone an, aus denen sie entstanden waren. 



104 

Regimenter konnten nach Bedai*f in Festungs - Brigaden und 
Festung~s-Divisionen vereinigt werden. 

Die Reorganisation der Festungs-Infanterie wurde erst im 
Jahre 1876 durchgeführt; die Zahl der Bataillone wurde aber hiebei 
nicht auf 29 gebracht; sondern es blieb bei der früheren Zahl 24. 
Diese 24 Bataillone hatten im Mobilisierungsfalle 24 Regimenter 
zu 4 Bataillonen ; das ist im ganzen 96 Bataillone zu formieren. 
Thatsächlich waren während des Krieges 61 Festungs-Infanterie- 
Bataillone vorhanden. 

b) Die Festung's-Artillerie, zur Bedienung der Festungs- 
Geschütze bestimmt; sollte nach der Organisation vom Jahre 1876 
aus 50 Festungs- Artillerie -Bataillonen bestehen; welche auf 
15 Festungen zu vertheilen waren. Die Bataillone gliederten sich in 
4 Compagnien. Der Friedensstand per Bataillon betrug 40O; der 
Krieg'sstand 1200 Combattanten (Mannschaft). 

Diese Organisation konnte jedoch nicht so rasch durchgeführt 
werden. Im Jahre 1876 und bis zum 1. [13.] Juli 1878 wurden im 
ganzen 41 Bataillone formiert 1 ). Ueberdies bestanden 10 Com- 
pagnien nach der früheren Organisation. 

Aus den Festungs -Artillerie -Bataillonen konnten über be- 
sondere Verfügung Cadres für die Belag'erungs- Artillerie aus- 
geschieden werden ; da letztere keine eigenen Cadres besass. 

2. Reserve-Truppen. Bis zum Jahre 1873 bestanden die 
Reserve-Truppen aus Formationen aller drei Waffen und hatten 
die Bestimmung; sowohl im Frieden als im Kriege Recruten für 
die Feld-Truppen auszubilden. 

Im Jahre 1873 wurden diese Reserve-Truppen aufgelöst; nur 
im Kriegsfalle sollten Reserve-Formationen für Infanterie und 
technische Truppen aufgestellt werden, Hiebei war auch die Be- 
stimmung der Reserve-Truppen geändert worden. Anstatt Recruten 
für die Feld-Truppen auszubilden; sollten die Reserve-Truppen in 
ganzen Truppenkörpern zur Verstärkung der Feld-Armee und 
für secundäre Operationen auf dem Kriegsschauplatze verwendet 
werden. Die Bereitstellung des Ersatzes für die Feld-Truppen im 
Kriege wurde den Ersatz-Truppen übertragen. Die Ausbildung 
der Recruten aber wurde jedem Truppenkörper selbst überlassen. 

Die Aufstellung von Reserve -Truppen im Kriege erfolgte 
durch Ausscheidung von Officieren und Mannschaft aus den 



l ) Darunter 33 Bataillone zu 4 Compagnien und 8 Bataillone zu 3 Compagnien. 



io5 

Feld- und den Local-Truppen und durch Einberufung aus der 
Reserve; die Bekleidung und Ausrüstung für die Reserve-In- 
fanterie sollte unter den Augmentierungs-Vorräthen der Local- 
Truppen, für die Reserve-Artillerie bei den Reserve-Batterien 1 ) 
vorhanden sein. 

a) Die Reserve-Infanterie sollte im Kriegsfalle bestehen aus : 
dem Leibgarde-Reserve-Regimente 2 ) und 164 Armee-Bataillonen. 
Die Zusammensetzung und die Stärke dieser Bataillone waren 
jenen der Feld-Bataillone gleich. Die Reserve-Bataillone waren 
in 164 Städten im Innern des Reiches aufzustellen; sie konnten 
— mit der Reserve-Artillerie — in Regimenter, Brigaden und 
Divisionen vereinigt werden. 

Hiernach sollte die Reserve-Infanterie im Kriegsfalle nahezu 
13V2 Reserve-Divisionen zu 19 Bataillonen 3 ) aufstellen; 8 Divi- 
sionen konnten mit je 1 Artillerie -Brigade dotiert werden. 

Um den 1. [13.] Juli 1878 waren 144 Reserve-Infanterie- 
Bataillone aufgestellt oder in der Errichtung begriffen. 

b) Die Reserve-Artillerie sollte im Kriegsfalle 48 Batterien 
zu 8 Geschützen (Vier- und Neunpfünder) 4 ) formieren. 

Diese Batterien konnten nach Bedarf in Artillerie-Brigaden 
vereinigt werden. Wie bereits erwähnt, besass die Reserve- 
Artillerie im Frieden keine eigenen Cadres; es sollten demnach 
solche im Mobilisierungsfalle von den Ersatz-Batterien aus- 
geschieden werden, welche auch das gesammte Material der 
Reserve- Artillerie zu verwalten hatten; die Ersatz-Batterien selbst 
waren aber damals noch nicht aufgestellt. 

Dessenungeachtet wurde während des Feldzuges eine nam- 
hafte Zahl von Reserve-Batterien, und zwar im ganzen 68 formiert. 
Ausserdem gelangten gegen 1. [13.] Juli 1878 noch 3 Batterien 
zur Aufstellung. 



l ) Thatsächlich wurde kein Material für die Reserve-Truppen erzeugt, noch 
bereitgestellt, und dieser Umstand erschwerte in hohem Grade die Mobilisierung der 
Reserve-Truppen. 

-) Das Leibgarde-Reserve-Regiment besass im Frieden einen permanenten Cadre 
mit der Bezeichnung „Cadre-Bataillon des Leibgarde-Reserve-Infanterie-Regiments"; 
dasselbe war 1873 aus dem damaligen Leibgarde-Garnisons-Bataillon formiert worden. 

3 ) Im Feldzuge 1878 wurden 11 Reserve-Divisionen formiert. In Ermangelung 
eines eigenen Augmentierungs-Personals und infolge der Erschöpfung des Reserve- 
standes zu Beginn des Jahres 1877 wurden diese Divisionen — um die Mobilisierungs- 
Calculs nicht umzustossen — mit Hilfe von Truppenkörpern der Festungs- und Local- 
Infanterie formiert und hauptsächlich durch Reichswehrmänner I. Aufgebots completiert. 

4 ) Darunter 12 neunpfündige und 36 vierpfündige. 



io6 

c) Die Reserve-Ingenieur-Truppen sollten aus 20 Reserve- 
Sappeur-Compagnien bestehen; als Cadres zu deren Formierung 
im Kriegsfalle sollten die fünften Compagnien der im Frieden 
bestehenden Sappeur-Bataillone (1 Garde-, 9 Armee-) dienen; 
jede dieser Compagnien hatte sich in 2 Reserve-Compagnien zu 
entwickeln 1 ). 

Für die Durchführung der Organisation der Reserve-Truppen 
vor Beginn des Krieges fehlte es an Personal und Material. Die vor- 
handene Reserve-Mannschaft war nicht einmal zur Augmentierung 
der Feld- und der Festungs-Truppen ausreichend; die Erzeugung 
des Materials für die Reserve-Truppen hätte einen Zeitraum von 
mehreren Jahren und ausserordentliche materielle Opfer beansprucht, 
für welche es aber an Mitteln fehlte. 

3. Die Local -Truppen waren hauptsächlich für den Wach- 
und Convoidienst, sowie überhaupt für den internen Dienst 
bestimmt, sie konnten jedoch im Kriegsfalle nach Bedarf auch 
zur Verstärkung der Cadres der Reserve- und Festungs-Truppen 
verwendet werden. 

Sie bestanden ausschliesslich aus Infanterie-Bataillonen und 
Infanterie-Local-Commanden ; welche in den Gouvernements- und 
Kreisstädten dislociert Waren. Im Frieden wurde der Wachdienst 
zum Theile auch von den Feld-Truppen versehen, weshalb einige 
Local-Bataillone und Commanden en cadre gesetzt waren. 

Nach der im Jahre 1874 vorgenommenen Reorganisation sollten 
die Local-Truppen folgenden Bestand haben: 

a) ständige Local-Bataillone 2 ) in 21 Gouvernements- und 
Gebietsstädten in der Stärke von 400 bis 1200 Mann; jene Bataillone, 
welche nicht mehr als 600 Mann zählten, gliederten sich in 2 Com- 
pagnien, die stärkeren Bataillone in 4 Compagnien; 

b) ständige Local-Commanden 2 ) von verschiedener Stärke in 
allen Kreisstädten und in 7 Gouvernementsstädten des König- 
reiches Polen: 



v ) Die Organisation des Jahres 1877 blieb unausgeführt. Im Laufe des Krieges 
wurde bloss I Reserve-Compagnie mit Segel-Pontons aus der 4. Compagnie des 
3. Sappeur-Bataillons formiert. 

2 ) Jene Bataillone und Commanden waren „ständig" [d. h. auf permanentem, 
in Krieg und Frieden gleichem Stande], welche den gesammten Localdienst zu ver- 
sehen hatten. Die Stärke war je nach der Grösse des Wach-Contingents in den einzelnen 
Städten verschieden normiert. 



107 

c) Local-Cadre-Bataillone 1 ) (zu 4 Compagnien, im ganzen 
400 Mann per Bataillon) in den beiden Hauptstädten und in 
7 grossen Gouvernementsstädten ; hatten im Kriegsfalle Local- 
is egim enter zu 4 Bataillonen zu formieren; 

d) Local-Cadre-Commanden x ) in allen übrigen Gouvernements- 
städten, mit verschiedenen Ständen. Im Kriegsfalle hatten die 
Commanden in der Stärke von 250 und 100 Mann Local-Bataillone 
zu 4 Compagnien (per Bataillon 8oo ; beziehungsweise 600 Mann) 
zu formieren; die Commanden zu 64 Mann stellten Bataillone zu 
2 Compagnien (per Bataillon 400 bis 500 Mann) auf; 

e) Convoi-Commanden zur Escortierung von Arrestanten auf 
den wichtigsten, zu den Verbannungsorten führenden Transports- 
Linien. 

Thatsächlich bestanden zur Zeit der Mobilisierung vor dem 
russisch -türkischen Kriege die Local- Truppen aus folgenden 
Körpern und Abtheilungen: 

Local-Bataillone : ständige 20 

,, en cadre 9 

Local-Commanden : ständige 597 

., en cadre 47 

Convoi-Commanden 38 

Im Kriegsfalle aufzustellende Local-Commanden ... 17 

Die Local-Truppen hatten im Kriegsfalle 103 Bataillone und 
652 Commanden zu formieren. In derThat wurde aber eine grössere 
Zahl dieser Formationen aufgestellt, denn am 1. [13.] Juli 1878 
waren 134 Local-Bataillone und 675 Local-Commanden vorhanden. 

III. Ersatz-Truppen. Seit dem Jahre 1874 begann man 
als Ersatz -Truppen jene Truppenkörper der drei Waffen zu 
bezeichnen, welche die Bestimmung hatten, Ersatz-Commanden 
zur Deckung der Abgänge bei den Feld- und Reserve-Truppen 
bereitzustellen und auf den Kriegsschauplatz abzusenden. 

a) Die Ersatz-Infanterie sollte im Kriege aus einzelnen 
Bataillonen zu 4 Compagnien 2 ) bestehen; auf jedes Infanterie- 

1 ) Den Cadrestand erhielten jene Bataillone und Commanden, welche gemeinsam 
mit Feld-Truppen garnisonierten und demnach den Wach- und Convoidienst im 
beschränkten Umfange versahen. Im Kriegsfalle, das ist nach dem Ausmarsche der 
Feld-Truppen, sollten die Local-Formationen verstärkt werden, um den gesammten 
Wach- und Convoidienst zu übernehmen. 

2 ) Nur das Garde-Schützen-Ersatz-Bataillon bestand aus 3 Compagnien, nachdem 
das „Finnische" Leibgarde-Schützen-Bataillon eine eigene Ersatz-Compagnie aufstellte. 



io8 

Regiment und jede Schützen-Brigade (ausgenommen die turke- 
stanischen) entfiel ein Ersatz-Bataillon. Es waren demnach im Kriegs- 
falle, der Zahl der Infanterie-Regimenter und Schützen-Brigaden 
entsprechend, 199 Ersatz-Bataillone 1 ) aufzustellen. 

Für die Ersatz-Bataillone waren im Frieden keine Cadres 
vorhanden; dieselben sollten erst bei der Mobilisierung aus dem 
Bestände der Feld- und Local-Lnfanterie, zum Theile a,us der 
Reserve formiert werden. Gleichzeitig" mit der Mobilisierung der 
Regimenter und Schützen-Brigaden sollten auch die entsprechenden 
Ersatz-Bataillone aufgestellt werden. 

Die Garde- und die Grenadier-Regimenter, sowie die Garde- 
Schützen-Brigade schieden im Mobilisierungsfalle aus dem eigenen 
Stande Cadres zur Formierung ihrer eigenen Ersatz-Bataillone 
aus, welche im Kriege den Ersatz bloss für ihre Regimenter und 
Bataillone leisteten. 

Die Armee-Ersatz-Bataillone (164 Infanterie- und 6 Schützen-) 
erhielten die Cadres von verschiedenen Truppenkörpern der 
Feld- und der Local-Truppen ; sie gelangten in jenen 164 Gouver- 
nementsstädten zur Aufstellung, in welchen die Reserve-Batail- 
lone zu errichten waren. 

Die Armee -Ersatz -Bataillone hatten keinen organischen 
Zusammenhang mit den, Feld-Truppen; sie sollten demnach ohne 
Unterschied jene Feld» und Reserve-Truppen ergänzen, welche 
auf dem Kriegsschauplätze am meisten des Ersatzes bedurften 2 ). 

Die Augmentierung*s-Vorräthe an Material für die Armee- 
Ersatz-Bataillone sollten in den Formierungs-Stationen derselben, 
bei den Local-Truppen deponiert werden. 

Jedes Ersatz-Bataillon hatte aus 4 Compagnien mit zwei- 
fachem Stande zu bestehen : 

1. dem permanenten Stande an Stabs- und Oberofficieren 
und einer bestimmten Zahl von Unteroffi eieren und Gefreiten, 
welche zur Ausbildung der zur Completierung der Cadres be- 
stimmten Reservisten eingerückt waren, und 

2. dem wechselnden Stande, welcher sich aus den zum 
Ersätze der Abgänge aus der Reserve eingerückten Officieren 
und Mannschaft ergänzte. 



Bataillone (unter den letztgenannten I Garde-). 

2 ) Die Dirigierung der Marsch-Commanden zur Ergänzung der verschiedenen 
Feld- und Reserve-Truppenkörper hatte nach besonderen Repartitionen des Plaupt- 
stabes zu erfolgen. 



iog 

Dem Mangel an Reserveoffi eieren für die Ersatz- und 
Reserve-Truppen trachtete man durch Uebersetzung von Officieren 
aus den Local- und Festungs-Truppen (hauptsächlich von der 
Donau-Armee) abzuhelfen. Bei Mangel an Reserve-Mannschaft 
sollte der Bedarf für den wechselnden Stand durch Reichswehr- 
männer i. Kategorie und durch Recruten gedeckt werden 1 ). 

Nach Massgabe des bei der Feld- Armee eintretenden Bedarfes 
sollten die Ersatz-Bataillone ihre Marsch-Commanden absenden. 

Die Garde-Ersatz-Bataillone sollten sämmtlich in Petersburg 
(das Schützen-Bataillon in Zarskoje Selo), die Grenadier-Bataillone 
und die Armee -Schützen -Bataillone sämmtlich in Moskau zur 
Aufstellung gelangen. 

Die Petersburger und Moskauer Ersatz-Bataillone sollten 
eigenen höheren Commandanten (mit den Rechten des Divi- 
sionärs) unterstellt werden. Die Armee-Ersatz-Bataillone (und 
auch die kaukasischen, die Grenadier- und Schützen-Bataillone) 
wurden jenen Gouvernements-Militär-Chefs unterstellt, in deren 
Bereiche sie zu formieren waren. 

Im ganzen gelangten während des Feldzuges 152 Ersatz- 
Bataillone zur Aufstellung. 

b) Die Ersatz-Cavallerie wurde im Jahre 1875 organisiert. 
Sie bestand aus Ersatz-Escadronen, und zwar per Cavallerie- 
Regiment eine Escadron, im ganzen somit 56 Escadronen. Im 
Frieden hatte jede Ersatz-Escadron für ihr Feld-Regiment die 
Remonten zuzureiten und die Recruten zum Theile auszubilden; 
im Kriege hatte die Ersatz-Escadron Cavallerie-Marsch-Commanden 
zum Ersätze der Abgänge abzusenden. 

Die Garde-Ersatz-Escadronen 2 ) gehörten zum Verbände 
ihrer Feld-Regimenter ; die Armee-Ersatz-Escadronen waren aber 
von den Feld-Regimentern abgetrennt und in Ersatz-Cavallerie- 
Brigaden (zu je 6 Escadronen) vereinigt. Es bestanden 7 Brigaden, 
und zwar je 1 für 2 Cavallerie-Divisionen 3 ). 

Im Frieden hatte jede Ersatz-Escadron einen zweifachen 
Stand : den permanenten für das Zureiten der Pferde und den 
wechselnden zur Abgabe derselben an die Regimenter. Mit 






x ) Das Personal für den Cadrestand wurde mittels besonderer Reparationen 
des Hauptstabes zu den Bataillonen eingetheilt. 

2 ) Mit Ausnahme der Ersatz-Escadronen des Leibgarde -Uhlanen- Regiments 
Seiner Majestät und des Leibgarde Grodno-Husaren-Regiments. 

3 ) Die Escadronen der kaukasischen Dragoner-Regimenter formierten keine 
Brigade; sie waren dem Commandanten der kaukasischen Cavallerie-Division unterstellt. 



I IO 

der Verlautbarung* der Mobilisierung sollten auch die Garde- 
und die kaukasischen Ersatz-Escadronen aus den Regimentern 
ausscheiden und neue Ersatz -Brigaden bilden, und zwar die 
Garde-Brigade mit 10 Escadronen und die kaukasische mit 4 Es- 
cadronen. 

Sämmtliche Ersatz-Escadronen hatten im allgemeinen den Ab- 
gang* an Officieren, Mannschaft und Pferden in ihren Regimentern 
zu decken. Zu diesem Zwecke wurden bei den Ersatz-Escadronen 
soviel Officiere und Soldaten aus dem Reservestande der Cavallerie 
bereitgestellt; dass sie für die Aufstellung von 2 Escadronen zu 
20 Rotten per Zug ausreichten. Für eine dieser Escadronen sollten 
die Reitpferde vom Lande abgestellt werden. Es konnten demnach 
für jedes Regiment 2 Ersatz- Contingente, ein berittenes und ein 
unberittenes ; beigestellt werden 1 ). Zur Ergänzung der Abgänge 
bei den Regimentern entsandten die Ersatz-Escadronen den je- 
weiligen Verfügungen entsprechend ganze Marsch - Escadronen 
oder Marsch-Commanden. 

c) Die Organisation der Ersatz-Artillerie war neu ; sie 
datierte für die reitende Artillerie vom Jahre 1875; für die Fuss- 
Artillerie vom Jahre 1876. 

Die Ersatz-Fuss- Artillerie hatte die Bestimmung, im Kriegs- 
falle die Feld- Artillerie mit Personal zu ergänzen und die Cadres 
für 48 Batterien der Reserve-Artillerie aufzustellen. Zu diesem 
Zwecke sollten im Frieden 24 Ersatz-Batterien 2 ) vorhanden sein. 
Im Kriegsfälle hatten dieselben aufzustellen : 48 Reserve-Batterien 
(deren Zusammensetzung und Bewaffnung* bereits besprochen 
wurde) und 48 Ersatz -Batterien (mit vierp fündigen Geschützen). 
Thatsächlich bestand aber im Frieden ausser der Lehr-Fuss- 
Batterie keine Ersatz-Fuss- Artillerie ; erst kurz vor der Mobili- 
sierung wurde mit der Aufstellung von 1 1 Ersatz-Fuss-Batterien 
begonnen. 

Die reitende Ersatz-Artillerie hatte die Bestimmung, im 
Kriegsfalle die Abgänge an Mannschaft bei der reitenden Feld- 
Artillerie zu decken. Sie sollte nach der Organisation vom 
Jahre 1875 aus 3 selbständigen reitenden Ersatz-Batterien be- 
stehen. Hievon wurden 2 sogleich aufgestellt ; als dritte wollte 



*) Nach Absendung des berittenen Contingents wurde die unberittene Abtheilung 
beritten gemacht und hierauf ein zweites unberittenes Contingent bereitgestellt u. s. w. 

2 ) Darunter I Lehr-Fuss-Batterie, welche als Ersatz-Batterie zu fungieren hatte. 
Die übrigen 23 Ersatz-Batterien sollten 4 Ersatz-Artillerie-Brigaden formieren. 



1 1 1 

man die im Mobilisierungsfalle umzuwandelnde reitende Lehr- 
Batterie verwenden 1 ). 

Die Fuss- und reitenden Ersatz-Batterien hatten zweierlei 
Stände: den permanenten und den wechselnden. Der permanente 
Stand betrug- per Batterie im Kriege 9 Officiere, 226 Mann, der 
wechselnde Stand 10 Officiere, 570 Mann. 

Im ganzen waren während des Feldzuges aufgestellt: 
25 Fuss- und 3 reitende Ersatz-Batterien. 

Um die ununterbrochene Ergänzung der Artillerie der Feld- 
Armee mit Mannschaft, Pferden und Material (als Ersatz für das 
verbrauchte und unbrauchbar gewordene) zu sichern, wurden 
folgende Artillerie- Abtheilungen und Anstalten aufgestellt: 

1. die vordere Artillerie-Reserve, deren wechselnder Stand 
10 Procent an Mannschaft und 5 Procent an Pferden sämmt- 
licher Artillerie-Körper der Operations-Armee betrug. In der 
Material- Abtheilung sollte eine ioprocentige Reserve an Ge- 
schützen, 5 Procent an Munitions -Wagen und 5 Procent an 
Munition der bei der Feld-Armee vorhandenen Vorräthe bereit- 
gehalten werden. 

2. ein Munitions-Depot, welches anfänglich aus 8 Local- 
Parks gebildet wurde, zu welchen später noch 6 weitere Parks 
traten. 

3. eine mobile Artillerie- Werkstätte. 

4. ein mobiles Laboratorium. 

d) Ingenieur-Ersatz-Truppen. Laut den mit Prikas Nr. 30 
vom Jahre 1877 verlautbarten organischen Bestimmungen für die 
Ingenieur - Truppen hatten die Feld - Sappeur - Bataillone Nr. 1, 
2, 4, 7 und das 3. kaukasische Sappeur - Bataillon aus den 
fünften Compagnien je 1, im ganzen also 5 Ersatz -Bataillone 
für die 5 Sappeur - Brigaden aufzustellen. Thatsächlich blieben 
aber die Feld-Sappeur-Bataillone auf dem Stande von 4 Com- 
pagnien und stellten successive 4V2 Ersatz-Bataillone auf, wozu 
alle Compagnien sämmtlicher Bataillone Cadres abgegeben 
hatten. 

IV. Zu den Hilfs-Formationen zählten alle nicht zum 
Kampfe bestimmten Truppenkörper und Abtheilungen, und zwar 
die Lehr-Truppen, das Gendarmerie-Corps, von welchem ein 



1 ) Es wurde bloss 1 reitende Ersatz-Batterie (Nr. 1) gleichzeitig mit den Feld- 
Truppen im Jahre 1876 mobilisiert. 



I 12 



Theil auch den Polizeidienst bei den Truppen versah x ) ; die Straf- 
Compagnien und verschiedene Commanden bei den militärischen 
(Artillerie-, Ing'enieur- und Sanitäts-) Behörden und Anstalten. 

Die Militär-Sanitäts-Anstalten im Frieden bestanden 
im Jahre 1871 aus: 83 Spitälern verschiedener Classen und 
592 Lazarethen, mit 30.639 Spitals- und 25.382 Lazareth-Plätzen ; 
im ganzen waren 56.021 Kranken-Plätze verfügbar. Bis zum Be- 
ginne des Krieges änderte sich die Zahl der Sanitäts- Anstalten 
nicht wesentlich; deren Erweiterung in der Periode 1876 — 1878 
entsprach ausschliesslich den Kriegsbedürfnissen. 

Die Massnahmen zur Befriedigung der letzteren bestanden 
hauptsächlich : in der Erweiterung der im Frieden bestandenen 
Anstalten, in der Errichtung neuer Anstalten 2 ) und in der Mobili- 
sierung der Feld-Sanitäts-Anstalten. Letztere sollten bei einer 
allgemeinen Mobilisierung bestehen aus : 84 zeitlichen Kriegs- 
Spitälern und 48 mobilen Divisions-Lazarethen. Hievon sollten 
48 Spitäler und 27 Lazarethe mit Train ausgerüstet sein; dieser 
sollte jedoch, ebenso wie der Regiments-Lazareth-Train erst 
erzeugt werden. In der That wurden bereitgestellt: 30 zeitliche 
Kriegs-Spitäler mit je 630 Plätzen für die Operations-Armee und 
28 Spitäler zu je 210 Plätzen für das kaukasische Corps. Für 
die Versorgung der Armee mit Medicamenten wurde eine mobile 
Apotheke errichtet. 

Im ganzen wurden während des Krieges eröffnet: für die 
Donau- Armee 64 zeitliche Kriegs-Spitäler mit 40.820 Plätzen und 
für das kaukasische Corps 78 solche Spitäler mit 16.380 Plätzen. 
In Odessa und Sewastopol wurden Local-Lazarethe für zusammen 
4300 Kranke errichtet. Ueberdies wurden an einigen Punkten 
der Schwarzmeer-Küste und im Kaukasus sanitäre Lager mit 
11.200 Plätzen etabliert. Die Armee verfügte gegen Ende des 
Krieges über eine Gresammtzahl von rund 130.000 Plätzen für 
Kranke, Verwundete und Reconvalescenten. 

Mit Divisions-Lazarethen (1 per Infanterie-Division) wurde 
die gesammte Feld- Armee ausgerüstet. Gegen Ende des Krieges 
waren 25 Divisions-Lazarethe aufgestellt 3 ). 



x ) Im Jahre 1876 wurde die Verfügung getroffen, dass 6 Gendarmerie-Commanden 
(i Garde-, 5 Armee-) zu errichten seien, welche im Frieden den Militär-Polizeidienst 
zu versehen hatten ; im Kriegsfalle sollten sie sich zu Escadronen entwickeln. 

2 ) Diese beiden Massnahmen erhöhten die Zahl der Spitalsplätze um 4463. 

s ) Die Divisions-Lazarethe wurden mit provisorischen Ständen und bloss mit 
1 AbtheiluEg (statt 2) für 80 Mannschafts- und 3 Officiers-Plätze aufgestellt. Jedem 






H3 

Ausser den vorangeführten Anstalten standen bei den 
russischen Armeen noch die von der Gesellschaft des Rothen 
Kreuzes und von anderen privaten Vereinen und Personen 
beigestellten Sanitäts-Anstalten zur Verfügung, welche der Armee 
wesentliche Dienste leisteten. Dessenungeachtet kamen im Kriege 
Fälle vor ; dass sich die Zahl der Krankenplätze als unzureichend 
erwies. 

B. Irregulä re Truppen. Dieselben bildeten schon seit 
langer Zeit einen Bestandtheil unserer bewaffneten Macht; sie 
wurden von der Bevölkerung der Kasaken-Gebiete, zum Theile 
von den Fremdvölkern aufgestellt und ergänzt. 

I. Kasaken-Truppen. Zu denselben g-ehörten im Jahre 
1876 folgende nach ihrer numerischen Stärke angeführten Kasaken- 
Heere : Don-, Kuban-, Orenburg-, Terek-, Transbajkal-, Ural-, 
Sibirisches, Amur-, Astrachan- und Semirjece-; überdies standen 
ausserhalb der Kasaken-Heere : die Irkutsk- und die Krasnojarsk- 
Sotnie, das Jakutsker städtische Fuss-Regiment und die 
Commanden von Kamcatka, Beresow, Surgut und Narymsk. 

Die allgemeinen Merkmale, durch welche sich die 
Organisation der Kasaken-Truppen von jener der regulären 
unterschied, bestanden darin, dass im Frieden bloss ein Drittel 
der Kasaken-Truppen aufgestellt war, wogegen zwei Drittel 
sich im Urlauber-Verhältnisse befanden. 

Die Kasaken-Truppen waren vorwiegend als berittene 
Körper organisiert, bloss in einigen Gebieten wurden Infanterie- 
und Artillerie-Abtheilungen aufgestellt. 

Bei der Mobilisierung der Kasaken wurde die Zahl der 
Truppenkörper vermehrt; die normierte Stärke derselben war 
in Friedens- und Kriegszeiten gleich. 

Die Combattanten-Truppenkörper bestanden aus : Reiter- 
Regimentern (zu 4 bis 6 Sotnien), selbständigen Reiter-Sotnien 
(bis zu 150 Pferden), Fuss-Bataillonen (zu 4 bis 5 Compagnien 
oder Sotnien) und Batterien zu 6 oder 8 Geschützen im Kriege. 

Brigade- und Divisions-Verbände waren bloss beim Don- 
Kasaken-Heere vorhanden ; die Errichtung solcher Verbände 
g*eschah jedesmal über besondere Verfügung x ). 



Lazareth wurde eine Blessiertenträger-Compagnie (9 Unterofliciere, 200 Soldaten) aus 
dem Stande der zur Division gehörigen Regimenter beigegeben. 

r ) Bei den übrigen Kasaken-Heercn konnte die Vereinigung in Brigaden und 
Divisionen im Kriege nach Ermessen des Höchstcommandierenden erfolgen. 

Der russisch-türkische Krieg. I. Bd. 8 



ii 4 

Die Ableistung der Dienstpflicht seitens der Kasaken 
erfolgte nach dem sogenannten , ; Aufgebot" -System ; dasselbe war 
noch unter der Regierung der Kaiserin Katharina II. eingeführt 
worden und hatte sich bis zum Beginne der Siebziger-Jahre 
erhalten ; zu dieser Zeit wurde es wesentlich geändert. 

Um in der Bevölkerung- der Kasaken-Gebiete die An- 
sässigkeit zu heben, wurde beschlossen, die Kasaken-Truppen 
durch 3 wechselnde Contingente oder Aufgebote von bestimmter 
Zusammensetzung zu ergänzen ; hieb ei wurden alle freiwillig sich 
Meldenden im Alter von 19 bis 25 Jahren eingereiht; erst in 
Ermangelung solcher sollten die jungen Leute mit vollendetem 
19. Lebensjahre im Wege der Losziehung zum activen Dienste 
herangezogen werden. Da die Losziehung nur einmal im Leben 
vorgenommen wurde, waren somit die nach der Losnummer 
nicht zur Einreihung Gelangten auf Lebensdauer von der Dienst- 
pflicht befreit ; sie wurden im Gegensatze zu den dienstpflichtigen 
Kasaken „Heeres-Civilisten" genannt. Als Entgelt für ihre 
Begünstigungen waren sie verpflichtet, eine geringe Jahrestaxe 
zu erlegen. 

Diese Grundsätze wurden im Jahre 1871 bei den Orenburg-, 
Kuban-, Terek- und den Sibirischen Kasaken, im Jahre 1873 
bei den Astrachan- und Transbajkal-Kasaken eingeführt. Die Ge- 
sammt-Dienstpflicht für alle vorgenannten Kasaken-Heere war mit 
22 Jahren bemessen, wovon 15 auf den activen Truppen-Dienst 
und 7 Jahre auf den sogenannten „inneren Dienst" entfielen. 

Die eben g-eschilderten Einrichtungen fanden jedoch keine 
weitere Entwicklung, denn die Begünstigung der„Heeres-Civilisten'' 
stand mit der inzwischen im Reiche eingeführten allgemeinen Wehr- 
pflicht in offenbarem Widerspruche. Es war vielmehr nothwendig, 
die Bestimmungen über die Dienstpflicht der Kasaken mit dem all- 
gemeinen Wehrgesetze vom Jahre 1874 in Uebereinstimmung 
zu bringen. 

Zu diesem Zwecke wurde im selben Jahre ein neues Statut 
für die Dienstleistung der Don-Kasaken und im folgenden Jahre 
das Wehrgesetz für diese Kasaken verlautbart, letzteres sodann 
im Jahre 1876 auf sämmtliche Kasaken-Heere ausgedehnt 1 ). 

Die wichtigsten Bestimmungen über die Wehrpflicht der 
Kasaken waren nach dem neuen Statut folgende : 



r ) Im Transbajkal- und Amur-Kasaken-Heere wurde dieses Statut erst nach 
dem Kriege, im Jahre 1878, beziehungsweise 1879 eingeführt. 



H5 

Die gesammte männliche Bevölkerung der Kasaken-Gebiete 
unterliegt der Wehrpflicht. Loskauf und Stellvertretung- sind 
nicht zulässig. Die Wehrpflicht wird abgeleistet: in der Dienst- 
Classe und der Heereswehr (Landsturm). Die Gesammtdauer der 
Dienstpflicht in der Dienst- Classe beträgt 20 Jahre, hievon 

3 Jahre in der Vorbereitungs-Kategorie, 12 Jahre in der Front- 
und 5 Jahre in der Ersatz-Kategorie. Von der 12jährigen Dienst- 
pflicht in der Front-Kategorie hatten die Kasaken die ersten 

4 Jahre activ zu dienen und bildeten während dieser Zeit das 
1. Aufgebot; sodann wurden sie in das Urlaub er- Verhältnis ver- 
setzt und bildeten im Kriegsfalle das 2. und 3. Aufgebot. Mit 
dem 18. Lebensjahre wurden die Kasaken in die Vorbereitungs- 
Kategorie eingereiht; sie blieben in ihrem Wohnorte und erhielten 
vom folgenden Jahre an die erste militärische Ausbildung in den 
Stanitzen ; im dritten Jahre wurden sie überdies einer vierwöchent- 
lichen Waffenübung beigezogen. Im Urlaub er- Verhältnisse wurden 
die Kasaken während der vierjährigen Zugehörigkeit zum 2. Auf- 
gebote dreimal zu dreiwöchentlichen Uebungen einberufen. Im 
3. Aufgebote hatten sie nur eine solche Waffenübung mitzumachen ; 
die Ersatz-Kategorie und die zur Heereswehr eingereihten Kasaken 
waren zu Waffenübungen nicht verpflichtet. Die bei der Artillerie 
dienenden Kasaken wurden nicht in Aufgebote eingetheilt; sie 
hatten im Urlauber -Verhältnisse jedes zweite Jahr eine fünf- 
wöchentliche Waffenübung mitzumachen. 

Die Begünstigungen und Befreiungen von der Wehrpflicht 
in den Kasaken-Heeren waren im allgemeinen jenen für das 
übrige Reich analog. 

Beim Ural-Kasaken-Heere bestand eine besondere Eigen- 
thümlichkeit in der Ableistung der Wehrpflicht, indem die 
Ergänzung der Truppenkörper durch Freiwillige erfolgte, welche 
hiefür eine specielle Entschädigung (podmöga) seitens jener 
Leute erhielten, welche ihre Präsenz-Dienstpflicht nicht persönlich 
ableisten wollten ; nur wenn es an Freiwilligen mangelte, wurden 
die übrigen Wehrpflichtigen nach der Losreihe eingereiht. Das 
wehrpflichtige Alter begann mit 19 Jahren; zunächst wurden 
die zum Dienste Verpflichteten auf 2 Jahre der inneren Dienst- 
Kategorie zugezählt, hierauf auf 15 Jahre in die Feld-Kategorie 
übersetzt und kamen sodann wieder auf 5 Jahre zur inneren 
Dienst-Kategorie zurück. Jene Kasaken, welche ihre Präsenz- 
Dienstpflicht nicht persönlich ableisten wollten, wurden auf 
ein Jahr, und zwar während der ersten 3 Jahre ihrer Zu- 



n6 

g-ehörigkeit zur Feld-Kategorie zu den Fahnen einberufen. 
Ausserdem wurden sämmtliche Ural-Kasaken der Feld-Kategorie 
bis zum 7. Jahre ihrer Dienstpflicht in dieser Kategorie jedes 
Jahr zu einer Waffenübung herangezogen. 

Die Ergänzung - der Kasaken-Truppen mit Unterofhcieren 
(Urjädnik) erfolgte durch die Regiments-Lehr-Commanden, in 
welchen g-eeignete Kasaken zu Unterofhcieren herangebildet 
wurden. Im Ural-Kasaken-Heere erfolgte die Ausbildung der 
Unterofhciere bei der Ural-Lehr-Sotnie. 

Als Ergänzungs-Quellen für Offi eiere dienten: 1. die Aus- 
musterung aus den Junker- und Kriegs-Schulen, 2. die Ueber- 
setzung von den regulären Truppen, 3. die Wieder- Activierung 
aus dem Ruhestande. 

Unter diesen Quellen war der Zahl nach die wichtigste die 
jährliche Ausmusterung* aus den speciellen Urjädnik-Schulen für 
Kasaken in Nowocerkask, Stawropol und Orenburg, ferner aus 
den Special- Abtheilungen für Kasaken. an einigen anderen 
Junker-Schulen. 

Die grosse Masse der Officiere aber, welche vor der 
Errichtung* der Junker-Schulen in die Officiers-Charg-e gelangt 
war, stammte aus den Reihen der Truppen-Unter offi eiere, welche 
nach Zurücklegung einer bestimmten Dienstzeit befördert worden 
waren ; von diesen forderte man bloss die Kenntnis des Lesens 
und Schreibens. 

Der Effectivstand an Ofhcieren differierte im Jahre 1876 
nur wenig von dem normierten Stande und belief sich auf 
3032, das ist ungefähr 82 Procent des Kriegsstandes. 

Die Kasaken-Heere stellten im Falle eines Krieges folgende 
Truppen ins Feld: 

1. das Don-Heer, an Zahl das stärkste (69.000 Mann), 
brachte über 40 Procent aller Kasaken-Formationen auf, und 
zwar 374 Escadronen und Sotnien und 2^ reitende Batterien 
mit 136 Geschützen (darunter 1 Ersatz-Batterie zu 4 Geschützen), 
das ist etwa 60 Procent der gesammten Kasaken- Artillerie. 

2. das Kuban-Heer stellte auf: 6 Piastun- [Schützen-] 
Bataillone, 30 Reiter- Regimenter zu 6 Sotnien, 2 Escadronen 
des Kaiserlichen Convoi, die Warschauer Kuban-Division 
(2 Sotnienj und 1 reitende Artillerie-Brig*ade mit 5 Batterien zu 
8 Geschützen. Ueberdies formierten die Kuban-Kasaken im 
Vereine mit den Terek- und Orenburg-Kasaken 1 reitenden 
Artillerie-Lehr-Zug. Im ganzen zählte das Kuban-Heer 6 Bataillone, 



iiy 

184 Escadronen und Sotnien und 40 Geschütze. Zur Aufstellung- 
dieser Formationen mussten 36.000 Mann bereitgehalten werden. 

3. das Orenburg-Heer stellte 25.000 Mann ins Feld. Vom 
1. [13.] Februar 1877 an hatte dieses Kasaken-Heer 17 Reiter-Re- 
gimenter zu 6 Sotnien, 1 reitende Artillerie-Brig-ade mit 8 Batterien 
zu 6 Geschützen und 1 reitende Ersatz-Batterie zu 4 Geschützen, 
im ganzen 102 Sotnien und 52 Geschütze aufzubringen. 

4. das Terek-Heer, mit 1 1 .000 Mann, hatte aufzustellen : 

1 Escadron des Kaiserlichen Convoi, 15 Reiter-Regimenter zu 
6 Sotnien und 2 reitende Batterien zu 8 Geschützen ; im ganzen 
40 Sotnien, 1 Escadron ; 16 Geschütze. 

5. das Transbajkal-Heer hatte ebenfalls 11.000 Mann aufzu- 
bringen, respective folgende Formationen aufzustellen : 6 Reiter- 
Regimenter zu 4 Sotnien, 1 reitende Artillerie-Brigade mit 

2 Batterien zu 8 Geschützen, im ganzen 9 Bataillone, 24 Sotnien, 
16 Geschütze. 

6. das Ural-Heer formierte : 1 Leibgarde-Ural-Escadron, 
9 Reiter- Regimenter zu 6 Sotnien und 1 Lehr-Sotnie, zusammen 
56 Escadronen und Sotnien ; der normierte Kriegsstand betrug 
9000 Mann. 

7. das Sibirische Heer, ebenfalls mit 9000 Mann, stellte 
9 Reiter-Regimenter zu 6 Sotnien, im ganzen 54 Sotnien auf. 

8. das Amur-Heer, mit 5000 Mann, hatte aufzubringen : 
2 Feld- und 2 Reserve-Bataillone zu 4 Compagnien, ferner 
1 Reiter-Brigade mit 2 Regimentern zu 4 Sotnien, im ganzen 
4 Bataillone und 8 Sotnien. 

9. das Astrachan-Heer hatte 1900 Mann Kriegsstand; es 
stellte 3 Reiter-Regimenter zu 4 Sotnien, zusammen 1 2 Sotnien auf. 

10. das Semirjece-Heer endlich hatte 2 Reiter-Regimenter 
zu 6 Sotnien, das ist 12 Sotnien zu formieren. 

Ueberdies gehörten in den Kasaken- Verb and die Irkutsk-, 
Krassnojarsk- und Ussuri-Sotnie, das Jakutsker städtische Fuss- 
Regiment und die Local-Commanden von Kamcatka, Berezow, 
Surgut und Narymsk. 

Die gesammte Bevölkerung der Kasaken- Gebiete erreichte 
nahezu 1,900.000 Seelen. Alle Kasaken-Heere zusammen 
brachten im Kriegsfalle 887 Escadronen und Sotnien, 264 reitende 
Geschütze, 19 Fuss-Bataillone, 1 Local-Regiment und 4 Local- 
Commanden auf. Der normierte Kriegsstand belief sich im Jahre 
1876 auf 3684 Officiere und 157.609 Mann; der Grundbuchstand 
betrug 3298 Officiere und 250.632 Mann. 



i iS 

II. Die Formationen aus Fremdvölkern bestanden haupt- 
sächlich aus Truppenkörpern und Abtheilungen, welche von 
der einheimischen Bevölkerung des Kaukasus aufgebracht 
wurden, denn die Krim-Tartaren und die Baschkiren stellten 
relativ unbedeutende Körper auf, welche in den Verband der 
regulären Cavallerie eingetheilt waren. 

Im Frieden bestanden die in Rede stehenden Forma- 
tionen aus : 

i. der kaukasischen Leibgarde -Escadron des kaiserlichen 
Convoi, 

2. dem Daghestaner irregulären Reiter-Regimente zu 
6 Sotnien. 

3. dem Kutaiser irregulären Reiter-Regimente zu 5 Sotnien, 

4. der ständigen Kuban-Miliz (beritten) mit 1 Sotnie, 

5. der Daghestaner Miliz (beritten), mit 1 1 Sotnien, 

6. der ständigen Terek-Miliz, (beritten) mit 12 Sotnien, 

7. der Grusinischen-Fuss-Druzine zu 4 Compagnien und 

8. der Gurischen Fuss-Sotnie. 

Im ganzen: 1V4 Bataillone, 1 Escadron und 35 Sotnien im 
Frieden. Die Zahl der Formationen im Kriegsfälle war nicht fest- 
gesetzt. In dem Feldzuge 1877 — 1878 waren an Fremdvölker-For- 
mationen aufgestellt : 1 8 > Reiter-Regimenter, 1 irreguläre Reiter- 
Division, 1 irreguläre Sotnie und 27V2 Miliz-Sotnien, zusammen: 
130 Reiter-Sotnien und 12V4 Fuss-Druzinen, in der Gesammt- 
stärke von 23.500 Mann. 

C. Die Reichswehr. Den Bestimmungen des Wehrgesetzes 
zufolge gehörten zur Reichswehr alle Wehrpflichtigen und Wehr- 
fähigen vom 21. bis zum 40. Lebensjahre, welche nicht im Activ- 
Dienste oder in der Reserve standen. Die Reichswehrmänner 
(Rätnik) theilten sich in zwei Kategorien. Zur ersten gehörten 
die vier jüngsten Jahrgänge (21 bis 25 Jahre), zur zweiten 
alle übrigen. Jene der ersten Kategorie konnten gesetzmässig 
in Ermangelung von Reservisten im Mobilisierungsfalle zur Aug- 
mentierung, im Kriegsfälle zur Deckung der Abgänge der Feld- 
und Reserve-Truppen verwendet werden. 

Die Reichswehr selbst konnte nur mittelst kaiserlichen Mani- 
festes einberufen werden. Aus den Reichswehrmännern konnten 
eigene Reichswehr-Truppen formiert werden, und zwar Fuss- 
Druzinen (665 zu 10 17 Mann), Reiter-Sotnien (zu 147 Mann) und 
See-Commanden. Die Zahl der in jedem Gouvernement aufzustellen- 



II 9 

den Formationen wurde mittels des Manifestes über die Ein- 
berufung verlautbart. Die Reichswehrmänner erhielten im Frieden 
keine militärische Ausbildung ; es waren demnach nur jene 
ausgebildet, welche den Präsenzdienst abgeleistet hatten. Die 
gesammte Reichswehr war mit 600.000 Mann veranschlagt ; die 
Aufstellung von Truppenkörpern sollte in 3 Serien zu je 200.000 
Mann erfolgen. 

Die Druzinen und Sotnien jedes Gouvernements sollten 
einem eigenen „Chef der Gouvernements-Reichswehr" unterstellt 
werden. Waffen und Ausrüstung waren für die Reichswehr nicht 
vorhanden. 

Die Stände der Reichswehr-Truppen wurden erst im Jahre 
1876 verlautbart. Zur Formierung von Reichswehr-Truppen kam 
es aber im Verlaufe des Feldzuges nicht, hingegen wurden die 
Reichswehrmänner in ausgedehntestem Masse zur Augmentierung 
der Reserve-, Local-, Festungs- und Ersatz-Truppen verwendet; im 
Laufe des Feldzuges wurden rund 170.000 Reichswehrmänner 
einberufen. 

Bewaffnung. Die russische Armee war zum grossen Theile 
mit Feuerwaffen versehen, welche ihren Eigenschaften nach den 
ersten Modellen der gezogenen Feuerwaffen entsprachen ; diese 
verliehen dem Geschosse ein Anfangsgeschwindigkeit von circa 
1000 Fuss [3057/2] in der Secunde. 

Die Umbewaffnung mit neuen Modellen, welche eine Anfangs- 
geschwindigkeit von 1200 bis 1500 Fuss [366 bis 457 ni\ aufwiesen, 
war bezüglich der Artillerie vor der Mobilisierung im Principe 
beschlossen ; bei den übrigen Waffengattungen war damit schon 
im Jahre 1872 begonnen worden und die Betheilung mit neuen 
Waffen wurde während des Feldzuges hauptsächlich bei den nicht 
im Felde stehenden Truppen fortgesetzt. 

Die Umbewaffnung hatte in den westlichen und nordwest- 
lichen Bezirken begonnen, die südlichen Bezirke aber, deren 
Truppen 1 ) die Operationen eröffneten, waren kaum davon berührt 
worden. So kam es, dass in der ersten Zeit des Krieges die 
Bewaffnung der russischen Operations- Armee jener der türkischen 
nachstand, denn diese war zum grossen Theile bereits mit Waffen 
(hauptsächlich Handfeuerwaffen) neuester Modelle ausgerüstet. 

1 ) In diesen Militär-Bezirken hatten bloss die Schützen-Bataillone und die Kasaken 
das neue Gewehr erhalten. 



I 20 



Für die Neubewaffnung der russischen Infanterie gelangte 
das Berdan-Gewehr II *) zur Einführung. Dieses war thatsäch- 
lich nur bei 16 unter 48 Infanterie-Divisionen vorhanden, und 
zwar bei 3 Garde-, 4 Grenadier- und 9 Armee-Infanterie-Divisionen 
(Nr. 4, 6, 7, 8, io ; 22, 24, 37 und 39). Hingegen waren 27 Infanterie- 
Divisionen und die Festungs-Bataillone mit dem Sechslinien-Gewehre 
System Krnka, die kaukasischen Divisionen (Nr. 19, 20, 2i ? 38 
und 41) und die Linien-Bataillone mit dem Zündnadel- Gewehre 
System Karle bewaffnet. 

Die Gouvernements- und Local-Bataillone hatten Gewehre 
der beiden letztgenannten Systeme. Die Schützen -Bataillone hatten 
kleincalibrige Vierlinien-Gewehre Berdan I ; es war das erste klein- 
calibrig-e Modell, welches bereits im Jahre 1868 angenommen 
worden war. Während des Feldzuges erhielten die Garde- und 
die Armee-Schützen-Brigaden Nr. 1, 2, 4 und 5 das Berdan-Gewehr IL 

Aus dem Vorstehenden ist ersichtlich, dass von den Infanterie- 
Divisionen, welche den Feldzug auf dem europäischen Kriegs- 
schauplatze eröffneten, nicht eine über ein kleincalibriges Schnell- 
feuer-Gewehr verfügte, während die im Reiche verbliebenen 
Divisionen mit dieser Waffe schon ausgerüstet oder in der Um- 
bewaffnung begriffen waren. Erst im weiteren Verlaufe des Feld- 
zuges gelangten 7 Divisionen (3 Garde-, 2 Grenadier-, 2 Armee- 
Divisionen Nr. 24 und 2 b), welche mit kleincalibrigen Gewehren 
versehen waren, auf den Kriegsschauplatz. Die Gewehrbestände 
der Truppen waren am 1. [13.] Jänner 1877 folg-ende: kleincalibrige 
Gewehre 247.130, Krnka- 383.382, Zündnadel-Gewehre 11 3.3 17. 
Es befanden sich zwar bedeutende Vorräthe (circa 230.000 Stück) 
an Berdan-Gewehren in den Depots und Fabriken, aber man 
hielt es nicht für zweckmässig-, den Truppen ein, wenn auch 
besseres, ihnen aber nicht bekanntes Gewehr auszufolgen 2 ). Um 
zur Erkenntnis der Vorzüge und der bedeutenden Ueberlegenheit 
des Berdan-Gewehres über das bisherige Sechslinien - Gewehr zu 
gelangen, bedurfte es der blutigen Lehren des Schlachtfeldes. 

Die in den militärischen Kreisen und in der russischen 
Militär-Literatur vorherrschenden Anschauungen standen der Aus- 
nützung der hervorragenden Eigenschaften der neuen Waffen, 
d. i. der grossen Tragweite und der Feuerschnelligkeit, durch- 



1 ) Officiere, Feldwebel, Porteepee-Junker, Musikanten, Tambours und Hornisten 
waren mit Revolvern System Smitt und Wesson bewaffnet. 

2 ) Der Antrag auf Neubewaffnung wurde von vielen Truppen-Commandanten 
abgelehnt. 



121 



aus entgegen. Man hielt nämlich beides für gefährlich. Die Furcht 
vor der grossen Tragweite zeigte sich schon beim Entwürfe 
der Type der Sechslinien-Hinterlad-Gewehre. Der Ertrag derselben 
reichte bis 2000 Schritt, man gab ihnen aber einen Aufsatz nur 
bis 1200 Schritt und auch diesen nur für die Schützen- Compagnien 
und die Unterofhciere ; die ganze übrige Infanterie-Mannschaft 
erhielt dieselben Gewehre, aber mit einem nur bis 600 Schritt 
reichenden Aufsatze. Beim Berdan- Gewehre war der Aufsatz, 
welcher nach dem Kriege auf 2200 Schritt erweitert wurde, zur 
Zeit des Krieges auf die Maximaldistanz von 1500 Schritt ein- 
gerichtet. Die russische Armee hatte sich somit selbst des 
Vortheiles der grossen Schussweite begeben. 

Die sehr verbreitete Ansicht, dass die russischen Gewehre 
an ballistischen Eigenschaften den türkischen nachstanden, muss 
als unrichtig bezeichnet werden. Die türkische Infanterie war, 
wie im II. Capitel bereits angeführt wurde, mit 2 Gewehr- 
Modellen bewaffnet, und zwar Henry-(Peabody-) Martini und Snider; 
das erster e entsprach ungefähr dem Berdan- Gewehre, das letztere 
den Krnka- und Karle-Gewehren. Die sprichwörtlich gewordene 
Tragweite und Feuerschnelligkeit der türkischen Gewehre erklären 
sich lediglich daraus, dass die Türken ihre Waffe in dieser 
Beziehung vollständig ausnützten, während man sich in der russi- 
schen Armee diesen Eigenschaften gegenüber ganz ablehnend 
verhielt. 

Die Entstehung der vorerwähnten Ansicht war durch den 
Umstand gefördert worden, dass, wie bereits erklärt wurde, 
russischerseits die Truppen der südlichen Militär-Bezirke den 
Feldzug eröffnet hatten und diese Truppen mit geringen Aus- 
nahmen nur das Sechslinien-Gewehr führten, wogegen die ihnen 
gegenübergestandenen türkischen Truppen grösstenteils schon 
das kleincalibrige Gewehr besassen. 

Die russischen Infanterie-Gewehre wiesen folgende Eigen- 
schaften auf: 

1 . Das schnell feuernde Gewehr Modell Berdan II hatte 
das kleine Caliber von 4-2 Linien [10-67/27/2]. Das Gewicht des 
Gewehres sammt dem vierkantigen Bajonnette betrug 11V2 Pfund 
\j\*T kg\. Die Patrone wog 9 Zolotnik 60 Doli [40^], das Geschoss 
5 Zolotnik 48 Doli [23^-], die Pulverladung 1V16 Zolotnik [5^]. 
Der Verschluss gehörte zum System der Kolbenverschlüsse. Der 
Aufsatz reichte bis 1500 Schritt, die Anfangsgeschwindigkeit 
betrug 1450 Fuss [4427//], der bestrichene Raum 450 Schritt. 



12 2 

Die Feuerschnelligkeit konnte auf 20 Schuss in der Minute 
gesteigert werden. Das Modell Berdan I unterschied sich von 
dem vorbezeichneten Modell bloss durch den Klapp enverschluss, 
die Befestigung des Bajonnetts (unten) und eine geringere Lade- 
schnelligkeit. 

Beide Modelle fanden volle Billigung bei den Truppen und 
bildeten in jeder Beziehung vorzügliche Waffen. 

2. Das Krnka-Gewehr hatte ein Caliber von 6 Linien [15-2 mni\. 
Es wog sammt Bajonnett 12 Pfund [4*914 £g"]. Das Gewicht der 
Patrone betrug 12 Zolotnik 73 Doli [53*9^]; jenes des Geschosses 
8 Zolotnik 32 Doli [35^] und jenes der Pulverladung i 3 /ig Zolotnik 
\$g\. Der Verschluss gehörte zu den Klappenverschlüssen. Der 
Aufsatz reichte bei den Gewehren der Schütz en-Compagnien und 
der Unterofficiere bis 1 200, bei den übrigen bis 600 Schritt. 
Die Anfangsgeschwindigkeit betrug 1000 Fuss [305 m~\, der be- 
strichene Raum 350 Schritt. Die Feuerschnelligvkeit konnte bei 
richtiger Extraction nicht 12 Schuss in der Minute übersteigen. 

Die häufigen Störungen beim Auswerfen der Hülsen bildeten 
die Ursache, dass dieses Gewehr sich keines guten Rufes bei 
der Truppe erfreute. Während des Feldzuges kam es nicht selten 
vor, dass russische Soldaten türkische Gewehre auflasen, da sie 
dieselben ihren Krnka-Ge wehren vorzogen. Nach dem Balkan - 
Ueb ergange wurde ein Regiment (Uglic, Nr. 63) der 16. In- 
fanterie-Division ganz mit Henry-Martini- Gewehren umbewaffnet. 

Das Karle-Gewehr überragte hinsichtlich der ballistischen 
Eigenschaften das Krnka-Gewehr (bestrichener Raum 360 Schritt). 
Die hauptsächlichsten Eigenthümlichkeiten waren der Zündnadel- 
Verschluss und die Papier-Patrone. Auf dem europäischen Kriegs- 
schauplatze war keine Truppe mit diesem Gewehre bewaffnet. 
Die auf dem asiatischen Kriegsschauplätze damit versehenen 
Truppen waren mit der Papier-Patrone nicht zufrieden, da selbe 
bei Regenwetter die Feuchtigkeit anzog. 

Die Munitions-Ausrüstung war, und zwar ohne Rücksicht auf 
das Gewehr-System, wie folgt normiert: 60 Patronen beim Manne, 
hievon 48 in den Patrontaschen und 12 im Tornister; 60 Stück in 
den Regiments-Patronen-Karren, ferner 52 Stück in den fliegenden 
und 10 Stück in den mobilen Parks; im ganzen 182 Patronen 
per Gewehr. Die Schützen-Bataillone hatten 1 84 Patronen per Mann. 

Die Bewaffnung der Cavallerie war nicht gleichmässig. Die 
Dragoner sollten kleincalibrige Berdan-Gewehre M. 1870 besitzen, 
welche sich von jenen der Infanterie durch etwas geringere Aus- 



123 

masse in der Länge und dem Gewichte des Gewehres, sowie der 
Pulverladung* unterschieden. In der That hatten aber bloss die 
Garde-Dragoner-Regimenter die neue Waffe erhalten 1 ). Alle 
übrigen Drag-oner - Regimenter hatten die Sechslinien -Krnka- 
. Gewehre behalten; letztere unterschieden sich von den Infanterie- 
Gewehren gleichen Systems ebenfalls durch geringere Länge und 
kleineres Gewicht. Die Dragoner hatten nebst den Gewehren 
sammt Bajonnetten auch noch Säbel. 

Husaren und Uhlanen waren mit dem Cavallerie-Säbel (mit 
eiserner Scheide) bewaffnet, überdies hatte das i. Glied Piken, 
das 2. Glied kleincalibrige (4* 2 -Linien-) Carabiner. 

Die Cürassiere hatten Piken und Revolver. Bei jeder Escadron 
waren 16 Mann mit dem Berdam Carabiner bewaffnet. Alle Wacht- 
meister überhaupt, dann die Unterofficiere und Trompeter der 
regulären Cavallerie, sowie sämmtliche Soldaten, welche nicht 
mit Gewehren bewaffnet waren, hatten Revolver System Smitt und 
Wesson. 

Die Kasaken erhielten erst im Jahre 1876 das kleincalibrige 
(4* 2 -Linien-) Gewehr an Stelle des Krnka-Gewehres (6 Linien). 
Die Kasaken-Gewehre System Berdan unterschieden sich von den 
Dragoner-Gewehren bloss durch das Fehlen des Bajonnetts und 
des Abzugbügels. Ihre blanken Waffen waren: Pike und Säbel. 
Das 3. Aufgebot der Don-Kasaken hatte Sechslinien-Vorderlader. 
Ein Theil des 2. Aufgebots der Kuban-Kasaken hatte ebenfalls 
Sechslinien- Vorderlader, und zwar System Tanner. Die Plastun- 
Bataillone führten zum Theile kleincalibrige Berdan-Gewehre, 
zum Theile Karle-Gewehre, schliesslich war ein Theil mit Sechs- 
linien-Vorderladern ausgerüstet. Die übrigen Kasaken-Truppen 
waren sehr verschiedenartig" bewaffnet; es waren vom Berdan- 
Gewehre bis zu den Vierlinien- Vorderladern die verschiedensten 
Typen vertreten; bei den Amur-Kasaken fanden sich im Inventar 
der Reserve-Fuss-Bataillone sogar Feuerstein-Gewehre vor. 

Die kaukasischen Milizen hatten hauptsächlich orientalische 
Waffen; ausgenommen davon waren das irreguläre Terek-Berg- 
reiter-Regiment, welches mit Berdan-Kasaken-Gewehren bewaffnet 
war, und die Grusinische Fuss-Druzine, welche gezogene Vorder- 
lader hatte. 



*) Im Laufe des Feldzuges wurde die 8. Cavallerie-Dmsion auf dem Kriegs- 
schauplatze selbst mit Dragoner-Gewehren System Berdan umbewaffnet. Dieses Gewehr 
erhielten auch sämmtliche Dragoner-Regimenter der nachträglich mobilisierten und auf 
den Kriegsschauplatz abgesandten Cavallerie-Divisionen. 



I2 4 

Die Ingenieur-Truppen waren mit Drag'oner-Ge wehren System 
Krnka bewaffnet. 

Mit Revolvern System Smitt und Wesson waren betheilt: 
die Feldwebel, Musikanten, Tambours und Hornisten der In- 
fanterie, ferner der Sappeur- und Pontonier-Bataillone in den 
Militär-Bezirken Petersburg, Warschau, Wilna, Kijew, Odessa, 
Moskau und Kaukasus. Bei allen anderen Truppen waren die 
genannten Chargen mit glatten Pistolen bewaffnet. 

Die Feld-Artillerie führte, wie bereits erwähnt, Bronze- 
Hinterlad-Kanonen mit Keilverschluss x ), und zwar neunpfündige 
und vierpfündige Feld- und dreipfündige Gebirgs-Geschütze. Alle 
diese Geschütze hatten eine Anfangsgeschwindigkeit von höchstens 
1050 Fuss [320 ni\ in derSecunde und feuerten demnach mit kleiner 
Pulverladung. Im Jahre 1877 waren die Modelle der neuen durch 
Ringe verstärkten Kanonen mit grosser Pulverladung bereits 
angenommen, aber dieses Geschütz wurde erst nach dem Kriege 
an die Batterien vertheilt. 

Die wichtigsten Constructionsdaten der in Verwendung ge- 
standenen Geschütze waren folgende: 

Die neunpfündige Kanone hatte ein Caliber von 4*2 Zoll 
[10-67 cm \ £* as Gewicht des Rohres betrug 38V4 und mit 
Verschluss 40 Pud [626, beziehungsweise 655 kg\, die eiserne 
Lafette wog 28V4 Pud [462 /c^]; an der Lafette befanden sich 
Nischen für 2 Kartätschen; mit den letzteren belief sich das 
Gewicht der Lafette auf 29V2 Pud [483 kg\. Die Protze wog 
22V2 Pud [368/^-]. Die Zahl der in der Protze befindlichen Ge- 
schosse hieng davon ab, ob die Batterie zwei- oder vierrädrige 
Munitionswagen hatte. Im ersteren Falle wurden in der Geschütz- 
Protze 1 2 Geschosse mitgeführt, und zwar 6 gewöhnliche Granaten 
oder Scharoch-Geschosse, 3 Kartätsch- Granaten oder Shrapnels 
und 3 Kartätschen ; im letzteren Falle 8 Granaten (Scharoch 2 ), 
8 Kartätsch- Granaten (Shrapnel) und 2 Kartätschen. Das Gewicht 
des voll ausgerüsteten Geschützes sammt Protze, aber ohne Be- 
dienungs-Mannschaft, betrug 103 bis 107V4 -Pud [1687 bis 1756 /^"], 
was eine Zuglast von 17 Pud [278^] per Pferd ergab. Die 
Pulverladung wog 3 Pfund [1*228 kg\. Die Anfangsgeschwindigkeit 
der Granate belief sich auf 1050, jene der Kartätsch- Granate auf 



v ) Vor dem Feldzuge waren vorhanden: 390 Stück vierpfündige und 212 Stück 
neunpfündige Stahl - Kanonen. Einrichtung und ballistische Eigenschaften dieser 
Geschütze waren jenen der Bronze-Kanonen gleich. 

2 j Erklärung folgt weiter im Texte. — D. Ueb. 



125 

979 Fuss [320, beziehungsweise 298;«]. Nach der Schiesstafel 
betrug die Portee 1500 Sazen [32007/2]. 

Die vierpfündige Kanone hatte ein Caliber von 3*42 Zoll 
[8*68 em\. Das Gewicht des Rohres betrug 21V4 und mit Ver- 
schluss 23 Pud [348, beziehungsweise 376/%-]; die eiserne Lafette 
mit 2 Kartätschen 1 ) (in Nischen) wog 26 Pud [42$ kg\ } die Protze 
22V2 Pud [368/^-]. Die Zahl der in der Protze befindlichen Ge- 
schosse war verschieden und belief sich bei zweirädrigen Munitions- 
wagen auf 18 Schuss, und zwar 8 Granaten (Scharoch), 8 Shrapnels 
(Kartätsch- Granaten) und 2 Kartätschen, bei vierrädrigen Munitions- 
wagen hingegen auf 32 Schuss, und zwar 15 Granaten, i5Kartätsch- 
Granaten und 2 Kartätschen. Das Gewicht des vollausgerüsteten 
Geschützes betrug 78 V4 bis 85 Pud [1281 bis 1392], das ist 13 bis 
14 Pud [213 bis 21g kg] Zuglast per Pferd. Die Pulverladung wog 
1V2 Pfund [614^-]. Die Anfangsgeschwindigkeit betrug bei Granaten 
1004 Fuss [306 m\ 9 bei Kartätsch-Granaten 945 Fuss [288/^]. Die 
Portee reichte nach der Schiesstafel bis 1200 Sazen [2560/^]. 

Das dreipfündige Gebirgs- Geschütz hatte ein Caliber von 
3 Zoll [7 '62 cm~\. Das Rohr wog 6 Pud [98 kg\ die eiserne 
Lafette 5V2 Pud [90 kg\ die Räder 3 Pud 13 Pfund 2 ) [54/^]. Die 
Pulverladung- wog 80 Zolotnik [338 g\ } die Anfangsgeschwindigkeit 
betrug 698 Fuss [212 ni\ in der Secunde; nach der Schiesstafel 
reichte der Geschützertrag bis 700 Sazen [1493 z/z]. 

Die Geschossgattungen der russischen Artillerie waren sehr 
verschieden. Zu Beginn der Sechzig-er-Jahre führten die neun- 
und vierp fündigen Kanonen folgende Geschosse: 1. die gewöhn- 
liche Granate, 2. die Brand-Granate, 3. die Kartätsch- Granate und 
4. die Kartätsche. Die ersten drei Geschossarten hatten eine 
cylindro- ogivale Form mit Bändern oder Bleimantel, waren 
einwandig, von unregelmässiger Sprengung und sämmtlich mit 
Aufschlagzündern versehen. Die Kartätsch-Granaten waren mit 
Kugeln von Sechslinien- [15-27/27/2] Caliber gefüllt. 

Im Jahre 1870 wurde eine neue Geschossg'attung, das 
Scharoch-Geschoss eingeführt. Dasselbe enthielt in seinem Kopf- 
theile eine Vollkugel, welche bei der Sprengung frei wurde und 
ihren Flug fortsetzte. Mit der Einführung dieses Geschosses ver- 



x ) Bei den vierpfündigen Geschützen der reitenden Batterie wurden 4 Kartätschen 
auf der Lafette mitgeführt. Die Lafetten der letzteren hatten keine Sitze für die 
Bedienungs-Mannschaft. 

2 ) Das zerlegte Geschütz und die zugehörige Munition (14 Verschlage zu 
17 Schuss) wurden auf Tragthieren fortgebracht. 



126 

folgte man den Zweck, den Ricochetschuss wieder zu erzielen, 
welcher ein gewaltig-es Wirkungsmittel der alten glatten Kanonen 
g-ebildet hatte und durch die Einführung der gezogenen Geschütze 
verloren gegangen war. Dieses Ziel wurde jedoch nicht erreicht; 
die Scharoch-Geschosse bohrten sich beim Auftreffen in die Erde 
ein oder sie gelierten unter hohem Winkel und trieben die Kugel 
steil aufwärts, so dass der Gegner nur durch Zufallstreffer be- 
schädigt werden konnte. Die Mängel dieses Geschosses wurden 
noch vor dem Kriege erkannt, und im Jahre 1876 ergieng die 
Verfügung, keine solchen Geschosse mehr zu erzeugen, die vor- 
handenen aber zu entladen und an Stelle gewöhnlicher Granaten 
zu verwenden. Im Jahre 1870 war der 7 7 /s Secunden-Distanzzünder 
eingeführt worden, wodurch sich die Munition der Artillerie noch 
verschiedenartig'er gestaltete. Die Feld-Geschütze verwendeten 
7 verschiedene Geschossgattungen, und zwar die gewöhnliche 
Granate, die Brand-Granate, die Kartätsch-Granate und das 
Scharoch-Geschoss — sämmtlich mit Aufschlagzünder, ferner die 
Kartätsch-Granate und das Scharoch-Geschoss mit Distanzzünder, 
endlich die Kartätsche. 

Dieser Uebelstand blieb jedoch nicht unbeachtet und man 
trachtete ihn nach Thunlichkeit zu beseitigen; im Jahre 1875 
wurden die Brand- Granaten und die Kartätsch- Granaten mit 
Aufschlagzünder abgeschafft und die Scharoch-Geschosse, wie 
bereits erwähnt, entladen. 

Die Artillerie sollte hienach vom Jahre 1876 an nur mehr 
3 Geschossgattungen verwenden : 

1. die gewöhnliche Granate mit Aufschlagzünder; 

2. das Shrapnel mit Diaphragma und Distanzzünder, welches 
die Kartätsch-Granate (ebenfalls mit Distanzzünder) ersetzen 
sollte, und 

3. die Kartätsche. 

Thatsächlich war aber infolge des NichtVerbrauches der 
Munitions-Vorräthe ein Theil der Batterien an Stelle der gewöhn- 
lichen Granaten noch mit Scharoch - Geschossen ausgerüstet und 
viele Batterien hatten Kartätsch-Granaten mit Distanzzünder an 
Stelle von Shrapnels. Mitunter waren auch Kartätsch-Granaten 
mit Aufschlagzündern vorhanden. Die Kartätsch-Granate war seit 
dem Jahre 1875 und das Shrapnel seit dessen Einführung mit 
Bleikugeln von Fünflinien- [12*7 mni\ Caliber gefüllt. Bei einigen 
Batterien jedoch waren die Kartätsch-Granaten noch mit Kugeln 
von Sechslinien- [15*2 mm] Caliber gefüllt. 



127 

Ausser den 7 7 /8-Secunden-Distanzzündern, mit welchen die 
russische Artillerie in den Krieg zog, erhielten einige Artillerie- 
Truppenkörper während des Krieges 15-Secunden-Doppelring- 
Zünder. Am 1. [13.] November 1877 wurden von der Belagerungs- 
Artillerie 6080 Stück solcher Zünder übernommen und weitere 
30.000 später der operierenden Armee aus Petersburg zugesendet. 

Nebst den angeführten Zündern kamen bei einigen Artillerie- 
körpern, namentlich bei der Garde ; 10-Secunden-Zünder vor, 
welche im allgemeinen den 7 Vs-Secunden- Zündern gleich, 
jedoch mit gepresstem, langsam verbrennenden Satze gefüllt 
waren. 

Aus der vorstehenden Ueb ersieht geht hervor, wie compli- 
ciert das russische Feld- Artillerie-Material war. 

Die in Verwendung gestandenen Geschossgattungen wiesen 
im besonderen folgende Eigenschaften auf: 

Die neunpfündig-e ; beziehungsweise die vierpfündige gewöhn- 
liche Granate, erstere 27 Pfund [11 kg], letztere 14 Pfund [6*58 kg] 
schwer, bildeten die Hälfte der Munitions-Dotation. Diese Granate 
war bestimmt: 1. zur Zerstörung von steinernen und hölzernen Ge- 
bäuden, Umzäunungen etc., was sie auch zur Zufriedenheit leistete; 
2. zum Kampfe gegen Erddeckungen ; dieser Aufgabe entsprach sie 
hauptsächlich infolge der schwachen Sprengwirkung- in keiner 
Weise (die neunpfündige Granate hatte 1 Pfund [409 g], die 
vierpfündige Granate nur V2 Pfund [204^] Sprengpulver); 3. zur 
Beschiessung von Truppen; auch dieser Aufgabe entsprach sie 
nicht nach Wunsch. Auf kleinen und mittleren Distanzen bis 
700 Sazen [1493 m] beim Vierpfünder und 900 Sazen [1920 m] 
beim Neunpfünder war die Wirkung gegen ungedeckte aufrecht- 
stehende Ziele eine gute ; gegen liegende, dem Terrain besonders 
gut angepasste Ziele, Schwarmlinien und überhaupt auf grossen 
Distanzen war die Wirkung ungenügend. Das Verhalten der 
Geschosse war sehr caprieiös : das Projectil bohrte sich in die 
Erde oder es explodierte nach dem Abprallen auf Va oder 1 Arsin 
[35, beziehungsweise 71 cm] vom Boden und gab einen hohlen 
Streukegel mit einem äusseren Kegelwinkel von 60 Grad. 

Die Tiefe der bestreuten Fläche war sehr gering : von 
2 bis 10 Sazen [4-2 bis 12*8 vi]. Der geringste Fehler beim Ein- 
schiessen machte demnach das Feuer unwirksam ; die Wirkung 
gegen einen in Erddeckungen befindlichen Feind war gleich Null. 
Die Zahl der Sprengpartikeln überstieg bei der vierpfündigen 
nicht 20 und bei der neunpfündigen Granate nicht 30. 



128 

Das Scharoch-Geschoss stand bezüglich seiner Wirksamkeit 
noch tiefer. 

Ein ungleich wirksameres Geschoss war die Kartätsch- 
Granate mit Distanzzünder, welche in der Folge durch die Ein- 
führung- des Diaphragma (zur Trennung der Sprengladung von 
den Füllkug'eln) noch verbessert wurde und die Bezeichnung 
„Shrapnel" erhielt. Dieses Geschoss wog: beim neunpfündigen 
Caliber etwa 32 Pfund [13 kg\ beim vierpfündigen etwa 
16V4 Pfund [6-8 kg\. Die Zahl der Füllkugeln erreichte beim 
ersteren 220, bei letzteren 118, ohne die Sprengpartikeln. Die 
Streuung der Füllkugeln hatte einen Kegelwinkel von 8 bis 
18 Grad. Die Tiefe der bestreuten Fläche erstreckte sich bei 
normaler Sprengung bis auf 80 Sazen [170 m], wodurch die Fehler 
des Einschiessens einigermassen ausgeglichen wurden. 

Gegen ganz ungedeckte oder durch Terrainfalten verdeckte 
Truppen wirkte das Shrapnel sehr erfolgreich. Die Wirkung 
gegen Schützen, welche auf dem Bankett stehend schössen, 
war befriedigend. Wenn die Schusslinie flankierend und die 
gegnerischen Deckungen nicht mit Blendung-en versehen waren, 
konnte das Shrapnelfeuer selbst dem verschanzten Feinde Schaden 
zufügen. Leider konnten die vorzüglichen Gefechtseigenschaften 
des Shrapnels nur in geringem Grade ausgenützt werden, da der 
7 7 /s-Secunden-Zünder nur auf 800 bis 900 Sazen [1707 bis 1920 //z] 
reichte. 

Es wurden zwar während des Krieges, wie bereits erwähnt, 
auch 10- und 15-Secunden-Zünder (Tragweite 1100, beziehungsweise 
1400 Sazen) [2347, beziehungsweise 2987 m] verwendet, die Zahl 
derselben war aber gering ; sie wurden auch erst spät an die Truppen 
ausgegeben. Ihre Wirkung war auf Distanzen über 1000 Sazen 
nicht zufriedenstellend und die Commandanten waren an deren 
Verwendung nicht im Frieden gewohnt worden. Schliesslich 
brachte es die geringe Endgeschwindigkeit der Geschosse, 
namentlich der Vierpfünder mit sich, dass auf Distanzen über 
2 Werst die Füllkugeln eine geringe Durchschlagkraft hatten. 

Die Wirkung der Kartätsche war zufolge der geringen 
Anfangsgeschwindigkeit der neunpfündigen, noch mehr aber der 
vierpfündigen Geschütze, eine schwache. Der Wirkungsbereich 
der Kartätsche wurde mit 200 Sazen [426 m] angenommen. Das 
Gewicht der neunpfündigen Kartätsche betrug 25V2 Pfund 
[io*4 kg\ } jenes der vierpfündigen 11 3 A Pfund [4*8 kg\\ erstere 
enthielt 108, letztere 48 Füllkugeln. 



129 

Die dreipfündigen Gebirgs-Geschütze hatten 3 Geschoss- 
Gattungen : die Granate, das Shrapnel (Kartätsch-Granate) und 
die Kartätsche. Die Granate wog 9V4 Pfund [3*99 kg\ die Spreng- 
ladung 36 Zolotnik [152 g\ ; die Zahl der Sprengpartikeln betrug 
10 bis 15. Das Shrapnel hatte ein Gewicht von n 3 A Pfund 
[4-8 kg\ und bis zu 70 Füllkugeln (Fünflinien-Caliber). Die Kartätsche 
wog 9 Pfund [3*68 kg\ und enthielt ungefähr 50 Füllkugeln. Die 
Wirkung der Projectile des Gebirgs-Geschützes war überhaupt 
nicht gross. 

Die Munitions-Ausrüstung der Batterien war im allgemeinen 
sehr bedeutend. Die Munition wurde — abgesehen von den in der 
Geschütz-Protze und an der Lafette befindlichen Geschossen — 
noch auf zwei- oder vierrädrigen Munitionswagen mitgeführt. 
Zu einer neunpfündigen Batterie gehörten 24 zweirädrige 
Munitionswagen mit je 36 Schuss (17 Granaten, 18 Shrapnels, 
1 Kartätsche). Mit der in den Geschütz-Protzen, Geschütz -Lafetten 
und der Reserve -Lafette vorhandenen Munition verfügte somit 
die Batterie über 1004 Schuss (468 Granaten, 462 Shrapnels und 
74 Kartätschen); auf ein Geschütz entfielen 125V2 Schuss. Eine 
vierpfündige Batterie hatte 16 zweirädrige Munitionswagen zu 
56 Schuss (27 Granaten, 27 Shrapnels, 2 Kartätschen), im ganzen 
sonach, einschliesslich der Protzen- und Lafetten -Munition, 
1096 Schuss (512 Granaten, 512 Shrapnels, 72 Kartätschen) und 
per Geschütz 137 Schuss. Die vierrädrigen Munitionswagen be- 
standen aus der Protze und dem Hinterwagen. Auf eine neun- 
pfündige Batterie entfielen 12 solche Munitionswagen mit je 
7 1 Schuss (8 Granaten, 7 Shrapnels, 2 Kartätschen in der Protze, 

7 Granaten und Shrapnels im Hinterwagen) ; die gesammte 
Munition der Batterie bestand in 1042 Schuss (500 Granaten, 
478 Shrapnels, 64 Kartätschen). Eine vierpfündige Batterie hatte 

8 vierrädrige Munitionswagen mit je 116 Schuss (15 Granaten, 
15 Shrapnels, 2 Kartätschen in der Protze, 42 Granaten und 
Shrapnels im Hinterwagen); sie verfügte im ganzen über 1268 Schuss 
(606 Granaten, 606 Shrapnels, 56 Kartätschen). Auf ein neun- 
pfündiges Geschütz entfielen 130^4, auf ein vierpfündiges 
158V2 Schuss. 

Die reitenden Batterien zu 8 Geschützen hatten dieselbe 
Munitions-Ausrüstung wie die vierpfündigen Fuss-Batterien. Die 
reitenden Batterien zu 6 Geschützen hatten 6 vierrädrige Munitions- 
wagen mit 948 Schuss (440 Granaten, 440 Shrapnels, 68 Kartätschen 
einschliesslich der in den Geschütz-Protzen und Lafetten vor- 

Der russisch-türkische Krieg. I. ßd. 9 



130 

liandeiien Munition). 13er Unterschied in der Munitions-Aus- 
rüstung im Vergleiche mit den Fuss-Batterien bestand bloss in 
der bei den reitenden Batterien vorhandenen grösseren Zahl 
Kartätschen ; wogegen die Zahl der übrigen Geschosse ent- 
sprechend geringer war. 

Die Munitions - Ausrüstung der dreipfündigen Gebirgs- 
Batterien bestand in 98 Schuss per Geschütz, und zwar je 
42 Granaten und Shrapnels und 14 Kartätschen. Diese Munition 
wurde in 14 Verschlagen zu 7 Schuss auf Tragthieren (2 Ver- 
schläg-e auf 1 Tragthier) fortgebracht. 

Die Bewaffnung der Mannschaft der Fuss- Artillerie bestand 
in kurzen Drag*oner-Säbeln besonderer Modelle, die reitende 
Artillerie hatte lange Säbel. Ueberdies war sowohl bei der 
Fuss- als bei der reitenden Artillerie der Revolver *) eingeführt. 

Ausrüstung. Die Ausrüstung der Mannschaft war bei den 
verschiedenen Waffengattungen folgende : 

d) Infanterie. Die Infanterie-Ausrüstung bestand aus dem 
Tornister, 2 Patrontaschen und 1 Zelt-Bestandtheile ; sie wog — 
mit Einschluss eines dreitägigen Zwieback- und Salz-Vorrathes, so- 
wie der Patronen — ungefähr 2 Pud [32-76 kg\. Die Zahl der Patronen 
betrug sowohl beim Berdan- als Krnka-Gewehre 60 (12 Patronen 
im Tornister, 48 in den Patrontaschen) ; ein Unterschied bestand 
bloss in der Verpackung, beziehungsweise Tragart. 

Tragbares Schanzzeug war nicht normiert; das gesammte 
Schanzzeug, und zwar per Compagnie 10 Schaufeln, 24 Beile, 
3 Hauen, 3 Krampen und 1 Brecheisen, wurde auf den Train- 
fuhrwerken nachgeführt und erst im Bedarfsfalle ausgegeben. 

b) Cavallerie. Die Ausrüstung der verschiedenen Truppen- 
gattungen war nicht gleich. 

Die reguläre Cavallerie führte in dem Pferdepack mit: 
Zwieback für 3 Tag'e, Graupen, Salz und Hafer für 2 Tage, Heu 
für 1 Tag. Die gesammte, vom Pferde getragene Rüstung wog 
über 3V2 Pud [57 kg\. Wird das Gewicht des bekleideten und 
bewaffneten Reiters mit 5V2 Pud [90 kg\ berechnet, so hatte das 
Pferd gegen 9 Pud [147 kg\ zu tragen. 

Die Kasaken hatten Sattelzeug und Pferdepack besonderer 
Muster. Die Kuban- und Terek-Kasaken hatten asiatische (kau- 



l J Im Jahre 1876 waren Revolver bloss bei 19 Artillerie-Brigaden und II reitenden 
Batterien eingeführt ; bei den übrigen Artillerie-Truppen waren noch glatte Pistolen 
im Gebrauche. 



I3i 

kasische) Sättel. Das Gewicht der Kasaken-Rüstung war nicht 
normiert; es betrug ungefähr 3V2 Pud [57 kg.]. 

Die Tragart der Waffen war bei den berittenen Truppen 
folgende : die mit Gewehren und Carabinern bewaffneten Leute 
trugen die Feuerwaffe in einem Futteral am Rücken, mit dem 
Riemen über die Achsel gehängt; der Revolver wurde in einer 
Ledertasche am Leibriemen getragen; die Patronen waren in den 
Patrontaschen versorgt ; Kuban- und Terek-Kasaken trugen die 
Patronen an der Brust in Patronennestern. Die Seitenwaffe wurde 
bei den Dragonern und den kaukasischen Kasaken an einer 
Achselkuppel, bei allen übrigen an einer Leibkuppel getragen. 

An Schanzzeug waren bei der regulären Cavallerie per 
Escadron 8 Beile und 8 Schaufeln normiert — die Beile wurden 
auf dem Pferdepack, die Schaufeln auf den Munitionswagen 
verladen. Die Kasaken hatten überhaupt kein Schanzzeug. Erst 
1877 wurde die Ausrüstung der Don-Kasaken mit Schanzzeug- 
analog wie bei der regulären Cavallerie angeordnet. 

Bei der Fuss - Ar tili er i e war die Mannschafts - Rüstung 
gleich jener der Infanterie, bei der reitenden Artillerie gleich 
jener der regulären Cavallerie. 

Die Mannschaft der Ingenieur-Truppen war mit Infanterie- 
Ausrüstung versehen *) ; es bestand bloss der Unterschied, dass 
die Mannschaft auch mit einem Theile des tragbaren Schanzzeuges 
ausgerüstet war. 

Train-Ausrüstung der Truppen. Bis zur Mobilisierung 
befand sich der russische Train in einem Uebergangs-Stadium. 

Der altartige Truppen-Train — mit Ausnahme der Special- 
Artillerie- und Ingenieur -Trains — bestand aus vierspännigen 
Fuhrwerken (Patronenwagen, Proviant -Fuhrwerke, Blessierten- 
und Apothekerwagen), Medicamenten- (Apotheker-)Karren und 
Artel- [Wirtschafts-] Fuhrwerken, welch letztere Eigenthum der 
Compagnien, Escadronen und Batterien waren. Fuhrwerke für 
Ofhciers - Bagagen waren nicht normiert; die bezüglichen Ver- 
fügungen waren dem Armee-Obercommandanten überlassen. 

Im Jahre 1874 wurde die Erzeugung des altartigen Train- 
Materials eingestellt und eine besondere Commission beauf- 
tragt, eine neue Train-Organisation mit beweglicheren Wagen- 



*) Das Faschinenmesser der Sappeur-Type unterschied sich von jener für In- 
fanterie (bei den Garde- und Grenadier-Regimentern und den Armee-Unterofficieren) 
dadurch, dass es auf einer Seite sägeartig gestaltet war. 

9* 



132 

Typen auszuarbeiten. Die Commission beendete ihre Arbeiten im 
Jänner 1876; ihre Anträge für die Reorganisation des Train- 
wesens wurden auch sogleich genehmigt. Das Wesen der Reform 
bestand in der Verminderung- des unmittelbar der Truppe fol- 
genden Trains, in dem Ersätze der schweren vierspännigen Fuhr- 
werke durch leichtere zweispännige und in der Einführung ära- 
rischer Officiers - Bagagewagen bei gleichzeitiger Normierung 
des Gewichtes und Umfanges des von den Officieren mitzunehmen- 
den Gepäcks J ). 

Die vollständige Umwandlung des Trains sollte im Jahre 1881 
beendet werden. Man sah sich jedoch schon im Sommer 1876 
in Voraussicht der Mobilisierung genöthigt, die Erzeugung des 
neuen Train-Materials einzustellen und die ganze Aufmerksamkeit 
der Ordnung des altartigen Trains zuzuwenden. Dieser war eben ; 
wie bereits erwähnt, noch nicht vollständig und zur Zeit der 
Mobilisierung fehlte es bei den Truppen an mancherlei Fuhrwerk, 
insbesondere an Sanitätswagen 2 ). 

Welche Massnahmen getroffen wurden, um diesem Mangel 
abzuhelfen, wird später erörtert werden ; hier sei nur im allge- 
meinen bemerkt, dass zu Beginn des Feldzuges bloss der Special- 
Train der Artillerie und der Ingenieur-Truppen vollzählig in dem 
normierten Bestände vorhanden war. 

Der eigentliche Truppen - Train musste sowohl aus ver- 
schiedenartigen Fuhrwerken alter und neuer Modelle als aus 



*) Mit der Ausgabe der neuen zweispännigen Fuhrwerke wurde erst im Jahre 1877 
während des Feldzuges begonnen ; es wurden damit die nachträglich mobilisierten Truppen 
betheilt. 

2 ) Unmittelbar vor der Mobilisierung fehlten bei den Truppen : a.) bei allen 
Truppenkörpern — die Officiers-Bagagewagen ; b) bei den Armee-Kasaken-Regimentern 
— der ganze Train 5 c) bei 27 Infanterie-Divisionen — der ganzen Train der mobilen 
Divisions-Lazarethe; d) bei 128 Truppenkörpern — der ganze Regiments-Lazareth-Train; 
e) bei 50 Batterien und 7 Divisions-Stäben — der ganze Wirtschafts-[Bagage-]Train. 

Im Regiments-Train waren mitzuführen ; a) Verpflegung : Zwieback auf 5 Tage, 
Graupen, Salz und Fett auf 8 Tage, ferner ein Vorrath an Hafer (4 Tage) und Heu 
(2 Tage) für die Train-Pferde ; b) die Kessel für die Zubereitung der Kost ; c) das 
Schanzzeug und Professionisten-Werkzeug ; d) die Feld-Apotheke, die Tragbahren, 
Verband- und Sanitäts-Material ; e) die Cassen und Kanzleien ; f) ein Vorrath an 
Monturen und Schuhwerk ; g) Material für Pferdebeschlag und Fuhrwerk-Reparaturen ; 
h) die oben angegebene Patronen-Menge. 

Die Officiers-Bagage sollte nach der Train-Organisation vom Jahre 1876 in vor- 
schriftsmässigen Koffern mitgeführt werden (Oberofficier 2 Pud 9 Pfund [36 /e°-] ; 
Stabsofficier 4V2 Pud [73^]). Der Regiments-Commandant war berechtigt, einen zwei- 
spännigen Wagen mitzuführen. 



133 

sonstigen Fahrzeugen zusammengestellt werden. Diese Verschieden- 
artigkeit wäre an sich kein so grosser Uebelstand gewesen, wenn 
die zum Truppen-Train gehörigen altartigen ärarischen Fuhrwerke 
nicht so schwer und unlenksam gewesen wären. Dieser Mangel 
machte sich im Feldzuge auf empfindliche Weise fühlbar. 

Der Train war seiner Construction nach umfangreich, schwer 
und unlenksam ; dieses Urtheil wird von der Commission bestätigt, 
welche beim Garde- Corps anfangs Februar 1878 zusammentrat. 
Die aussergewöhnliche Schwere des Trains gestattete demselben 
nie, seinem Truppenkörper unmittelbar zu folgen; gewöhnlich 
blieb er einige Tagmärsche, mitunter auch Hunderte von Werst 
zurück. Ein Theil der Fuhrwerke wurde schon beim Durchzuge 
in Rumänien zurückgelassen. Die Patronenwagen waren eben- 
falls sehr schwer, entsprachen somit nicht ihrer Bestimmung. Es 
kam nicht selten vor, dass die fliegenden Parks früher als der 
Regiments-Train eintrafen und die Truppen ihren Patronen- 
Vorrath unmittelbar aus den Parks ergänzten. Die alten grossen 
Lazarethwagen waren abnorm schwer und ungelenk; die neue 
leichtere Type erwies sich als vollkommen zufriedenstellend. 

Zum Divisions-Train gehörten ausser den fliegenden Parks, 
welche bereits besprochen wurden, die mobilen Lazarethe und 
alle Proviant- und Stabsfuhrwerke. 

Corps-Trains waren — abgesehen von den Stabsfuhrwerken 
für das Corps-Hauptquartier — nicht normiert. 

Bei dem schwachen Bestände an Divisions-Trains und dem 
völligen Mangel an solchen bei den Corps war der Armee-Train 
sehr umfangreich und nicht einheitlich genug. 



V. CAPITFX. 
Die taktische Ausbildung der russischen Armee. 

Einfluss des Krim-Krieges und der folgenden Kriege. — Officiers- Corps. — Mann- 
schaft. — Infanterie. — Cavallerie. — Artillerie. — Ingenieur-Truppen. — Stäbe. — 
Gemeinsame Beschäftigungen der verschiedenen Waffengattungen. — Resume. 

Während der zwanzig Jahre, welche dem russisch-türkischen 
Kriege 1877 — 1878 vorausgiengen, hatten auf die kriegsmässige 
Ausbildung der russischen Armee genau dieselben Ursachen ihren 
befruchtenden Einfluss ausgeübt, welche in diesem Zeiträume für 
den Ausbau des russischen Heerwesens, in seiner Allgemeinheit 
sowohl als auch in seinen Details, massgebend gewesen waren. 

Diese Ursachen waren zunächst die für Russland ungünstigen 
Erfahrungen des Orient-Krieges 1854 — 1856; weiters die zahlreichen 
technischen Vervollkommnungen der Waffen, welche die Gefechts- 
führung beeinflussten und bereits in den späteren europäischen 
Kriegen — vom italienischen Feldzuge 1859 angefangen bis zum 
deutsch-französischen Kriege 1870— 187 1 — erprobt worden waren; 
ferner die Erfahrungen des nordamerikanischen Krieges 1863 — 
1866; schliesslich auch die verschiedenartigen Folgerungen, die 
sich aus diesen Kriegen ergeben hatten. 

Zu diesen, die Vervollkommnung der russischen Armee 
fördernden Anregungen ' gesellten sich noch die Folgen der gross - 
artigen, tief einschneidenden Reformen Kaiser Alexanders II. 
hinzu. Vor allem eröffnete die Befreiung vieler Millionen Menschen 
von der Leibeigenschaft denselben die Möglichkeit zur moralischen 
und geistigen Ent Wickelung ; dasselbe Ziel strebte — ausser 
den übrigen Reformen, nämlich jenen auf dem Gebiete des 
Unterrichtswesens, des Gerichtswesens etc. — schliesslich auch die 



135 

allgemeine Wehrpflicht an, welche die Rechte und Pflichten aller 
Unterthanen des Russischen Zaren gleichstellte. Solcher Art 
ergänzte eines das andere, und es wurde möglich, die Anforde- 
rungen an den einfachen Soldaten sowohl, wie auch besonders 
jene an den Officier in einer, den neueren Verhältnissen des 
Krieges und des Kampfes entsprechenden Weise zu erhöhen. 

Bei der Infanterie kam statt der bataillonsweisen die com- 
pagnieweise Formation — mit weitgehender Anwendung* von 
Schwarmlinien im Gefechte — zur Geltung. Der Cavallerie standen 
neue, grosse Aufgaben auch ausserhalb des Schlachtfeldes bevor, 
und man forderte von ihr, und zwar sowohl von den grossen 
Körpern als auch von den kleinen Patrouillen, einen intensiven, 
geschickt angelegten Aufklärungsdienst. Ferner hatte sich — in- 
folge des grossen Ertrages der Gewehre und Kanonen — das im 
Kriege zu beherrschende Gesichtsfeld für jeden einzelnen, selbst 
für den einfachen Soldaten bedeutend erweitert. Hiezu trat ausser- 
dem für die Artillerie noch die Notwendigkeit, sich mit der 
eben zur Geltung- gelangten Theorie des Schiessens mit dem 
gezogenen Geschütze vertraut zu machen, und schliesslich än- 
derten sich in jener Zeit nicht nur die Geschosse, sondern auch 
das Geschütz und das Gewehr — und beide verlangten mehr Wissen, 
mehr Können und bessere Behandlung. 

Die neue Richtung kam nicht allein im Wesen der Sache, 
sondern auch in der äusseren Form zum Ausdrucke, welch letztere 
in das gerade Geg-entheil der früheren Massentaktik und der 
bisher nur mechanischen Abrichtung" umschlug. Die neuen Be- 
dingungen und Forderungen reg'ten viele Commandanten zu einer 
bewussten, mehr oder weniger selbständigen Thätigkeit an, und 
es wurde ein tiefes Verständnis für die Sache nicht allein von 
jenen verlangt, die Befehle zu ertheilen, sondern auch von denen, 
welche dieselben auszuführen hatten. 

Es ist klar, dass all dies sowohl in den Anforderungen an 
die Officiere als auch an die Mannschaft zum Ausdrucke kommen 
musste. Die frühere Massentaktik brauchte als Untergebene nur 
gehorsame Leute ; zwar war die Einzelausbildung auch früher 
sehr sorgfältig betrieben worden, sie hatte sich aber auf die 
mechanische Vervollkommnung im Marschieren, in den Gewehr- 
griffen etc. beschränkt und alles hatte im Wesen darauf hinge- 
zielt, die Ausbildung- den Anforderungen der geschlossenen For- 
mationen, das ist der Gleichförmigkeit und besonders der Schön- 
heit der Formen anzupassen. Jetzt dagegen waren die wichtigsten 



136 

Forderungen jene geworden, welche der Krieg stellte, und diese 
verlangten die Belehrung, Ausbildung und Vervollkommnung- des 
Einzelnen. Der Geist der Zeit unterstützte und begründete diese 
Bestrebungen ; aber sie giengen, genau so wie seinerzeit die 
Begeisterung für die Massenformationen, häufig* über die Grenzen 
des Nöthigen, Möglichen und selbst des einfach Nützlichen 
hinaus. 

Der neue Cours wurde natürlich in erster Linie von den 
Centralbehörden eingeschlagen; vieles aber hieng — wie immer 
— auch von den Ausführenden ab, und zwar besonders von 
den Höchststehenden derselben, vor allem also von den Corps- 
Commandanten ; und letztere ergriffen — dem neuen System 
folgend — wiederholt bei manchen Details die Initiative. 

Seit dem Jahre 1862 waren infolge der Einführung des 
Militär -Bezirks- Systems allmählich die Corpsstäbe aufgelöst 
worden. Hiedurch hatte man aber das früher bestandene Band 
zwischen den einzelnen Waffengattungen zerstört ; die grösseren 
Einheiten wie Infanterie- und Cavallerie-Divisionen, Artillerie- 
Brigaden u. s. w. waren den Bezirks-Commanden direct unter- 
stellt, und letztere hatten nunmehr die Aufgabe, die verschiedenen 
Waffengattungen miteinander in Berührung zu bringen und sowohl 
für deren specielle als auch gemeinsame Ausbildung Sorge zu 
tragen. 

Im übrigen hieng die Ausbildung der verschiedenen Waffen- 
gattung'en im Frieden einerseits von den Forderungen der höheren 
Stellen und andrerseits von dem Geiste ab, in welchem dieselben 
ausgeführt wurden ; auch die Initiative der Zwischen- Vorgesetzten 
spielte da eine wichtige Rolle. Die Anforderungen nun, welche 
zu jener Zeit bei Besichtigungen gestellt wurden, sind besonders 
in den Berichten jener Functionäre zu finden, welche über Aller- 
höchsten Befehl mit der Inspicierung von Truppen beauftragt 
waren; man lese diese Berichte und die damals giltigen Vor- 
schriften, und man wird sich überzeugen, dass die Lehren des 
letzten, nämlich des Krim - Krieg-es, wie auch der späteren Krieg-e 
nicht verloren gegangen waren, sondern dass sie im Gegentheil das 
Streben nach entprechenden Verbesserungen und Vervollständi- 
gungen angeregt hatten : thatsächlich schien nichts Wesentliches 
vernachlässigt worden zu sein. Trotzdem gibt uns der Krieg 
1877 — 1878 Beispiele von wiederholten Missgriffen und sogar von 
ernsten Misserfolgen der russischen Truppen bei Zusammenstössen 
mit der schwächeren türkischen Armee, um deren Ausbildung 



137 

man sich doch im Frieden unvergleichlich weniger bemüht hatte. 
Nun, an jenen Unfällen sind die russischen Truppen keines- 
wegs selbst schuld gewesen ; und haben sie den Umfang" eines 
Misserfolges hier oder dort noch vergrössert, so ist dies nur auf 
ihre hartnäckige Tapferkeit zurückzuführen, welche schwerere 
Verluste nach sich zog*, als es durch die Umstände bedingt war. 

ZumTheile sind die Ursachen jener Misserfolge in ungünstigen 
Verhältnissen allgemeiner Natur zu suchen, die den Truppen 
nicht zur Last fallen können ; trotzdem ist nicht zu leugnen, dass 
bei den Operationen eine nicht vollkommen kriegsmässige Aus- 
bildung - zutage trat und dass die Gefechtsweise der Armee nicht 
allen modernen Anforderungen entsprach; andrerseits lag die 
Schuld an der Unfähigkeit einiger Commandanten. Das eine wie das 
andere Moment aber war — jedes für sich, und auch unabhängig* 
von den allgemeinen Ursachen — von verhängnisvollem Einflüsse. 

Die eigentlichen tiefliegenden Ursachen der bezeichneten 
Erscheinungen aber waren folgende : zunächst hatte man aus 
den Erfahrungen der letzten europäischen Kriege nur unvoll- 
ständige Schlussfolgerungen gezogen und dieselben ungenügend 
verwertet ; weiters machte sich jener völlig- natürliche Wider- 
stand allzu stark geltend, welchen jeder lebende und kräftige 
Organismus den Bemühungen entgegensetzt, ihm etwas Neues 
einzuflössen, zumal wenn das Neue geeignet ist, seine bisherige 
Lebensweise zu stören. Für die russische Armee aber war die 
durch die Neuerungen hervorgerufene Störung* keineswegs un- 
wesentlich oder nur oberflächlich, sondern in jeder Beziehung 
tief einschneidend gewesen. 

Nach dem Krim-Kriege hatten sich alle Anschauungen, an- 
gefangen von jenen über die Massenformationen und die Massen- 
taktik bis zu jenen über die Bedeutung des einzelnen Mannes 
und die an ihn zu stellenden Forderungen geändert ; diese letzteren 
aber waren gross und nicht leicht zu erfüllen. Bei der Artillerie 
musste man wohl oder übel der in ihrer Art künstlerischen 
Gleichförmigkeit sowohl in der Bewegung* grosser Massen als in 
der Durchführung von Evolutionen und Formations-Aenderungen 
entsagen und bei der Infanterie mit den besonders weit getriebenen 
Künsteleien im Marschieren und in der Ausführung der Gewehr- 
griffe brechen ! ). 



') Diese Kunst und Künsteleien waren natürlich Früchte der langen Friedens- 
zeit. Für den durch viele Jahre dienenden Soldaten fand man keine nützlichere Be- 



13« 

Aber diese, nunmehr eigentlich überlebte Exercierplatz- 
„Eleg'anz" vermochte sich dennoch auch weiterhin in der Armee 
zu erhalten, und zwar nicht allein in Form des so sehr g-eschätzten 
Parade-Marsches, sondern auch in der Bildartigkeit, mit der sich 
die Manöver abspielten, während dieselben eigentlich eine lehr- 
reiche Darstellung* der Wirklichkeit des Krieges zu geben hätten. 
Leider spielten die hiebei erzielten Erfolge bei der Beurtheilung 
der Truppen und ihrer Commandanten oft eine massgebende 
Rolle 1 ). Der Kampf zwischen diesen beiden entgegengesetzten 
Strömungen musste naturgemäss auf den schliesslich erreichten 
Ausbildungsgrad der Armee und auf die Zusammensetzung des 
Officiers-Corps von Einfluss sein, und er war es in einer für 
beide Theile sehr ungünstigen Weise. 

Die Officiere der russischen Armee zerfielen vor dem 
Kriege 1877 — 1878, wie dies im IV. Capitel dargestellt ist, nach 
dem Grade ihrer allgemein-wissenschaftlichen und militärischen 
Vorbildung in folgende Kategorien: 

a) solche, welche den vollständigen Lehrgang einer Militär- 
Bildungs-Anstalt absolviert hatten ; diese besassen bei einer 
mittleren allgemein-wissenschaftlichen Vorbildung auch eine ziem- 
lich gründliche militärische Bildung ; 



scliäftigung, und auch diese wurde im Winter durch die langdauernde zerstreute Be- 
quartierung in den Dörfern (bei Verpflegung durch die Hausleute) gestört ; aber selbst 
unter solchen Verhältnissen vermochten die altgedienten Unterofficiere, die ihnen anver- 
trauten Leute zur geforderten Vollkommenheit in der nicht gerade sehr sinnreichen 
Kunst des Marschierens und der Gewehrgriffe zu bringen. 

J ) Die grosse Bedeutung, welche dem zugemessen wurde, kam klar in den Vor- 
schriften zum Ausdrucke. So wurde, unabhängig von den in jedem Exercier-Reglement 
enthaltenen Bestimmungen über Besichtigungen und Paraden, im Jahre 1872 noch eine 
besondere ,, Sammlung von Bestimmungen für Besichtigungen und Paraden grösserer 
Heereskörper" herausgegeben; anderseits stammten die vor dem Kriege noch giltigen 
Bestimmungen für gemeinsame Uebungen der Infanterie und Artillerie aus dem 
Jahre 1857, das heisst aus einer Zeit, wo noch keine gezogenen Geschütze eingeführt 
waren ; weiters zogen die Truppen in den Feldzug 1877 — 1878 mit einem vor dem 
Krim-Kriege erschienenen Felddienst-Reglement und überhaupt ohne eine allgemein 
giltige Gefechts-Instruction. Dagegen war die „Sammlung von Bestimmungen für Be- 
sichtigungen und Paraden etc." in der Folge noch durch einige Prikase (1872, Nr. 334; 
1873, Nr. 229; 1875, Nr. 114, 286, 291 ; und lij6, Nr. 83) ergänzt worden. Gegen 
diese Richtung kämpfte M. J. Dragomirow, und zwar nicht ohne Erfolg an, indem 
er in seinen zahlreichen militär-wissenschaftlichen Werken den Gedanken ausführte, 
dass „man im Frieden nur das lehren solle, was im Kriege nothwendig sei". Er zeigte 
auch die Mittel hiezu in seiner „Ausbildung der Truppen im Gefechte" und in 
anderen Werken. 



139 

b) solche, die den Curs einer Junker- Schule absolviert oder 
die entsprechende Prüfung bestanden hatten ; in der weitaus 
überwiegenden Mehrzahl hatten dieselben nur eine geringe all- 
gemeine Bildung genossen ; dageg-en besassen alle die für einen 
Trupp en-Officier völlig hinreichende militärische Vorbildung; 

c) solche, die einen Junker-Schul-Curs nicht absolviert hatten, 
vielmehr als direct zur Truppe eingetretene Junker oder Frei- 
willige nach Ablegung der Prüfung zu Ofiicieren ernannt wurden ; 
bei einer sehr verschiedenartigen — zum überwiegenden Theile 
geringen — allgemeinen Vorbildung, hatten sie auch keine mili- 
tärische Bildung genossen 2 ) ; 

d) solche, die nach absolvierter Dienstpflicht von Unter- 
ofhcieren zu Offi eieren ernannt wurden ; diese waren bei der allge- 
meinen Stellung zum Dienste einberufen worden und besassen daher 
überhaupt weder eine allgemeine noch eine militärische Bildung. 

Jene Officiere, welche in den Akademien, und zwar in der 
Nikolaus-Generalsstabs-, der Nikolaus-Ingenieur- und der Michael- 
Artillerie- Akademie eine höhere militärische Bildung genossen 
hatten, wurden, wie im folgenden dargestellt, verwendet. 

Die Absolventen der Generalstabs-Akademie besetzten vor 
allem die erledigten Generalstabsposten; ein Theil kehrte auch zur 
Truppe zurück; ferner wurden seit den Sechzig-er- Jahren ziemlich 
viele der nach der ersten Kategorie [das ist mit Vorzug] absol- 
vierten Akademiker vorübergehend mit dem Commando über 
selbständige Truppenkörper betraut, und zu Beginn des Krieges 
befanden sich unter den höheren Führern und unter den Re- 
giments-Commandanten eine ganze Anzahl ehemaliger General- 
stabs -Akademiker ; die Thätigkeit derselben war auch für die 
Friedens- Ausbildung nicht ohne Einfluss geblieben. 

Die Absolventen der Ingenieur- Akademie besetzten die 
Vacanzen des Ingenieur- Corps oder dienten beim Garde-Sappeur- 
Bataillon; manche dienten in den höheren Stellen bei den übrigen 
Armee- Sappeur- Bataillonen ; einige gelangten später als Regi- 
ments- und höhere Commandanten auch zu den anderen Waffen. 

Was die Absolventen der Artillerie- Akademie betrifft, so 
wurden sie in erster Linie auf entsprechende Stellen bei den 
verschiedenen technischen Artillerie- Anstalten eingetheilt ; manche 



*) Das bezieht sich natürlich auf die grosse Masse ; im speciellen traten nämlich 
hie und da auch Junker und Freiwillige in das Heer, welche eine sehr gründliche 
allgemeine Elementar- und sogar auch Universitätsbildung genossen hatten. 



140 

traten auch zur Garde- Artillerie über ; von dort gelangten sie 
zur Armee-Artillerie, bei der sie aber gewöhnlich schon die 
höheren Posten — als Batterie- und Brig-ade-Commandanten — 
einnahmen. 

Jene Officiere, welche den vollständigen Lehrgang der 
übrigen Militär-Bildung-s-Anstalten absolviert hatten, dienten — 
wie bereits im IV. Capitel gesagt — zumeist in der Garde 
und beiden Special-Truppen ; aus ihrer Mitte waren auch fast sämmt- 
liche höheren Commandanten hervorgegangen. Dagegen war die 
Zahl der bei der Armee-Infanterie und -Cavallerie dienenden 
Officiere dieser Kategorie gering. Hieraus folgt, dass sich die 
höhere Ausbildung- der grossen Masse der Trupp enofficiere auf 
die Absolvierung der Junker-Schul-Curse beschränkte. 

Wie übrigens im IV. Capitel gezeigt wurde, hatte die 
Armee vor Beginn des Krieges einen Friedensstand von mehr 
als 25.000 Officieren. Von diesen waren etwas über 10.000 aus 
den Junker-Schulen hervorgegangen, und es befanden sich 
daher bei den Truppen noch immer sehr viele Officiere, welche 
— nach dem alten System befördert — keine gründliche 
militärische Vorbildung besassen ; diese Officiere nahmen, da sie 
zumeist bereits im höheren Alter standen, besonders die Posten 
von Bataillons-, Compagnie- und Escadrons-Commandanten ein. 

Hiezu kommt, dass der Stand an älteren Truppenofficieren 
auch dadurch gelitten hatte, dass viele Officiere — und zwar 
gewöhnlich die fähigsten und gebildetsten — noch in den niederen 
Chargen den Truppendienst verlassen und sich einträglicheren 
Militär- oder Civil-Anstellung'en zugewendet hatten. Letzteres 
wurde durch den ungeheueren Bedarf an intelligenten und that- 
kräftigen Personen begünstigt, welcher einerseits durch die alle 
Gebiete umfassenden staatlichen Reformen, andrerseits durch die 
Entwicklung des Eisenbahnnetzes und endlich durch das Auf- 
blühen der Privat-Industrie hervorgerufen wurde. 

Uebrigens ist die schliesslich erreichte militärische und 
kriegsgemässe Durchbildung des Ofnciers- Corps nicht eine Folge 
der ursprünglich genossenen allgemeinen und militärischen 
Bildung allein, sondern in gleichem und sogar noch höherem 
Grade ein Product der während der Dienstzeit erlangten 
Weiterausbildung- und Vervollkommnung' ; denn sie ergibt sich 
sowohl aus der Vertiefung und Verallgemeinerung der militärischen 
Kenntnisse als auch besonders aus dem Sammeln von praktischen 
Erfahrungen bei der Truppe. 



141 

Die wissenschaftliche Vervollkommnung hängt einerseits 
von dem persönlichen Streben des Einzelnen und von den für 
das Selbststudium vorhandenen Mitteln ab, und anderseits von 
entsprechenden regelmässigen Beschäftigungen im Zimmer und 
im Terrain, die seitens der vorgesetzten Commanden zu ver- 
langen oder anzuordnen sind. 

Für das Selbststudium standen den Öfficieren hauptsächlich 
die bei fast allen Truppenkörpern vorhandenen Bibliotheken zur 
Verfügung. Diese Bibliotheken entsprachen wohl theilweise den 
Anforderungen bezüglich der Werke allgemein-wissenschaftlichen 
Charakters, sie hatten jedoch bei weitem nicht genug Werke 
speciell militärischen Inhaltes. Erst nach dem Jahre 1870, als es 
möglich wurde, einen Theil der zur Verbesserung" der Lage der 
Officiere zugewiesenen Gelder für die Bibliotheken zu verwenden, 
und deren Bestand somit gesichert war, vermochten dieselben 
auch das Studium der Officiere zu unterstützen 1 ). 

Die Grundlage für die bei allen Truppenkörpern obli- 
gatorischen taktischen Beschäftigungen bildete der Prikas 
Nr. 379 vom Jahre 1865, in dem es unter anderem hiess 2 ) : 



1 ) Das Infanterie-Regiment zu 3 Bataillonen erhielt 1200 Rubel; die übrigen 
Truppen im entsprechenden Verhältnisse. 

2 ) Der bezeichnete Prikas betraf nur die jungen Officiere, welche soeben aus 
den Militär-Bildungs-Anstalten und Junker-Schulen zu den Truppen eingerückt waren. 
Er sollte ,,den jungen Öfficieren nach Beendigung ihrer wissenschaftlichen Studien 
alle Mittel bieten, um die gewonnenen Kenntnisse anwenden und den Dienst von 
der praktischen Seite kennen zu lernen". Es wurde daher den Commandanten der 
Truppenkörper zur Pflicht gemacht, den Beschäftigungen dieser jungen Officiere ihre 
besondere Aufmerksamkeit zuzuwenden, „um sie durch die richtige Leitung dieser 
Beschäftigungen nicht nur mit allen Obliegenheiten des Subaltern-Officiers vertraut zu 
machen, sondern aus ihnen auch gute Compagnie-Commandanten und Officiere für 
specielle Verwendungen heranzubilden". Dieser Zweck sollte dadurch erreicht werden, 
dass man sie nach Beendigung der Sommer-Concentrierungen „behufs ständiger 
Beschäftigung in den Regiments-Kanzeleien zu den Regiments-Stäben commandierte, 
wo ihnen auch leichtere Aufgaben ökonomisch-administrativen Charakters zu stellen 
waren." Im zweiten Dienstjahre sollten ,,die jungen Officiere nach der Lager-Periode 
bei den, dem Regiments-Stabe zunächst bequartierten Compagnien eingetheilt werden, 
um die Compaguie -Wirtschaft in allen Details zu erlernen; sie sollten zum Beispiele 
die Berechnungen für die Verpfiegsartikel und die Menagebereitung entwerfen, die 
verschiedenen Ausweise über den Stand der Compagnie, die Gebüren der Mann- 
schaft, dann über die Natural- und Geldausgaben etc. verfassen". „Im dritten Jahre 
endlich sollten die jungen Officiere auf die Compagnien ohne Unterschied vertheilt 
werden." 

Uebrigens musste der Mangel an Öfficieren dazu führen, dass alle Compagnie- 
Officiere an der Ausbildung der Mannschaft theilnahmen ; die stets wachsenden 



14- 

„ Gleichzeitig mit der Ausbildung der jungen Officiere im 
Dienste, ist auch darauf zu achten, dass sie ihre militärische 
Bildung- erweitern, und zwair hauptsächlich auf praktischem 
Wege. Hiezu sind diese Officiere nach den Sommer- Concen- 
trierungen — zur Zeit, da die Truppen an den kleinen Manövern 
theilnehmen — dazu zu verhalten, kurze Beschreibungen der 
durchgeführten Manöver zu verfassen und einfache Croquis des 
Terrains, auf welchem dieselben stattfanden, zu entwerfen ; hiebei 
ist nicht zu verlangen, dass diese (unbedingt mit Bleistift 
auszuführenden Skizzen) übertrieben nett herg'erichtet werden, 
vielmehr ist der Hauptwert darauf zu legen, dass die Officiere 
im Terrain zeichnen. Unabhängig hievon sind die jungen 
Officiere sowohl im Tracieren von kleinen Feld-Befestigungen, 
wie auch im Bau von Deckungen zu üben ; diese Arbeiten sind 
womöglich während der Manöver selbst vorzunehmen, und es ist 
den Officieren in anschaulicher Weise zu zeigen, in welchen 
Fällen die künstliche Verstärkung von Terrain-Gegenständen 
vortheilhaft, und wie dieselbe vom Terrain selbst und vom Ver- 
laufe des Gefechtes abhängig ist. 

„Zur Leitung dieser Beschäftigungen wird es den Divisions- 
Stabschefs zur Pflicht gemacht, während der Sommer- Concen- 
trierungen im Einvernehmen mit den Bezirksstäben, verfügbare 
Generalstabs- oder demselben zugetheilte Officiere, eventuell in 
deren Ermangelung Trupp enofficiere mit akademischer Bildung, 
der Reihe nach zu den Regimentern zu commandieren, damit 
alle oben angeführten Uebungen unter der unmittelbaren Aufsicht 
derselben vorgenommen werden." 

Beträchtlich später, und zwar erst im Jahre 1875, wurden 
die obligatorischen taktischen Beschäftigungen auf die grosse 
Masse der Trupp enofficiere ausgedehnt. Es wurden damals 
mittelst eines besonderen Prikas bei den Truppen eingeführt : 

1. „die systematischen Uebungen der Officiere in der Lösung 
schriftlicher und mündlicher Taktik- Aufgaben an der Hand von 
Plänen" und 



dienstlichen Anforderungen und der zunehmende Mangel an altgedienten Unter- 
ofiicieren verschärften diese Verhältnisse und machten die Durchführung der obigen 
Weisungen in ihrem ganzen Umfange immer schwieriger; ja, im Gegentheile, die 
jungen Officiere mussten sich so schnell als möglich mit der Praxis des Truppen- 
dienstes bekannt machen und an der Ausbildung der Mannschaft theilnehmen. Zuletzt 
wurde dieser Prikas mit jenem Nr. 28 vom Jahre 1875 in seinen wesentlichsten 
Bestimmungen ausser Kraft gesetzt. 



143 

2. „die praktischen Uebungen der Officiere im Terrain." 

„Die erste Art der Beschäftigungen" — hiess es — „soll 
womöglich mit sachgemässen Besprechungen und, wo es die 
Zeit, sowie günstige Localverhältnisse erlauben ; auch mit dem 
Kriegsspiele verbunden sein." 

Hierauf folgen detaillierte Weisungen, und unter anderem 
wird gesagt, „es sei sehr wünschenswert, wenn die Compagnie- 
und Escadrons-Commandanten die ersten Instructoren der jungen 
Officiere bei der Lösung schriftlicher Aufgaben sein könnten". 

Auf diese Weise stellte zwar der bezeichnete Prikas die 
theoretischen Officiers-Beschäftigungen bei den Truppen auf eine 
breitere Basis und erhob auch diesbezüglich bestimmte 
Forderungen, beschränkte dieselben aber gleichzeitig auf die 
jüngeren Officiere. Uebrigens hiess es im Prikas selbst, 
wie folgt: 

„Die aufgezählte Reihe von Beschäftigungen soll zeigen, 
welcher Art die Arbeiten der Officiere der Infanterie- und 
Cavallerie-Regimenter während der Lagerperiode sein und welche 
Ziele die unmittelbaren Vorgesetzten der Truppen bei der Ein- 
theilung der Officiere zu den theoretischen Beschäftigungen im 
Auge behalten sollen ; aber diese Weisungen haben den Com- 
mandanten nur als allgemeine Richtschnur zu dienen und sollen 
sie keinesfalls in ihren Verfügungen beengen, welche von Local- 
und anderen speciellen Verhältnissen abhängen werden" 1 ). 

Diese Anordnungen aus dem Jahre 1875 konnten auf die 
Ausbildung der Officiere in der kurzen Zeit bis zum Beginne des 
Krieges im Jahre 1877, keinen besonderen Einfluss mehr ausüben. 
Aber in einem gewissen Grade waren dieselben durch frühere 
Verfügungen der Truppen- und anderer Commandanten überholt 
worden, wobei jene der Commandierenden Generale im Gegensatze 
zu den übrigen diesbezüglichen Anordnungen eine allgemeinere 
Anwendung gefunden hatten. Der bezeichnete Prikas vom 
Jahre 1875 bestätigt dies selbst, indem er sagt, „dass angesichts 
der weitgehenden Anforderungen des modernen Krieges bei 
einigen Truppenkörpern über unmittelbare Initiative der Com- 
mandanten bereits damit begonnen worden sei, ähnliche syste- 
matische Beschäftigungen mit den Officieren einzuführen". 

Infolge des seither verstrichenen langen Zeitraumes und 
der Vernichtung zahlreicher Acten ist es gegenwärtig unmöglich, 



l ; Prikas Nr. 28 vom Jahre 1875. 



i 4 4 

die gesammte Thätigkeit der Truppen-Commandanten auf diesem 
oder jenem Gebiete wiederzugeben. Aber schon aus dem verfüg- 
baren Material kann darauf geschlossen werden, dass theoretische 
Beschäftigungen der Officiere schon vor dem Jahre 1875 betrieben 
wurden und — da sie ganze Militär-Bezirke umfassten — unbe- 
dingt einen günstigen Einfluss ausüben und das Niveau der kriegs- 
mässigen Ausbildung der Trupp enoffi eiere heben mussten J ). 

Uebrigens stiessen die eigentlichen Zimmer-Beschäftigungen 
in manchen Garnisonen wegen Mangel an entsprechenden Räumen 



*) Aus dem relativ wenig umfangreichen noch erhaltenen Material in Form von 
Prikasen, Instructionen etc., ist unter anderem folgendes zu ersehen : 

Im "Warschauer Militär-Bezirke : Mit Prikas Nr. 181 vom Jahre 1870 wurde, 
abgesehen von den übrigen Winter-Beschäftigungen der Truppen angeordnet, dass alle 
Officiere bis einschliesslich der Compagnie- (Escadrons-) Commandanten, sich mit 
der Lösung taktischer Aufgaben zu beschäftigen hatten ; jeder sollte mindestens zwei 
Aufgaben lösen. Mit Prikas Nr. 184 vom Jahre 1873 wurde gefordert, dass zur Zeit 
der freiwilligen Arbeiten die Bataillons-Commandanten im Vereine mit allen verfügbaren 
Officieren specielle taktische Aufgaben im Terrain lösen sollten, wobei die Officiere 
gleichfalls im Terrain Theile der allgemeinen Aufgaben zu behandeln hatten. Ausserdem 
wurden, wie bisher, von jedem Officier im Zimmer auszuführende Aufgaben-Lösungen 
verlangt. 

Aus der Zahl der besten Aufgaben, die von den Stabsoffizieren im Vereine mit 
Öberofficieren im Terrain gelöst wurden, sollten je vier von jeder Division und 
Schützen-Brigade und je zwei von jedem Regimente der Garde- Cavallerie-Brigade dem 
Bezirksstabe eingesendet werden. 

Im Prikas Nr. 175 vom Jahre 1874 werden die bei den Truppen aus- 
gearbeiteten und im Sinne des Prikas Nr. 184 dem Bezirksstabe eingesandten Auf- 
gaben im Detail besprochen und jene Stabsofhciere namentlich angeführt, welche 
ibre Aufgaben besonders gut gelöst hatten. 

Im Wilnaer Militär-Bezirke : Aus mehreren Prikasen vom Jahre 1876 ist unter 
anderem ersichtlich, dass der Commandierende General des Bezirkes die taktischen 
Aufgaben der Stabs- und Öberofficiere persönlich überprüfte. Daraus geht hervor, 
dass die Sache sich bereits damals eingebürgert hatte. 

Im Odessaer Militär-Bezirke: Mit Prikas Nr. 162 vom Jahre 1871 wurden vor- 
züglich im Terrain abzuhaltende taktische Beschäftigungen der Officiere, „besonders 
der Compagnie-Commandanten'' eingeführt. Der Bezirks-Prikas Nr. 146 vom Jahre 1872 
enthält Bemerkungen über taktische Aufgaben der Officiere, die dem Bezirksstabe 
eingesendet wurden. Aus dem Prikas kann geschlossen werden, dass die Sache sich 
bereits beträchtlich entwickelt hatte und selbst das Kriegsspiel umfasste. Es wird 
empfohlen, Besprechungen zu veranstalten, bei welchen — vom Truppen-Commandanten 
aufgeforderte — Officiere Vorträge über Gegenstände aus einem selbstgewählten Gebiete, 
sei es der Taktik, Fortification, Kriegs-Geschichte u. s. w. halten sollten, woran sich 
Erörterungen und Discussionen zu schliessen hatten. 

Im Charkower Militär-Bezirke: Prikas Nr. 95 vom Jahre 1874 enthält eine Be- 
sprechung von taktischen Aufgaben der Officiere, die also bereits bei den Truppen 
des Bezirks eingeführt waren. 



145 

auf Schwierigkeiten, und obgleich bei den Truppen das Streben 
obwaltete, Officiersvereine zu gründen, so war doch die Möglichkeit, 
dies zu verwirklichen, nur bei jenen Truppenkörpern vorhanden, 
welche in hinreichend grossen Kasernen untergebracht waren ; 
und auch bei diesen wurden die Officiersvereine ausschliesslich 
durch Beiträge der Mitglieder erhalten. Dies besserte sich einiger 
massen, als, wie bereits erwähnt, besondere Mittel „zur Verbesserung 
der Existenz-Bedingungen der Officiere" eingeführt wurden. Aber 
erst nach dem Kriege 1877 — 1878 erhielten diese Vereine, 
welche nicht nur geeignet sind, das Dasein der Officiere zu ver- 
bessern, sondern auch deren militärische Fortbildung günstig zu 
beeinflussen, ihre endgiltige Organisation und die entsprechenden 
Mittel. Bis zu jener Zeit vermochte sich jedoch der wohlthätige 
Einfluss der Officiersvereine mit ihren Bibliotheken nur auf einen 
beschränkten Theil der grossen Masse der russischen Officiere 
geltend zu machen. 

Wenn auch die besprochenen Hindernisse die theoretischen 
Officiers-Beschäftigungen erschwerten, so hielten sie deren weitere 
Entwickelung keineswegs auf; hiefür spricht der Umstand, dass 
noch einige Jahre vor dem Kriege sich der Bedarf an Hand- 
büchern und Leitfäden für das Kriegsspiel geltend machte, die 
alsbald über eigene Initiative von Officieren — und zwar haupt- 
sächlich solchen des Generalstabes — erschienen. 

Resümiert man das oben Gesagte, so muss man zu folgendem 
Schlüsse gelangen: Wenn auch bei weitem nicht alle Officiere der 
russischen Armee eine hinreichende Vorbildung* in den Elementen 
der militärischen Wissenschaften erhalten hatten, so waren doch 
in den letzten Jahren vor dem Kriege seitens der Truppenführer 
Anstrengungen gemacht worden, um das Bildungsniveau des 
Officiers-Corps durch entsprechende obligatorische Beschäftigungen 
zu heben. Die Durchführung dieser Verfügungen musste natur- 
gemäss nicht nur die von dem einen Theile der Officiere auf der 
Schulbank erworbenen Kenntnisse auffrischen und vertiefen, 
sondern musste dieselben auch dem anderen Theile, welcher keine 
specielle militärische Vorbildung genossen hatte, in jenem Masse 
mittheilen, welches für die einfache und praktische Thätigkeit 
des Trupp enofficiers — welcher Charge immer — im Felde und im 
Kampfe ausreicht. Die Forderungen und die Früchte der nach 
dem Krim-Kriege in der russischen Armee herrschenden allgemeinen 
und entschieden ausgesprochenen Richtung bestanden also in dem 
Streben, für die künftige Thätigkeit im Kriege nicht allein ganze 

Der russisch-türkische Krieg:. I. Bd. 10 



140 

Truppenkörper, sondern auch jeden einzelnen Mann für sich und 
ganz besonders den Ofncier vorzubereiten; denn an ihn stellten 
die neuartigen Verhältnisse des Kampfes specielle und verant- 
wortungsvolle Anforderungen, und von ihm erheischten sie, selbst 
in den jüngeren Charg'en, eine bewusste, kühne, aber gleichzeitig 
überlegte Initiative. 

War nun auch die gründliche theoretische Durchbildung der 
einzelnen Individuen von grossem Werte für den Krieg, so hieng die 
Eignung derselben und die Eignung ganzer Truppenkörper zu 
einer erfolgversprechenden Thätigkeit im Kriege in noch weit 
höherem Grade davon ab, wie die praktischen Uebungen der 
Truppen durchgeführt, welche Tendenzen hiebei verfolgt und 
welche Anforderungen gestellt wurden. 

Leider waren diese Anforderungen von einer entgegen- 
gesetzten Strömung beeinflusst, welche der überkommenen Routine 
entsprang- und die wirklich kriegsmässige Ausbildung der Truppen 
im allgemeinen und des Officiers- Corps im besonderen nur langsam 
gedeihen liess. Auch andere, theils durch die Dienstesverhältnisse, 
theils durch die schwierigeren Existenzbedingungen der Ofnciere, 
speciell der Armeeofficiere, bedingte Umstände wirkten in diesem 
retardierenden Sinne mit. 

Die Folgen hievon mussten, wie General Skobelew sich 
ausdrückte, im Kriege, wo hauptsächlich die Fähigkeit gefordert 
wird, einen selbständigen Entschluss zu fassen und selbständig 
zu befehlen, bei vielen Commandanten zum Vorscheine kommen *). 

Wenn auch übrigens aus verschiedenen und von einander 
unabhängigen Ursachen nicht alle Ofnciere der damaligen russi- 
schen Armee den modernen, gewiss nicht leicht erfüllbaren An- 
forderungen entsprachen, so stand die grosse Masse derselben in 
Bezug auf wissenschaftliche und praktische Friedensausbildung 
auf einer weit höheren Stufe als das frühere Officiers-Corps, 
nämlich jenes, welches seinerzeit die schweren Tage der Prüfung 
von Sewastopol mit Ehre und Ruhm bestanden hatte. 

Die Ereignisse des Krieges 1877 — 1878 haben bewiesen, 
dass die russischen Ofnciere in mancher Beziehung ihre Vor- 
gänger von Sewastopol übertrafen, in Bezug auf Mannesmuth 
und Selbstaufopferung aber mit ihnen auf gleicher Stufe standen. 



x ) Dies kommt neben anderen Bemerkungen in den ,, Folgerungen" des Generals 
Skobelew (anlässlich der Operationen seines Detachements bei Plevna vom 28. October 
[9. November] bis 1. |l3.] November 1877) vor; dieselben sind im Tagebuche der 
16. Infanterie-Division enthalten. 



147 

Der Mannschaftsstand der russischen Armee zu Beginn 
des Krieg-es 1877 — 1878 hatte sich gegen jenen der früheren Zeit 
in vieler Beziehung gründlich verändert. Vor allem hatten die 
gewaltigen Reformen Kaiser Alexanders II., speciell die Be- 
freiung der Bauern von der Leibeigenschaft, die Lage der ab- 
gabenpflichtigen Stände, welche die eigentliche Ergänzungsquelle 
für die Recrutierungen bildeten, verbessert. Die Krone dieser 
Reformen in militärischer Beziehung war aber die im Jahre 1874 ein- 
g'eführte allgemeine Wehrpflicht. Die letztere hatte natürlich bis 
zum Beginne des Krieges nur theilweise ihren wohlthätigen Ein- 
fluss auf das moralische und geistige Element jener ausüben 
können, welche im Weg'e der Stellung" in die Reihen der Armee 
getreten waren. Uebrigens war der Soldatenstand auch schon 
vorher dadurch gehoben worden, dass die Einreihung von Ver- 
urtheilten und von g'edungenen Ersatzmännern, die an Stelle von 
Dienstpflichtigen eintraten, nicht mehr zugelassen wurde. Als 
Folge hievon ergab sich die Möglichkeit und auch Notwendigkeit, 
die persönliche Würde des Soldaten durch ein besonderes 
„Disciplinar-Reglement" zu wahren. 

Andrerseits vermochten die zu einer kürzeren activen 
Dienstzeit in das Heer eingetretenen Leute sich nicht alles das 
anzueignen, was durch einen längeren Dienst erreicht werden 
kann; auch waren die Leute jünger und physisch weniger ent- 
wickelt. Infolge des höheren Procentsatzes des der Bevölkerung 
zu entnehmenden Recruten-Contingentes mussten ferner die physi- 
schen Anforderungen herabgedrückt werden, so dass die frühere 
minimale Körpergrösse von 2 Arsin 4 Wersok [1*557/2] bei 
der ersten Recruten- Aushebung nach dem Krim -Kriege im 
Jahre 1863 auf 2 Arsin 3 Wersok [1-51 11 1\ und in einigen 
Gegenden sogar auf 2 Arsin 2 Wersok [1*477//] herabgesetzt 
wurde. Letzteres Ausmass wurde später auch in den Bestimmungen 
für die allgemeine Wehrpflicht im ganzen Reiche als untere 
Grenze übernommen. 

Die früher mit den Jahren erlangte, nunmehr aber un- 
zureichende Ausbildung und Dienstespraxis suchte man durch 
eine sorgfältige Belehrung und durch „Hebung" des Einzelnen 
zu ersetzen; und dieses Streben, den einzelnen Mann „zu heben' 7 
und Vertrauen in ihn zu setzen, trat vielfach zutage; .so beispiels- 
weise in der Selbstverwaltung bei der Compagnie- Artelwirtschaft, 
in der Art, wie die Schützenketten in der zerstreuten Ordnung 
sich selbst überlassen wurden, ferner in den Obliegenheiten der 

10* 



i 4 8 

Geschütz -Vormeister u. s. w.; endlich auch in den seit 1867 
gemachten Versuchen, bei den Truppen das Lesen und Schreiben 
als obligatorischen Unterricht für die gesammte Mannschaft ein- 
zuführen. 

Die Durchführung dieser letzteren Bestimmung- stiess jedoch 
in der Wirklichkeit auf bedeutende Schwierigkeiten, und es wurden 
daher durch spätere Verordnungen vom Jahre 1875 die von 
jedem Infanteristen und Cavalleristen zu fordernden theoretischen 
Kenntnisse neuerding-s normiert; hiebei wurde verlangt, dass 
nur die zu den Compagnien und Escadronen eingerückten 
Recruten von Unterofhcieren und Soldaten im Lesen 
und Schreiben zu unterweisen seien, und es sollte dieser Unterricht 
vom Ende der ersten Lagerperiode, welche die Recruten mit- 
machten, bis zum Beginne der nächsten dauern. Ueberdies wurden 
durch dieselben Bestimmungen Compagnie- und Escadrons-Schulen 
eingeführt, in welchen Soldaten für die Lehr-Commanden der Regi- 
menter [Unterofficiers-Bildungsschulen] vorbereitet werden sollten. 

Aber auch in diesem Falle führte die Schwierigkeit, in 
einem Winter und unter der Leitung von Unterofhcieren das 
Lesen und Schreiben thatsächlich zu erlernen dazu, dass mit der 
Zeit — allerdings erst nach dem Kriege — die Forderung, „alle"" 
Recruten zu unterrichten, fallen gelassen wurde. 

Alles dagegen, was rein praktisch war und der physischen 
Entwickelung diente, wie das Turnen, das bis zur sogenannten 
Dzigitowka (Tanz zu Pferde mit der Lanze) getriebene Voltigieren 
und das Fechten fanden bei den Truppen aller Waffen leichter 
Eingang und blieben auch in Ausübung. Einige Uebertreibungen 
in dieser Beziehung, welche in der Höhe der gestellten Anfor- 
derungen zum Ausdrucke kamen, traten allmählich vor dem 
wirklich Nützlichen und Möglichen zurück; und die aufgewendete 
Zeit und Mühe blieb nicht ohne Früchte. Naturgemäss nahm der 
Schiessunterricht in der Einzelausbildung der Infanterie die erste 
Stelle ein ; er wurde aber auch bei der Cavallerie, besonders bei 
den Dragoner-Regimentern gefordert. Vom Schiessunterrichte wird 
jedoch erst weiter unten die Rede sein, da es unmöglich ist, mit 
dem System und den Aufgaben der Einzelnausbildung das Schiess- 
wesen für sich, und getrennt hievon die taktische Anwendung 
desselben zu besprechen. Zur Erzielung eines entsprechenden 
Unterofficiers - Nachwuchses musste seit der Verkürzung der 
Dienstzeit in den Reihen des Heeres und mit dem allmählichen 
Verschwinden der altgedienten Unterofnciere soweit als möglich 



149 

für die Dienstespraxis durch eine specielle Ausbildung der Soldaten 
vor ihrer Beförderung Ersatz geschaffen werden; dies geschah, 
wie im vorhergehenden IV. Capitel dargestellt, in besonderen 
Lehr-Commanden bei den Truppenkörpern. 

Gewöhnlich aber reichte die Zeit zu einer Vorbereitung- 
für die bezeichneten Commanden (zum Eintritte in dieselben wurde 
auch die Kenntnis des Lesens und Schreibens verlangt) nicht 
aus ; auch waren die Vorgesetzten nicht in der Lage, die zur 
Frequentierung der Commanden bestimmten Leute vor dem Ein- 
tritte hinreichend kennen zu lernen. Es gelangten daher nicht 
immer die verlässlichsten und den Anforderungen des Dienstes 
am besten entsprechenden Soldaten in die Commanden und 
später auf Unterofficiers-Posten, sondern theilweise auch solche, 
die rein zufällig die Kenntnis des Lesens und Schreibens vom 
Hause mitgebracht hatten. 

Und da in den Commanden selbst der Unterricht zumeist 
einen ausschliesslich schulmässigen und theoretischen Charakter 
annahm, so reichten viele der neuen Unterofficiere bei weitem 
nicht an die früheren heran, welche ihre Bildung nur durch die 
Praxis während eines langen und beschwerlichen Dienstes erlangt 
hatten. Uebrig'ens überstieg die grosse Zahl von Unterofhcieren, 
welche bei einer Mobilisierung zu den Truppenkörpern einrückten, 
den Bedarf um ein bedeutendes, woraus sich die Möglichkeit 
ergab, die Stellen mit den würdigeren und geeigneteren Leuten 
zu besetzen. 

Der Grad des Erfolges, der sich beim Unterrichte, speciell 
bei dem hauptsächlich nur im Winter ertheilten Einzelunterrichte 
erreichen liess, hieng geradezu völlig von den Bequartierungs- 
Verhältnissen des betreffenden Truppenkörpers ab. In dieser Be- 
ziehung war aber die Lage der russischen Armee überhaupt sehr 
wenig befriedigend ; und es war dies von umso schädlicherem Ein- 
flüsse, als die active Dienstzeit fortgesetzt stark verkürzt wurde. 

Trotz aller Bemühungen war es bis zum Beginne des 
Jahres 1868 kaum gelungen, 42 Procent der Feld-Truppen in 
Kasernen oder kasernmässig *) unterzubringen. Die Leute der 



x ) Die sogenannte „kasernmässige Unterkunft bei den Einwohnern" bestand 
darin, dass die Leute (der Compagnie, Escadron, Batterie) in Privathäuser verlegt 
wurden, wobei sie entweder das ganze Haus oder einzelne von den Hausbewohnern 
abgesonderte Zimmer einnahmen ; natürlich befanden sich die Leute einer Compagnie 
in einer und derselben Stadt, respective Ortschaft. Aber das Regiment war hiebei 
häufig auf mehrere entfernte Punkte verstreut. 



J 50 

übrigen Truppenkörper waren zumeist zerstreut in Dörfern bei 
den Einwohnern untergebracht. Diese Verhältnisse hatten sich 
bereits bis zum Jahre 1871 merklich gebessert; das Verhältnis 
der in Kasernen und kasernmässig untergebrachten Feld-Truppen 
erreichte damals 58 Procent, war jedoch im allgemeinen durchaus 
nicht gleich hoch in allen Militär-Bezirken. 

Das bezeichnete Verhältnis traf in den Militär -Bezirken 
Finnland, Turkestan und Sibirien zu ; am günstigsten stand es in 
den Militär-Bezirken Warschau und Petersburg mit 92 und 
91 Procent; dagegen betrug es im Kaukasischen 65, im Moskauer 
50, im Odessaer 47, im Orenburger 43, im Wilnaer und Kazanjer 
Militär-Bezirke nur 40 Procent. 

Im Jahre 1876 hatten sich diese Verhältnisse abermals sehr 
gebessert, und es waren — alle Militär-Bezirke zusammengefasst 
— 50 Procent der Truppen in Kasernen, 26 Procent in kasern- 
mässiger Weise und nur noch 24 Procent bei den Einwohnern 
untergebracht. Die letztere Zahl ist — für sich betrachtet — 
natürlich noch immer sehr bedeutend ; denn es verblieben allein 
in den 6 grossen Militär-Bezirken (Wilna, Warschau, Kijew, 
Odessa, Charkow und Moskau) noch immer 100.000 Mann bei den 
Einwohnern bequartiert. 

Uebrigens darf nicht vergessen werden, dass diese Ver- 
besserungen in den Unterkunfts -Verhältnissen, insoweit sie die 
letzten Jahre vor dem Kriege betrafen, sich nicht in pro- 
portioneller Weise auf die thatsächliche Hebung der Ausbildung 
der in den Krieg ziehenden Truppen geltend machen konnten, 
weil die Leute des Reservestandes, die zur Augmentierung der 
Truppenkörper auf den Kriegsstand einrückten, unter anderen, 
weniger günstigen Umständen ausgebildet worden waren. 

Auch darauf möge hingewiesen werden, dass infolge der 
hohen Entwickelung des der russischen Armee eigenthümlichen 
Wirtschaftssystems viele der im Kriegsfalle einrückenden 
Reservisten ihre Charge quasi nominell führten und derselben 
ihrer Ausbildung nach nicht entsprachen. 

Die Ausbildung der Infanterie war nach dem Krim- 
Kriege in der einschneidendsten und gründlichsten Weise ge- 
ändert worden. Wie der einzelne Mann ausgebildet wurde, ist 
bereits besprochen worden ; über die kriegsmässige Ausbildung 
der Truppenkörper und den Vorgang hiebei lässt sich Folgendes 
saLfen. 



i5i 

Vor allem muss bemerkt werden, dass die bis zum Jahre 1877 
giltigen und für die taktische Ausbildung der Infanterie mass- 
gebenden Reglements den Stempel von völlig in sich 
abgeschlossenen Exercier - Vorschriften trugen, welche wohl 
auch für das Gefecht bestimmt waren, jedoch keinerlei 
direct darauf bezügliche Weisungen enthielten. Nur das letzte 
vor dem Kriege herausgegebene Reglement für das Compagnie- 
und das Bataillons-Exercieren (aus den Jahren 1874 und 1875) be- 
schäftigt sich mit dem Gefechte und spricht auch vom „Anlaufe", 
was bei den früheren Reglements nicht der Fall war. Und da 
andere Bestimmungen, welche das Bindeglied zwischen den 
reglementären Uebungen und deren Anwendung im Gefechte 
oder bei den Manövern gebildet hätten, nicht existierten, so 
mussten die rein reglementären und die rein taktischen Uebung'en 
der Truppen anstatt einander zu ergänzen, im wesentlichen völlig 
auseinandergehen. Hiemit lässt es sich auch erklären, warum 
die Truppen so oft daran erinnert wurden, dass bei den Manövern 
die gleiche Regelmässigkeit und Genauigkeit zu beobachten sei, 
wie auf dem Exercierplatze. Solche von Seite der höheren 
Commandanten ausgehende Erinnerungen fielen zumeist auf einen 
fruchtbaren Boden, da die bisherigen Anschauungen und die von 
früherher eing'elebten Neigungen dem entgegenkamen; sie hatten 
daher nicht selten zur Folge, dass von manchen Zwischen- 
Vorgesetzten auch für die Manöver so weitgehende Anforderungen 
bezüglich Erhaltung der Gleichmässigkeit und Ordnung erhoben 
wurden, dass jede Möglichkeit ausgeschlossen war, sich den 
Terrainverhältnissen oder dem Gange des Manövers anzupassen. 

Diesem Uebelstande suchte das im Jahre 1871 erschienene 
„Project einer Instruction für Feldübungen der Truppen" ab- 
zuhelfen, indem es den Zusammenhang zwischen den Exercier- 
Uebungen und der Anwendung der reglementmässigen Formationen 
bei taktischen Uebungen und Manövern darlegte *). 



1 ) Das Project besagte unter anderem : „Alle Feldübungen sollen von der 
einzigen und gemeinsamen Absicht beseelt sein, die Truppen zu einem erfolgreichen 
Handeln gegen den Feind vorzubereiten, und es soll daher alles, was hiefür nicht 
nützlich oder anwendbar ist, von den Feldübungen ausgeschlossen bleiben." Bezüglich 
der Exercierübungen hiess es : ,,Die Erlernung der reglementären Bestimmungen, 
sowie deren pünktliche und genaue Ausführung dient als Basis für alle weiteren 
Uebungen, da es im Gefechte unmöglich ist, mit Truppen zu disponieren, welche nicht 
gelernt haben, in Ordnung und mit einer bestimmten Geschwindigkeit Bewegungen 
und Formations-Veränderun</en durchzuführen. Aber andrerseits ist dies nur das 



IS 2 



Aber diese, wie auch andere gute Intentionen des Projectes 
brachten nicht überall den entsprechenden Nutzen, da sie mehr 
in der Form allgemein g-ehaltener Weisungen und Wünsche aus- 
gedrückt waren, anstatt — wie die Truppen es gewohnt waren 
— bestimmte Forderungen sammt den detaillierten Angaben über 
deren Ausführung zu enthalten. Sie hielten den einer rationellen 
Ausbildung der Truppen zuwiderlaufenden Strömungen dort nicht 
stand, wo dieselben stärker waren, und dies umsomehr, als die 
W eisungen des Projectes theilweise mit anderen giltigen Vor- 
schriften im Widerspruche standen 1 ). Uebrigens brachte das 
Project insofern einen bedeutenden Nutzen, als es den ge- 
wünschten Anhaltspunkt für die selbständige Befehlgebung der 
Unter-Commandanten abgab, welche seitens aller jener verlangt 
wurde, die dem gleichen Ziele wie das Project zustrebten. Das 
Project erhielt aber keine endgiltige Redigierung und verlor 
seine verbindliche Kraft, als am 24. April [6. Mai] 1876 das 
„Haupt-Comite für die Organisation und Ausbildung der Truppen" 
unter dem Vorsitze des Grossfürst -Thronfolgers die vom 
Commandierenden General des Wilnaer Militär-Bezirkes vor- 
gelegten Projecte : — „Entwurf der Vorschrift für die Feld- 
übungen der Truppen bei den Special-Concentrierungen der 
einzelnen Waffen" und ,, , Grundsätzliche Bestimmungen für die 
Truppen-Concentrierungen gemischter Waffen" — im allgemeinen 
billigte und deren Erprobung bei den Truppen des bezeichneten 
Militär-Bezirkes zuliess. 

Die taktische Einheit der Infanterie war das Bataillon. 
Die Bataillone aller auf der Balkan-Halbinsel verwendeten Regi- 
menter bestanden aus je 5 Compagnien, darunter eine Schützen- 
Compagnie; nur die Bataillone der Garde-Regimenter und die 



ABC der Sache, und man darf sich daher nur so lange bei dergleichen Uebungen auf- 
halten und ihnen nur insoweit eine Bedeutung beimessen, als man dies überhaupt 
bei elementaren Uebungen irgend welcher Art thun darf". 

*) So setzte beispielsweise das ,, Project" voraus, dass die rein geschlossenen 
Uebungen beim Bataillon abzuschliessen seien ; Uebungen von zwei oder mehr Batail- 
lonen sollten im Manövrieren mit einer bestimmten taktischen Idee bestehen, wobei 
die Terrainverhältnisse zu berücksichtigen waren. Gleichzeitig war jedoch auch ein 
Reglement giltig, welches geschlossene Bewegungen der Divisions-Reserveordnung 
[etwa: Concentrierte Aufstellung] zuliess; und im nächstfolgenden Jahre 1872 wurde 
der Abschnitt I des IV. Theiles des Exercier- Reglements für die Infanterie: 
,,Exercieren mehrerer Bataillone ohne Artillerie" herausgegeben, welcher das Exercieren 
in der Infanterie-Brigade als Basis für derartige Uebungen behandelte. 



153 

Schützen-Bataillone hatten je 4 Compagnien 1 ). Die Compagnie 
zerfiel in 4 Züge, und der Zug auf Kriegsstand in 4. Schwärme. 

Die gewöhnliche Gefechtsordnung der Infanterie hatte aus 
zwei Bataillons-Linien und der Reserve zu bestehen, wobei sich 
die Bataillone der ersten Linie zumeist in zwei Compagnie-Linien 
und in die vorne befindliche Schützenkette gliederten. Als Kette 
wurden gewöhnlich die Schützen-Compagnien vorgeschoben. 

Zum Schutze gegen feindliches Feuer öffneten die Com- 
pagnien — abgesehen von der Ausnützung des Terrains — die 
Rotten oder legten sich nieder. 

Die Einheit in der zerstreuten Ordnung war das aus 4 Mann 
bestehende Schützenglied, dem eine relativ grosse, in den 
Exercier-Reglements besonders hervorgehobene Selbständigkeit 
(Zielwahl, Zahl der Schüsse, Terrainbenützung und Bewegung) 
zuerkannt war 2 ). 

Diese Selbständigkeit der Schützenglieder musste später 
eingeschränkt werden; so hatte nach dem Reglement für das 
Compagmie-Exercieren vom Jahre 1874 der Befehl zum Eröffnen 
oder Einstellen des Feuers in der Kette vom Zugs-Commandanten 
auszugehen. 

Indessen blieben die Schützen in den Gliedern bezüglich der 
Wahl der Ziele, ferner in einem gewissen Grade bezüglich der 
Bewegung auch weiterhin selbständig ; denn das Reglement 
kannte nur eine allg'emeine Bewegung mit der ganzen Kette, 
oder eine solche mit den Gliedern über deren eigene Initiative. 
Die Vorrückung erfolgte daher entweder seitens der ganzen 
Kette über allg-emeinen Befehl, oder — wie das Reglement vor- 
schrieb — allmählich seitens der einzelnen Leute innerhalb der 
Glieder. Dies war so gedacht, dass beim Feuerangriffe die 
Schützen einzeln von Deckung* zu Deckung liefen, wobei der 
auf 25 bis 50 Schritt vorausgeeilte Mann die übrigen zu erwarten 



x ) Kurz vor dem KLriege war beschlossen worden, die Regimenter zu 3 Batail- 
lonen ä 5 Compagnien in solche zu 4 Bataillonen ä 4 Compagnien umzuwandeln, 
jedoch waren von den auf der Balkan-Halbinsel operierenden Truppen erst die Garde- 
Regimenter umgewandelt worden. 

2 ) Das „Exercier-Reglement für die Infanterie", I. Theil, Ausgabe 1862, be- 
stimmte unter anderem, dass in der zerstreuten Ordnung die Leute ,,in Bezug auf ihr Ver- 
halten hauptsächlich ihrer eigenen Findigkeit zu überlassen seien". In derselben Aus- 
gabe und auch in jener vom Jahre 1870 hiess es weiter: ,,Beim Angriffe haben die 
Schützen selbständig und einzeln von Deckung zu Deckung zu laufen, und wenn die 
Schützen darin noch nicht geschult sind, so können die Schwärm- Commandanten be- 
stimmen, wohin ein jeder am besten läuft." 



134 

hatte. Es ist klar, dass ein solcher Angriff nur dann möglich 
war, wenn jedem Gliede ein sehr breiter Vorrückung'sraum zur 
Verfügung- stand, das heisst wenn die Kette sehr schütter war; 
dieser Vorgang- konnte daher von solchen Schwarmlinien, die 
sich an eine feindliche Stellung* heranzuarbeiten hatten, nicht 
angewendet werden. Und da das Reglement nirgends vorschrieb, 
dass die Vorrückung der Schwarmlinie eines Bataillons von den 
Theilen derselben auszuführen sei ; so blieb im wesentlichen nur 
die eine Art der allgemeinen Vorrückung, das ist das gleich- 
zeitige sprungweise Vorgehen der ganzen Kette bei Einstellung 
des Feuers auf der ganzen Linie übrig x ). 

Die Entwickelung des Schiesswesens in der russischen 
Armee war die unmittelbare Folge der unerfreulichen Erfahrungen 
aus dem Krim-Kriege, dessen zahlreiche Misserfolge hauptsäch- 
lich dem glatten Infanterie-Gewehre und der Vernachlässigung des 
Schiesswesens zugeschrieben wurden. 

Die nach dem Kriege eingeschlag-ene neue Richtung kam 
sowohl in der allmählichen Umbewaffnung der ganzen Infanterie 
mit dem gezogenen Gewehre, als auch in der Aufstellung" neuer 
specieller Schützen-Truppen und schliesslich auch darin zum 
Ausdrucke, dass jedem Bataillon der Garde- und der Armee- 
Infanterie eine fünfte specielle Schützen-Compagnie beigegeben 
wurde. 

Zur Ausbildung" von Instructoren, und zwar von Officieren 
und Personen des Mannschaftsstandes, besonders aber zur 
Schaffung guter Schützen-Compagnie-Commandanten und Waffen- 
ofhciere wurden von 1857 — 1859 drei Schützen-Schulen, zu Zarskoje 
Selo, dann die kaukasische und finnländische gegründet. Ferner 
wurde zur Hebung der Schiessfertigkeit unter den Officieren im 
Jahre 1858 ein besonderes Preis-Concurrenzschiessen eingeführt; 
und schliesslich erschien — unabhängig davon, dass ein specieller 
Vorgang für den Schiessunterricht in den oben bezeichneten 
Schulen gelehrt und von den Instructoren bei den Truppen 



*) M. J. Dragomirow jedoch sagt in seinem Werke 
leitung zur Ausbildung der Truppen für das Gefecht", I. Theil, Ausbildung der 
Compagnie, Ausgabe vom Jahre 1873 : „Die Schwarmlinie rückt nicht auf einmal, 
sondern partienweise vor ; hiebei geht sie von Stellung zu Stellung und bleibt auf 
jeder stehen, um zu schiessen." Dasselbe war auch in den Warschauer Bezirks- 
Prikasen Nr. 225 vom Jahre 1873 und Nr. 69 vom Jahre 1874 detailliert vor- 
i/eschiieben. 



weiter verbreitet wurde — im Jahre 1864 eine specielle „An- 
leitung- für den Schiessunterricht bei der Infanterie und den 
Dragonern", welche später bei der Einführung- neuer Gewehr- 
Systeme und beim Auftauchen neuer Ansichten über das Schiess- 
wesen ergänzt und verbessert wurde. 

Für die Hebung des Schiesswesens in der ganzen Armee war 
es überaus förderlich, dass die Aufsicht über dasselbe dem In- 
spector der Schützen-Bataillone übertragen wurde. Diese Aufsicht 
kam dadurch zum Ausdrucke, dass mit der Inspicierung des Schiess- 
wesens bei den Truppen Officiere beauftragt wurden, welche sich 
nicht nur von dem Stande dieses Ausbildungszweiges zu über- 
zeugen, sondern soweit als nöthig auch nützliche Fingerzeige 
zu geben hatten. Diese Inspicierungen begannen im Jahre 1871, 
in welchem 64 Infanterie -Regimenter besichtigt wurden. 

Der bei den Besichtigungen beobachtete strenge und 
gleichmässige Vorg-ang bürgte dafür, dass sowohl die erzielten 
Resultate verlässlich, als auch, dass der Massstab für die Be- 
urtheilung der Schiessausbildung bei den verschiedenen Theilen 
der Armee ein einheitlicher war. 

Unter diesen günstigen Verhältnissen machte das Schiess- 
wesen ziemlich bedeutende Fortschritte und wurde im allgemeinen 
auf jene Höhe gebracht, auf welcher man es — gemäss den 
kundgegebenen Forderungen — bei den Inspicierungen sehen 
wollte. 

Unter 110 Infanterie-Regimentern, welche im Jahre 1876 
bezüglich der Schiessausbildung inspiciert wurden, konnte die 
letztere bei 17 Regimentern als vorzüglich, bei 55 als sehr gut, 
bei 33 als gut, und nur bei 3 als mittelmässig, sowie bei 2 Regi- 
mentern als schwach classificiert werden *). 

Unter 24 besichtigten Schützen-Bataillonen wurde bei fast 
allen die Schiessausbildung höher als „vorzüglich" und nur bei 
einigen niedriger als „vorzüglich" bezeichnet. 

Es muss jedoch bemerkt werden, dass gelegentlich der In- 
spicierungen, bei welchen die oben bezeichneten Resultate er- 
reicht wurden, der durchschnittliche Abgang an Mannschaft bei 
den besichtigten Infanterie -Regimentern 21 Procent und bei 
den Schützen-Bataillonen 22 Procent des Effectivstandes betrug. 

Da demnach etwas mehr als der fünfte Theil der gesammten 
Mannschaft an den Inspicierungen nicht theilnahm, hatte man 



x ) Prikas Xr. 84 vom Jahre 1877. 



i5ö 

sich über den Grad der Schiessausbildung- dieser Leute keine 
Ueberzeugung- verschafft. Erinnert man sich überdies daran, dass 
das bei den Truppen intensiv entwickelte Wirtschaftswesen einen 
Theil der Mannschaft der militärischen Beschäftigung - entzog-, so 
muss man annehmen, dass die thatsächlichen Resultate der Schiess- 
ausbildung- nicht ganz so günstig waren, wie die oben bezeichneten. 

Ueberdies befanden sich notwendigerweise auch unter den 
Reservisten, welche die Truppenkörper auf den Kriegsstand zu 
completieren hatten, ziemlich viele Leute, die von früherher 
nur schwach ausgebildet waren. Es konnte demnach das Durch- 
schnitts-Niveau der wirklichen Friedens-Schiessausbildung nicht 
so hoch sein, wie die bei den Inspicierungen erzielten Resultate. 

Hingeg-en vermochte der Umstand, dass viele Reservisten 
sich erst jetzt mit den neuen Gewehr-Modellen vertraut machen 
mussten, keinen schädlichen Einfluss auszuüben, weil erstens 
die umgearbeiteten Sechslinien-Zündnadelg-ewehre, System Karle 
und Krnka, sich mit Bezug auf den Mechanismus nur wenig von 
den früheren Vorderladern, aus denen sie entstanden waren, unter- 
schieden, und weil zweitens die Rasanz und Präcision des neuen 
Berdan-Gewehres das Sechslinien-Gewehr so sehr übertraf, dass 
jeder, der mit dem letzteren umzugehen verstand — nach Er- 
langung nur einiger Fertigkeit in der Handhabung des neuen 
Gewehres — mit demselben eher besser schiessen konnte als mit 
dem früheren. In beiden Phallen kam es also nur darauf an, 
sich mit der neuen, leichteren Ladeweise vertraut zu machen, und 
bei der „Berdanka" [das ist Berdan-Gewehr] auch noch mit dem 
Aufsatze. 

Was das Endziel des gesammten Schiessunterrichtes betrifft, 
so war dasselbe durch die „Anleitung" mit der Forderung be- 
zeichnet, „dass jeder im Schiessen auszubildende Mann so weit 
gebracht werden müsse, dass er sichere Treffschüsse erziele"; 
hiezu hatte der Schütze beim Feuern „den Zustand der Luft, die 
Beleuchtung, die Terrainvei-hältnisse und die Derivation" zu 
berücksichtigen 1 ). Die auf obige Bestimmungen basierte Aus- 
bildung strebte also das „Zielfeuer" an, und liess nicht zu, dass 
dasselbe durch die Menge der verfeuerten Munition ersetzt werde. 

Auf die Schnelligkeit des Schiessens, das heisst auf die 
Erlernung des schnellen Anschlages und Zielens wurde im all- 






1 j Ausgabe vom Jahre 1870. Die Bestimmungen der früheren waren im allge- 
meinen die gleichen. 



157 

gemeinen kein besonderer Wert gelegt 1 ). Das sogenannte 
„schnelle Schiessen" (Schuss bei geladenem Gewehre unbedingt 
innerhalb fünf Secunden) war nur bei den Schützen-Formationen 
normiert. Dagegen war sowohl bei der Infanterie, als auch bei 
den Schützen-Bataillonen die Uebung im „schnellen Einzelfeuer 
auf Commando" und eine analoge Uebung für ganze Compagnien 
im Abgeben von Salven innerhalb einer Minute vorgeschrieben. 
Das zu erreichende oder wenigstens erwünschte Resultat, das 
heisst die Zahl der Salven innerhalb einer Minute, war nicht an- 
gegeben 2 ). Gelegentlich der Inspicirungen des Schiesswesens, 
welche im Jahre 1876 über Allerhöchsten Befehl speciell com- 
mandierte Inspectoren vornahmen, wurde das „schnelle Salven- 
feuer" nicht geprüft 3 ). 

Ueberhaupt muss darauf hingewiesen werden, dass die 
Schiessausbildung mehr auf die möglichste Vollkommenheit am 
Schiessplatze hinarbeitete, als auf die Anwendung des Schiessens 
im Gefechte. Die „Anleitung" vom Jahre 1870 bezeichnete 
sogar in ihrem Titel das Schiessen nach dem Ziele quasi als 
ihren Endzweck („Anleitung zur Ausbildung- im Schiessen nach 
dem Ziele für die Infanterie- und die Dragoner-Regimenter"). 
Uebrigens führte gerade diese Anleitung vom Jahre 1870 für 
die gesammte Infanterie eine neue Art von Uebung-en ein, näm- 
lich die „Uebungen mit scharfer Patronen", welche das Uebung- 
schiessen dem Schiessen in der Wirklichkeit möglichst nahe 
bringen sollten. Aber auch diese Uebungen wurden gelegentlich 
der erwähnten Inspicierungen vom Jahre 1876 nicht gepiüft. 

Die „Anleitung" basierte die gesammte Schiessausbildung 
auf das Princip, nur dann zu schiessen, wenn nicht nur die „Mög- 
lichkeit", sondern im Gegentheile die volle „Wahrscheinlichkeit" 



*) Uebrigens wurde im Warschauer Militär-Bezirke im Jahre 1874 mittelst des 
Prikas Nr. 290, welcher ,, praktische Handgriffe beim Schiessunterrichte" enthielt, unter 
anderem verlangt, dass bei geladenem Gewehre jeder Schuss auf den fünften Schlag 
des Schnellschritt-Taktes, also in der dritten Secunde abgegeben werde. 

2 ) Aus der Praxis wusste mau, dass bei guter Ausbildung mit vorher geladenen 
Krnka-Gewehren 5 bis 7 Salven per Minute abgegeben werden konnten ; die regel- 
rechte Abgabe derselben wurde jedoch häufig dadurch gestört, dass die Extraction 
der leeren Hülsen schon beim ersten Schusse nicht functionierte ; und wenn es einem 
Manne nicht sofort gelang, die Hülse auszuwerfen, so war er nicht nur selbst am 
Weiterschiessen behindert, sondern er störte auch die anderen. 

3 ) Das mit der „Anleitung" vom Jahre 1876 neu eingeführte „Schiessen mit 
unbestimmter Patronenzahl innerhalb einer halben Minute" konnte an Stelle der obigen 
Uebung noch nicht geprüft werden. 



vorhanden sei, unbedingt Treffer zu erzielen. Und da anderseits 
bei weitem nicht alle Leute zu der gewünschten absoluten Voll- 
kommenheit im Trefferschiessen gebracht werden konnten, so 
resultierte bei derartigen Anschauungen die g*anz natürliche 
Folge, dass das Schiessen dieser Leute überhaupt, besonders aber 
auf den grösseren Entfernungen nach Möglichkeit eingeschränkt 
wurde. 

Auf Grund solcher Erwägungen erhielten — bei der Um- 
bewaffnung der gesammten Fuss-Truppen mit dem gezogenen 
Sechslinien-Gewehre — die Schützen einen Aufsatz bis 1200 Schritt 
und übten auch das Schiessen bis zu dieser Distanz; dagegen 
reichte der Aufsatz bei den Gewehren der Linien-Compagnien und 
das von denselben durchzumachende Schiessprogramm bloss bis 
600 Schritt, und nur bis zu dieser Distanz durften sie über- 
haupt schiessen. Diese Zahlen bezeichneten endlich die Ent- 
fernungen für die Annahme der zerstreuten Ordnung. 

Was das Schiessen geschlossener Abtheilungen betrifft, so 
kannte die „Anleitung" nur eine Art derselben, nämlich das Salven- 
feuer auf Commando; die Distanzen für dasselbe waren durch die 
Grenze des bestrichenen Raumes beschränkt, welcher beim Sechs- 
linien-Gewehre mit 300, und beim kleincalibrigen Bsrdan-Ge wehre 
mit 400 Schritt angenommen wurde 1 ). 

Indessen führten die Erfahrungen des deutsch-französischen 
Krieges 1870 — 187 1 zu einer völligen Aenderung in den Anschau- 
ungen über das Schiesswesen und dessen Anwendung im Ge- 
fechte. Die neu angeregten Fragen — über das Schiesswesen 
sowohl wie auch über andere Gegenstände — wurden im „Haupt- 
Comite für die Organisation und Ausbildung der Truppen" be- 
rathen 2 ). 

Die auf eine bessere Ausnützung der Tragweite und der 
schnelleren Ladefähigkeit des Gewehres abzielenden Vorschläge, 
welche im Jahre 1875 ventiliert wurden, billigte indessen die 
Commission das Haupt-Comite nicht, vielmehr lehnte sie den 



x ) Im Jahre 1871 wurden bei den Linien-Compagnien Versuche mit Salven- 
feuer bis 600 vSchritt gemacht; das hiebei verwendete Krnka- Gewehr ergab — je 
nach dem Stande der Schiessausbildung der verschiedenen Truppenkörper — stark 
differierende Resultate. 

2 ) Alles, was im folgenden betreffs der Thätigkeit und der Beschlüsse des Haupt- 
Comite angeführt wird, ist in einer Publication desselben, betitelt : „Relation des 
Haupt-Comite für die Organisation und Ausbildung der Truppen vom October 1874 
bis October 1884" enthalten. 



159 

Antrag ab, das Salvenfeuer auch über die Distanz des 
bestrichenen Raumes hinaus anzuwenden. 

Als dann später die Frage berathen wurde, den Wirkungs- 
bereich des Infanteriefeuers überhaupt weiter auszudehnen, da die 
Infanterie wohl ein Gewehr besitze, dessen Ertrag bis auf 1200 
Schritt reiche, den Feind aber kaum auf die Hälfte dieser Ent- 
fernung beschiessen dürfe, beschloss das Comite, die entsprechen- 
den Uebungen zwar einzuführen, dieselben aber auf die besseren 
Schützen, das ist auf den dritten Theil jeder Linien -Compagnie zu 
beschränken, und nur hiefür die nöthigen Patronen zu bewilligen. 

Dieser Beschluss wurde zwar Allerhöchst genehmigt, jedoch 
mit der Clausel, „dass das mit einer Vermehrung der Ausgaben 
verbundene Project zunächst noch seitens der Haupt- Artillerie- 
Verwaltung detailliert zu begutachten sei". 

Das Comite verwarf auch den Vorschlag, bei geschlossenen 
Abtheilungen das Einzelfeuer einzuführen, da es dasselbe — 
angesichts des eingeführten Salvenfeuers — für „zumindest über- 
flüssig" hielt. 

Es war auch beantragt worden, die Schnellfeuersalve als 
Gefechtsfeuerart einzuführen; diese hätte bezweckt, in ganz kurzer 
Zeit möglichst viel Geschosse abfeuern zu können, um mit den 
selben — hauptsächlich auf die Menge der Projectile rechnend 
— den herankommenden Gegner zu überschütten. Aber auch 
dieser Antrag wurde verworfen. 

Die Special-Commission des Comite sprach sich überhaupt 
dahin aus, dass, nachdem die Wirkung des Feuers mit der Ver- 
minderung der Entfernungen zunehme, dem Schiessen auf kleine 
Distanzen, bei weitem der Vorzug vor dem Weitfeuer gebüre. 
Da man hauptsächlich die Treffwahrscheinlichkeit im Auge behalten 
müsse, so sei auf die grossen Distanzen selten und nur über 
unmittelbaren Befehl der nächsten Vorgesetzten zu schiessen ; nach 
und nach sei, entsprechend der geringer werdenden Entfernung, 
das Feuer zu beschleunigen und mit der Annäherung an den 
P'eind unaufhörlich zu schiessen; auf den nächsten Distanzen endlich 
sei zur Herbeiführung der Entscheidung das Salvenfeuer bis zur 
Grenze der Möglichkeit zu steigern. 

Von solchen Anschauungen ausgehend, verwarf das Comite 
in demselben Jahre (1875) einen Antrag des Inspectors der 
Schützen-Bataillone, welcher dahin gieng, bei den Linien-Truppen 
der Infanterie, die mit Kleincaliber- (Berdan) Gewehren aus- 
gerüstet waren, ,,das praktische Schiessen bis auf 1000 Schritt 



i6o 

einzuführen" ; das Comite beschränkte sich vielmehr darauf, „das 
Schiessen der Linien-Compagnien vorläufig nur bis auf 800 Schritt 
auszudehnen" x ). 

Es sei darauf verwiesen, dass die Erfahrungen des Krieges 
1877 — 1878 die Zweckmässigkeit verschiedener Aufsätze bei ein und 
demselben Gewehr-Modell nicht bestätigt haben ; im Gegentheile 
haben Linien-Trupp en ; die mit dem Sechslinien-Gewehre System 
Krnka bewaffnet und so jeder Möglichkeit beraubt waren, auf 
Distanzen über 600 Schritt regelrecht zu schiessen — im Gefechte 
von dem ganz natürlichen Gefühle getrieben, die neben ihnen 
kämpfenden Kameraden zu rächen oder ihnen zu helfen — häufig 
auf weitere Distanzen geschossen, da sie wussten, dass der 
Wirkungsbereich ihres Gewehres grösser sei als die Aufsatzhöhe 
desselben. In Ermangelung eines besseren Aufsatzes aber 
und ungeübt im Abschätzen der den Eigenschaften ihres Gewehres 
entsprechenden Entfernungen, konnten diese Truppen nur ein 
regelloses Feuer aufs Gerade wohl abgeben, zumal auch die 
Feuerdisciplin noch nicht genügend entwickelt war 2 ). 



1 ) Die oben erwähnte,, Relation des Haupt- Comite etc." begründet diesen Beschluss 
wie folgt : „Die Ausgabe der Kleincaliber-Gewehre an die Truppen war noch kein 
Anlass, das Schiessen unserer gesammten Infanterie bis zu den äussersten Distanzen 
auszudehnen, welche nach dern Ertrage des neuen Gewehres noch zulässig waren ; 
obgleich daher das Comite es im Princip als nothwendig erkannt hatte, die Distanzen 
für das Uebungsschiessen zu erweitern, so musste es doch auch andere Momente der 
kriegsmässigen Ausbildung der Truppen berücksichtigen, wie die Anforderungen der 
neuesten Infanterie-Taktik, die gegenwärtige Compliciertheit des Schiesswesens bei den 
Truppen und die Frage der Durchführbarkeit der bezüglich der Schiessausbildung 
erhobenen Anforderungen; ferner waren die localen sowie die Zeitverhältnisse und auch 
die vorhandenen Geldmittel in Betracht zu ziehen; — auf Grund aller Erwägungen 
hielt es schliesslich das Comite für thunlich, das Schiessen der Linien-Truppen vorläufig 
bis auf 800 Schritt auszudehnen." 

2 ) Beispielsweise möge auf einige bei Lovca und Plevna gemachte Beobachtungen 
hingewiesen werden. 

„Das feindiche Feuer übte — dank der Masse der verschossenen Patronen — 
bereits auf 2000 Schritt eine bedeutende Wirkung aus ; unsere Soldaten und Ofriciere 
vergassen oft, dass sie nur bis 600 Schritt schiessen lernten, und anworteten dem Feinde 
gleichfalls auf 2000 Schritt; so war es auch bei Lovca." 

„Am 31. August [12. September] schössen unsere Linien-Compagnien vom dritten 
Rücken des Zeleni breg [Grüne Berge] den Türken in die Flanke, als diese von der Kösin- 
[Krisin-] Redoute gegen die von uns besetzte Redoute Nr. I vorrückten. Sie schössen 
auf Distanzen bis zu 1200 und 1400 Schritt, und zwar nicht ohne Erfolg, besonders 
auf die türkischen Colonnen. Und doch hatten sie nur bis 600 Schritt schiessen gelernt." 

„Bei der Abweisung türkischer Angriffe während des Gefechtes in den Wein- 
gärten am 28. August [9. September] und bei der Wegnahme des dritten Rückens am 



i6i 

Die Basis für die Ausbildung in der Feld-Befestigung 
bei den Feld-Truppen war durch eine besondere, im Jahre 1871 
veröffentlichte „Anleitung" x ) gelegt worden, in welcher es hiess : 

„Sämmtliche Truppenkörper der Infanterie und Fuss- Artillerie 
haben mit allen ihrenTheilen während der Sommer- Concentrierungen 
die Ausführung von Erdarbeiten zu üben, welche die Herstellung 
von Deckungen gegen feindliches Feuer bezwecken." 

„Ueberdies sind besondere, zeitweise zu formierende Com- 
manden der Infanterie und Artillerie in einigen der einfachsten 
Sappeur- Arbeiten auszubilden." 

Die erwähnten, alljährlich auf einige Zeit zusammengestellten 
Mannschafts-Commanden mit einigen Officieren wurden während 
der gemischten Concentrierungen durch anderthalb bis zwei Monate 
bei den Sappeur-Bataillonen unterwiesen. 

Die technischen Uebungen der Truppenkörper „mit allen 
ihren Theilen" sollten „womöglich mit den Manövern verbunden 
werden; überdies waren Offi eiere der Infanterie und der Fuss- 
Artillerie während der Lagerübungen im Entwerfen und in der 
Leitung von Sappeur- Arbeiten gründlich zu schulen". 

Alle oben bezeichneten Uebungen, und zwar sowohl jene 
der ganzen Truppenkörper, als auch jene der Ofhciere, sollten 
„unter der directen Leitung und Aufsicht der Divisions- Stabschefs 
und der bei den Truppen eingetheilten Generalstabsofficiere" 
vorgenommen werden. 

Die nächste Folge der angeführten Bestimmungen war, dass 
eine gewisse Anzahl Ofhciere und Leute bei den Sappeur- Truppen 
sehr gründlich ausgebildet wurden und bei ihren Truppenkörpern 
als Instructoren verwendet werden konnten. 

Es muss jedoch darauf hingewiesen werden, dass die An- 
leitung selbst, bei ihren eigentlich überaus weitgehenden An- 
forderungen die directen Vorgesetzten der Truppen in ein einiger- 



30. August [11. September] legten sich dieTürken in dichten Ketten nieder und schössen, 
ohne unsere Soldaten zu sehen, welche gleichfalls (am 28. August) in Deckungen 
lagen. Die Türken vermochten unsere Leute auch bei der Vorrückung nicht zu sehen; 
in beiden Fällen also schössen sie auf einen unsichtbaren Gegner, wobei sie liegend 
feuerten und ihre Gewehre auf der Erde, senkrecht zur Front, gerichtet hielten. Leider 
eröffneten auch unsere Leute — von einem Kugelhagel überschüttet — selbst das 
Feuer auf den Feind, den sie nicht sahen, wobei von Zielen oder Aufsatzstellen nicht 
die Rede sein konnte." („Tagebuch und Notizen" von A. N. Kuropatkin.) 

: ) „Anleitung zur Ausbildung der Feld-Truppen" im Sappeurwesen (Prikas 
Nr. 123 vom Jahre 1871). Uebrigens wurden Uebungen in der Feld-Befestigung auch 
schon früher versuchsweise oder über Initiative einzelner Commandanten vorgenommen. 

Der russisch-türkische Krieg. I. Bd. II 



IÖ2 

massen unklares Verhältnis zu dem bezeichneten Ausbildunsfs- 
zweig'e brachte ; da sie die Aufsicht und Leitung der Uebungen 
Personen übertrug, welche zu den Truppen in keinem Commando- 
verhältnisse standen. 

Die weitere Entwickelung dieses so überaus wichtigen 
Gegenstandes in der Armee war aus verschiedenen Gründen sehr 
ungleichmässig und im allgemeinen nicht befriedigend. Dieser 
Umstand veranlasste den Commandierenden General des Wilnaer 
Militär -Bezirkes, eine „Kurze Anleitung" für diesen Ausbildungs- 
zweig zu verfassen, mit deren Vorschlägen sich im Jahre 1876 
das „Haupt-Comite für die Organisation und Ausbildung der 
Truppen" beschäftigte. Dasselbe fand, dass : 

„die im Laufe von sechs Jahren gewonnenen Erfahrungen 
über die Ausbildung der Feld-Truppen in der Feld-Befestigung 
bewiesen hätten, dass die in der gegenwärtigen Anleitung ent- 
haltenen Bestimmung-en ihrem Zwecke nicht völlig entsprachen. 
Die Beschäftigungen mit den Sappeur- Arbeiten hätten sich im 
allgemeinen bei den Feld -Truppen nicht eingelebt und würden 
bei vielen Abtheilungen als eine Nebensache betrachtet, welche 
mit der kriegsmässigen Ausbildung der Truppen in keinem directen 
Zusammenhange stehe." 

Die Ursachen hievon erblickte das Comite „in der Com- 
pliciertheit der an die Truppen und Ofhciere gestellten An- 
forderungen, in dem schiefen Verhältnisse, in welches die directen 
Vorgesetzten der Truppen durch die Anleitung zu diesem 
Ausbildungszweige versetzt worden waren 3 ), ferner in dem 



a ) ,, Zunächst werden" 

Vorgesetzten der Truppen von der Ausbildung im Sappeurwesen quasi ferngehalten 
und können daher für den Erfolg dieser Beschäftigungen bei ihren Truppen nicht ver- 
antwortlich gemacht werden. Die durch die Anleitung vorgesehene Uebertragung 
der Leitung dieses Ausbildungszweiges an die Divisions- Stabschefs und an die bei 
den Truppen befindlichen Generalstabsofficiere kann nicht als zweckmässig bezeichnet 
werden." 

,,Ja, die directen Vorgesetzten können sich nicht einmal von jenen Kenntnissen 
Ueberzeugung verschaffen, welche ihre — zur Erlernung des Sappeurwesens in 
eigenen Commanden ausgebildeten — Untergebenen hiebei erworben haben ; eine Aus- 
nahme bilden nur die Divisions-Commandanten, jedoch auch diese nur an den von 
Garnisonsorten der technischen Truppen entfernten Punkten. Dennoch ist die un- 
mittelbare Theilnahme der directen Vorgesetzten an den technischen Uebungen der 
Truppen umso nothwendiger, als sie selbst während der Kriegs-Operationen in die 
Lage kommen können, dieses Kampfmittel anzuwenden. Im Frieden von diesem Aus- 
bildungszweige ferngehalten, werden sie demselben auch auf dem Schlachtfelde fremd 
gegenüberstehen". 



i63 

Mangel eines „praktischen und kurzen Handbuches für die 
Ausbildung der Truppen im Sappeurwesen" und endlich in 
der — den modernen Anforderungen des Gefechtes in keiner 
Weise entsprechenden — Menge an Schanzzeug bei den 
Truppen. 

Das Beispiel der deutschen, französischen und österreichischen 
Armee im Auge behaltend, welche auf Grund der Erfahrungen 
der letzten Kriege den leichten Feldspaten als Ausrüstungs- 
gegenstand des Infanteristen eingeführt hatten, kam das Comite 
zu dem Schlüsse, dass diese Frage „ungeachtet der sehr be- 
deutenden jedoch unvermeidlichen Kosten eine sofortige Ent- 
scheidung* ohne jeden Aufschub erfordere". 

Die im Jahre 1877 beim Haupt-Comite gebildete Special- 
Commission begann zwar sogleich mit den Arbeiten und entwarf 
auch die wesentlichsten Grundzüge der neuen Bestimmungen für 
die Ausbildung der Truppen in der Feld-Befestigung ; sie musste 
jedoch sehr bald ihre Thätig'keit einstellen, da alle Mitglieder 
mit den Truppen zur Operations- Armee abrückten x ). 

Es ist indessen klar, dass die erst unmittelbar vor dem 
Kriege erfolgte Einstellung dieser Arbeiten der Commission, 
welche die Verfassung eines neuen Projectes der Anleitung be- 
zweckten, für die Truppen keinerlei Bedeutung haben konnte, 
da sich dieselben gleichfalls für den Krieg vorbereiteten ; auch 
g*ab es bei allen Truppenkörpern bereits einige Officiere und 
Leute, welche an den Uebungen bei den Sappeur-Bataillonen 
theilgenommen hatten. Was aber den Truppen hauptsächlich 
fehlte, war eine entsprechende Menge brauchbaren Schanz- 
zeuges. 

Die Notwendigkeit, das Schanzzeug- bei den Truppen zu 
vermehren, war übrigens schon früher erkannt und diesbezüglich 
eine im Princip positive Entscheidung getroffen worden. Da 
man das Werkzeug aber nicht vom Manne tragen lassen wollte, 
so stockte die Durchführung an der Frage der Fortschaffung des 
Werkzeuges. Die Entscheidung hierüber wurde vom Kriegs- 
Minister im Jahre 1874 dem Haupt-Comite übertragen. 

Bekanntlich kam es hierüber erst nach dem Kriege zu einer 
endgiltigen Lösung, indem ein leichteres, vom Manne zu tragendes 
Muster des Schanzzeuges angenommen wurde 2 ). Inzwischen aber 



*) Relation des Haupt-Comite. 

2 ) Prikas Nr. 297 vom Jahre 1878. 

II* 



164 

giengen die Truppen mit einer überaus beschränkten Menge an 
Werkzeugen in den Krieg 1 ). 

Was nun den Grad der Ausbildung im Feld-Befestigungs- 
wesen betrifft, so hatte die Anleitung wohl bewirkt, dass die 
Truppen eine gewisse Zahl ganz vorzüglich ausgebildeter Ofnciere 
und Leute besassen ; aber als Zweig der Truppen- Ausbildung 
hatte sich die erst vor kurzem eingeführte Feld-Befestigung bis zum 
Kriege 1877— 1878 noch nicht einleben können. Daran war theils 
dessen Neuheit, theils das ganz unbestimmte Verhältnis schuld, 
in welches die directen Vorgesetzten zu demselben gebracht 
waren. 

Andererseits hatte man in der Anleitung dem einfachen 
Feld-Befestigungswesen den Titel und das Ansehen einer be- 
sonderen „Sappeur-Specialität" gegeben, welche die Truppen 
in ihrer grossen Masse nie als „ihre eigene" ansehen konnten, 
und mit welcher sie sich thatsächlich nie befreundeten. 

Schliesslich waren auch bei weitem nicht alle Commandanten 
von dem Nutzen und der Notwendigkeit der Feld-Befestigung 
überzeugt, und einige sprachen darüber ganz offen ihre Zweifel 



a ) A. N. Kuropatkins „Tagebuch und Notizen" sagen hierüber Folgendes: 
,,Das bei den Truppen vorhandene Schanzzeug betrug per Compagnie zu 200 Mann: 
10 vSchaufeln, 24 Beile, 3 Krampen und 3 Hauen. Die Menge an Schaufeln ist offen- 
kundig unzureichend ; jene an Beilen entsprechend. Zur Beschleunigung der Arbeit 
bei der Befestigung von Stellungen muss entweder das Werkzeug des ganzen Regiments 
einer Compagnie übergeben werden, oder man muss sogar den Compagnien eines 
Regiments die Werkzeuge anderer Truppenkörper zuweisen. Wir wollen sehen, welche 
Unzukömmlichkeiten aus einem solchen Vorgange resultierten." 

,,Bei Lovca musste sich ein Bataillon des Regiments Kazanj [Nr. 64] auf einer 
Höhe eingraben, welche es vor der feindlichen Position besetzt hatte. Zur Be- 
schleunigung der Arbeit wurde für dieses Bataillon das Schanzzeug des ganzen 
Regiments zusammengetragen und demselben auch noch das Werkzeug eines Batail- 
lons vom Regimente Suja [Nr. 118] überbracht. Zur Herstellung von Deckungen 
für 24 Geschütze in Batterien wurden zwei Compagnien des Regiments Reval [Nr. 7] 
designiert, und für dieselben das Werkzeug des ganzen Regiments gesammelt. Am 
nächsten Tage, dem Tage der Erstürmung von Lovca, giengen zwei Bataillone des 
Regiments Kazanj, ein Bataillon des Regiments Suja und das ganze Regiment Reval 
ohne Schanzzeug in den Kampf und beriefen sich darauf, dass es ihnen abgenommen 
worden sei." 

,,Das Gefecht endete günstig ; die Truppen brauchten sich nicht einzugraben, 
und das Werkzeug wurde, wenn auch mit Mühe, auf unserer ersten Position auf- 
gefunden und von neuem vertheilt. Ein Theil davon war jedoch bereits nach dieser 
ersten Arbeit zerbrochen oder beschädigt." 

.,Am 27. August [8. September], bei Plevna, wurde eine Compagnie des Regi- 
ments Wladimir [Nr. 61] zur Herstellung von Schutzgräben für die Bedienungs- 



"65 

aus, was übrigens auch heute noch in der modernen Militär- 
Literatur geschieht. 

Was die Gefechts weise der Infanterie betrifft; so ge- 
stattete das zuletzt vor dem Kriege im Jahre 1875 herausgegebene 
Reglement das Salvenfeuer ganzer Bataillone. Man schrieb über- 
haupt dem Salvenfeuer geschlossener Abtheilungen eine grosse, 
wenn nicht die entscheidende Bedeutung zu. Auch beim Anlaufe 
war diese Feuerart gestattet, und zwar dachte man sich denselben auf 
zweierlei Arten: entweder gaben die Compagnien der ersten Linie 
Salven ab und die zweite rückte zum Bajonnettstosse vor, oder ein 
Theil (1 oder 2 Compagnien) der ersten Linie machte den Anlauf, 
während die übrigen den Gregner mit Salvenfeuer beschossen. 

Hiebei sollten sich die Compagnien stehend und in ge- 
schlossener Formation dem feindlichen Feuer auf Distanzen von 
nicht mehr als 300 bis 400 Schritt aussetzen x ). Uebrigens be- 
stimmte auch dasselbe Reglement, dass „der Anlauf mit ge- 
schlossenen Abtheilungen soweit als irgend möglich durch das 



Mannschaft von drei Batterien beigestellt und derselben das gesammte Schanzzeug des 
Regiments mitgegeben." 

„Am Abende dieses Tages hatten zwei Bataillone des Regiments Esthland 
[Nr. 8] eine Stellung auf unserem rechten Flügel in den Weingärten zu besetzen. 
Man musste sich befestigen und das Schanzzeug befand sich im Dorfe Brestovec ; 
erst zwei Stunden vor Tagesanbruch war es gesammelt und in die Stellung gebracht. 
Glücklicherweise waren in derselben für die Esthländer fast fertige Schutzgräben bereits 
vorhanden, nämlich die breiten Bewässerungsgräben." 

„Am 29. August [10. September] hatte das Regiment Wladimir zusammen mit 
den Esthiändern eine Stellung auf dem zweiten Rücken des Zeleni breg [Grüne Berge] 
zu besetzen." 

,,Es musste sofort zur Herstellung von Deckungen geschritten werden, und da 
zeigte es sich, dass das Regiment fast ohne Schanzzeug in die Position eingerückt war. 
Die Menge des für beide Regimenter verfügbaren Werkzeugs war daher unzureichend, 
und es musste solches zur Durchführung der Arbeiten auch von den Regimentern 
Reval und Suzdal [Nr. 62] geholt werden. Auf Grund der Erfahrungen bei Lovca je- 
doch übergaben diese Regimenter ihr Werkzeug nicht einfach den Esthiändern und 
Wladimirern, sondern bestimmten von den eigenen Regimentern besondere Commanden, 
welche nach Beendigung der Arbeit das Werkzeug wieder zurückzubringen hatten." 

,,Das Resultat war, dass unter anderem am 30. August [11. September] die 
Reserven der Wladimirer und Suzdaler nur mehr erbärmliche Ueberreste von Werkzeug 
besassen. Um Deckungen auszuheben, wühlten die Soldaten die Erde mit ihren Faschin- 
messern oder mit den Feldflaschen-Deckeln auf und schaufelten sie mit den Händen heraus." 

1 ) 300 und 400 vSchritt waren die für das Salvenfeuer zulässigen äussersten 
Distanzen, und zwar 300 Schritt für das Sechslinien-Gewehr und 400 Schritt für 
das Berdau-Gewehr. — Hierüber war oben bereits die Rede. 



lOO 

Feuer der Schwarmlinie vorzubereiten sei ; daher müssten vor 
dem Beginne des Anlaufes solche nicht nur ausgeschieden, sondern 
auch thunlichst verstärkt werden ; das Feuer der Schwarmlinien 
müsse das intensivste Schnellfeuer sein". 

Diese allg-emein gehaltene Bestimmung- konnte indessen die 
Schwierigkeiten nicht beseitigen, welche sich dadurch ergaben, 
dass die Truppen an die — den Eigenthümlichkeiten und Be- 
dingungen des modernen Kampfes schon längst nicht mehr ent- 
sprechenden — Formen und Anforderungen des Reglements 
gewöhnt waren. All dies wurde sehr sorgfältig im Comite für die 
Organisation und Ausbildung der Truppen berathen, welches 
sodann eine eigene Commission mit der Verfassung und Vorlage 
von entsprechenden Vorschlägen beauftragte 1 ). 

Diese Commission, welche ihre Arbeiten gegen Ende des 
Jahres 1875 fertigstellte, gelangte unter Berücksichtigung der Er- 
fahrungen des Krieges 1870— 187 1 und der modernen Anschau- 
ungen über das Gefecht zu dem Schlüsse, „dass das Feuer der zer- 
streuten Ordnung den unbedingten Vorzug vor dem Schiessen 
geschlossener Abtheilung-en verdiene, und dass das letztere nur 
bis zur Stärke einer Compagnie anwendbar sei". 

Weiters war die Commission der Ansicht, dass „die wichtigste 
Lehre, welche aus den Erfahrungen des Krieges hervorgehe, 
darin bestehe, dass die Schützenkette nicht nur aufgehört habe, 
eine Beigabe der geschlossenen Ordnung zu sein, sondern dass 
sie in der Gefechtsform der Infanterie die bei weitem grösste 
Bedeutung habe". 

Schliesslich beantragte die Commission, „es sei die Zer- 
splitterung der Schwarmlinie in Glieder aufzugeben, und als 
kleinste Einheit der Kette die kleinste administrative Einheit der 
Compagnie, der Schwärm, das heisst der vierte Theil eines Zuges, 
einzuführen" 2 ). 



a ) Als Material für diese Berathungen dienten schriftliche Arbeiten des General- 
Majors der kaiserlichen Suite Baron Seddeler, welcher persönlich an den Operationen 
in Frankreich in den Jahren 1870 — 1871 in der Eigenschaft eines Militär- Attache im 
deutschen Hauptquartier theilgenommen hatte. Baron Seddeler legte folgende zwei 
Memoiren vor : aj ,,Ueber den Einfluss des Schnellade-Gewehres auf das Feuer" und 
bj „Das Infanterie-Gefecht, Grundzüge der Durchführung desselben, basiert auf die 
Folgerungen aus den Erscheinungen der neuesten Gefechtspraxis". 

2 ) Die Beweggründe hiefür waren folgende : die Zusammensetzung der Glieder 
ist stets eine zufällige und kann sich bei der Raugierung der Compagnie täglich 
ändern ; die sogenannten Glied-Commandanten stehen zu den Leuten des Gliedes in 
keinem beständigen Vorgesetzten- Verhältnisse ; durch die Glieder mit ihren fictiven 



167 

Dies wurde mittels eines besonderen Prikas des Kriegs- 
Ministers zur Durchführung bei den Truppen sofort ver- 
lautbart. 

Die von der Commission beantragten Aenderungen wurden 
allerdings vom Comite angenommen und theilweise auch von 
Kaiser Alexander II. genehmigt, sie waren jedoch in der vor dem 
Kriege zuletzt erschienenen Ausgabe des Reglements vom Jahre 
1875 (Bataillons-Exercieren) noch nicht berücksichtigt. Angesichts 
der unbedingten Notwendigkeit, die Exercier-Reglements zu er- 
gänzen und den Truppen Weisungen zu geben, welche den 
Anforderungen der modernen Taktik entsprachen, begann das 
Comite im Frühjahre 1877 mit der Verfassung der „Instruction 
für die Thätigkeit der Compagnie und des Bataillons im Gefechte". 
Als indessen die gleichfalls betheiligten Mitarbeiter an der „In- 
struction für die gemeinsame Thätigkeit von Truppen aller drei 
Waffen" zur Operations-Armee abreisten, verzögerten sich die 
Arbeiten anfangs und wurden später ganz eingestellt 1 ]. 

Resümiert man alles, was über die Ausbildung der Infanterie 
gesagt wurde, so ist es klar, dass den Schützenketten im all- 
gemeinen keine ernste Bedeutung für den Kampf zuerkannt, dass 
dieselben vielmehr als eine Beigabe zur geschlossenen Front 
betrachtet wurden ; man rechnete hauptsächlich auf das Salven- 
feuer dieser geschlossenen Front und auf ihren Bajonnettstoss. 
Die Ketten waren nicht geschmeidig, die Feuerleitung schwierig, 
und bei der Bewegung nützten sie das Terrain zur Verminderung 
von Verlusten nicht aus. Das Feuer der Linien-Infanterie war 



Commandanten wird die Autorität der directen Vorgesetzten, das ist der Schwarm- 
Commandanten, geschwächt, da die .Schwärme in der Kette stets zersplittert werden. 
r ) In dem erwähnten „Berichte des Haupt-Comite" ist hierüber Folgendes gesagt : 
„Schon während der letzten Vorbereitungen des ,,Bataillons-Exercierens" (vom Jahre 
1875) für die Drucklegung war die Notwendigkeit einer gründlichen Umarbeitung der 
Vorschrift wohl erkannt worden ; trotzdem hielt man die unveränderte Herausgabe für 
unaufschiebbar, da die frühere Ausgabe bis zum letzten Exemplar vergriffen war. Zu 
einer neuen Bearbeitung aber konnte erst geschritten werden, sobald die neuen 
Grandzüge der Infanterie-Taktik, deren Berathung das Haupt-Comite gerade erst be- 
gonnen hatte, Allerhöchst genehmigt waren." — „Das Comite sollte im Jahre 1877 
sämmtliche Exercier-Reglements für die Infanterie neu bearbeiteu." — „Die Annahme 
der Vorschläge des Barons Seddeler hätte nicht nur eine Aenderung des Exercier- 
Reglements, sondern auch der Anleitung für den Schiessunterricht nach sich ziehen 
müssen, und in weiterer Consequenz auch eine Aenderung der Gebür an scharfen 
und Exercier-Patronen für Uebungszwecke." 



[68 

principiell auch durch das Fehlen eines höheren Aufsatzes 
auf die kleinen Distanzen beschränkt. Hieraus und aus dem 
Mang*el an Initiative der unteren Commandanten resultierten jene 
Frontal-Ang-riffe, welche ungeheure Opfer kosteten und nicht immer 
g-elang-en. Schliesslich war die Infanterie nicht einmal in der Lage, 
Feld-Befestigamgen herzustellen und zu benützen, wenigstens 
nicht in einer der thatsachlichen Notwendigkeit und den modernen 
Gefechtsverhältnissen entsprechenden Weise. 

Die russische Cavallerie hatte während des Orient-Krieges 
1854 — 1856 weder an der Donau noch bei der Vertheidig-ung von 
Sewastopol ein eigentliches Feld für ihre Thätigkeit gefunden. 
Obgleich speciell die kaukasische Cavallerie ihren alten Ruhm 
wieder auffrischte, und sogar einer mit dem neuen, weittragenden, 
gezogenen Gewehre bewaffneten Infanterie gegenüber glänzende 
Erfolge davontrug, so war dennoch das Resultat ihrer Gesammt- 
thätigkeit für sie als Waffengattung im allgemeinen nicht günstig 
gewesen. 

Schon wurde angenommen, dass die Cavallerie infolge des 
grossen Ertrages und der Treffsicherheit des Infanteriefeuers 
ihre Bedeutung- als entscheidende Waffe verloren habe; diese An- 
schauungen, noch mehr aber finanzielle Rücksichten waren daran 
schuld, dass die reguläre Cavallerie stark vermindert wurde. 

Das — durch die Ueberlegenheit der Infanterie — gestörte 
Gleichgewicht sollte nunmehr womöglich durch die Schnelligkeit 
des Pferdes und durch eine bis zu den äussersten Grenzen ge- 
triebene Vervollkommnung des Reiters wiederhergestellt werden ; 
und wie bei den übrigen Waffengattungen, so wurde auch bei 
der Cavallerie die grösste Sorgfalt auf die Einzelausbildung und 
auf die Entwickelung der persönlichen Eigenschaften des Mannes 
verwendet. 

Als gelegentlich der Umformierung der Cavallerie-Divisionen 
ein Theil der Don-Kasaken -Regimenter in den Verband der 
Divisionen trat, wurde in einem besonderen Prikas darauf ver- 
wiesen, dass diese Annäherung zwischen den Kasaken- und den 
regulären Regimentern keinesfalls zur Folge haben dürfe, dass 
die — in der persönlichen Entwickelung und in den angeborenen 
Eigenschaften des einzelnen Mannes begründeten — Eigentümlich- 
keiten der Kasaken - Regimenter abgeschwächt würden oder 
entarten sollten. Ausserdem sorgten auch die Kasaken-Regimenter 
selbst dafür, dass die mehr und mehr schwindende Kriegserfahrung 



i6 9 

durch eine entsprechende, auf die Eigenthümlichkeiten und 
Ueb erlief erungen des Kasakenthums basierte Einzelausbildung 
nach Möglichkeit ersetzt wurde 1 ). 

Die gründliche Ausbildung des Reiters und seines Pferdes 
für den Krieg war eine der wichtigsten Sorgen des General- 
Inspectors der Cavallerie, des Grossfürsten Nikolaus Nikolaje wie 
des A eiteren, welcher diese Stellung seit dem Jahre 1865 be- 
kleidete. Die damals von Seiner Hoheit gestellten Anforderungen 
unterschieden sich völlig von den bisherigen Gepflogenheiten und 
Anschauungen; beurtheilt man daher sein Wirken, so muss es 
von diesem Gesichtspunkte aus geschehen. Das, was jetzt etwas 
Alltägliches zu sein scheint (weil es sich längst eingelebt hat), 
war damals nicht nur neu, sondern es widersprach direct den tief 
eingewurzelten Anschauungen und Gewohnheiten, welche infolge 
der langen Uebung fast Gesetzeskraft erlangt hatten. Nicht mit 
der Schwerfälligkeit und dem alten Zopf allein hiess es da zu 
kämpfen. 

Die Cavallerie musste daran erinnert werden, „dass ein ge- 
schontes, wenn auch etwas weniger regelrecht zugerittenes Pferd 
einem nach allen Regeln der Reitschulkunst durchgearbeiteten, 
aber abgenützten Pferde vorzuziehen sei", ferner dass „das Pferd 
unbedingt täglich bewegt werden müsse 2 )." 

Das Voltigieren, Fechten, Hauen und Stechen, das Hindernis- 
nehmen zu Pferd mussten nunmehr täglich geübt und mit jedem 
einzelnen Reiter durchgenommen werden. Die Officiere sollten 
nicht allein die Leiter aller dieser Beschäftigungen sein, sondern 
in allem mit ihrem Beispiele vorangehen. Im Jahre 1867 wurden 
besondere Preis-Concurrenzen für Schulreiten und Springen von 
Ofhcierspferden eingeführt 3 ). 

Nach der Winterausbildung war mit Beginn des Frühjahrs 
die Beschäftigung bei den Escadronen wie folgt zu regeln : „an 
einem Tage : Exercieren zu Pferd ; am andern gleichfalls zu 
Pferde : Fechten, Hauen, Stechen nach einem Ziel, freies Fechten 
mit Gegenseitigkeit, Schiessen mit dem Carabiner oder der 
Pistole in allen Gangarten (mit blinden Patronen), Zureiten." Ferner 
war mindestens einmal in jeder Woche über den Graben oder die 



a ) Erst im Jahre 1875 wurde das „Exercier-Reglement für die Kasaken, I. Theil. 
Exercieren der einzelnen Mannes und des Gliedes zu Fuss, des einzelnen Mannes, 
Gliedes und Zuges zu Pferde" herausgeben. 

2 ) Cavallerie-Prikas Nr. 5 vom Jahre 1866. 

3 ) Prikas Nr. 49 vom Jahre 1867. 



i 7 o 

Barriere zu springen". „Alle Formationen und Formations-Aende- 
rung-en waren zumeist im Trab auszuführen und zu allen Exercier- 
übungen hatten unbedingt sämmtliche Pferde auszurücken." 

Nach Abschluss der Escadrons - Ausbildungsperiode war 
„wöchentlich mindestens viermal im Regimente zu Pferde zu 
exercieren". 

„Ausser dem Exercieren waren hauptsächlich Uebungen im 
Vorpostendienste und kleine Manöver durchzuführen 1 )." 

Schliesslich wurde auch unter Angabe näherer Weisungen 

— die Ausbildung von Patrouillen im Aufklärungsdienste ver- 
langt 2 ). 

Als Beispiel für die Anforderungen, welche der General- 
Inspector der Cavallerie schon lange vor dem Kriege 1877 — 
1878 zu stellen pflegte, möge eine Winter-Marschübung aus dem 
Jahre 1868 angeführt werden. 

„Um sich davon zu überzeugen, ob und in welchem Grade 
die Pferde der Garde-Cavallerie und der reitenden Garde- 
Artillerie für die Durchführung längerer und schnellerer Bewe- 
gungen trainiert seien," ordnete Seine Hoheit „einen dreitägigen 
beschleunigten Uebungs-Marsch an" . . . 

„Der 93 bis 94 Werst betragende Ritt wurde in der Zeit vom 
28. Februar bis 1. März durchgeführt; die Länge der einzelnen 
Märsche schwankte zwischen 27 und 42 Werst. Dieselben waren 

— ungerechnet die Bewegungen zu und von den Sammelplätzen 

— in folgender Weise durchzuführen: 42 Werst innerhalb 
6 Stunden 23 Minuten, inclusive zwei Rasten zu je 15 Minuten; 
38 Werst innerhalb 5 Stunden 33 Minuten, 29 Werst in 4 Stunden 
27 Minuten, 27 Werst in 3 Stunden 48 Minuten — inclusive je 
einer Rast zu 15 Minuten in der Mitte des Marsches." 



x ) Cavallerie-Prikas Nr. 4 vom Jahre 1868. 

2 ) Cavallerie-Prikas Nr. 7 vom Jahre 1871. In demselben hiess es: „Jeder 
Cavallerist muss seine Obliegenheiten im Felddienste genau kennen ; es ist dies 
nicht nur eine unbedingte Verpflichtung, ja eine Existenz-Bedingung der Cavallerie 
und bietet auch im Ernstfalle eine Bürgschaft für den Erfolg der ganzen 
Armee." Weiter hiess es : ,,Und da der Aufklärungsdienst einen wichtigen Theil des 
Marschsicherungsdienstes bildet, etc." ; im weiteren Verfolge ist der Vorgang bei der Aus- 
bildung von Officieren und Mannschaft beschrieben. Unter anderem wurde gefordert : 
., Während der gemischten Waffenübungen sind die nachfolgend bezeichneten Be- 
schäftigungen und zwar Felddienstübungen, kleine Manöver mit Gegenseitigkeit, Auf- 
klärungsdienst, speciell zur Beobachtung der Bewegungen des Feindes etc. etc. dazu 
zu benützen, um die Nachrichten-Patrouillen-Commandanten in der Verfassung kurzer 
und klarer Meldungen auszubilden." 



i7i 

„Die Märsche wurden mit wechselnden Gangarten, Schritt 
und Trab, durchgeführt : anfangs i Werst Schritt, dann 2 im 
Trab etc. Bei jedem Marsche war zweimal je 3 Werst zu 
traben, beim 42 Werst langen Marsche dagegen dreimal je 
3 Werst, und zwar vor den Rasten und vor dem Eintreffen am 
Endziele." 

Die Truppen waren in „Marsch-Adjustierung- mit vollständiger 
Ausrüstung; die Pferde ohne Schabracken und ohne vollständige 
Ausrüstung, aber mit Packtornistern". 

„Die Pferde trafen frisch ein . . . x ) " 

Den Anlass zu einer neuerlichen Aenderung des iVusbildungs- 
systems der Cavallerie, welches dieselbe befähigen sollte, den 
modernsten Anschauungen über die ihr im Kriege bevorstehende 
Rolle zu entsprechen, gaben die Raids und Ueberfälle während 
des nordamerikanischen Krieg-es 1863 — 1865 und die Verwendung 
der deutschen Cavallerie im deutsch - französischen Kriege 
1870— 187 1. 

Hatte die Cavallerie ihre frühere Bedeutung auf dem eng- 
begrenzten Schlachtfelde gewissermassen verloren, so erhielt sie 
jetzt als Ersatz dafür eine neue Bedeutung, ein weites Feld für 
ihre Thätigkeit auf dem ausgedehnten Räume des Kriegsschau- 
platzes ; an die Stelle der für sie unerreichbar gewordenen 
taktischen, winkten ihr — in Gestalt ihrer neuen Thätigkeit 
vor der Front der Armee und ihrer Verwendung gegen die 
Verbindungen des Gegners — andere, und zwar strategische 
Erfolge 2 ). 

Die der Cavallerie zugefallene neue Rolle forderte von ihr 
einerseits grosse Beweglichkeit und Ausdauer für die Durchführung 
weiter Ritte, andrerseits eine gewisse Selbständigkeit, um sogar 
in einem durchschnittenen, für das Auftreten der Cavallerie un- 
günstigen Terrain, den Widerstand der Infanterie brechen zu 
können. 

Die Ausbildung der Cavallerie war demnach auf mehrere 
neue Gegenstände auszudehnen, und zwar auf die Gewöhnung von 
Reiter und Pferd an das Zurücklegen weiter Distanzen, auf das 
Auftreten im Gefechte und auf die Ausbildung im Feuer-Gefechte 
zu Fuss. 



*) Cavallerie-Prikas Nr. 5 vom Jahre 1868. 

'-) Für diese Bestrebungen waren besonders das bekannte Werk X. X. Suchotins 
„Raids und Recognoscirungen der Cavallerie während des amerikanischen Krieges"? 
Ausgabe vom Jahre 1874, und seine übrigen Artikel von besonderem Einflüsse. 



Das letztere war bisher nur bei den Dragonern und Kasaken 
geübt worden; es wurde nunmehr auch bei den übrig'en Cavallerie- 
Truppen, den Uhlanen und Husaren, eingeführt und zugleich be- 
schloss man, die zweiten Glieder der Escadronen mit dem klein- 
calibrigen Cavallerie-Carabiner System Berdan zu bewaffnen, was 
auch bereits vor dem Kriege geschah. 

Um die Cavallerie zu einer möglichst selbständigen 
Thätigkeit zu befähigen, wurden im Warschauer Militär-Bezirke 
zunächst specielle Programme für die Ausbildung von „Cavallerie- 
Pionier-Commanden" entworfen und seit dem Jahre 1874 derartige 
Commanden von jedem Cavallerie - Regimente den Sappeur- 
Truppen während der Sommerübungen bei Warschau zugetheiit. 

Unterrichtsgegenstände waren, ausser verschiedenen Lager- 
Arbeiten: das Ueberschreiten von Hindernissen, die Herstellung der 
Mittel dazu, ferner die offene und verdeckte, eventuell mittels 
Dynamit-Patronen zu bewerkstelligende Unterbrechung von Bahn- 
und Telegraphen-Linien, sowie die Zerstörung* von solchen und von 
Brücken. Die für die Durchführung von Unterbrechungen be- 
stimmten Werkzeuge waren ebenso wie die Art der Packung 
derselben und jene der Dynamit-Patronen genau normiert. 

Ueber die Verpackung und Fortbringung der erwähnten 
Utensilien und Patronen, sowie über die Verwendung der 
letzteren wurden im Jahre 1876 auch beim Haupt-Comite für die 
Organisation und Ausbildung der Truppen Berathungen gepflogen 
und die Resultate derselben am 23. März [4. April] 1877 dem 
Kriegs-Minister vorgelegt. 

Die in den Feldzug 1877 ausmarschierende Cavallerie war 
per Escadron mit 48 Dynamit-Patronen (jede ein halbes Pfund 
[0*41 kg] schwer) ausgerüstet; die Patronen wurden zu 8 Stück 
von 6 Reitern getragen. 

Was das Schiessen der Cavallerie mit dem Gewehre und 
Carabiner betrifft, so konnte dasselbe natürlich nicht mit jenem 
der Infanterie verglichen werden ; aus den bereits erwähnten 
Berichten des Inspectors des Schiesswesens vom Jahre 1876 ist 
ersichtlich, dass nur 12 Cavallerie-, und zwar ausschliesslich 
Dragoner -Regimenter, besichtigt wurden; hiebei erzielten (bei 
einem 21 Procent betragenden Abgange an Mannschaft) 3 Regi- 
menter vorzügliche, 3 gute und die übrigen 6 mittelmässig-e 
Resultate. 

Die Anforderungen, welche an die zu Fuss exercierende und 
das Fussgefecht übende Cavallerie gestellt wurden, waren zuweilen 



übertrieben, indem hiebei auch verschiedene „Finessen" verlangt 
wurden, die nur Sache der eigentlichen Infanterie sein können 1 ). 

Der Fähigkeit der Cavallerie, grosse Marschleistungen zu 
bewältigen, war bereits durch die vom General -Inspector be- 
gründete Erziehung vorgearbeitet worden. 

Indessen waren die einer rationellen Vervollkommnung ent- 
gegenwirkenden Strömung-en bei der Cavallerie noch viel mächtiger 
und daher schwieriger zu überwinden als bei der Infanterie — 
handelte es sich doch hier um zwei Elemente, den Reiter und 
das Pferd. Die neuen Bestimmungen waren den alten diametral 
entgegengesetzt, und die einen schlössen die anderen voll- 
ständig aus. 

Die „Paradeplatz-Bestrebungen" forderten langsamere Gang- 
arten; statt eines „Arbeitspferdes" verlangte man ein rundes und 
wohlgenährtes. Ein solches Pferd aber war ohne Einbusse der 
üblich gewordenen Fourageg*eld-Ersparnisse nur durch eine Ver- 
minderung der Arbeit zu erzielen; und dies war thatsächlich oft 
der Grund zur Schonung des Pferdes, wogegen die demselben 
nothwendige Ruhe nur eine ganz nebensächliche Bedeutung hatte- 

Die vorgeschriebene Beschäftigungszeit wurde hauptsächlich 
mit Uebung'en ausgefüllt, welche bei den Inspicierungen, das 
heisst bei Paraden, vorzuführen waren. 

So stand die Sache im grossen Ganzen ; allerdings waren,, 
häufig auch befriedigendere Verhältnisse zu finden. 



x ) Das ., Reglement für abgesessene Abtheilungen der Dragoner-Regimenter" 
(Ausgabe 1866) betonte kategorisch, dass „die eigentliche Bestimmung der Dragoner- 
Regimenter ihre Verwendung als Cavallerie" sei; ferner hiess es : „Sobald die Dragoner 
sich in einem ihr Auftreten zu Pferd begünstigenden Terrain befinden, so haben sie 
gegen Infanterie wie auch gegen Cavallerie zu Pferde zu verbleiben." Weiter sagte 
das Reglement: .,Die Dragoner dürfen nur in einem durchschnittenen Terrain, welches 
die Infanterie zur Annahme der zerstreuten Ordnung zwingt, abgesessen verwendet 
werden; auch hat jede abgesessene Cavallerie- Abtheilung zumeist die zerstreute 
Ordnung anzunehmen ; die geschlossene Ordnung dient als Sammelform und kann nur 
ausnahmsweise beim Anlaufe angewendet werden." 

Aus den Cavallerie-Prikasen ist jedoch zu ersehen, dass die Bestimmungen für 
die zu Fuss formierte Cavallerie manche rein infanteristische ,, Finessen" enthielten. So 
verlangte man die klaglose Durchführung der Gewehrgriffe ; beim „Halt" sollte der 
letzte Schritt nicht verkürzt werden ; ferner forderte man das genaue Einhalten der 
Richtung beim Schwenken der Bataillons-Colonne, endlich den Parade-Marsch, und zwar 
nicht nur im Schritt, sondern (was im Reglement gar nicht vorgeschrieben war) auch 
im Laufschritt, wobei einmal die Bemerkung gemacht wurde, „die Richtung beim 
Laufen sei zwar eingehalten worden, doch wären die Dragoner auf den Ballen, und 
nicht auf den Fusspitzen gelaufen". 



*74 

Dazu gesellten sich aber auch noch andere Schwierigkeiten : 
einerseits war es nicht leicht, die grössere oder geringere 
Wichtigkeit und den wirklichen Wert der so überaus ver- 
schiedenartigen Anforderungen richtig* zu erkennen, welche die 
Ausbildung zu Pferde und zu Fuss, sowie auch das Schiess- 
wesen umfassten ; andrerseits fehlte es vielfach an Mitteln zur 
Durchführung aller dieser Uebung*en, denn nicht überall waren, 
trotz des rauhen Klimas, Reitschulen vorhanden; schliess- 
lich waren die Quartiere vieler Cavallerie - Regimenter weit 
zerstreut. 

Alle diese ungünstigen Umstände und Einflüsse bewirkten, 
dass die Befehle und Weisungen des General-Inspectors bei weitem 
nicht allerorts und nur selten in vollem Masse zur Durchführung 
gelangten ; und es zeigte sich alsbald, dass die geringe Arbeit 
des Pferdes auch eine geringere Ausbildung* des Reiters mit sich 
brachte ; denn schliesslich hatte man keine trainierten, sondern 
nur geschonte Pferde, die sich höchstens zu einer einmaligen 
ausserordentlichen Leistung* eigneten, dafür aber waren die 
Cavalleristen — die Officiere nicht ausgenommen — an weite 
Ritte nicht hinreichend gewöhnt. 

All dies trat im Herbste 1876 gelegentlich der grossen 
Cavallerie- Manöver deutlich zutage, welche mit Allerhöchster 
Bewilligung von Seiner Hoheit, dem General-Inspector, im War- 
schauer Militär-Bezirke veranstaltet wurden. 

Im Sinne der Annahme der Manöver war von der West- 
Partei, als dem Angreifer, von der Stadt Piotrköw aus, behufs 
Unterbrechung der Bahn Warschau-Brest-Litowsk ein Vorstoss 
über die Weichsel durchzuführen. Zu diesem Zwecke wurde über 
höheren Befehl ein Detachement formiert, welches aus 3 Es- 
cadronen (je einer von den drei regulären Regimentern der Divi- 
sion) und einer Kuban-Kasaken-Sotnie zusammengesetzt war. Die 
Uebung sollte auch zeigen, ob sich ein solches Detachement selbst 
in Feindesland durchwinden könne; ferner wollte man die Eignung 
der Cavallerie zu forcierten Dauerritten erproben 1 ). 

Die Strecke von Piotrköw bis zum Weichsel-Uebergange bei 
Göra Kalwarja, circa 160 Werst, wurde vom ganzen Detachement 
in 44 Stunden zurückgelegt; eine der Escadronen ritt in der 



"■) Die Civil-Behörden waren angewiesen worden, der Ost-Partei über alles zu 
melden, was sie bezüglich der als feindlich geltenden West-Partei in Erfahrung 
brachten. 



175 

gleichen Zeit gegen 1753 und einige Patrouillen circa 190 bis 
200 Werst. 

Ein Officier, welcher den Dauerritt über Allerhöchsten 
Befehl als Augenzeuge mitmachte, hebt in seiner Relation an 
den Kriegs-Minister die Ausdauer der Pferde, die nichts zu 
wünschen übrig Hessen, hervor, und fährt wie folgt fort: 

„Leider stand es nicht so günstig mit der Ausdauer der 
Leute und besonders der Officiere, Die Nerven- Abspannung und 
die Ermüdung waren bei den letzteren so gross, dass viele, ohne 
es zu ahnen, in Hallucinationen verfielen; andere konnten nicht 
mehr die allerg-ewöhnlichsten Befehle ertheilen; und es kann ohne 
Uebertreibung angenommen werden, dass nach Hinterlegung des 
120 Werst langen Rittes das „fliegende Detachement" mit seinen 
600 Reitern im Ernstfalle nicht den geringsten Widerstand hätte 
leisten können, selbst wenn es von einem schwächeren Gegner 
angegriffen worden wäre. Am wenigsten ausdauernd erwiesen 
sich die ,regulären' Ofhciere." 

Derselbe Augenzeuge, welcher ausser dem Dauerritte auch 
die ganzen Manöver mitmachte, spricht sich jedoch in seinen 
an die letzteren geknüpften Schlussfolgerungen über die regulären 
Ofnciere wie folgt aus: 

„Die Subalternofhciere entsprachen bezüglich Kenntnis 
ihrer Obliegenheiten und Thätigkeit innerhalb ihres gewöhnlichen 
Wirkungskreises allen Anforderungen; energisch in der Durch- 
führung der Befehle, geschickt im Ueberwinden von Schwierig- 
keiten, kühn und flink im Reiten, bewiesen sie, dass sie mit 
wenigen Ausnahmen Karten und Pläne zu benützen verstehen 
und — was besonders bemerkenswert ist — sie vermochten sich 
in der Situation zu orientieren und taktisch richtige Entschlüsse 
im Sinne der erhaltenen Befehle zu fassen. Dies ist unter an- 
derem den im Warschauer Militär-Bezirke eingeführten Beschäf- 
tigungen und besonders den vom Bezirksstabe gestellten prak- 
tischen und anregenden Aufgaben zuzuschreiben. Ueberdies übten 
sich die Officiere während des 6 bis 8tägigen Marsches in die 
Ausgangs-Situation praktisch in der Lösung* der verschieden- 
artigsten Aufgaben im Terrain, welche gleich an Ort und Stelle 
von den Schiedsrichtern besprochen wurden" 1 ). 



*) Bericht des über Allerhöchsten Befehl zur Theilnahme an den Warschauer 
Manöverncommandierten Professors der Nikolaus-G eneralstabs- Akademie N. N. S u c h o t i n ; 
der Bericht wurde nach den grossen Cavallerie-Manövern 1876 dem Kriegs-Minister 



iy6 

Ein anderer Augenzeuge des Dauerrittes sagt über den 
Zustand des Detachements beim Eintreffen an der Weichsel 
Folgendes: 

„Mein Resume über den bei Warschau stattg'efundenen 
Raid ist, dass unsere Cavallerie damals zwar sehr geschonte 
Pferde besass, dass sie aber zweifellos für längere Märsche auf 
Q*rosse Strecken nicht trainiert war." 

„Nach dem Uebergang*e bei Göra Kalwarja mittelst Flössen 
(wozu wir einen g-anzen Tag brauchten) hatten wir dortselbst, 
also unmittelbar am rechten Ufer, einen Rasttag ; alles ruhte 
aus, und erst dann rückten wir ganz langsam im Friedens-Marsche 
gegen Nowo Minsk vor" (Station der Bahn Wärschau-Brest- 
Litowsk) *). 

Dies also war das Resultat der forcierten Leistung, welche 
mit der damaligen Ausbildung der nur zu kleineren Ritten be- 
fähigten Cavallerie nicht im Einklänge stand. 

In demselben Jahre (1876) fanden unter der Leitung des 
Commandierenden Generals des Wilnaer Militär-Bezirkes unter 
anderem zweitägige Manöver mit Gregenseitig'keit statt, an welchen 
eine Infanterie- und zwei Cavallerie-Divisionen sammt Artillerie, 
ferner eine Schützen-Brigade theilnahmen. Hiebei „marschierte 
die 2. Cavallerie-Division am 27. August [8. September] früh von 
Suwalki ab und trat um 1 1 Uhr vormittags des folgenden Tages 
(nach Hinterlegung von 100 Werst) bei Grodno ins Gefecht. Die 
Leute sahen gut aus, die Pferde waren frisch, Zurückgebliebene 
und Kranke gab es nicht 2 )." 

Ebensogut gelang auch ein anderer Proberitt, welchen der 
Grossfürst Nikolaus Nikolajewicder Aeltere — bereits als Ober- 
commandant der Operations-Armee — gegen Ende Jänner 1877 



vorgelegt, sodann dem Kaiser Alexander II. unterbreitet und darauf über Aller- 
höchsten Befehl Seiner Kaiserlichen Hoheit dem General-Inspector der Cavallerie, 
der damals bereits Obercommandant der Operations-Armee war, zur Begutachtung 
übersendet. Seine Bemerkungen legte der Grossfürst in einem besonderen Memoire 
nieder, welches die Beilage zu einem vom 5. [17.] März 1877 datierten Schreiben an 
den Kriegs-Minister bildete. 

*) Brief (vom 26. August [7. September] 1900) von P. T. Parensow, seiner- 
zeit Schiedsrichter bei dem besprochenen Detachement. Ob und in welchem Grade die 
forcierten Leistungen später auf die Pferde von Einfluss waren, ist nicht bekannt. 
Die Redaction. 

2 ) Prikas für den Wilnaer Militär-Bezirk Nr. 185 vom Jahre 1876. Die Truppen 
bezogen für die Manöver am 25. August [6. September] das Lager, am 26. war Rast- 
tag, am 27. und 28. fanden die Manöver statt, woran sich am 29. eine Parade schloss. 



177 

anordnete, und an welchem sich 12 Escadronen und Sotnien 
sowie 1 reitende Batterie betheiligten. Dieselben legten bei dem 
schlechtesten Wetter am ersten Tage 80 bis 90 Werst und an 
den beiden nächsten Tagen den Rest der Strecke zurück. 

„Das Resultat dieses Rittes hat mich" — so berichtete der 
Obercommandant an Seine Majestät — „im allgemeinen sehr be- 
friedigt; denn derselbe hat bewiesen, dass die Cavallerie der mir 
unterstellten Armee völlig in der Lage ist, durch einen Marsch 
an Punkten zu erscheinen, wo sie der Gegner gar nicht erwarten 
kann r )." 

x ) Aus dem Berichte des Obercommandanten der Operations- Armee an den 
Kaiser vom 6. [18.] Februar 1877 aus Odessa. In demselben heisst es bezüglich des 
Uebungsrittes wie folgt : „Im Laufe der letzten Woche wurde ein grosser Cavallerie- 
Uebungsritt durchgeführt." 

,,In der Erkenntnis, dass die Befähigung zu schnellen Bewegungen auf grosse 
Entfernungen eine unerlässliche Eigenschaft der Cavallerie bildet, und dass die Cavallerie 
— infolge der beständigen Reit- und Exercier-Uebungen, welche entsprechend meinen 
unausgesetzten Forderungen durchzuführen waren — für forcierte Märsche genügend 
trainiert sein muss, beschloss der Armee-Stabschef, mit einigen Truppenkörpern eine 
ziemlich scharfe Probe vorzunehmen." 

.,Hiezu ritt der Stabschef persönlich mit einem Theile des Armee-Haupt- 
quartiers, am 30. Jänner [11. Februar], begleitet von den beiden Escadronen des Convoi 
Eurer Majestät, von KLiszyniew ab, um in zwei Märschen unter Zurücklegung von 
circa 170 Werst über Bender und Tiraspol nach Odessa zu gelangen ; unterwegs sollte 
sich die 2. Brigade der II. Cavallerie-Division (il. Husaren-Regiment Izjum und 
II. Don-Kasaken- Regiment) sammt einer Kasaken-Batterie anschliessen, wozu dieselbe 
aus der Umgebung von Grigoriopol nach Tiraspol zu rücken hatte." 

,, Trotz des überaus ungünstigen Wetters, bei heftigstem Sturm, Hagel, Schnee und 
Glatteis traf das Detachement am ersten Tage an seinem Bestimmungsorte ein, wobei 
der Convoi Eurer Majestät und der Stab circa 80, die 2. Brigade sammt der Batterie 
circa 90 Werst zurücklegten. Bei keinem der Theile des Detachement gab es Kranke 
oder Zurückgebliebene." 

„Um in Odessa sicher bei Tageslicht eintreffen und mir sofort beim Einrücken 
das Detachement vorführen zu können, ordnete der .Stabschef — angesichts des auch 
während der ganzen Nacht ungünstig gebliebenen Wetters, welches den Marsch über- 
aus erschwerte und verlangsamte — an, dass die zweite Hälfte des Weges nicht an 
einem, sondern an zwei Tagen hinterlegt werde. Das Detachement traf daher in Odessa 
um 2 Uhr nachmittags des dritten Tages nach dem Abmärsche ein und wurde von mir 
gleich bei der Einrückung besichtigt. Ich fand alle Theile desselben in vorzüglichem 
Zustande ; die Leute und Pferde sahen gut und frisch aus ; nur die Don-Kasaken- 
Batterie schien etwas schwächer als die Cavallerie-Abtheilungen." 

,,Ich beliess das Detachement einige Tage in Odessa, und gestern, am 5. [17 ] Fe- 
bruar, besichtigte ich es neuerdings und fand es wieder in vorzüglichem Zustande es waren 
nicht einmal Spuren von einer Ermüdung zu bemerken. Am 7. [i<)-\ Februar rücken 
das Detachement und der hier eingetroffene Theil des Hauptquartiers wieder in die 
Standorte ab." 

Der russisch-türkische Krieg. I. Bd. 12 



i 7 8 

Obgleich sich also die g-eschonten Pferde der russischen 
Armee für ziemlich bedeutende Leistungen eigneten, so war die 
Cavallerie keineswegs für solche „trainiert" ; ausserdem hatte man 
unzureichende Erfahrungen in der Durchführung- grösserer Ritte 
und Märsche mit Sack und Pack gesammelt. Beide Umstände 
äusserten sich dann im Krieg-e insoferne, als es immer sehr viele 
gedrückte Pferde gab. 

Was den Sicherungs- und Aufklärungsdienst betrifft, 
so „ist die Cavallerie", wie es in dem oben bezeichneten Berichte 
lautete, „weit von dem wünschenswerten Grade der Vollkommen- 
heit entfernt, obgleich die Theorie und die Literatur genug An- 
haltspunkte und Material hiefür an die Hand geben". 

Weiter heisst es jedoch dortselbst „es wäre ungerecht, 
anzunehmen, dass unsere Cavallerie den Aufklärungsdienst über- 
haupt nicht durchzuführen versteht; einzelne Leute (Officiers- und 
Unterofficiers-Patrouillen) erwiesen sich als g'ewandte, kühne, 
energische und flinke Patrouilleure ; da aber das ganze Aufklärungs- 
wesen nicht ordentlich organisiert ist, so trafen die von ihnen 
geschickten Meldungen zu spät ein, wurden nicht in entsprechender 
Weise gewürdigt und enthielten auch nicht das wirklich Wissens- 
werte x )." 

Dagegen fand der Commandierende General des Wilnaer 
Militär-Bezirkes gelegentlich der obenerwähnten Manöver vom 
Jahre 1876, dass „das 4. Uhlanen-Regiment bezüglich der Auf- 
klärung des Feindes Tadelloses geleistet habe ; die Thätigkeit und 
Unternehmungslust der Patrouillen, ihre schnellen Bewegnngen und 
die genaue Ausführung der erhaltenen Befehle Hessen nichts zu 
wünschen übrig". Dies beweist nur, wie verschieden damals einer- 
seits die Ausbildung der Cavallerie-Truppenkörper und andrerseits 
die Ansichten über die wichtigsten Aufgaben der Cavallerie waren. 

Die normale Gefechtsordnung der russischen Cavallerie 
entsprach der Idee, die eigene Flanke zu decken, jene des Gegners 
zu umfassen und die Stösse der Attaque wiederholen zu können 2 ). 



x ) X. X. Suchotin in dem bereits erwähnten Berichte vom Jahre 1876. Uebrigens 
wurden gerade im Warschauer Militär-Bezirke auf Grund des Prikas Xr. 225 vom 
Jahre 1873 Uebungen im Aufklärungsdienste vorgenommen und, wie aus einigen späteren 
Prikasen zu ersehen ist, vom Bezirksstabe überprüft. 

2 ) Die normale Gefechtsordnung, welche im wesentlichen nur eine „Einleitungs- 
Formation" war und über welche das Reglement noch die Bestimmungen für die 
Divisionen der früheren Zusammensetzung (3 Brigaden ä 2 Regimenter zu 4 Es- 
cadronen) enthielt, bestand in folgendem : 



179 

Die russische Cavallerie fand aber auf dem Balkan-Kriegsschau- 
platze keinen würdigen Gegner, und so kam sie auch nicht dazu ; ihre 
Gefechtsordnung dortselbst anzuwenden. Im Gegentheile musste 
sie, da ihr der Schutz der christlichen Bevölkerung übertragen 
war, sich selbst in kleine Partien auflösen, um die räuberischen 
Horden der Tscherkessen und Baschibosuks verfolgen zu können. 

Der Angriff auf Infanterie sollte auf einer Distanz von 
iooo bis 1200 Schritt im Trabe beginnen, dann in den Feldgalopp 
und endlich in die Carriere übergehen; erforderlichenfalls sollten 
die Stösse mehrmals, und zwar immer von frischen Abtheilungen 
wiederholt werden. Uebrigens war man im allgemeinen für die 
Attaque auf Infanterie nicht eingenommen. 

Fasst man alles, was über die Ausbildung der russischen 
Cavallerie vor dem Kriege 1877 — 1878 gesagt wurde, zusammen, 
so erhellt, dass dieselbe das Auftreten in geschlossener Ordnung 
vollkommen beherrschte, dass sie geschonte Pferde besass und 
für das Gefecht zu Fuss [abgesessen] hinreichend vorbereitet 
war. Abgesehen von einigen Mängeln musste sie ihrer Gegnerin 
gerade im bevorstehenden Kriege in jeder Beziehung gewachsen 
sein. Gewisse Lücken in der Ausbildung konnten sich eventuell 
im Aufklärungsdienste fühlbar machen, jedoch auch dies wenig-er 
in der Durchführung desselben als in den hierüber bestehenden 
allg'emeinen Bestimmungen und in der Anwendung der letzteren. 

In dieser wie auch in sonstiger Beziehung beeinflusste die bis- 
herige Isolierung der verschiedenen Waffengattungen, die erst kurz 
vor dem Kriege 1877 — 1878 in Corps- Verbänden vereinigt wurden, 
in ungünstiger Weise besonders die Thätigkeit der Cavallerie. 
Die Folgen der unzureichenden gemeinsamen Friedensbeschäfti- 
g*ung" und der fehlenden gegenseitigen Kenntnis der Truppen 
und theilweise auch der Commandanten traten bald zutage. 
Ueberdies wurden gleich zu Beginn des Krieges speciell bei der 
Cavallerie auch längst eing'elebte Verbände durch verschiedene 
neue organisatorische Improvisationen zerrissen und so nicht nur 
die Beziehungen zwischen den Corps und ihrer Cavallerie gelockert, 
sondern auch die Cavallerie-Divisionen selbst zum Theile förmlich 



Vorne die 3. Brigade mit 4 Escadronen (von jedem Regimente 2) in entwickelter 
Linie und mit je einer Division in Colonne 300 Schritt hinter und 100 Schritt 
auswärts des Flügels der entwickelten Escadronen. Im 2. Treffen die 2. Brigade 
400 Schritt hinter den Divisionen, die Regimenter in Regiments-Colonnen, die inneren 
Flügel auf die äusseren der entwickelten Escadronen aufgedeckt. Die I. Brigade bildete 
die Reserve. 

12* 



i8o 

aufgelöst. Ueberhaupt war unter der Einwirkung der bezeichneten 
sowie anderer Ursachen und Momente die Verwendung der 
Cavallerie von Seite der Führung nicht immer glücklich, und 
häufig wussten die Commandanten der Cavallerie nicht, was eigent- 
lich von ihnen verlangt wurde. 

Die russische Artillerie hatte im Krim-Kriege haupt- 
sächlich bei dem harten Kampfe um die Festung Sewastopol 
Erfahrungen gesammelt ; dagegen gaben die Operationen im 
Felde keine Anhaltspunkte für eine etwaige Aenderung in den 
Anschauungen über die Gefechts- Verwendung der mit dem glatten 
Geschütze bewaffneten Artillerie oder für eine Aenderung der 
Ausbildung derselben im Frieden l ). 

Dem vervollkommneten, präcise schiessenden und weit- 
tragenden Infanterie-Gewehre konnte die Artillerie nichts Neues 
entgegensetzen. Vielmehr begann sie selbst, bei ihrer Infanterie, 
welche — der damaligen Kampfweise entsprechend ■ — die Artillerie 
mit weit vorgeschobenen Schützenketten zu decken hatte, Schutz 
zu suchen. 

Aus diesen Gründen musste die Artillerie gleichfalls zu dem 
gezogenen Geschütze übergehen, und im italienischen Kriege 1859 
wurde dasselbe bereits, seitens der Franzosen verwendet. Das 
neue Geschütz gab der Artillerie der Infanterie gegenüber nicht 
nur die frühere Ueberlegenheit bezüglich der Fern Wirkung 
zurück, sondern es zeichnete sich auch durch eine hervorragende 
Präcision aus. 

Dennoch gewann die Artillerie mit der Umbewaffnung be- 
deutend weniger, als die Infanterie mit dem Ersätze des glatten 
durch das gezogene Gewehr. Der Gewinn der letzteren war ein 
unbestrittener, unbedingter. Ihr Feuer reichte weiter, wurde 
präciser und schliesslich wurde es ihr — mit der später erfolgten 
Annahme des Schnellfeuer-Gewehres — möglich, in einer be- 
stimmten Zeit ganz unvergleichlich mehr Schüsse abzugeben als 
bisher. All das erforderte keinerlei Opfer, denn die Infanterie 
behielt ihre Beweglichkeit und die Fähigkeit, das Terrain aus- 
zunützen. 



*) Die Umbewaffnung der Artillerie mit den gezogenen Hinterlad-Kanonen 
begann 1866 und endete 1870. Etwas früher, im Jahre 1861, waren bei einem Theile 
der Artillerie (je eine Batterie per Brigade) gezogene Vorderlad-Kanonen eingeführt 
worden. 



i8i 

Nicht so unbedingt aber war der Gewinn der Artillerie 
bei Annahme des neuen Geschützes. Das letztere war keine 
fraglose Verbesserung des alten ; es besass vielmehr einige 
ganz eigentümliche Eigenschaften. Die Artillerie verlor den 
bisherigen Ricochetschuss ; die Feuerschnelligkeit nahm be- 
trächtlich ab und die Wirkung des Kartätschfeuers war gegen 
früher bedeutend geringer geworden. Nur langsam dagegen 
stellte sich das Aequivalent ein, welches den gewünschten Ersatz 
schaffen konnte, und welches in den Haupteigenschaften des 
neuen Geschützes ; dem weiten Ertrage und der Präcision bestand. 

Die Einführung des gezogenen Geschützes zwang zu einer 
einschneidenden Aenderung des bisherigen Ausbildungs-Systems 
der Artillerie. Seit jener Zeit arbeitete die russische Artillerie 
unter der Leitung ihres Erlauchten Feldzeugmeisters unermüdlich 
an ihrer technischen und militärischen Vervollk6mmnung. 

Beurtheilt man aber den Erfolg dieser Arbeit, so muss man 
hiebei eine ganze Reihe ungünstiger Momente in Betracht ziehen, 
welche bewirkten, dass die erreichten Endresultate in gar keinem 
Verhältnisse zu der aufgewendeten Mühe und Anstrengung 
standen. Diese Momente werden im folgenden besprochen. 

In dem kurzen Zeiträume zwischen der endgiltigen Ein- 
führung des gezogenen Geschützes, also der völligen Aenderung 
des Systems, und dem Kriege 1877 — 1878 wurde das gesammte 
Geschütz-Material wiederholt kurz nacheinander wesentlich geändert. 
Hierin ist eine der Hauptursachen zu suchen, welche auf die 
Ausbildung- der russischen Artillerie schädlich einwirkten, da 
diese Aenderungen das Personal nicht dazu kommen Hessen die 
Eigenschaften und Eigentümlichkeiten des Geschützes kennen 
zu lernen und sich mit der Behandlung desselben vertraut zu 
machen. 

Noch ungünstiger war der Einfluss der finanziellen Ver- 
hältnisse. Die durch die Umbewaffnung" verursachten ungeheuren 
Kosten und die Vermehrung' der Artillerie um fast die Hälfte 
bewirkten, dass mit der Zuweisung von Munition für die scharfen 
Schiessübungen gespart wurde. 

Für jede Batterie, bei welcher 4, beziehungsweise 8 Geschütze 
bespannt waren, wurden 128, respective 200 Schuss zugewiesen 1 ). 
War diese Zahl schon unzureichend, so war das Schlimmste 
dabei, dass sich unter diesen 200 im g'anzen nur 8 scharfe Schüsse 



l ) Artillerie-Prikus Nr. 42 vom Jahre 1872. 



182 

befanden. Alle übrig-en, mit Ausnahme von 8 Kartätschen, be- 
sassen aus Ersparungs-Rücksichten keinen Sprengstoff und waren 
anstatt mit Percussionszündern mit Exercierzündern versehen, 
welche etwas Rauch erzeugten, aber den Effect einer explodierenden 
Granate nur unvollkommen wiedergeben konnten. 

Kartätsch - Granaten mit Zeitzündern, und seit 1876 Dia- 
phragma - Shrapnels wurden jährlich nur 4 per Batterie aus- 
gefolgt, was natürlich keine Mögiichkeit gab, die gewaltige 
Wirkung dieses Geschosses kennen zu lernen. 

Die wenigen Explosiv -Granaten, welche gewöhnlich bei 
Demonstrations- Schiessübungen auf nahe Distanzen verfeuert 
wurden, Hessen die Artillerie-Commandanten nicht dazu kommen, 
sich durch Versuche von der geringen Wirksamkeit dieses 
Geschosses gegen gewisse Ziele unter ungünstigen Schuss- 
verhältnissen zu überzeugen. 

Ferner musste der Umstand, class die eben erst auf- 
gekommene Theorie des Schiessens mit dem gezogenen Geschütze 
noch nicht verarbeitet war, von schädlicher Rückwirkung auf 
die Ausbildung der Artillerie sein ; und den gleichen höchst nach- 
theiligen Einfluss übte der bisherige, zur Routine gewordene 
praktische Dienst der Artillerieofficiere aus, welche — hervor- 
gegangen aus der Schule des glatten Geschützes — der neuen 
Methode mit grösstem Misstrauen begegneten. 

Zu einer gründlichen Verarbeitung der Theorie des Schiessens 
mit dem gezogenen Geschütze waren nicht nur die langjährigen 
Studien einer ganzen Reihe gründlich gebildeter Artilleristen noth- 
wendig, sondern es mussten auch hinreichende praktische 
Erfahrungen seitens der Truppen Ofnciere gesammelt werden, um 
Vertrauen zu den Principien dieser Theorie zu gewinnen. 

Die grossartige Präcision der gezogenen Geschütze führte 
ähnlich wie bei der Infanterie zu dem Streben, das Präcisions- 
schiessen nach Möglichkeit zu vervollkommnen. 

Es wurden die sogenannten „Schiesscorrecturen" eingeführt, 
wobei die Entfernung zwischen Geschossaufschlag und Ziel 
(„Intervall") mittels des Augenmasses möglichst genau zu be- 
stimmen und hienach der folgende Schuss zu „corrigieren" war. 

Da man sich im Frieden gewöhnt hatte, hauptsächlich auf 
grosse Scheiben (von 6 Fuss [1*815 ui\ Höhe und 20 Arsin [14*2 m] 
Breite) zu schiessen, so konnte man sich von der Unzulänglich- 
keit dieser Methode für das Schiessen auf Ziele natürlicher Grösse 
unter gefechtsmässigen Verhältnissen nicht überzeugen. Kleinere 



m 

Scheiben, die aber immer noch die Ausmasse wirklicher kriegs- 
mässiger Ziele bedeutend überschritten, kamen erst im Jahre 1872 
in Anwendung ; jedoch waren die praktischen Schiessübungen auch 
dann noch wegen der viel zu geringen Gebür an scharfer Munition 
unzureichend. 

Das jetzt allgemein übliche Einschiessen mittels des Gabel- 
verfahrens, wobei das Ziel in die „Gabel" (zwischen Weit- und 
Kurzschuss) genommen und dieselbe entsprechend dem beobachteten 
plus und minus durch Halbierung fortgesetzt eingeengt wird, 
ohne die „Intervalle" abzuschätzen, wurde im Jahre 1873, wenn 
auch noch in sehr unvollkommener Form, officiell eingeführt ; 
aber erst nach dem Kriege lebte sich dieses Verfahren bei der 
russischen Artillerie völlig ein. 

Trotzdem konnten sich viele Batterie-Commandanten — als in 
den Jahren 1873 — 1876 das „Schiesshandbuch" des Obersten 
Sklarevic und das „Project einer Schiessinstruction für Feld- 
Geschütze" des Obersten Moller, Commandanten des Wilnaer 
Lehr-Polygons | Artillerie-Schiessplatz] erschienen — wenn auch 
nur theoretisch, mit den Principien des Einschiessens bekannt 
machen. 

Es verdient hervorgehoben zu werden, dass auch schon 
früher bei einigen Artillerie-Truppenkörpern, wie z. B. bei 
der 3. Garde-Brigade, über Initiative des Commandanten der- 
selben, General Sinowjew, das wSchiessen auf eine rationellere Basis 
gestellt wurde. 

Die Mannschaft der Artillerie war im allgemeinen gut aus- 
gebildet, besonders die Fahrkanoniere und die Zeugs- Artilleristen. 
Was speciell die Ausbildung der Bedienungs - Mannschaft 
betrifft, so war das Streben, im Interesse der schönen äusseren 
Form alles in der Batterie gleichmässig und im Takt auszuführen, 
von höchst schädlichem Einflüsse. Im schnellen Schiessen unter 
gefechtsmässigen Verhältnissen war hingegen die Bedienungs- 
Mannschaft nicht gehörig geschult. Bei der verantwortungsvollen 
Rolle, die dem Geschützvormeister zufiel, wendete man der Aus- 
bildung desselben die grösste Aufmerksamkeit zu ; dies geschah 
aber einigermassen einseitig: das Streben, ein gut sichtbares Ziel 
in idealer Weise zu erfassen, überwog alles andere ; dafür fand 
das Richten unter schwierigen Verhältnissen, wie sie in der 
Wirklichkeit vorkommen, weniger Beachtung. Die Ausbildung 
der Geschützvormeister in ihren speciellen Verrichtungen litt auch 
unter dem Streben, ihnen Obliegenheiten zu übertragen, die 



184 

eigentlich Sache der Officiere sind. So hatten die Geschützvor- 
meister sich beispielsweise in mathematischen Berechnungen zur 
Ermittelung von Schiesscorrecturen zu üben. Zu Beginn der 
Siebziger - Jahre wurde empfohlen, die Schiessübungen derart 
durchzuführen, dass die Geschützvormeister solche Berechnungen 
auch praktisch anwenden konnten. Das praktische Schiessen wurde 
infolgedessen gewöhnlich in folgender Weise vorg-enommen : 

Der Batterie-Commandant bestimmte zumeist nur für den 
ersten Schuss die Distanz, worauf der Geschützvormeister das 
Einschiessen fast selbständig besorgte. 

Der Vormeister des abgefeuerten Geschützes ermittelte 
die Entfernung zwischen dem Geschossaufschlage und dem Ziele, 
was im allgemeinen beim Schiessen auf den kleinen Distanzen 
in den Polyg'onen gelang, wenn es auch viele CJebung erforderte. 
Aber diese Uebung hatte keine Bedeutung für das Gefecht, da 
die Bestimmung des Intervalles zwischen Geschossaufschlag und 
Ziel mit freiem Auge auf g'efechtsmässige Distanzen und bei 
gefechtsmässigen Zielen fast unmöglich ist. Nach Ermittelung des 
Intervalles in Sazen übertrug der Geschützvormeister diese Sazen 
in Linien und vermehrte oder verminderte um die erhaltene 
Zahl von solchen oder Theilen einer Linie die Aufsatzhöhe und 
sollte bereits mit dem nächsten Schusse das Ziel treffen. 

Zu jener Zeit kam bei der Artillerie auch das Princip der 
„Selbständigkeit der Geschützvormeister" auf. 

Im Programm für das praktische Schiessen vom Jahre 1872 *) 
hiess es : „Der Zweck des praktischen Schiessens der Feld- 
Batterien ist, in der kürzesten Zeit und mit der geringsten Zahl 
von Schüssen die Ermittlung der richtigen Aufsatzhöhe zu erlernen, 
um in jedem Terrain mit Treffsicherheit gegen Ziele wirken zu 
können, deren Entfernung nicht bekannt ist; ein weiterer Zweck 
ist die Heranbildung* selbständiger Geschützvormeister, nämlich 
solcher, welche ohne jedwede Einmischung anderer Personen 
diese Aufgabe allein durchführen können." In dem Capitel „Ueber 
die Arten des praktischen Schiessens" hiess es, dass „das 
gefechtsmässige praktische Schiessen der Batterien zur Heran- 
bildung guter Geschützvormeister vorgenommen wird, das ist 
solcher, welche darin geübt sind, sich ohne irgend welche Weisung 
von dritter Seite schnell und gut einzuschiessen, das heisst die 
beste Aufsatzhöhe zu ermitteln". 



l ) Artillerie -Prikas Nr. 117 vom Jahre 1872. 



i8 5 

Die Anwendung dieses Princips in der Praxis offenbarte 
jedoch bald dessen Schwächen, und im Jahre 1874 erschien ein 
Artikel des Generals Sinowjew, in welchem dem Grundsatze der 
Selbständigkeit der Geschützvormeister der Grundsatz der „Feuer- 
leitung bei der Batterie allein und persönlich durch den Batterie- 
Commandanten" entgegengestellt wurde. 

Noch in demselben Jahre gelangte dieses letztere Princip 
bei dem praktischen Schiessen der Batterien des Odessaer und 
des Wilnaer Militär-Bezirkes zur Anwendung ; es fand weiters 
seinen Ausdruck in dem bereits erwähnten „Project einer Schiess- 
instruction für Feld-Geschütze, Ausgabe vom Jahre 1876", und 
ist auch gegenwärtig noch der Hauptgrundsatz für das Schiessen 
der Artillerie. 

Aus vorstehendem ist ersichtlich, dass die Artillerie, nach- 
dem sie sich von der Unrichtigkeit eines der wichtigsten Grund- 
sätze ihrer bisherigen Vorbereitung- für den Krieg überzeugt 
hatte, in den meisten Bezirken nicht mehr die Zeit fand, sich mit 
den neuen Principien vertraut zu machen, die den bis nun be- 
folgten direct entgegengesetzt waren. 

Die Ausbildung der Truppenofhciere der Artillerie in ihrem 
Specialfache, dem Artilleriewesen, war dadurch sehr beeinträchtigt, 
dass die Dotierung mit Uebungs-Munition unzureichend war, und 
dass es noch keine Zimmerbeschäftigungen gab; diese kamen erst 
später unter gleichzeitiger Einführung von speciellen Behelfen, 
nämlich verschiedenen Apparaten, Handbüchern etc., zur Geltung. 
Specielle Uebungen in der Wahl der Position und im Manövrieren 
wurden erst seit dem Jahre 1 873 an einzelnen Punkten im Warschauer 
Militär-Bezirke vorgenommen. Hebungen in der Feuertaktik, das 
ist in der Wahl der Ziele, in der Vertheilung des Feuers auf 
dieselben, entsprechend ihrer taktischen Bedeutung, in der Feuer- 
leitung- etc. gab es damals nicht ; die Artillerie-Ofhciere kannten 
ferner die übrigen Waffengattungen und ihre Taktik im all- 
gemeinen zu wenig, und schliesslich wurde die krieg'smässige 
Ausbildung der Artillerie auch dadurch nicht wenig geschmälert, 
dass die Batterie-Commandanten mit der complicierten Batterie- 
wirtschaft überbürdet waren. 

Als Folgen der oben dargelegten Verhältnisse resultierten 
eine unzureichende Gewandtheit im Schiessen unter schwierigen 
Bedingungen (weite Distanzen, geringe Sichtbarkeit der Ziele etc.) 
und eine ungenügende Kenntnis der Wirkung der eigenen Ge- 
schosse gegen feldmässige Ziele. 



i86 

Aber nicht allein in den hier erörterten Schattenseiten der 
Ausbildung der Artillerie sind die Gründe für die ungünstigen 
Urtheüe zu suchen, welche nach dem Kriege 1877— 1878 manch- 
mal zu hören waren, und welche von einer „wenig erfolgreichen 
Betheiligung der Artillerie an der gemeinsamen Thätigkeit aller 
Waffen des Heeres" sprachen. Die wichtigste Ursache war 
vielmehr die, dass die russische Artillerie, wie in den Siebziger- 
Jahren die Artillerie der ganzen Welt, keine verlässlichen Mittel 
besass, um einen hinter Erddeckungen befindlichen Gegner zu 
bekämpfen. 

Die Erfahrungen des Krim - Feldzuges, in welchem die 
Artillerie mit ihren glatten Geschützen eine so hervorragende 
Rolle bei den Kämpfen um Sewastopol gespielt hatte, Hessen 
hoffen, dass die Artillerie infolge ihrer weiteren Vervollkomm- 
nung bei der Bekämpfung befestigter Positionen eine noch 
hervorragendere Rolle spielen werde ; aber es trat gerade das 
Gegentheil ein. 

Mit der Annahme der Züge und des verlängerten, am Auf- 
schlagpunkte explodierenden Geschosses hatte die Artillerie ihre 
Wirkungsfähigkeit gegen ungedeckte Truppen bedeutend erhöht ; 
gegen solche jedoch, welche hinter Erddeckungen standen, war 
ihre Wirkung fast Null geworden. 

In Befestigungen und Gräben konnte der Feind mittelst der 
Granate nur aus flankierenden Positionen erreicht werden ; hievon 
aber machte man wenig Gebrauch 1 ). 

Die Wirkung des Shrapnels war während des Krieges 
1877 — 1878 unvergleichlich besser; besonders gegen ungedeckte 
Ziele war dieselbe ganz vorzüglich. Bei Schrägfeuer konnte man, 
wenn auch nur schwach, den Gegner sogar dann treffen, wenn 
er hinter Erdanschüttungen gedeckt war. Leider bewirkte die 
geringe nutzbare Länge des 7 7 /s-Secunden-Zeitzünders (800 Sazen 
[17047/z]), sowie theilweise auch die Neuheit des Geschosses, dass 
dasselbe äusserst selten in Verwendung kam. Seitdem jedoch der 
15 Secunden- Doppelring- -Zünder und der 10 Secunden- Zünder 
(von denen im IV. Capitel die Rede ist) zur Ausgabe gelangten, 
— was allerdings nur in relativ geringem Umfange geschah — 
wurde auch das Shrapnel bedeutend häufiger verwendet. Auf jeden 
Fall aber vermochte auch das Shrapnel nicht, das fehlende Steil- 
feuer zu ersetzen ; hiezu waren specielle Geschütze erforder- 



x ) Die Eigenschaften der Geschosse sind im IV. Capitel ausführlich behandelt. 



i8 7 

lieh, nämlich Mörser, über welche jedoch die russische Feld- 
Artillerie nicht verfügte. Die Versuche, mittelst der Feld-Geschütze 
durch Verminderung der Ladung Steilfeuer zu erzielen, waren 
nicht von Erfolg gekrönt, und im Jahre 1874 wurde der Bogen- 
schuss aus den Uebungen der Feld -Artillerie überhaupt ge- 
strichen. 

Die geringe Wirkungsfähigkeit der gezogenen Geschütze 
gegen einen hinter Erddeckungen befindlichen Gegner war 
übrigens auch schon früher beobachtet worden, besonders im 
Kriege 1870— 187 1; sie wurde jedoch damals nicht gebürend 
gewürdigt ; denn der Vertheidiger nahm nur selten Zuflucht zu 
Erddeckungen und begnügte sich zumeist damit, die Terrain- 
Gegenstände in vertheidigungsfähigen Zustand zu setzen ; haupt- 
sächlich aber machte die Ueberlegenheit an Kräften beim An- 
greifer, speciell seine Ueberlegenheit an Artillerie, und seine 
Sicherheit im Manövrieren, jene ungünstigen Verhältnisse weniger 
merklich. 

Dafür übten im Kriege 1877— 1878 die mehrfach besprochenen 
Mängel der gezogenen Geschütze ihren schädlichen Einfluss mit 
ganzer Wucht aus ; denn die Türken machten bei ihrer defen- 
siven Art der Kriegführung in meisterhafter Weise und beständig 
von Erddeckungen Gebrauch, wog'egen die höheren russischen 
Commandanten in vielen Fällen befestigte Positionen einfach im 
offenen Sturme angreifen Hessen. 

Wenn man daher die Schlachten des Krieges 1877— 1878 
beurtheilt, so halte man sich die besprochenen, während des 
Krieges zutage getretenen Mängel der Artillerie als Waffen- 
gattung beständig vor Augen. 

Von kaum geringerem Einflüsse auf die ,, wenig erfolgreiche 
Betheiligung der Artillerie an der gemeinsamen Thätigkeit mit 
den übrigen Waffengattungen", war der Umstand, dass die höheren 
Commandanten mit den Eigenschaften des gezogenen Geschützes 
nur wenig vertraut waren. Sie überschätzten die Fähigkeit der 
Artillerie, Erddeckungen zu zerstören, waren aber andrerseits 
überzeugt, dass dieselbe den Kampf mit dem Infanterie-Feuer 
nicht aufnehmen und überhaupt in dessen Bereich nicht wirken 
könne. Die Meinung, dass die „Artillerie geg*en Schützen ohn- 
mächtig" sei, war weit verbreitet. 

In diesem Sinne wurde auch die Artillerie im Frieden aus- 
gebildet ; es bezeugen dies verschiedene Ausstellungen, welche 
seinerzeit von höheren Commandanten gemacht wurden, weil die 



i88 

Artillerie in den wirksamen Infanterie -Feuerbereich vorge- 
fahren war 1 ). 

Die während des Krieg-es besonders häufig- vorgekommenen 
Fehler waren entweder das vollständig-e Fehlen einer Artillerie- 
Vorbereitung oder im Gegentheile, eine rechtzeitige, ausschliess- 
lich von der Artillerie besorgte Vorbereitung des Angriffes ohne 
einen gleichzeitigen Infanterie-Angriff. Die Folge eines solchen 
Vorganges war, dass der gedeckte Gegner — da er sich nicht 
gezwungen sah, auf die Bankette zu treten — hinter der Deckung 
blieb und keine Verluste erlitt. 

In der Befürchtung-, dass die eigenen Leute getroffen werden 
könnten, Hessen die älteren Commandanten bei Beginn 
des Infanterie- Angriffes die Artillerie sogar das Ziel wechseln 
oder das Feuer ganz einstellen. Infolgedessen war es dem Gegner 
möglich, die angreifende Infanterie ungestraft zu beschiessen. 
Dass es nützlich und unter Umständen unausweichlich nöthig 
sei, der Artillerie flankierende Positionen zuzuweisen, um den 
Infanterie-Angriff soweit als irgend möglich mit Artilleriefeuer 
begleiten zu können, wurde nicht anerkannt. Schliesslich machte 
sich bei einigen älteren Commandanten oft die Neigung bemerk- 
bar, das Feuer auf weite Distanzen, ausserhalb des wirksamen 
Artilleriefeuer-Bereiches , eröffnen zu lassen, was zu einer ganz 
zwecklosen Munitionsvergeudung führte. 

Nicht weniger schädlich wirkte auf die Thätigkeit der 
Artillerie der Umstand ein, dass dieselbe im Rahmen der Gefechts- 
Gruppierung sowohl in der Front, wie auch der Tiefe nach 
partikelweise zerstreut war. Wenn man auch zuweilen versuchte, 
eine Artillerie-Masse zu formieren, so verstand man darunter aus- 
schliesslich die Vereinigung vieler Geschütze in einer gemein- 
samen Position, nie aber die Vereinigung des Feuers vieler 
Batterien gegen einen bestimmten Abschnitt der feindlichen Front. 

Die Ingenieur-Truppen waren das Lieblings- und Schoss- 
kind Kaiser Nikolaus I. gewesen, welcher schon als Grossfürst 
in der Eigenschaft eines General-Inspectors des Ingenieurwesens 
viel für sie gethan hatte. Die glänzende Thätigkeit der Ingenieure 
und Sappeure im Krim-Kriege bewies, dass sie auf der Höhe 
aller Anforderungen standen. Es erwiesen sich daher nach dem 



x ) A. N. Kuropatins ,, Tagebuch und Notizen" bezeugen, dass die schädlichen 
Folgen solcher Anschauungen sich im Kriege stark geltend machten. 



x$9 

Kriege keine fundamentalen Aenderungen in der Ausbildung 
dieser Truppen als nöthig, und man konnte sich höchstens auf einige 
successive Vervollkommnungen beschränken, um den modernen 
Ansprüchen zu genügen ; diese Vervollkommnungen betrafen 
zunächst das Telegraphen- und später das Eisenbahnwesen. 

Um das Ingenieur-Officierscorps mit den Truppen und ihrer 
Thätigkeit in Berührung zu bringen, wurde im Jahre 1863 grund- 
sätzlich bestimmt, dass die Officiere vor dem Eintritte in die 
Nikolaus-Ingenieur-Akademie mindestens zwei Jahre bei der 
Truppe zu dienen hätten. 

Ueber Initiative und nach speciellen Weisungen des General- 
Adjutanten Totleben, Adlatus [College] des General-Inspectors 
des Ingenieurwesens, erhielten die praktischen Beschäftigungen 
der Sappeure eine völlig rationelle Richtung und wurden in 
immer grösserem Massstabe durchgeführt. Besonderes Gewicht 
legte man auf die gemeinsamen Beschäftigungen der Sappeur- 
Truppen mit der Artillerie, um diese Specialwaffen miteinander 
in Contact zu bringen und um einige Fragen, welche beide Waffen 
berührten, so speciell den Angriff und die Vertheidigung von 
Festungen, praktisch zu lösen. Der Anfang hiemit wurde im 
Jahre 1865 gelegentlich der Lagerübungen bei Warschau gemacht. 

Abgesehen von anderen gemeinsamen Uebangen wurde 
später, im Jahre 1868, ein Versuchsschiessen auf die auf- 
gelassene Festung Friedrichsham durchgeführt und mit Sappeur- 
Arbeiten (Erbauung von Batterien und Schutzvorrichtungen gegen 
Artilleriefeuer) verbunden. 

Ueberhaupt standen die russischen Ingenieur-Truppen vor dem 
Kriege 1877 — 1878 auf der Höhe aller Anforderungen, und wenn 
sich während desselben irgendwelche Mängel fühlbar machten, 
so betrafen sie höchstens die allgemeine Organisation, keinesfalls 
aber die Truppen selbst oder einzelne Personen derselben. 

Da aber die Organisation der Ingenieur-Truppen noch nicht 
völlig abgeschlossen war, so machte sich die ungenügende Menge 
an technischen Formationen manchmal g*erade dort fühlbar, wo 
solche am nöthigsten gewesen wären 1 ). 

Die Stabschefs der Corps und Divisionen — die Corpsstäbe 
wurden erst unmittelbar vor dem Kriege formiert — waren aus- 



J ) Unter den neuen Verhältnissen des Kampfes, welcher sogar beim Angriffe 
häufig die Anwendung von Feld-Befestigungen verlangte, war für die Truppen der 
Mangel an technischen AbtheiluDgen überaus empfindlich, und zwar umsomehr, als 



190 

schliesslich Generalstabsofficiere, welche die Akademie absolviert 
hatten. Mit wenig'en Ausnahmen wurden auch die Stabschefs der 
Militär-Bezirke dem Generalstabe entnommen. Die Generalstabs- 
officiere hatten auch andere Posten bei den Stäben inne. 

Um allen obenbezeichneten Anforderungen genügen zu 
können, und um überhaupt das Durchschnittsniveau der mili- 
tärischen Bildung in der Armee zu heben, war die Aufnahme in 
dieNikolaus-Generalstabs-Akademie nach dem Kriege 1854 — 1856 
bedeutend erweitert worden. 

Später wurde die Dienstzeit bei der Truppe vor dem Ein- 
tritte in die Akademie auf vier Jahre erhöht, um es den künf- 
tigen Akademikern zu ermöglichen, den Truppendienst gründlich 
kennen zu lernen. 

Seit den Sechziger-Jahren wurde weiters die Einführung 
g'etroffen, dass die Generalstabsofficiere womöglich durch einige 
Zeit das Commando über einen selbständigen Truppenkörper zu 
führen hatten. Schliesslich erfolgte im Jahre 1872 die Verfügung, 
dass dieselben vor ihrer Einrangierung unter die Candidaten auf 
Regiments - Commandantenposten unbedingt Compagnien und 
Bataillone oder Escadronen und Divisionen [bei der Cavallerie] 
befehligen sollten. 

Die gegenseitige Berührung zwischen dem Generalstabe und 
den Truppen wurde nicht wenig durch den mit den Beschäfti- 
gungen der Truppen enge verknüpften Dienst des ersteren bei 
den höheren Stäben begünstigt, und durch die Theilnahme an 
den theoretischen Beschäftigungen der Trupp enoffi eiere in der 
Eigenschaft als Uebungsleiter gefördert. 

Zur gründlichen Ausbildung- im eigentlichen Generalstabs- 
dienste wurde in der Akademie im Jahre 1869 ein besonderer 
„Ergänzungscurs" errichtet und seit 1871 die sogenannten 



die Truppen selbst nicht einmal das notwendigste Schanzzeug besassen und infolge 
ihrer geringen Uebung in dieser Beziehung fast hilflos waren. 

So war im August 1877 beim Detachement des Fürsten Imeritinski (mehr 
als 20 Bataillone), bei welchem sich auch General Skobelew befand, nur ein 40 Mann 
starkes Sappeur-Commando unter einem Unterofficier eingetheilt, und auch dieses nur 
zufällig. Dagegen versichert ein völlig glaubwürdiger Zeuge und Mitkämpfer des 
dritten Sturmes auf Plevna in bestimmter Weise, dass wenn nur einige Sappeur- 
Compagnien mit dem nöthigen Werkzeuge rechtzeitig in der Nacht vom 30. zum 
31. August [11., respective 12. September] in der von Skobelew unmittelbar vor 
der Stadt Plevna eroberten Position eingetroffen wären, die Entscheidung der Schlacht 
wahrscheinlich anders ausgefallen wäre. (A. N. Kuropatkins „Tagebuch und 
Notizen".) 



igi 

„Uebungsreisen" des Generalstabes eingeführt. An diesen Reisen 
nahmen auch Officiere der Special -Waffen — Artillerie- und 
Ingenieur-Truppen — theil. 

Die mit dem Kriegsspiele verbundenen Reisen verfolgten 
ausser Instructionszwecken auch ausgesprochen praktische Ziele, 
nämlich die Entscheidung über strategische und militär- topo- 
graphische Fragen. 

Im allgemeinen bildeten die akademisch vorgebildeten 
Officiere ein für den Stabsdienst im Kriege hinlänglich geschultes, 
zum Theile aber vorzügliches Material. Ihre Thätigkeit hinterliess 
die Spuren auch in der erfolgreichen taktischen Ausbildung, 
welche die russische Armee nach dem Krim-Krieg-e erreichte. 

Die Generalsstabsofficiere, welche damals bei den höheren 
Stäben dienten, übten einen ganz hervorragenden und überaus 
nützlichen Einfluss im weitesten Sinne des Wortes aus. Sie unter- 
stützten ihre Commandanten bei deren mühevollem Wirken zur 
Vervollkommnung der Truppen, und zuweilen lastete auf ihren 
Schultern ein Theil, wenn nicht das ganze Schwergewicht der 
Initiative. Im allgemeinen muss hervorgehoben werden, dass es 
nur dem überall waltenden Einflüsse des homogenen Corps der 
Generalstabsofhciere zu danken ist, wenn der nach dem Krim-Kriege 
eingetretene schroffe Uebergang vom Alten zum Neuen sich ohne 
fundamentale Aenderungen im Personalstande der höheren Com- 
mandanten, ja sogar ohne einen Bruch mit dem System ihrer 
Berufung und Auswahl vollziehen konnte. 

Den Generalstabsofficieren hauptsächlich gebürt das Ver- 
dienst, an der weiteren Vervollkommnung der Armee gearbeitet 
und vernünftige Anschauungen durch die Presse verbreitet 
zu haben. Und aus der Mitte des Generalstabes heraus klang 
damals — allen entgegengesetzten „Paradeplatz-Bestrebungen" 
zum Trotze — zum erstenmale die auch heute noch nicht ver- 
stummte Stimme, welche allen die zeitweilig vergessene Wahr- 
heit ins Gedächtnis zurückrief, „dass man im Frieden nur das 
lehren solle, was im Kriege nothwendig sei" 1 ). 

Die Einführung und allgemeine Anwendung von Manö- 
vern und taktischen Uebungen war eine der nächsten Folgen, 
zu welchen der Krim-Krieg 1854— 1856 den Anstoss g*ab. Beides, 
Manöver und Gefechtsübungen, wurden sowohl bei den Concen- 



*) M. J. DragomircMv. 



192 

trierungen der einzelnen, als auch bei den gemeinsamen Concen- 
trierungen aller Waffen durchgeführt. Sie hatten sich seit dem 
Jahre 1865 eingelebt, das ist seit jenem Zeitpunkte, wo die bisher 
zur Unterdrückung der Polnischen Insurrection verwendeten 
Truppen bereits in ihre Quartiere zurückgekehrt waren und ihre 
normale Beschäftigung- wieder aufgenommen hatten. 

Die Concentrierungen nahmen bald einen derartigen Umfang 
an, dass sich der Bedarf an neuen, für die Truppen reservierten 
Lagerplätzen fühlbar machte; infolgedessen wurde im Jahre 1869 
ein Project über die Errichtung ständig-er Uebungslager aus- 
gearbeitet, und auf Grund desselben etwas später für die Truppen 
des europäischen Russland (ohne Kaukasien und das Orenburg- 
Gebiet) 27 Punkte ausgemittelt, welche als gemeinsame Uebungs- 
rayone für 28 Infanterie- und 8 Cavallerie -Divisionen, ferner 
34 Artillerie- und 2 Sappeur-Brigaden zu dienen hatten. 

Die Zahl der an den Concentrierungen theilnehmenden 
Truppenkörper nahm beständig* zu; dieselbe betrug zum Beispiele 
im Jahre 1871: 393 Bataillone, 286 Escadronen und Sotnien 
und 170 Batterien; im Jahre 1876:460 Bataillone, 321 Escadronen 
und Sotnien und 253 Batterien. 

Wo es möglich war, fanden die Concentrierungen in zwei 
Perioden statt. 

Die erste Stelle unter den Uebungslagern nahm jenes von 
Krasnoje Selo ein. Dort und in der Umgebung sammelten sich 
die Truppen des Militär-Bezirkes Petersburg, und vieles, was 
hier erprobt und mehr oder weniger dauernd eingeführt wurde, 
fand dann in den anderen Bezirken Aufnahme, da zu jener Zeit 
für viele Ausbildungszweige noch keine neuen allgemein giltigen 
Vorschriften bestanden, die den modernen Anforderungen des 
Gefechtes entsprochen hätten. Um diese Einführungen kennen zu 
lernen, wurden seit dem Jahre 1865 die höheren Commandanten 
und Generalstabsofhciere aus den anderen Militär-Bezirken der 
Reihe nach in das Lager von Krasnoje Selo commandiert. 

Im Jahre 1870 wurde das oben bereits erwähnte „Project 
einer Instruction für Truppenübungen" herausgegeben, um den 
Truppen die Art und die Reihenfolge der einzelnen praktischen 
Uebungen zu zeigen. 

Ausserdem bezweckte das Project, jeder Uebungsart — ent- 
sprechend ihrer Wichtigkeit und Anwendbarkeit im Kriege — den 
richtigen Platz anzuweisen. Endlich schuf es ein Bindeglied 
zwischen den Uebungen und Manövern einerseits und dem wirk- 



193 

liehen Gefechte anderseits, indem es die ,, Manöver mit scharfer 
Munition" vorschlug. 

An andrer Stelle, nämlich gelegentlich der Besprechung der 
Ausbildung der Infanterie, wurde gezeigt, warum sich die Be- 
stimmungen des Projectes nicht völlig einleben konnten. Die- 
selben Ursachen waren auch daran schuld, dass die „Manöver 
mit scharfer Munition" bis zum Kriege aus dem Stadium von 
Anschauungs-Uebungen, an welchen nur eine ganz unbedeutende 
Zahl von Truppen theilnahm, nicht herauskamen. Der Grund lag 
zunächst in dem Mangel entsprechender Räume, ferner in der 
Neuheit der Sache, endlich — und zwar hauptsächlich — in dem 
Ueberwiegen verschiedener mit einer rationellen Ausbildung nicht 
immer im Einklänge stehenden Anforderungen. 

Zum Schlüsse darf nicht vergessen werden, dass es an einer 
Stelle fehlte, welche berufen gewesen wäre, den von der Heeres- 
leitung ergehenden Weisungen Geltung zu verschaffen, zumal jenen, 
welche völlig neu waren und in keiner Weise mit der Form und 
dem Geiste der bei den Truppen eingelebten Anschauungen 
harmonierten. 

Die Leitung der Uebungen der einzelnen Waffengattungen 
sowohl wie auch der gemeinsamen Uebungen aller drei Waffen 
lastete mit ihrer ganzen Schwere auf dem Militär-Bezirks-Com- 
mandanten ; es ist daher klar, dass dieses Commando, — wie 
damals die Sache lag — nicht imstande war, jene natürlichen 
directen Vorgesetzten zu ersetzen, welche die Truppen seit der 
Auflassung der Corps-Commanden verloren hatten. 

Das Militär-Bezirks-Commando hatte ausser diesem noch 
einen anderen gleichfalls überaus wichtigen Wirkungskreis. 
Schliesslich war die Zahl der dem Commandierenden General des 
Bezirkes direct unterstehenden Einheiten unvergleichlich grösser 
als jene, welche früher dem Corps-Commandanten unterstellt 
gewesen war 1 ). 

Das Bezirks-Commando konnte wohl Weisungen geben, war 
aber nicht imstande, sich beständig von deren Durchführung 
und von der ordentlichen Ausbildung der Truppen die Ueber- 
zeugung zu verschaffen. All dies war Sache der Divisionäre und 



x ) Beispielsweise befanden sich im Warschauer Militär-Bezirke vor dem Kriege 
8 Infanterie-Divisionen, 2 Schützen- und eine Sappeur-Brigade, 4 Cavallerie-Divisionen 
und eine selbständige Cavallerie-Brigade, daher zusammen 16 selbständige, direct 
untergeordnete Truppenkörper, wobei noch 4 Festungs- und 8 Fuss-Artillerie-Brigaden 
nicht eingerechnet sind. 

Der russisch-türkische Krie^. I. Bd. *3 



194 

selbständigen Brigadiere, denen ihrerseits nur Truppen einer 
Waffengattung untergeordnet waren, und welche mit den übrigen 
nur bei den g*emeinsamen Concentrierungen in Berührung kamen. 

Der Umfang, welchen die gemeinsamen Uebungen bezüglich 
Zahl der theilnehmenden Truppen, Dauer und Ausdehnung des 
Raumes annahmen, hieng theils von den Anschauungen hierüber, 
hauptsächlich aber von den vorhandenen Geldmitteln ab. 

Es ist klar, dass sich grössere und längere Manöver nicht 
auf den täglichen Uebungsplätzen bei den Lagern abspielen 
konnten. Aber mit der Ausdehnung der ersteren über die gewöhn- 
lichen Uebungsfelder hinaus entstand sofort auch die Frage, in 
welcher Höhe für die Feldschäden Ersatz zu leisten und woher die 
entsprechenden Mittel zu nehmen seien, zumal hierüber in den Ge- 
setzen noch keine Bestimmungen enthalten waren. Dieser Umstand 
schränkte die Uebungsräume und hiemit auch den sonstigen 
Umfang der Manöver ein ; besonders war dies in Gegenden mit 
hoch entwickelter Landwirtschaft und Gartencultur der Fall 1 ). 

Bezüglich der Manöver bestanden übrigens zwischen den 
verschiedenen Militär-Bezirken die grössten Unterschiede. Im 
Petersburger Militär-Bezirke beispielsweise konnten — dank der 
Terrainbeschaffenheit und den zugewiesenen Mitteln — sehr grosse, 
8 bis 12 Tage dauernde Manöver abgehalten werden, während 
die in zwei Perioden bei Warschau concentrierten Truppen des 
ganzen Militär-Bezirkes, trotz aller geg-entheiligen Bestrebungen 
auf ganz kurze Manöver beschränkt blieben ; hiebei nächtigten 
sie höchstens einmal ausserhalb des Lagers oder der Quartiere, 
da der Zusammenstoss unbedingt auf den ärarischen Uebungs- 
feldern stattfinden musste 2 ). 

In den übrigen Militär-Bezirken hiengen Dauer und Umfang 
der Manöver von den besonderen Verhältnissen ab. Von den grossen 
Manövern, die im Jahre 1 876 im Wilnaer Militär-Bezirke stattfanden, 
war bereits oben die Rede. 



J ) Mittel zur Ersatzleistung für Felds chäden wurden nur bei Manövern in Gegen- 
wart Seiner Majestät bewilligt. Behufs Ersatzleistung für Culturbeschädigungen während 
der grossen Cavallerie-Manöver im "Warschauer Militär-Bezirke im Jahre 1876 musste 
ein besonderes Gesuch eingereicht werden ; und trotzdem wurden die Mittel erst spät 
flüssig gemacht. 

2 ) Einen theilweisen Ersatz hiefür bildeten die „kleinen Herbst-Manöver", welche 
gewöhnlich im October in der Nähe der Garnisonsorte der Truppen stattfanden ; 
Diese Uebungen wurden seit dem Jahre 1873 für alle Waffengattungen bedeutend 
erweitert (Warschauer Bezirks-Prikas Nr. 225). 



,195 

Im allgemeinen kann man nicht behaupten, dass die dama- 
ligen Manöver (denen überdies häufig das fehlerhafte Streben 
nach Bildartigkeit anhaftete) für die Ausbildung der Truppen oder 
deren Commandanten hingereicht hätten. 

Hiezu kam noch ein sehr wichtiger Umstand : die Truppen 
machten nämlich nicht mehr so grosse Märsche ; wie dies früher 
bei dem systematischen, nach bestimmten Zeiträumen erfolgenden 
Garnisonswechsel der Fall gewesen. Die Märsche zu den gemein- 
samen Concentrierungen und die Rückmärsche waren zumeist 
unbedeutend, theilweise trat an ihre Stelle auch die Beförderung 
mittelst der Bahn. Dagegen existierten damals die „mobilen 
Concentrierungen" [freizügige Uebungen] noch nicht. 

Das mehrfach erwähnte „Project" vom Jahre 1871 schrieb 
zwar feldmässige Marschübungen vor, beschränkte dieselben aber 
auf den Winter ; sie sollten zweimal im Monate stattfinden, die 
Infanterie und Artillerie jedesmal 20, die Cavallerie und reitende 
Artillerie 25 bis 30 Werst zurücklegen. Die letzteren Waffen 
hatten die volle Kriegsausrüstung aufzupacken, von der Ausrüstung* 
der Infanterie war nichts erwähnt ; ja, man kümmerte sich über- 
haupt nicht darum, den Mann an das Tragen der vollen Kriegs- 
ausrüstung- zu g'ewöhnen. 

Infolge des Mangels an ordentlichen und systematischen 
Marschübungen waren daher die Truppen nicht hinreichend 
trainiert und hatten sich nicht jene Routine erworben, die während 
des Marsches sowohl wie auch während der Ruhe von hohem 
Werte ist. 

Dieser Mangel an praktischer Erfahrung traf in gleichem 
Masse auch bei vielen Commandanten zu. Manche unter ihnen 
verstanden es nicht, Marschleistungen und Ruhe ihrer Truppen 
in Einklang zu bringen, wie sie es überhaupt nicht vermochten, 
sich plötzlich in einer Situation zurecht zu finden, die so ganz 
von der ihnen geläufig-en — nämlich jener des Friedens — ver- 
schieden war. 

Die Folgen des einen wie des anderen Umstandes traten 
natürlich im Kriege, und zwar besonders bei Beginn desselben 
zutage. 

Hierüber spricht sich eine der vorhandenen Relationen wie 
folgt aus : 

,,Der Wunsch, an dem Feinde des Christenthums Rache 
zu nehmen und an der Befreiung der Brüder vom Türkenjoche 
mitzuwirken, war allgemein, und die Division marschierte trotz 

13* 



i 9 6 

der ungeheuren Beschwerden, die im ersten Theile des Feldzuges 
zu überwinden waren, frisch vorwärts, brennend vor Verlangen, 
mit dem Feinde abzurechnen." 

„Zurückgebliebene gab es wenig, aber die schwere Rüstung 
machte sich fühlbar, besonders als die heissen Tage des Vor- 
marsches jenseit des Prut begannen. Viele der weniger Charakter- 
festen hielten es nicht aus und warfen, um ihre Last zu erleichtern, 
jene Sachen weg, welche sie damals leichter entbehren konnten 
und deren baldige Notwendigkeit sich nicht voraussehen Hess. 
Sie begannen mit den Handschuhen und Ohrenschützern, warfen 
dann die Leibbinden und schliesslich sogar die schlechteren 
Westen und Stiefel fort." 

„Später, als die Leute bereits mit der Marschordnung 
vertraut geworden waren, richteten sich viele beim Train häuslich 
ein, wo man den Tornister aufladen und für einige Zeit aufsitzen 
konnte l )." 

Es mögen nun noch einige persönliche Beobachtungen eines 
sehr massgebenden Theilnehmers am Kriege folgen: 

„Viele Infanterie-Officiere wissen während des Marsches 
nicht, wohin sie marschieren, und welche Orte sie passieren. 
Karten vom Kriegsschauplatze sind bei ihnen eine Seltenheit." 

„Die Soldaten, welche die Bewegung um 8 bis 9 Uhr 
antreten, müssen dann während der heissesten Tageszeit mar- 
schieren. Sie ziehen sich auseinander, treten aus der Eintheilung, 
trinken das erste beste Wasser, essen unreifes Obst — und all 
das wird wenig beachtet ; die Zurückgebliebenen schleppen sich 
bis tief in die Nacht hinein nach. Eine unternehmungslustige 
feindliche Cavallerie könnte da manchen niederhauen." 

„Während der Nächtigung oder der Rasten treiben sich 
häufig die Infanteristen einzeln oder in kleinen Gruppen und ohne 
Waffen bis auf mehrere Werst von dem Standorte der Truppen 
unter dem Vorwande herum, Vieh und Fourage einzukaufen. 
Manchmal werden sie hieb ei erschlagen, wie dies gelegentlich 
des Aufenthaltes bei Kakrin am 13. [25.] August geschah." 

„In den Lagern und Quartieren verunreinigen sie — sobald 
die iVufmerksamkeit der Commandanten nur einigermassen nach- 
lässt — den Boden bis unmittelbar zu den Gewehrpyramiden. 



x ) Das Citierte kommt in der Relation einer von jenen Divisionen vor, auf deren 
kriegsmässige Ausbildung im Frieden viel mehr Mühe verwendet worden war, als bei 
zahlreichen anderen ; diese Division bewies übrigens später in glänzender Weise, dass 
ihre Ausbildung für den Krieg nach richtigen Principien erfolgt war. 



i 9 7 

Von den Feldküchen breitet sich infolge des Faulen s der 
Abfälle von dem geschlagenen Vieh ein Gestank aus,, als wären 
es Aborte." 

„Auf dem Marsche des kleinen Detachements des Generals 
Skobelew vom Dorfe Iglau nach Kakrin gab es — obgleich 
für die Fortbringung der Tornister eigene Fuhren gemietet 
worden waren — sehr viele Zurückbleibende. Die Ungewohntheit, 
bei heissem Wetter zu marschieren, machte sich sehr stark gleitend ; 
unter ioo Zurückgebliebenen waren nur einige Leute mit gedrückten 
Füssen." 

„Die ärarischen Fuhrwerke mit dem Ofhciersgepäck waren 
überladen und hielten, da sie nur mit zwei Pferden bespannt 
waren, die Bewegung- auf." 

„Der 19. [31.] August war kaum angebrochen, als die Sol- 
daten obig-er Bataillone gleich beim Abmärsche nur mehr leere 
Feldflaschen hatten. Vor dem Aufstiege auf die Höhe wurde ausser- 
halb des feindlichen Schussbereiches eine Wasserlinie passiert ; 
aber niemand ermahnte die Leute, sich mit Wasser zu ver- 
sorgen." 

„Einzelne Commandanten halten es, sobald sie ihre Truppen 
in die Gefechtsstellung" eingeführt haben, zumeist nicht mehr für 
nothwendig, sich um den Magen des Soldaten zu kümmern ; sie 
denken sich, dass die Patronen für das Gefecht und der Zwieback 
für den Magen allen Bedürfnissen des Soldaten genügen." 

„Der Detachement-Commandant muss daher die Entsendung 
von Commanden zum Herbeiholen von Wasser in die Position 
anordnen, muss verfügen, dass bei allen Truppenkörpern hinter 
der Gefechtslinie die Menage abgekocht werde, und muss sich endlich 
auch darum kümmern, dass das Essen den Leuten auch wirklich zu- 
getragen werde. Selbst beim heftigsten Kampfe tritt gewöhnlich 
während der Nacht Ruhe ein, und es ist dann immer möglich, 
das — wenn auch oft kalt gewordene — Nachtmahl in die Position zu 
führen oder zu bringen. Im äussersten Falle kann man sich 
damit begnügen, den Leuten nur das Rindfleisch auszufolgen x )." 

Resümiert man das, was über die Ausbildung* der russischen 
Armee in diesem Capitel gesagt wurde, so muss dies noch dahin 
ergänzt werden, dass nicht alles, was als allgemeine Charak- 
teristik dargestellt wurde, in gleicher Weise bei jedem einzelnen 
Truppenkörper zutraf. Ebenso können auch die angeführten Beob- 



1 ) Aus Kuropatkins , .Tagebuch und Notizen'' 



198 

achtimg'en von Theilnehmern am Krieg" e nicht in gleicher Weise 
ausnahmslos auf alle übrigen Truppenkörper ausgedehnt werden, 
speciell nicht auf die kaukasischen, deren Kriegserfahrungen ja 
noch ganz frisch waren. Ueberdies war auch die Ausbildung- der 
einzelnen Truppenkörper je nach deren Commandanten oder nach 
sonstigen mehr oder weniger günstigen Verhältnissen überaus 
verschieden. 

Es muss jedoch zugegeben werden, dass im allgemeinen 
die Ausbildung* der russischen Armee zu Beginn des Feldzuges 
ziemlich wesentliche Mängel aufwies, welche bei der Erprobung 
der Truppen im Krieg'e alsbald zutage traten. 



VI. CAPITEL. 
Die Flotte Russlands. 

Die maritimen Streitkräfte Russlands vor dem Kriege 1877 — 1878. — Schiffsbestand. 
— Kriegsschiffe, deren Armierung ; Gliederung in Flotten und Flotillen. — Die 
Commandoführung über die Schiffe und Geschwader. — Personalstand der Flotte. — 
Maritime Ausbildung und Kriegsbereitschaft. — Handels-Flotte. — Häfen. — Der 
Kriegsschauplatz am Schwarzen Meere. — Die Unterstützung der Land-Truppen durch 

die Flotte. 

Als zu Ende der Fünfziger- Jahre die Panzerung und die 
gezogenen Geschütze in den fremden Flotten ihren Einzug hielten, 
gerieth die russische Flotte in eine gleich schwierige Lage wie 
zur Zeit des Krim-Krieges, das ist in der Periode der Einführung 
der Schiffsschraube. Eine Besserung dieser Lage war in kurzer 
Zeit nicht möglich, einerseits wegen der ungünstigen Verhältnisse 
der Schiffbautechnik, anderseits und hauptsächlich wegen Geld- 
mangels. Aus diesen Gründen musste man sich der Idee ent- 
schlagen, in einem kurzen Zeiträume sowohl die für Russland 
in erster Linie nöthige Vertheidigungs - Flotte als auch eine 
Schlacht-Flotte zu schaffen. Man entschied sich nun dahin, vor 
allem für die Küsten- Vertheidigung zu sorgen und zu diesem Zwecke 
eine Defensiv-Flotte zu bauen, dann aber erst zum Bau von Schiffen 
für Oceanfahrten und für Offensiv-Operationen zu schreiten. Aber 
selbst diese Aufgabe konnte nur allmählich gelöst werden. 

Infolg*e der gänzlichen Umwälzung auf dem Gebiete des 
Krieg*sschiffbaues nach Einführung der Panzerung tauchten zahl- 
lose Projecte der verschiedensten Schiffstypen auf; jedes solche 
Project fand begeisterte Anhänger und ebenso erbitterte Gegner 
Der Uebergang vom Projecte zur praktischen Durchführung er- 
forderte gerade seitens der russischen Flotte die grösste Umsicht, 



200 

da es an Mitteln gebrach und die Panzerschiffe besonders hoch 
zu stehen kamen. 

Ungeachtet der Neuheit der Sache waren fast alle Schiffs- 
Constructeure der Ueberzeugung, dass es unmöglich sei, alle von den 
modernen Kriegsschiffen geforderten Eigenschaften in einer Type 
zu vereinig-en. Für den Küsten-Krieg, das ist für den Angriff 
und die Vertheidigung der Häfen, benöthigte man Schiffe mit 
starker Panzerung- und schwerster Artillerie, für den Kreuzer- 
dienst und die Oceanfahrten hingegen waren vor allem schnell- 
fahrende und mit grossem Kohlenvorrathe ausgestattete Schiffe 
erforderlich. Dem erstgedachten Zwecke entsprachen am besten 
Thurmschiffe, für die zweite Bestimmung eigneten sich vor allem 
Schlachtschiffe mit Takelage und gepanzertem Bord. 

Daraus erklärt sich nun das Vorherrschen der Thurmschiffe 
in der russischen Flotte; vor dem Kriege 1877 — 1878 waren 
unter 29 Panzerschiffen 20 Thurmschiffe vorhanden. 

Das Ergebnis der Neubauten war, dass die Baltische Flotte 
eine Reihe von Schiffen erhielt, welche zur Vertheidigung von 
Kronstadt und Petersburg bestimmt waren (im Anfange Monitore 
und „Thurmboote" x ), später Batterieschiffe und Thurmfregatten) ; 
in der Folge kamen auch Hochsee-Kanonenboote hinzu. Die 
Schwarzmeer-Flotte erhielt zwei „Popowkas" 2 ) zur Vertheidigung 
des Hafens von Kerc, des Dniepr-Liman und anderer Küstenpunkte. 

Diese Anschaffungen hatten sehr bedeutende Geldmittel 
verschlung-en, und als man in der Folge die unbedingte Not- 
wendigkeit einsah, das wichtig-ste Element jeder Seemacht, näm- 
lich eine Schlacht-Flotte zu schaffen, waren hiefür keine Mittel 
vorhanden und fehlte es auch an Zeit. 

Vor Beginn des russisch- türkischen Krieges 1877 — 1878 
bestand die Seemacht Russlands aus 2 Flotten : der Baltischen 
und der Schwarzmeer-Flotte, und aus 3 Flotillen: der Kaspischen, 
Sibirischen (im Stillen Ocean) und der Aralsee - Flotille. Die 
letztgenannte wurde auf Kosten des Heeresbudgets erhalten und 
war vollständig dem Commandierenden General des Militär-Bezirkes 
Turkestan unterstellt. 



*) Erklärung des Begriffes ,,Thurroboot" folgt weiter im Texte. — D. Ueb. 

-) „Popowkas" wurden nach dem Erbauer, Admiral Popow, runde flachgehende 
Panzerschiffe genannt. Zum Ertheilen der Seitenrichtung beim Schiessen unter grossen 
Horizontal- Winkeln wurden nicht, wie bei Thurmschiffen, die Geschütze, sondern die 
Schiffe selbst gewendet. 



201 



Nach der Schiffsliste vom i. [13.] Jänner 1877 war die 
Zahl der Kriegsschiffe (abgesehen von jenen, die keinen Gefechts- 
wert hatten) folgende : 

In der Baltischen Flotte : 1 . Gepanzerte Schiffe : 1 Linien- 
schiff, 10 Fregatten, 3 Batterieschiffe, 3 Boote, 10 Monitore; 2. Nicht 
gepanzerte Schiffe : a) Dampfschiffe : 1 Fregatte, 7 Corvetten, 
7 Klipper, 4 Dampferfregatten, 3 Seedampfer, 2 Transportschiffe, 
1 Torpedoboot und 1 Kanonenboot, b) Segelschiffe: 2 Corvetten 1 ). 

In der Schwarzmeer-Flotte: a) Gepanzerte Schiffe: 2 Popow- 
kas; b) Nichtgepanzerte Schiffe: 4 Corvetten, 20 Dampfer, 
14 Schoner, 1 Barkasse, 5 Kutter und 7 Torpedoschaluppen 2 ). 

In der Kaspi-Flotille : Nicht gepanzerte Dampffahrzeuge, 
und zwar 3 Boote, 4 Dampfer, 2 Schoner 3 ). 

In der Sibirischen Flotille : Nicht gepanzerte Dampffahrzeuge, 
nämlich 1 Klipper, 4 Schoner, 2 Transportschiffe, 3 Boote 4 ). 

In der Aral-Flotille : 5 Dampfer und 1 Dampfbarkasse 5 ).' ? 

Als eigentliche Kampfschiffe, welche mehr oder minder 
den modernen Anforderungen entsprachen, konnten bloss die 
29 gepanzerten Schiffe gelten. Zählt man von den ungepanzerten 



x ) Gepanzerte Schiffe : Linienschiff ,,Pjotr Weliki" ; Fregatten : „Sewastopol", 
„Petropawlowsk", „Kniazj Pozarslu", ,, Minin", „General- Admiral", „Herzog Edin- 
burgski", „Admiral Lazarew", „Admiral Greigh", „Admiral Cicagow", „Admiral 
Spiridow"; Batterieschiffe: „Perwenjetz", ,,Nje tronj menja", „Kreml"; Boote: „Smerc", 
„Carodjejka", „Rusalka" ; Monitore : ,,Uragan", „Tifon", „Strjeletz", „Jedinorog" 
„Bronjenosjetz", ,,Latnik", „Lawa", „Penin", „Wjescun", „Koldun". Nichtgepanzerte 
Schiffe: Fregatte „Swjetlana"; Corvetten: „Wojewoda", „Griden", „Bajan", ,,Bogatyr", 
„Warjag", „Witjaz", ,,Askold", „Bojarin", „Giliak" ; Klipper: „Gajdamak", ,,Wsadnik", 
„Zemcug", „Almas", „Jzumrud", „Krajser", „Dzigit" ; Dampfer-Fregatten: „Olaf", 
„Smjely",„Rjurik", „Chrabry"; Seedampfer: „Wladimir", „Wolga", „Dnjepr"; Transport- 
schiffe: „Artelscik", „Krasnaja Gorka"; Torpedoboot: „Wzryw"; Kanonenboot: „Tors". 

2 ) Popowkas: „Nowgorod", „Vice-Admiral Popow". Nichtgepanzerte Schiffe: 
Corvetten: „Sokol", „Woin", ,,Ljwica", „Pamjatj Merkurja" ; Dampfer: „Elborus", 
„Turok", „Inkerman", „Sulin", „Taman", „Prut", „Eriklik", „Galwanjetz" (Minenschift) 
„Akkerman", „ßatjuska", „Boltun", „Bratjetz", „Golubcik", „Docka", „Krikun", 
„Matuska", ,,Opyt", „Rodimyj", „Sjestrica", „Meteor", (die letztgenannten 12 waren 
im October 1876 von der „Russischen Gesellschaft für Handel und Schiffahrt" erworben 
worden); Schoner: „Don", „Salgir", „Psezuape", „Kelasury", „Tuapse", ,,Souk-su", 
„Redut-Kale", „Kazbek", „Bombory", „Pitzunda", „Ingul", „Abin", ,,Noworossijsk", 
„Gonjetz". 

;i ) Boote: „Tjulenj", „Sjekira", „Piscal" ; Dampfer: „Ural", „Nasr-Eddin-Sach", 
,,Baku", „Araks"; Schoner: ,.Persijanin", „Chiwinjetz". 

4 ) Klipper: „Abrek" ; Schoner: „Aleut", „Wostok", „Jermak", „Tungus"; 
Transportschiffe : „Japonjetz", „Mandzur" ; Boote : „Morz", „Gornostaj", Sobol". 

5 ) Dampfer : „Perowski", „Aral", „Syr-Darja", „Samarkand", „Taskent". 



202 



Fahrzeugen noch 19 Dampfschiffe (1 Fregatte, 18 Corvetten und 
Klipper) und 8 Torpedoboote hinzu, so ergibt sich als Gesammt- 
stärke der russischen Kriegs-Flotte die Zahl von 56 Fahrzeugen 
von sehr verschiedenem Kampfwerte. Bei einem Vergleiche mit 
den modernen Flotten anderer Mächte ersten Ranges erweist 
sich die russische Flotte als sehr unbedeutend, umsomehr als 
in derselben Schiffe überwogen, welche den damaligen kriegs- 
maritimen Anforderungen nicht entsprachen. Der Hauptgrund 
dieser Erscheinung lag darin, dass weder in Russland noch 
bei den übrigen Seemächten bestimmte abgeklärte Anschauungen 
über die Zweckmässigkeit der einzelnen Kriegsschifftypen schon 
bestanden und wohl auch nicht bestehen konnten. 

Den grössten Gefechtswert unter allen russischen Thurm- 
schiffen besass die Linienschiffstype, deren einziger Repräsentant 
das Schiff ,,Pjotr Weliki" war. Es galt damals sogar im Vergleiche 
mit fremden Flotten für eines der stärksten Panzerfahrzeuge. Als 
typischer Repräsentant der sogenannten Hochseepanzerschiffe 
konnte es jedoch aus mehreren Gründen nicht allen Anforde- 
rungen des Kreuzerdienstes im Ocean entsprechen. 

Zu den gepanzerten Schiffen gehörten überdies : 
1. die Thurmfregatten („Admiral Lazarew", „Admiral 
Greigh", „Admiral Cicagow" und „Admiral Spiridow"), sowie die 
„Thurmboote" („Smerc", „Russalka" und„Carodjejka"); sie bildeten 
eine verbesserte Type der Küsten-Vertheidiger. Die „Thurmboote" 
unterschieden sich von den Fregatten bloss durch geringere 
Ausmasse und kleineres Geschützcaliber. Nach ihren Dimen- 
sionen und ihrer Seetüchtigkeit waren die angeführten Küsten- 
Vertheidiger für Fahrten im Finnischen Busen und nächst den 
Küsten des Baltischen Meeres vollkommen geeignet; 

2. alle 10 Monitore der Baltischen Flotte; sie stellten die 
erste und reinste Type der Thurmschiffe für Küsten- Vertheidigung 
dar, zeichneten sich aber auch durch einen gewissen Grad von 
Seetüchtigkeit aus, der ihnen gestattete, sich von der Küste 
zu entfernen. Die beiden „Popowkas" endlich, welche speciell 
für die Küsten-Vertheidigung im Schwarzen Meere erbaut worden 
waren, verfügten über eine dicke Panzerung und starke Artillerie, 
hatten nur geringen Tiefgang und stellten demnach sozusagen 
schwimmende Batterien dar, dabei entbehrten sie aber nicht 
einer gewissen Bewegungsfähigkeit auf hoher See; 

3. die getakelten Panzerschiffe, welche in zwei Haupttypen, 
Batterieschiffe und Fregatten zerfielen ; 



203 

4. die Batterieschiffe („Perwenjetz" „Nje tronj menja" und 
„Kreml") ; sie waren die ersten gepanzerten Fahrzeuge, welche in 
die russische Marine eingereiht worden waren; sie bildeten eine von 
den Uebergangstypen vom Holz- zum Panzerschiffe. Ursprünglich 
waren sie für die Vertheidigung- Kronstadts bestimmt ; im Ver- 
gleiche zu den analog'en Schiffen anderer Kriegsmarinen mussten 
sie jedoch als ihrer Bestimmung nicht entsprechend bezeichnet 
werden. Ueberdies machte die geringe Seetüchtigkeit der 
Batterie schiffe deren Verwendung für weite Fahrten und zum 
Kreuzerdienste unmöglich. 

Unter den Batteriefregatten befanden sich sowohl hölzerne 
als eiserne Schiffe. Die ersteren („Petropawlowsk" und „Sewa- 
stopol") bildeten eine andere Uebergangstype von der Holz- zur 
Eisenconstruction. Man hatte sie als gewöhnliche Schiffe zu bauen 
begonnen ; infolge des mittlerweile eingetretenen Umschwunges 
in den Forderungen an Kriegsschiffe wurden sie mit einem 
4V2 Zoll [11*43 cni\ starken Panzer versehen. Diese dünne 
Panzerung und die schwache Artillerie (nicht mehr als 8 Zoll) 
[20*3 cm] Hess sie für die Küsten- Vertheidigung als nicht völlig 
geeignet erscheinen, hingegen war wegen der befriedigenden 
Seetüchtigkeit auf ihre erfolgreiche Verwendung als Kreuzer, 
wenn auch nicht in ausländischen Gewässern, doch mindestens 
im Baltischen Meere, zu zählen. 

Von den drei eisernen Fregatten („Knjazj Pozarski", 
„ General- Admiral", „Herzog Edinburgski") A ) gehörte die erste 
zur Type der kasemattierten Schiffe, die übrigen wurden als 
halbgepanzerte Schiffe bezeichnet. Diese Fregatten, insbesondere 
„ General- Admiral" und „Herzog Edinburgski" konnten mit Erfolg 
den Stationärdienst in fernen Gewässern versehen, zum Kreuzer- 
dienste waren sie jedoch nicht vollkommen geeignet, da ihre 
Kohlenfassungsräume nicht ausreichend waren. 

Der Mangel an Panzerschiffen, welche zum Kreuzerdienste in 
fernen Gewässern geeignet gewesen wären, konnte bis zu einem 
gewissen Grade durch Verwendung von Holzschiffen beseitigt 



1 ) Die letzteren zwei Schiffe wurden auf Privatwerften in Petersburg im 
Jahre 1870 auf Kiel gelegt: deren vollkommene Ausrüstung wurde bei ,,General-Admiral" 
erst im Jahre 1878 und bei „Herzog Edinburgski" im Jahre 1880 beendet. Dieses 
Beispiel zeugt am besten von dem damaligen Stande der Schiffbautechnik in Russ- 
tand und von der im Zusammenhange hiemit stehenden, übrigens auch von finan- 
ziellen .Schwierigkeiten und anderen Ursachen abhängigen Langsamkeit des Baues und 
der Ausrüstung von Schiffen. 



204 

werden. Diese waren allerdings nicht in der Lage, einen Kampf 
mit Panzerschiffen aufzunehmen x ), aber sie verfügten über eine 
starke Artillerie, gieng-en unter Dampf und Segel gleich gut und 
waren für weite Fahrten geeignet, sie konnten somit den Kreuzer- 
dienst erfolgreich leisten. Der stärkste Vertreter dieser Gattung 
w^ar „Swjetlana", die erste und letzte derartige Fregatte der 
russischen Flotte ; sie war kurz vorher gänzlich umgearbeitet 
worden und hatte im Jahre 1874 neue Kessel erhalten. Die 
Corvetten und Klipper waren ganz entsprechende Kriegsfahrzeuge, 
sie standen jedoch in Bezug auf Gefechtswert um ein Bedeutendes 
der „Swejtlana" nach 2 ). 

Zu den Kampfschiffen konnten noch die 3 Kanonenboote 
der Sibirischen Flotille gezählt werden, welche mit sechszölligen 
gezogenen Geschützen armiert werden sollten, ferner 1 Kanonen- 
boot der Baltischen Flotte, welches mit einem elfzölligen Geschütze 
armiert und speciell zur Küsten- Vertheidigung bestimmt war. 

Im Schwarzen Meere endlich konnten die schwachen mari- 
timen Kräfte daselbst einigermassen durch 7 Torpedoschaluppen 
unterstützt werden, die im Jahre 1877 zum Theile schon fertig 
waren. 

Die übrig-en Schiffe der russischen Flotte (Dampferfregatten, 
Yachten, Schoner, Dampfer etc.) besassen keinen Gefechtswert, 
sie dienten bloss für Zwecke des Hafen- und Semaphorendienstes, 
für Transporte u. s. w. ; in Ermangelung besserer Schiffe im 
Schwarzen Meere mussten jedoch während des Krieges auch diese 
zur Unterstützung herangezogen werden. 

Die Mehrzahl der Schiffe war mit gezogenen Stahl-Ring- 
kanonen armiert; das Caliber (12, 10, 9, 8 und 6 Zoll) wurde für 
jedes Schiff nach seinem Tonnengehalte, seinen Dimensionen und 
der Bauart bestimmt. Ueberdies waren zur Armierung der Schiffs- 
schaluppen und zur Abwehr von Torpedo-Angriffen neun- und vier- 
zöllige gezogene Kanonen und Kartäsch-Geschütze vorhanden. 

Ausser der artilleristischen Armierung erhielten mehrere 
Schiffe auch eine Torpedoausrüstung, bestehend aus Harvey- 
Torpedos, und zwar Bord-, Schlepp- und Boots-Torpedos. Mit 
solchen der letztgenannten Gattung wurden auch Ruderfahr- 
zeuge und Dampfkutter ausgerüstet. 



1 ) Es ist dies auch nicht die Aufgabe der Kreuzer, man muss jedoch mit dieser 
Möglichkeit rechnen. 

2 j Unter den Klippern waren zwei eiserne vorhanden, welche zu einer Serie von 
acht ungepanzerten Kreuzern gehörten, deren Bau beschlossen war. 



205 

Die Schiffs-Mannschaft war mit Sechslinien-Gewehren (System 
Baranow), Revolvern von 4/2 Linien-Caliber (System Galan d und 
Kolt) und mit Säbeln bewaffnet. 

Verantwortlich für das Schiff und dessen Personal, sowohl 
in militärischer als auch in administrativer Beziehung, war haupt- 
sächlich der Schiffs-Commandant, welchem sämmtliche Ofhciere 
und die Mannschaft des Schiffes unterstellt waren. 

Für die Dauer der Navigation wurden die Schiffe in De- 
tachements und Geschwader vereinigt, deren Commando Flagg-- 
männer — in der Regel Admirale — führten. Bei den Flaggmännern 
wurden besondere Stäbe errichtet. 

Mehrere vereinigte Geschwader bildeten eine Flotte unter 
dem Befehle eines Obercommandanten, dem ein besonderer 
Stab — zumeist unter Leitung eines Admirals — zur Seite stand. 
Die ausserhalb des Verbandes der Geschwader und Detachements 
stehenden Schiffe waren zur selbständigen Navigation bestimmt 
oder erhielten specielle Aufgaben. 

So waren in kurzen Zügen das russische Schiffsmaterial und 
die Organisation der Flotte gegen Ende des Jahres 1876 beschaffen. 
Die Organisation des Personals stellte sich zu dieser Zeit wie 
folgt dar: 

Das gesammte Ofnciers- Corps ergänzte sich: 1. die Flotten- 
officiere — durch Beförderung von Gardemarins *), welche aus 
der Marineschule, den Nikolajewer Junker-Classen und aus Frei- 
willigen mit entsprechender Vorbildung hervorgegangen waren ; 
2. die Gagisten der Special- Corps, wie Steuermänner, Artilleristen, 
Maschinen - Ingenieure und Schiffs -Ingenieure — durch Beför- 
derung von Conducteuren 2 ), welche die technische Marine-Schule 
absolviert hatten; 3. die Marine-Bau-Ingenieure — durch Ueber- 
setzung aus dem Militär-Ingenieur-Corps; 4. die der „Admiralität 
Zugetheilten" — durch Uebersetzung aus dem Flottenstande und 
aus anderen Verwaltungszweigen, sowie durch Beförderung aus 
dem Mannschaftsstande. Ueberdies gehörten auch Civilbeamte 
zum Marinepersonal. 

Die Gesammtdauer der Dienstpflicht (activ und Reserve) 
betrug laut dem Wehrgesetze für Officiere 7 Jahre ; jene, welche 
aus Marineschulen hervorgegangen waren, mussten für jedes in 



x ) Gardemarins entsprechen ungefähr den See-Cadetten. 

2 ) Conducteure waren Ofnciers- bezw. Beamten - Aspiranten für die Marine- 
Specialdienste. — D. Ueb. 



20Ö 

den Specialclassen zugebrachte Jahr 1.V2 Jahre präsent nachdienen. 
Der Reservestand an Officieren und die sogenannte Seewehr 
(zweite Reserve-Kategorie) bildeten die unentbehrliche Ergänzung 
für die Mobilisierung- der Flotte. Leider konnte diese Reserve 
des geringen Standes wegen ihrer Bestimmung nicht voll 
entsprechen. 

Die Mannschafts-Ergänzung- erfolgte anfänglich im Wege 
der Recruten - Aushebungen. Diese Ergänzungsart bestand 
mit einig-en Aenderungen bis zur Einführung- der allgemeinen 
Wehrpflicht im Jahre 1874. Das frühere System kümmerte sich 
nicht viel um die Specialbedürfnisse des Marinedienstes. Man 
theilte Recruten nach den allgemeinen Regeln zur Marine ein, 
ohne auf genügend kräftige Körperconstitution zu sehen, was 
aber für den Seedienst besonders nöthig ist ; man nahm auch 
gar keine Rücksicht auf die frühere Beschäftigung der Leute. 
In allen anderen Staaten bildeten schon seit langer Zeit die 
Matrosen der Handels-Flotte und die Küstenbewohner das beste 
Ergänzungsmaterial für die Kriegsmarine. In Russland, einem 
vorwiegend continentalen Reiche, bot der Mangel an solchem 
Material, besonders in der ersten Zeit, grosse Schwierigkeiten in 
der Durchführung dieses Grundsatzes. 

Im Jahre 1853 wurde der erste Versuch gemacht, die Be- 
völkerung der zwei an der Küste gelegenen Gouvernements 
Archangelsk und Astrachan ausschliesslich zum Dienste in der 
Kriegsmarine heranzuziehen. Später folgten noch andere Gouver- 
nements ; aber die auf diese Massregel gesetzten Erwartungen 
des Marine-Ministeriums erfüllten sich nicht — r hauptsächlich aus 
den vorangeführten natürlichen Ursachen. Um nun den Mangel 
zum Seedienste vorgebildeter Recruten zu decken, musste auf 
die an den Flüssen und den Binnenseen ansässige Bevölkerung 
gegriffen werden; im Jahre 1867 wurde dem Marine-Ministerium 
das Recht zugestanden, die demselben für den bezeichneten 
Zweck geeignet erscheinenden Rayone zu wählen und selbe 
ausschliesslich für die Marine auszunützen. 

Alle derartigen Massnahmen fanden die weiteste Berück- 
sichtigung in dem neuen Wehrgesetze vom Jahre 1874. Dasselbe 
führte zwei für das Gedeihen der Seemacht sehr wichtige Grund- 
sätze ein : erstens wurden einzelne Gebiete des Reiches aus- 
schliesslich für die Bedürfnisse der Seemacht bestimmt; zweitens 
wurde normiert, dass zur Kriegsmarine aus dem gesammten Jahres- 
Contingente an Recruten die gewesenen Matrosen, Maschinisten, 



207 

Heizer, Professionisten und alle, die Neigung zur Flotte hatten, 
eingereiht werden sollten. Bei der ersten Assentierung waren 
unter sämmtlichen zur Flotte Eingereihten bloss 25 Procent solcher, 
die für den Seedienst entsprechend vorbereitet waren; das Ver- 
hältnis besserte sich jedoch bald, und schon während des Krieges 
1877 — 1878 war die Procentzahl auf 80 gestiegen, abgesehen 
davon, dass ein an Küsten -Bevölkerung- so reiches Land wie 
Finnland zur Recrutenstellung für die Kriegsmarine nicht heran- 
gezog'en wurde. 

Die Dienstpflicht, vorerst lebenslänglich, wurde allmählich 
verringert; durch das neue Wehrg*esetz vom Jahre 1874 wurde 
sie auf 10 Jahre beschränkt, und zwar 7 Jahre präsent, 3 Jahre in 
der Reserve. Die eingereihten Recruten wurden nach Abnahme des 
Eides als Matrosen 2. Classe eingetheilt I ). Die Vorrückung in 
die 1. Classe hieng von den Erfolgen und der Aufführung- der 
Leute ab und g-eschah in der Regel nicht früher als im zweiten 
Dienstjahre. Bei der Ergänzung der Schiffs-Bemannung war der 
Grundsatz massgebend, dieselben zu einem Drittel aus Matrosen 
1. Classe und zu zwei Dritteln aus solchen 2. Classe zusammen- 
zusetzen. Die Unterofhciere bestanden aus Bootsmännern, Boots- 
mannsmaaten und Quartiermeistern 2 ). 

Mit der Einführung der allgemeinen Wehrpflicht erhielt die 
Flotte die Möglichkeit, sich eine entsprechende Personalreserve 
zu schaffen, welche sich aus 3 Jahrgängen zusammensetzte. 
Die wichtige Bedeutung einer solchen Reserve für jede Flotte, 
umsomehr aber für die russische, liegt auf der Hand. Die 
Bereitstellung der grossen Menge der nöthigen Specialisten 
bot infolge der angedeuteten ungünstigen Verhältnisse be- 
sondere Schwierigkeiten und bedingte grosse Opfer. Es musste 
demnach jede halbwegs passende Gelegenheit ausgenützt werden, 
um durch Uebersetzung in den Reservestand die Flottenreserve 
zu vermehren; letztere schwankte zwischen 3000 und 19.000 Mann. 
Eine solche Reserve erhielt einen besonderen Wert im Falle 
einer Mobilisierung; diese letztere wurde nämlich auch durch 
die im Wehrgesetze vom Jahre 1874 eingeführte gemischte 



*) Bei den Specialdiensten: Maschinisten und Heizer 2. Classe. 

2 ) Die Bootsmänner können im allgemeinen mit den Feldwebeln verglichen 
werden; jenes ist jedoch eine ausschliesslich maritime Benennung; der Bootsmann 
steht höher als die Feldwebel der die Schiffs-Bemannung bildenden Compagnien. Die 
Bootsmannmaate entsprechen den älteren, die Quartiermeister den jüngeren Unter- 
oificieren. 



208 

Ergänzung besonders erschwert, da die Leute aus verschiedenen, 
nicht selten über iooo Werst von dem Garnisonsorte entfernten 
Gouvernements einzurücken hatten. 

Die siebenjährige Dienstpflicht erwies sich bald als nicht 
ausreichend, um die Mannschaft mit dem Marinedienste vertraut 
zu machen. Es wurde demnach im Jahre 1875 als unerlässlich 
erkannt, ausgediente Mannschaft, und zwar die bestausgebildeten 
und die erfahrensten Leute, insbesondere Specialisten, durch ver- 
schiedene Begünstigungen zum Längerdienen zu bewegen. 

Vom Jahre 1863 an wurde jährlich eine besondere, vom 
Admiralitätsrathe bestätigte Repartition der Personal-Ergänzung 
ausgegeben. Dieselbe bestimmte die Zahl der Officiere und Mann- 
schaft verschiedener Kategorien zur Ergänzung der Schiffs-Be- 
mannungen, der Equipag'en, Schulen und Anstalten der Marine- 
verwaltung ; sie diente zugleich als Grundlage für die Auftheilung 
der einzuberufenden Recruten. 

Als Ergänzung zu dieser Repartition wurden nach stati- 
stischen Angaben Verzeichnisse der Officiere, Beamten und Aerzte 
des Schiffs- und Küstenpersonals angelegt. Am 1. [13.] Jänner 
1877 waren in allen Kategorien über 4000 Gagisten vorhanden *) ; 
auf den normierten Stand fehlten 48 Ob er officiere. Dieser Ab- 
gang konnte leicht gedeckt werden, und zwar entweder durch Be- 
förderung von Gardemarins und Conducteuren oder durch Einbe- 
rufung von Officieren aus der Reserve, aus dem Urlauberverhält- 
nisse, endlich solcher, die zur Dienstleistung auf Handelsschiffen 
beurlaubt waren. Die Zahl der Combattanten, das ist der zum 
Bestände der Schiffs-Besatzungen gehörigen Mannschaft belief sich 
auf 25.076 Mann. Auf den normierten Stand fehlten 495 Mann; 
deren Complettierung bot aber keine Schwierigkeit, denn es 
standen hiezu ein neues Recruten-Contingent und die Mannschaft 
des Reservestandes (über 5400 Mann) zur Verfüg-ung. 

Die ökonomisch- und militärisch-administrative Einheit des 
Personalstandes in der russischen Kriegsmarine bildete die 
Compagnie. Die Bemannung jedes einzelnen Kriegsschiffes be- 
stand je nach der Grösse desselben aus einer oder mehreren 
Compagnien. Zum Zwecke der höheren administrativen und 
militärischen Controle zu Lande vereinigte man mehrere Compagnien 
zu grösseren Einheiten, die man „Equipagen" benannte. Jeder 



*) Darunter : 123 Admirale und Generale, 763 Stabsofficiere, 2274 Oberofficiere, 
797 Beamte, 144 Gardemarins und Conducteure. 



2og 

Equipage gehörten einige Schiffe an; die Vertheilung erfolgte 
derart, dass eine Equipage den beiläufigen Stand von 2000 Mann 
erreichte. Die zugehörigen Officiere wurden jährlich in einer be- 
sonderen Conferenz der Flaggmänner und Capitäne auf die zur 
Navigation bestimmten Schiffe aufgetheilt. 

Der gesammte combattante Personalstand der Flotte theilte 
sich in 14 Equipagen (1 Garde-, 12 Flotten- und 1 Cadre-), 1 Halb- 
equipage und 2 selbständige Compagnien. Die Vertheilung und 
Dislocation derselben war folgende : 

In der Baltischen Flotte : Garde-Equipage — St. Petersburg ; 
8 Flotten-Equipagen, hievon die ersten 7 in Kronstadt, die letzte 
in Petersburg; Revaler Halbequipage in Reval; Finnische Cadre- 
Equipage in Helsingfors ; Finnländische und Archangelsker Flotten- 
Compagnie in Helsingfors, beziehungsweise Archangelsk. 

In der Schwarzmeer-Flotte : 2 Equipagen (Nr. 1 und 2) in 
Nikolajew. 

In der Kaspischen und Sibirischen Flotille : je 1 Equipage 
in Baku, beziehungsweise Wladiwostok. 

Das Personal der Aral-Flotille bildete keine Equipage oder 
Compagnie. 

Das Marinewesen, vorher schon schwierig und compliciert, 
wurde beim Uebergange vom Segelschiffe zum Dampfer und 
Panzerschiffe noch bedeutend complicierter. Im Verhältnisse der 
kolossalen Entwicklung der Technik wuchs auch das Bedürfnis nach 
Specialisten aller Art, und zwar nicht nur an Ofhcieren, sondern 
an Mannschaft. Die Ausbildung der letzteren aber wurde durch 
die Verkürzung der Präsenzdienstpflicht noch schwieriger. Berück- 
sichtigt man ferner einige Eigenthümlichkeiten der Organisation 
des Seedienstes, welche von jedem im Frieden und im 
Kriege ausgelaufenen Schiffe stete Kriegsbereitschaft fordern, 
so kann man leicht ermessen, welche aussergewöhnlichen An- 
strengungen und grossen Opfer zur allseitigen Ausbildung des 
Personals in dieser Richtung erforderlich waren. Diese Ausbildung 
umfasste den theoretischen Unterricht in verschiedenen Anstalten 
und Special-Cursen, den Dienst zu Lande und schliesslich die 
Navigations-Turnusse. 

Die Marine-Bildungsanstalten wurden zu Beginn der 
Sechziger- Jahre einer radicalen Reform unterzogen, deren Grund- 
züge in folgendem bestanden: 1. Trennung der allgemeinen von 
der Fachbildung; 2. Concurrenz-Prüfungen für die Aufnahme; 

Der russisch-türkische Krieg. I. Bd. 14 



2IO 



3- Erleichterung* des Zutrittes zu der Marine-Ausbildung für 
Personen verschiedener Berufe, endlich 4. Vermehrung der Mittel 
zur praktischen Bekanntmachung mit dem Seewesen. Diese Reform 
wurde jedoch aus verschiedenen Gründen nicht vollständig durch- 
geführt, und selbst deren Principien unterlagen im Laufe der Zeit 
mancher Schwankung- und Aenderung. 

Das Marine-Cadetten-Corps wurde in die Marine-Schule um- 
gewandelt; die Steuermann-, die Artillerie- und die Ingenieur- 
Schule wurden in eine gemeinsame Anstalt unter der Bezeichnung 
„Technische Schule" vereinigt. Beide Schulen bestanden aus 
vier Jahrgängen, und zwar einer Classe für allgemeine Fächer 
und drei Specialclassen. In die Marine-Schule wurden auf Grund 
einer Concurrenz-Prüfung Aspiranten von 15 bis 18 Jahren auf- 
genommen, welche fünf Gymnasial-Classen absolviert hatten 
oder eine dementsprechende Vorbildung nachweisen konnten ; in die 
technische Schule kamen Bewerber von 15 bis 17 Jahren mit 
Kenntnissen, welche der Absolvierung von vier Mittelschul- 
classen mit Ausschluss der alten Sprachen gieichkamen. 

Um die Zöglinge beider Anstalten mit den Forderungen 
des Marinedienstes besser bekanntzumachen, bevor sie verantwort- 
liche Stellungen einnahmen, wurden sie nicht als Officiere, sondern 
als Gardemarins und Conducteure ausgemustert. Als solche mussten 
sie zwei Einschiffungen unter Leitung und sozusagen unter der 
Vormundschaft ihrer unmittelbaren Vorgesetzten mitmachen, wo- 
rauf sie einer praktischen Prüfung unterzogen und danach zu 
Ofiicieren befördert wurden. 

Die in Nikolajew 1872 errichteten Junkerclassen musterten nur 
eine sehr beschränkte Zahl von Frequentanten aus, sie spielten also 
in der Ergänzung des See-Officierscorps eine nebensächliche Rolle 1 ). 

Für die höhere Fachbildung der Seeofficiere und jener der 
Specialzweige bestand beim Marine-Cadetten-Corps seit 1827 
eine Officiersclasse, welche im Jahre 1862 in einen ,,Akademie- 
Curs der Marine-Wissenschaften" umgewandelt und schliesslich 
im Jahre 1877 anlässlich des fünfzigjährigen Jubiläums in die 
„Nikolaus-Marine-Akademie" umbenannt wurde. Dieser Ofnciers- 
Curs bestand aus 3 Abtheilungen : der hydrographischen, der 
Maschinen- und der Schiffbauabtheilung, jede mit zweijährigem 
Lehrgange. Vom Jahre 1874 an wurden in die erstgenannte Ab- 



") Behufs Erprobung für die Ernennung zu Gardemarins wurden die Junker 
aus Nikolajew auf einige Zeit der Marine-Schule zugetheilt. 



21 I 

th eilung See- und Steuermannsofficiere nach mindestens zwei Ein- 
schiffungen in der Dauer von je drei Monaten, in die letzteren zwei 
Abtheilungen Seeofficiere und solche der Special-Corps aufge- 
nommen. Die Aufnahme und Ausmusterung erfolgten jedes zweite 
Jahr, auch wurden zu denselben externe Hörer zugelassen. 

Vom Jahre 1862 bis einschliesslich des Jahres 1876 erhielten 

— mit Einschluss der externen Hörer für einzelne Gegenstände 

— 76 Officiere, darunter 42 Seeofficiere, die höhere Fachbildung. 
Ueberdies absolvierten 3 Seeofficiere im Jahre 1873 die Michael- 
Artillerie-Akademie. 

Trotz aller Umwandlungen konnte die Marine-Akademie 
ihrer Bestimmung nicht voll entsprechen, und zwar hauptsächlich 
aus zwei Gründen : erstens fehlte eine besondere kriegs-maritime 
Abtheilung, in welcher zugleich mit den mathematischen auch 
die jedem Seeofficier nöthigen militärischen Wissenschaften, wie 
Strategie, Taktik, See-Kriegsgeschichte etc., zum Vortrage ge- 
langt wären; zweitens waren die verfügbaren Geldmittel ungemein 
knapp bemessen 1 ). Die Akademie gab infolgedessen ihren 
Schülern eine tüchtige theoretische Fachbildung, welche jedoch 
nicht völlig* den Anforderungen des praktischen Marinedienstes 
Rechnung trug*. 

Die wichtigste und beste Schule für die Vorbereitung des 
Personals zum Seedienste bildete zweifellos die praktische 
Navigation sowohl im Auslande als in den einheimischen Ge- 
wässern. Die Auslandsfahrten waren in dieser Beziehung besonders 
I wertvoll : sie stählten das Personal und machten es mit fremden 
Ländern und Flotten bekannt. Russische Kriegsschiffe erschienen 
immer häufiger in fremden Meeren, speciell im Mittelmeere 
und im Stillen Ocean. Mitunter hatten solche Besuche auch 
politische Bedeutung. So wurde es für nöthig erachtet, eine 
besondere Schiffs-Division ständig in den griechischen Gewässern 
zu halten 2 ); derselben fiel im Jahre 1860 die Aufgabe zu, gemein- 
sam mit dem englischen und französischen Geschwader, die 



l ) Während das Budget der Marine-Schule gegen 250.000 Rubel betrug, waren 
für die Akademie kaum 18.000 Rubel, das ist circa 7 Procent der vorgenannten 
Summe, angewiesen. 

2 j Gegen I. [13.] Jänner 1877 unter der Flagge des Contre-Admirals Butakow: 
die Fregatten ,.Swjetljana" und „Petropawlowsk" ; die Corvetten „Askold" und 
„Bogatyr" ; der Klipper ,,Krajser" ; die .Schoner ,,Psezuape" und ,,Kelasury". Im 
ganzen 7 "Wimpel, mit 86 gezogenen Geschützen von 4 Pfund bis zu 8 Zoll Caliber 
— ohne die Kartätsch-Geschütze einzurechnen. 

14* 



2 12 

Interessen der Christen in Syrien zu schützen. Zur Zeit des Auf- 
standes auf der Insel Creta im Jahre 1866 überführten russische 
Schiffe gegen 25.000 Insurgenten-Familien nach Griechenland. 

Nicht geringere Aufmerksamkeit verdient die Thätigkeit 
der Escadre im Stillen Ocean 1 ). Ihre Schiffe wurden abwechselnd 
zu Kreuzerfahrten bestimmt, um die Controle über die Aus- 
länder zu üben, welche die Küsten und Inseln des „Küsten- 
Gebietes" (Primorskaja Oblastj) besuchten. Das Erscheinen der 
russischen Kriegsschiffe in den Meeren des äussersten Ostens zu 
einer Zeit, wo die grössten Seemächte Europas Beziehungen mit 
Japan und China anknüpften, trug zur Stärkung des politischen 
Einflusses Russlands nicht wenig bei. Besonders bemerkenswert 
erscheint in diesem Sinne die Fahrt der Escadre des Admirals 
Lesowski von Kronstadt nach Nord- Amerika im Jahre 1863, 
als eben die Beziehungen zu den europäischen Westmächten sich 
infolge der Polnischen Insurrection zugespitzt hatten. 

Der Geldmangel gestattete jedoch nicht die Entwicklung 
der weiten Fahrten in dem erwünschten Masse. Dieselben 
waren sehr theuer und dauerten sehr lange; die Theilnehmer 
konnten nicht häufig gewechselt werden. Die Zahl der Officiere, 
welche diese praktische Schule durchgemacht hatten, war dem- 
nach relativ gering. Die übrigen nahmen an der Navigation in 
den einheimischen Gewässern, hauptsächlich im Baltischen Meere 
theil, wo anfangs der Sechziger- Jahre das erste Panzer-Geschwader 
formiert wurde. Das Commando desselben übernahm Vice- 
Admiral Butakow; er blieb auf diesem einflussreichen Posten 
bis zum Kriege 1877 — 1878. 

Während seiner neunjährigen Wirksamkeit an der Spitze des 
Panzer -Uebungs- Geschwaders machte Admiral Butakow aus 
diesem eine praktische Schule zur Ausbildung von Offi eieren und 
Mannschaft für den See- und Kriegsdienst auf den neuen Schiffen; 
nahezu drei Viertel des gesammten Flottenpersonals passierten 
diese Schule. Infolge der vollständigen Aenderung der Schiffe 
und ihrer Ausrüstung in dieser Uebergangs-Periode musste ein 
ganz neues Ausbildungs-System geschaffen werden, welches die 
Seeleute mit den Schiffen selbst vertraut machte und sie zur 
Ausnützung der neuesten Kampfmittel anspornte. 

x ) Zur selben Zeit unter der Flagge des Contre- Admirals Puzino: die Corvette 
„Bajan"; die Klipper „Wsadnik", „Gajdamak" und ,.Abrek" ; das Boot „Gornostaj" ; 
das Transportschiff ,.Japonjetz" ; die Schoner „ Tungus", „Wostok" und , Jermak". 
Im ganzen 9 Wimpel mit 38 gezogenen Geschützen, von 4 Pfund bis zu 6 Zoll Caliber. 






213 

Admiral Butakow war der rechte Mann dazu. Er besass 
reiche Kriegserfahrung und erfreute sich nicht nur in Russland, 
sondern auch im Auslände einer wohlverdienten Autorität. Dieser, 
nach Ausspruch des Erlauchten General-Admirals „echte See- 
mann und vorzügliche Kenner der Seetaktik" 2 ) wandte auch die 
zweckmässigsten Mittel an, um das vorerwähnte Ziel zu er- 
reichen. 

Auf der weiten Rhede von Transund, wo sich bisweilen 
bis zu 18 Wimpel vereinigten, arbeitete die Escadre die besten 
Arten des Angriffes und der Vertheidigung aus ; dort schoss sie 
nach der Scheibe, sprengte Minen, übte sich im Rammen und 
im Signalwesen. Die neuen Einführungen Butakows zogen 
bald die Aufmerksamkeit des Auslandes auf sich. Den Engländern 
gefiel die mobile Geschwader-Werkstätte auf einem besonderen 
Dampfer, und sie beeilten sich, dieselbe bei sich einzuführen. 
Noch grösseres Interesse erweckten bei ihnen die neuen Schiess- 
und Rammübungen. Bei der früheren Art des Schiessens nach 
fixen Scheiben, von einem langsam sich bewegenden Schiffe aus 
und bei genau bekannten Distanzen, war es nicht möglich, jene 
Erfahrung* und Praxis zu erwerben und sich jene Handgriffe 
eigen zu machen, die für das Gefechtsschiessen unerlässlich sind, 
denn jenes Schiessen war von den Verhältnissen eines modernen 
Kampfes gar zu weit entfernt. Um diesem Mangel abzuhelfen, 
führte Admiral Butakow das Schiessen mit zwei sich gegen- 
einander beweg*enden Schiffen ein, welche eigens hiezu her- 
gerichtete Ziele schleppten ; die Entfernung zwischen den Gegnern 
war veränderlich. Leider war die volle Entfaltung* dieser Schiess- 
übungen durch die karge Munitions-Dotierung eingeschränkt. 

Ramm Vorrichtungen bestanden damals in allen Flotten, 
nirgends aber wurde das zur Anwendung der Rammtaktik er- 
forderliche Manövrieren praktisch geübt. Admiral Butakow war 
der erste, der solche Uebungen in seinem Geschwader einführte. 
Es wurden anfangs alte Schrauben -Kanonenboote hiezu her- 
gerichtet ; später baute man zu diesem Zwecke eigene schnell- 
fahrende Dampfbarkassen. Bei diesen Uebungen und Versuchen, 
sich gegenseitig- zu rammen, schärften die Commandanten und 
älteren Officiere in hohem Grade ihr Augenmass und eigneten 
sich die für solche Manöver nöthige Gewandtheit und Kalt- 
blütigkeit an. 



') Allerunterthänigster Bericht über die Kriegs-Flotte. 



214 

Im Jahre 1868 besuchte der deutsche Admiral Jachmann mit 
fünf Schiffscapitänen die Transunder Rhede, um die Einrichtungen 
des Panzer-Geschwaders kennen zu lernen ; die Einführung der- 
selben in der deutschen Flotte Hess nicht lange auf sich warten. 

Der Nutzen, welchen das Panzer-Geschwader in der Aus- 
bildung des Flottenpersonals für den See-Kriegsdienst bringen 
konnte, wurde, wie früher gezeig't, durch die unzureichende 
Munitions-Dotierung beeinträchtigt ; ein weiteres Hemmnis bildete 
auch die relativ geringe Beweglichkeit der Escadre, welche ihren 
Grund in dem ungenügenden Ausmasse an Kohlen hatte. Unter 
diesen Umständen war man nicht in der Lage, in der 
kurzen Zeit von 3 bis 4 Monaten auch noch die Specialisten 
auszubilden. Zu letzterem Zwecke bestanden eigene Lehr- 
Detachements für Artillerie- und Torpedowesen mit entsprechenden 
Commanden und Schulen. Die in diesen Cursen ausgebildeten 
Artillerie- und Torpedo-Officiere, sowie die Richtmeister und 
Torpedisten des Mannschaftsstandes wurden auf alle Schiffe der 
Flotte vertheilt. 

Als im Jahre 187 1 die Bestimmungen des Pariser Vertrages, 
welche der Entwicklung der Kriegs-Flotte im Schwarzen Meere 
im Wege standen, ausser Kraft gesetzt wurden, fanden auch dort 
praktische Fahrten von Kriegsschiffen statt ; sie hatten jedoch 
der Flotte bis zum Kriege im Jahre 1877 trotz der relativ sehr 
günstigen geographischen und klimatischenVerhältnisse noch keinen 
wesentlichen Nutzen gebracht. 

Zur Bestimmung der Zahl der Schiffe, der Officiere und der 
Mannschaft für die beabsichtigten Uebungsfahrten gab das 
Marine-Ministerium jährlich seit dem Beginne der Sechziger- 
Jahre ein Navigations-Programm heraus. Die Zahl der zur 
Navigation bestimmten Schiffe und die Menge des Personals 
unterlagen, je nach den politischen Verhältnissen und den finan- 
ziellen Mitteln, vielfachen Schwankungen. Im allgemeinen jedoch 
war beides im Verhältnisse zu dem Gesammtbestande der Flotte 
recht gering. 

Von dem in der Periode von 1855 — 1879 eingeschifften 
Personal hatten theilgenommen : an den Auslandsfahrten 20*5 Pro- 
cent der Officiere und 29*8 Procent der Mannschaft, an den Fahrten 
in einheimischen Gewässern 79*5, beziehungsweise 70*2 Procent. 

Die Kriegsausbildung wurde durch den Dienst zu Lande 
einigermassen gefördert. Die Abtheilungen und Specialcomman- 
den betrieben das Turnen, das Scheibenschiessen mit Gewehr, 



215 

Pistole und Geschütz (Küstenbatterie) ; sie lernten die Theorie 
des Artillerie-; Torpedo- und Maschinenwesens, bildeten sich in 
der Steuerführung und im Signalisieren aus, lernten schliesslich 
das Exercieren und den übrigen Frontdienst durch verschiedene 
Commandierungen kennen und rückten zu Paraden gemeinsam 
mit den Land-Truppen aus. Alles dies ersetzte wohl nicht die 
Navigation, aber es bereitete wenigstens zum Theile für den 
Schiffsdienst vor. 

Ungeachtet der vorangeführten Schwierigkeiten in der Aus- 
bildung des russischen Kriegs -Flotten -Personals war vor dem 
Feldzuge 1877 — 1878 eine genügende Zahl erfahrener Matrosen 
und Specialisten vorhanden, um Marine-D etachements auf der 
Donau und im Schwarzen Meere formieren, sowie die Bemannung 
der Kreuzer und Torpedoboote completieren zu können. 

Es darf nicht unerwähnt bleiben, dass die Verstärkung der 
Kriegs-Flotte in Kriegszeiten durch Personal und durch eiligst 
adaptierte und armierte Schiffe der Handels-Flotte — wie es bei 
anderen Marinen üblich ist — in Russland nicht leicht möglich war. 
Einer solchen Hilfe bedurfte speciell Russland zur Zeit des Feld- 
zuges 1877 — 1878 wegen der Schwäche seiner Kriegs-Flotte im 
Schwarzen Meere, welches den europäischen Kriegsschauplatz von 
dem asiatischen trennte. Dort befanden sich nämlich ausser den 
zwei Popowkas nur noch Holzschiffe und Dampfer ohne jeden 
Gefechts wert. 

Die für die Unterstützung der Kriegs-Flotte so wichtige 
Handelsschiffahrt befand sich jedoch damals in einer durchaus 
nicht befriedigenden Lage. Die Handels-Flotte bestand nahezu aus- 
schliesslich aus zwei vom Staate subventionierten Gesellschaften: 
der „Russischen Dampfs chiffahrts- und Handels-Gesellschaft" und 
der Gesellschaft „Kaukasus und Mercur". Die Concurrenz dieser 
beiden reichen Gesellschaften und jene der ausländischen Handels- 
Flotten erstickte im Keime alle anderen schwächeren Unter- 
nehmungen und Hess eine Entwicklung der russischen Handels- 
marine nicht zu. 

Von den das Schwarze Meer befahrenden Handelsschiffen 
waren bloss 7 Procent und, wenn man nur die Dampfer in Betracht 
zieht, 15 Procent russischer Provenienz. Der grössere Theil der 
letzteren war Eigenthum der „Russischen Gesellschaft" ; sie war 
in der Lage, mit ihren Schiffen auf einmal eine Infanterie-Division, 
eine Cavallerie-Division und eine Artillerie-Brigade mit zugehörigen 



2 l6 

Stäben, Trains, Pferden und Lazarethen einzuschiffen. Die 
schnellsten dieser Schiffe konnten auch mit Erfolg zum Kreuzer- 
dienste verwendet werden. Im ganzen wurden 22 Dampfer der 
Gesellschaft für Kriegszwecke in Anspruch genommen. 

Die Gesellschaft „Kaukasus und Mercur", deren Schiffe 
hauptsächlich die Wolga und den Kaspisee berühren, hatte sowohl 
ihres Schiffparks halber als auch wegen der Entfernung vom Haupt- 
Kriegsschauplatze nur secundäre Bedeutung ; auf ihren Schiffen 
konnten 1 0.000 Mann Infanterie zugleich befördert werden; während 
einer Navigationsperiode war man in der Lage, gegen 2 Millionen 
Pud [32 Millionen kg\ ärarischer Güter nach dem Kaukasus zu be- 
fördern. 

Mochten aber auch Handelsschiffe in noch so grosser Zahl 
und Güte der Marineleitung zur Verfügung stehen, so konnten sie 
doch die Kriegs-Flotte nicht ersetzen. Die Zeit zur Schaffung einer 
solchen im Schwarzen Meere war seit 1871 wohl zu kurz gewesen; 
überdies hätten auch die verfügbaren Mittel des Marine-Mini- 
steriums zur Durchführung eines Flottenbau-Programms nicht 
ausgereicht. Die Ausführung einer so wichtigen staatlichen Auf- 
gabe konnte aber bei consequentem Streben dennoch nicht als 
unmöglich gelten. 

Jede Kriegs-Flotte bedarf gut eingerichteter Basispunkte ; 
gewöhnlich sind es Kriegshäfen. Russland besass vor dem 
Kriege 9 Kriegshäfen, und zwar 4 am Baltischen Meere (Kronstadt, 
Petersburg, Reval und Sveaborg), 1 am Weissen Meere (Archan- 
gelsk), 2 am Schwarzen Meere (Sewastopol und Nikolajew), 
1 am Kaspisee (Baku) und 1 am Stillen Ocean (Wladiwostok). 

Der wichtigste russische Kriegshafen war Kronstadt, wo 
sich alle zum Bau, zur Ausrüstung und Armierung der Kriegs- 
schiffe nöthigen Mittel befanden. Ueberdies war Kronstadt wegen 
der Nähe der Hauptstadt durch die in das Meer vorgeschobenen 
Forts und Batterien besonders sorgfältig befestigt worden und 
hiedurch, sowie auch infolge der geringen Wassertiefe, für eine 
feindliche Flotte beinahe unnahbar. Seine Lage jedoch, tief im 
finnischen Meerbusen, welcher sechs Monate im Jahre zugefroren 
ist, gab Kronstadt eine bloss locale strategische Bedeutung, die 
bei einem eventuellen Kampfe Russlands mit Schweden um die 
Beherrschung des Baltischen Meeres von besonderer Wichtigkeit 
war. Uebrigens bot Kronstadt auch in maritimer Beziehung 
keinen guten Ankerplatz, namentlich für grosse Schiffe, 






2I 7 

da der Grund durch Versandung seicht wurde, das Fahr- 
wasser schmal und gewunden und die nahezu offenen Rheden den 
herrschenden West- und Südwestwinden ausgesetzt waren. 

Der Petersburger Kriegshafen diente speciell zum Neubau 
von Kriegsschiffen, sowie zur Erzeugung von Maschinen und Ge- 
schützen für die Flotte. 

Die übrigen Kriegshäfen des Baltischen Meeres — Reval 
ausgenommen — sowie jene des Weissen Meeres und des Kaspi- 
sees waren von untergeordneter Bedeutung. 

Wladiwostok bildete die einzige Basis der russischen Flotte 
im „Fernen Osten" ; infolge der gesteigerten Aufmerksamkeit, 
welche Europa den reichen Gebieten des asiatischen Festlandes 
zuwandte und mit Rücksicht auf die im Entstehen begriffene 
Seemacht Japans gelangte Wladiwostok zu einer aussergewöhnlichen 
Bedeutung. Dessenungeachtet entsprach dieser Hafen bei weitem 
nicht seiner Bestimmung, denn erstens befanden sich die zwei 
besten Ausgänge aus dem Japanischen Meere (die Strassen von 
Korea und Sangar [Tsugar?]) zum Ocean in den Händen der 
Japaner, zweitens und hauptsächlich hatte Wladiwostok zur Zeit 
des Kriegsausbruches infolge Geldmangels noch nicht zu einem 
Kriegshafen ersten Ranges ausgebaut werden können. 

Unter den Kriegshäfen des Schwarzen Meeres nimmt zufolge 
seiner vortrefflichen geographischen und strategischen Lage 
Sewastopol die erste Stelle ein. Aber der Platz hatte sich von 
den Schäden des Krim-Krieges noch nicht erholt; mit der Ver- 
nichtung der Flotte verlor er allmählich seine militärische Bedeu- 
tung, welche nach und nach auf Nikolajew *) übergieng. Letzterer 
Hafen besass zwar keine so weite, tiefe und eisfreie Bucht wie 
Sewastopol 2 ), aber er konnte — dank seiner Lage tief im Bug-- 
Liman und den nach dem Orient-Kriege 1853 — 1856 erhalten 
gebliebenen Kriegshafen-Einrichtungen — den Schiffen der 



1 ) Im Jahre 1867 wurde der Kriegshafen von Sewastopol, hauptsächlich aus 
finanziellen Rücksichten, sogar ganz aufgelassen. 

2 ) Die Bucht von Sewastopol gilt mit Recht als eine der besten in der Welt. 
Tief in das Festland eingeschnitten, hat sie eine Länge von 4 Meilen und eine 
Breite von 1 J2 Meile, bei einer Tiefe von 4 bis 10 Sazen. Gegen Winde nahezu von 
allen Seiten geschützt (ausgenommen WNW bis WSW), ist sie reich gegliedert und 
weist zahlreiche kleine Buchten auf, von denen die grösste, die Südbucht, einen 
vorzüglichen Hafen bildet; der Boden ist eben und schlammig; die Bucht friert beinahe 
nie zu. 

Hier und in der Folge sind die Entfernungen zur See in Seemeilen (1 Meile = 
1V4 Werst), die Tiefen in Seesazen (1 Sazen = 6 Fuss) angegeben. 



2l8 

Schwarzmeer-Flotte einen sicheren Zufluchtsort und eine Reparatur- 
Werkstätte ] ) bieten. Grössere Herstellungen und Schiffbauten 
konnten in Sewastopol auf der eigens hiezu hergerichteten so- 
genannten Lazarew'schen Admiralitäts-Werft der „Russischen 
Gesellschaft" bewirkt werden. 

Auf diese Art bildeten Sewastopol und Nikolajew, 200 See- 
meilen voneinander entfernt 2 ) und sich gegenseitig ergänzend ; die 
Hauptbasispunkte für den Kriegsschauplatz am Schwarzen Meere, 
auf welchen sich die Operationen der russischen Seestreitkräfte 
im Feldzuge 1877 — 1878 beschränkten. 

Die Lage des Schwarzen Meeres ist in allgemeinen Zügen 
folgende : 

Zwischen dem 41. und 47. Grad nördlicher Breite gelegen, 
hat das Schwarze Meer in ostwestlicher Richtung (von Redut Kaie 
nach Burgas) eine Länge von 6io ; in nordsüdlicher Richtung 
von Ocakow nach Penderaklia eine Ausdehnung von 330 geo- 
graphischen Meilen. Von seiner ungefähr 3900 Werst langen 
Küste gehörte mehr als die Hälfte zu Russland. Damit sind aber die 



2 ) Inwieweit der Hafen von Nikolajew dieser Bestimmung entsprach, lässt sich 
am besten aus dem Umstände entnehmen, dass die erste Popowka ,, Nowgorod", welche 
in Petersburg erbaut und in zerlegtem Zustande nach Nikolajew gebracht worden war, 
dort mit Hilfe der vorhandenen Einrichtungen im Verlaufe von 18 Monaten zusammen- 
gesetzt und am 21. Mai [2. Juni] 1873 vom Stapel gelassen werden konnte. Die zu 
dieser schwierigen und complicierten Arbeit errichteten provisorischen Werkstätten 
boten die Möglichkeit, eine zweite noch grössere Popowka „Vice-Admiral Popow" 
dortselbst zu bauen; diese lief 1876 vom Stapel. 

2 ) Die Entfernungen (in Seemeilen) zwischen den wichtigeren Häfen des Schwarzen 
Meeres sind aus der folgenden Tabelle zu ersehen : 



CO 



o 
25 



CO 



cq 



CO 



Odessa . 
Nikolajew 
Sulina. . 
Küstendje 
Varna. . 
Burgas . 
Conslantinopel 
Sewastopol. 
Kerc . . . 
Noworossijsk 
Suchum . . 
Poti . . . 
Batum . . 
Sinope . . 



74 



95 
157 



170 

231 



246 
302 
149 



290 
350 
195 
125 

57 



344 
403 
249 
192 

147 
126 



165 
200 
169 
208 
257 
291 
298 



333 



372 
408 
444 
432 
182 



360 
401 
360 
399 
440 
472 
455 
211 



508 
551 
505 
544 
575 
597 
557 
357 
247 
177 



550 
592 
547 
586 
606 
627 
579 
399 
296 
228 
57 



563 
605 
563 
594 
618 
632 
589 
412 
318 
249 
84 
30 



337 
367 
307 
325 
333 
347 
310 
191 
210 
203 
270 
292 
293 



37 
45 
115 
192 
259 
308 
358 
158 
330 
359 
506 
547 
560 
334 



2 IQ 

Vorzüge der russischen Küste nicht erschöpft ; sie ist nämlich 
reich gegliedert, dicht bevölkert und weist grosse Flüsse 
auf. Im Gegensatze hiezu ist die sandige anatolische Küste sehr 
wenig eingeschnitten, hat keine grösseren Flüsse und nahezu keine 
günstigen Hafenplätze. Die westliche, das ist die rumelische Küste, 
weist in dieser Beziehung bessere Verhältnisse auf. 

Das Bassin des Schwarzen Meeres bildet einen weiten Kessel 
mit einer regelmässig und allmählich zunehmenden Tiefe, welche 
zwischen der Krim und der anatolischen Küste 1227 Seesazen 
beträgt ; in grösserer Entfernung von den Küsten sind unter 
Wasser keine Hindernisse vorhanden. Diese Verhältnisse, im 
Vereine mit dem günstigen Meeresgrunde, der geringen Zahl 
von Inseln x ) und der hinreichenden Meng-e von Ankerplätzen 
und geschützten Zufluchtshäfen, lassen das Meer als der Schiff- 
fahrt günstig erscheinen. Aber schon seit den ältesten Zeiten ist 
das Schwarze Meer wegen seiner heftigen — namentlich zur Winters- 
zeit auftretenden — Stürme berüchtigt. Durch besondere Rauheit 
zeichnet sich der Nordostwind aus, welcher zumeist in Begleitung 
starker Fröste auftritt und in Noworossyjsk und Um- 
gebung als „Bora" bezeichnet wird. Die Nordwinde blasen zu- 
weilen mit solcher Ausdauer, dass Segelschiffe, die nach dem 
Schwarzen Meere wollen, monatelang in Constantinopel zurück- 
gehalten werden. Das Meer friert in strengen Wintern auf der 
Strecke zwischen den Mündungen des Dniepr und der Donau 
auf grössere oder geringere Entfernung von der Küste ganz zu. 

Ausser Sewastopol und Nikolajew besass Russland am 
Schwarzen Meere noch einige mehr oder minder wichtige Häfen 
und strategische Punkte. In commerzieller Beziehung gebürte 
Odessa der erste Rang. Der Ort war jedoch schon infolge seiner 
Lage an einer vollkommen offenen Rhede einem Bombardement 
leicht ausgesetzt und bedurfte daher beträchtlicher Mittel zu seinem 
Schutze. 

Von besonderer commerzieller und militärischer Bedeutung 
war der weite, wenn auch seichte Dnjepr-Liman mit den ein- 
mündenden Flüssen Dnjepr und Bug, an deren Ufern die Städte 
Cherson und Nikolajew lagen. Die Einfahrt verengte sich durch 
zwei vorspringende sandige Zungen bis auf drei Seemeilen und 



] ) Im ganzen drei : Fidonisi (gegenüber den Donau-Mündungen), Berezan (gegen- 
über dem Dnjepr-Liman) und Kefken (an der anatolischen Küste, 50 Seemeilen von 
der Constantinopeler Strasse). 



220 

war durch Ocakow und Kinburn geschützt, deren aufgelassene 
Befestigungen durch einig-e — im Herbste 1876, also unmittelbar 
vor dem Feldzuge — neu angelegte Batterien verstärkt worden 
waren. 

Die einzige stärkere Festung am Schwarzen Meere war 
damals Kerc, deren strategische Wichtigkeit infolge ihrer Lage 
am Eingange des Azow'schen Meeres offenkundig ist. Sie be- 
herrscht die Einfahrtstrasse, w T elche an ihrer engsten Stelle nur 
etwas über 2 Seemeilen breit und an der Barre bloss 14 Fuss 
tief ist; Kerc war somit vor einer Landung gesichert und konnte 
damals für ein völlig ausreichendes Hindernis gegen das Eindringen 
einer feindlichen Flotte in das Azow'sche Meer gelten. 

Unter den türkischen Kriegshäfen am Schwarzen Meere 
w^ar Constantinopel zweifellos der wichtigste und hervorragendste, 
sowohl wegen seiner ausserordentlich günstigen geographischen 
und strategischen Lage wie auch wegen seiner Eigenschaft als 
Seearsenal ersten Ranges; von hier aus konnte die Flotte, mit 
allem Bedarfe ausgerüstet, mit gleicher Leichtigkeit nach jeder 
der beiden Richtungen, das ist in das Mittelmeer oder das 
Schwarze Meer, auslaufen. 

In letzterem Falle konnte sich das Geschwader bei Ope- 
rationen in der Nähe der rumelischen Küste auf Burgas, Varna, 
Balcik und andere hier gelegene Kriegshäfen stützen. Bei Ope- 
rationen an der anatolischen Küste fand es Stützpunkte in 
Penderaklia, Sinope, Trebizont (Trapezund) und Batum. 

Unter den vorgenannten Häfen konnte Varna als sehr starke 
Seefestung gelten; ihre relative Nähe zur russischen Küste stellte 
sie in das besonders günstige Verhältnis einer Zwischenbasis für 
eine eventuell gegen Norden operierende Flotte. 

Burgas war in commerzieller Hinsicht als Getreide-Export- 
platz wichtig ; Sinope und Batum boten ziemlich gute Anker- 
plätze. Die Rhede von Batum ist zwar nicht gross, aber tief und 
schliesst unmittelbar an die dominierenden südlichen Höhen, 
wodurch die Vertheidigung des Platzes sehr erleichtert wird. 

Das mittelst der Strasse von Kerc- Jenikale mit dem Schwarzen 
Meere verbundene Azow'sche Meer ist bedeutend kleiner und 
seichter als das erstere. Seine grösste Länge (zwischen der Land- 
zunge von Arbad und der Don-Mündung) erreicht 195 Seemeilen; 
an der breitesten Stelle (zwischen Temrjuk und der Landzunge 
von Bjelosaraj) hat es 95 Seemeilen. Die Tiefe übersteigt nicht 
44 Fuss ; die vielen vorspringenden Zungen, welche von Sand- 



221 

bänken und häufig auch von niedrigen kleinen Inseln *) umgeben 
sind, beeinträchtigten in hohem Grade die Schiffahrt. Hingegen ist 
bei der geringen Wassertiefe und dem schlammigen,, klebrigen 
Grunde das Ankern auch auf offener See möglich. Die vorherr- 
schenden Winde sind im Winter Nordost und im Sommer Süd- 
west. Mit dem Eintritte starker Fröste bedeckt sich die ganze 
Bucht von Taganrog, der grösste Theil der Strasse von Kerc- 
Jenikale und das Meer bis auf 10 Meilen vom Ufer mit Eis; die 
Schiffahrtsperiode dauert demnach in der Regel nur vom halben 
März bis Mitte November. 

Die grösste Bedeutung unter den Azow'schen Häfen kam 
jenem von Taganrog zu ; der — an der Mündung des Don ge- 
legen — durch diesen Fluss mit den etliche 20 Werst entfernten 
Städten Rostow und Nachicewan verbunden war. Einen sehr 
bedeutenden Nachtheil Taganrogs bildete die geringe Wasser- 
tiefe ; dies war auch, wenngleich in geringem Grade, ein ge- 
wichtiger Mangel der an der Mündung des Jej-Flusses gelegenen 
Stadt Jejsk, eines Handelsplatzes für Getreide und Wolle. Bessere 
Verhältnisse für das Beladen der Schiffe boten infolge der 
grösseren Wassertiefe die Häfen von Mariupol (an der Mündung 
des Kalmius-Flusses) und namentlich Berdjansk ; der letztere 
Hafen führte einen sehr bedeutenden Getreide-Exporthandel 2 ). 

Das Schwarzmeer-Azow'sche Bassin ist mit dem Mittel- 
meere durch den Bosporus, das Marmara-Meer und dieDardanellen- 
Strasse verbunden. Durch diesen Umstand wurde eine ganz eigen- 
thümliche Situation geschaffen, indem die russische Flotte im 
Schwarzen Meere von den übrigen maritimen Kräften Russlands 
vollständig isoliert war. 

Durch seine centrale Lage zwischen den beiden Kriegs- 
schauplätzen des Festlandes, nämlich dem europäischen und dem 
asiatischen gelegen, erlangte das Schwarze Meer eine sehr wichtige 
Bedeutung* für beide kriegführenden Parteien; es bot wesent- 






*) Unter den Inseln des Azow'schen Meeres sind bemerkenswerter: Pescanije, 
9 Seemeilen nördlich von Jejsk, und Cerepacha, aufgeschüttet auf Befehl Peter des 
Grossen in der Entfernung einer Seemeile südlich von Taganrog. 

?) Die Entfernung der vorerwähnten Häfen des Azow'schen Meeres von Kerc 
betrug in Seemeilen : 

Berdjansk 92 

Mariupol 117 

Jejsk 149 

Taganrog 173 



liehe Vortheile jener, welche die See beherrschte. Im Jahre 
1829 gewährte die Herrschaft der russischen Flotte auf dem 
Schwarzen Meere die Möglichkeit, für die russische Land-Armee 
die günstigste und kürzeste Operations-Linie, nämlich jene über 
die untere Donau und Varna auf Adrianopel, zu wählen. 

In dem Kriege 1853 — 1856 sicherte der Sieg bei Sinope 
Russland die Herrschaft auf dem Schwarzen Meere, diesmal 
jedoch nur für die erste Feldzugsperiode, denn mit dem Erscheinen 
der verbündeten Flotten gieng die Herrschaft zur See an letztere 
über, und die russische Küste wurde zum Schauplatze des Kampfes, 
der sich endgiltig bei Sewastopol abspielte. 

Bei Beginn des Krieges 1877 — 1878 beherrschte — wie in 
diesem und auch im IL Capitel bereits erwähnt ■ — die türkische 
Flotte das Schwarze Meer; sie hatte ihre Basispunkte in Con- 
stantinopel und in den bereits angeführten türkischen Kriegshäfen. 
Dies musste die Operationen der russischen Truppen auf beiden 
Kriegsschauplätzen beeinflussen, was sich unter anderem auch in 
der Notwendigkeit äusserte, zum Schutze der Küste, also für 
rein passive Zwecke, sehr bedeutende Kräfte zu verwenden. 
Schliesslich erleichterte das Schwarze Meer den Türken die 
Zufuhr von Verstärkungen und die Versorgung ihrer Truppen 
mit Munition und Proviant auf beiden Kriegsschauplätzen. 

Diese so wichtigen Vortheile der Türken am Schwarzen 
Meere konnten bis zu einem gewissen Grade durch eine Be- 
drohung Constantinopels seitens der russischen Flotte von den 
Dardanellen her aufgehoben werden; es bestand auch die Absicht, 
eine derartige Action durch eine besondere Escadre aus Schiffen 
der Baltischen Flotte ausführen zu lassen. Ein Vergleich der 
Stärke einer solchen Escadre mit den Kräften der türkischen 
Flotte (siehe IL Capitel) führt zu dem Schlüsse, dass die Be- 
drohung Constantinopels die türkische Regierung wahrscheinlich 
veranlasst hätte, die Schwarzmeer-Escadre und vielleicht einen 
Theil der Donau-Escadre zum Schutze der türkischen Mittelmeer- 
Küste heranzuziehen ; letzteres hätte die Erfolge der russischen 
Waffen auf den Haupt-Kriegsschauplätzen wesentlich erleichtert. 
Man musste jedoch von diesem Projecte mit Rücksicht auf die 
Möglichkeit weiterer, daraus sich ergebenden politischen Ver- 
wicklungen absehen x ). 



l ) Schreiben des Fürsten Gorcakow an den Grafen Suwalow vom 

18. [30.] Mai 1877. 



22$ 

Nach den vorstehenden Darlegungen wird es erklärlich er- 
scheinen, dass die Theilnahme der russischen Flotte an den 
Kriegs-Operationen nur secundäre Bedeutung haben konnte, theils 
infolge der Schwäche dieser Flotte, theils wegen der geogra- 
phischen und schliesslich auch der politischen Verhältnisse. Aus 
diesen und anderen minder wichtigen Gründen musste sich Russ- 
lands Seemacht im Schwarzen Meere auf den Küstenschutz und 
die Vernichtung der feindlichen Handels-Flotte beschränken. Dies 
hinderte jedoch die russischen Seeleute nicht, den Land-Truppen 
wirksame Unterstützung angedeihen zu lassen und durch eine 
Reihe kühner Waffenthaten beim Zusammentreffen mit dem Gegner 
die Ruhmesblätter der Kriegsgeschichte zu bereichern. 






VII. CAPITEL. 

Vorbereitungen zum Kriege und Entwicklung 
der russischen Streitkräfte bis zum Juli 1878. 

Massnahmen des Kriegs-Ministeriums zur Versetzung der Truppen auf den Kriegsstand. 

— Ausgabe neuer organischer Bestimmungen. — Neuformationen. — Die Mobilisierung 
im November. — Die erste nachträgliche Mobilisierung. — Die weiteren Mobilisierungen. 

— Zusammensetzung der Operations-Armee, Organisation und Stand des Obercommandos. 

— Der Aufmarsch in Bessarabien. — Vorkehrungen zur Vertheidigung der Schwarz- 
meer-Küste. — Aenderungen in der Organisation der Armee während der Cantonierung 
in Bessarabien. — Zustand, Gesundheitsverhältnisse und Uebungen der Truppen. — 

Inspicierungen im Winter und Frühjahre. 

Bereits im IV. Capitel war die Rede davon, dass sich 
die Organisation der russischen Streitkräfte vor dem Kriege 
1877 — 1878 in einem Uebergangsstadium befand. Die theilweise 
erst in Aussicht genommenen, theilweise schon begonnenen 
organisatorischen Aenderungen erforderten viel Zeit zur Durch- 
führung und ausserdem bedeutende Geldmittel, welche auf mehrere 
Jahre hatten vertheilt werden müssen. Aus beiden Ursachen nahm 
die Reorganisation nur einen langsamen Verlauf und war zu 
Beginn des Krieges noch lange nicht abgeschlossen. 

Es fehlten auch zahlreiche „organische Bestimmungen". Der 
Grund hiefür war, dass man einerseits den Erfolg verschiedener 
Organisations-Aenderungen abwarten, andererseits noch gewisse 
Verbesserungen vornehmen wollte. 

Infolgedessen bestanden die Rüstungen zum türkischen 
Kriege nicht in einer einfachen, aller Complicationen ledigen 
Durchführung schon fertiger Vorarbeiten, sondern sie erforderten 
in vielen Details gewaltige Anstrengungen, um einerseits bereits 
begonnene Massnahmen so schnell als möglich, und schneller als 



225 

früher beabsichtigt, abzuschliessen und andererseits Ergänzungen 
dort durchzuführen, wo sie sich als nöthig erwiesen. 

Dies alles lief parallel mit der normalen Thätigkeit sowohl 
vor dem Kriege als auch während desselben, und fand seinen 
Abschluss erst nach dem Berliner Congresse. 

Es ist klar, dass unter solchen Verhältnissen zahlreiche 
schwierig ausführbare und mit grossen Unkosten verbundene 
Improvisationen nicht zu vermeiden waren. 

Anderseits war der Krieg mit der Türkei seitens der 
russischen Regierung keinesfalls schon früher ins Auge gefasst 
worden; denn Ursachen, die ganz unabhängig von derselben 
waren, zwangen ihr die Waffen in die Hand. Die Wahrscheinlich- 
keit, dass es wirklich zum Kriege kommen werde, war bald 
grösser, bald geringer, und dieses Schwanken spiegelte sich auch 
in den Rüstungen wieder, da es nicht wünschenswert war, ohne 
äusserste Noth das Reich mit besonderen Ausgaben zu belasten 1 ). 

Unter solchen Erschwerungen bestanden also die Kriegs- 
rüstungen nicht in der Realisierung bestimmter Entwürfe und Pläne, 
sondern in dem fortgesetzten Beseitigen und Ueberwinden von 
Hindernissen der verschiedensten Art. 

Indessen kamen auch derartige fundamentale Mängel vor, 
dass dieselben unmöglich behoben werden konnten ; wohl oder 
übel musste man sich mit denselben abfinden und durch ent- 
sprechend angepasste Massnahmen ihnen abzuhelfen trachten. 

Ein solcher fundamentaler Mangel war zunächst der Abgang 
an Reserve-Mannschaft und besonders das Fehlen einer aus- 
reichenden Reserve an Ofhcieren ; von beiden war bereits im 
IV. Capitel die Rede. 

Die verschiedenen zur Vorbereitung für den Krieg getroffenen 
Massnahmen betrafen natürlich nicht nur die Organisation und 
Gliederung der eigentlichen wStreitkräfte, sondern auch das Artillerie-, 
Ingenieur-, Sanitäts-, Intendanz- und Eisenbahnwesen 2 ). 



1 ) Beispielsweise wurde dem im Februar 1877 unterbreiteten Gesuche des 
Stabes der Operations-Armee um die Erlaubnis, Material zur Herstellung von Ueber- 
gängen über die Donau anzuschaffen, nicht Folge gegeben, und die Bewilligung 
erst am 26. März [7. April] durch ein Telegramm des Kriegs-Ministers mit dem 
Beifügen ertheilt, es sei, wenn auch bisher kein definitiver Entschluss gefasst wurde, 
vorsichtshalber geboten, alles für den Fall des Krieges vorzubereiten. 

-') Bezüglich des Eisenbahn- und Intendanzwesens wird auf die beiden nächsten 
Capitel verwiesen. Die Thätigkeit auf dem Gebiete des Artillerie-, respective Sanitäts- 
wesens ist beschrieben : a) in der „Relation der Artillerie-Feld- Verwaltung der 

Der russisch-türkische Krieg. I. Bd. 15 



226 

Als es sich darum handelte, die Truppen auf den Kriegs- 
stand zu bringen, gewann vor allem der Abgang an activen und 
der Mangel an Reserveoff i eieren die grösste Bedeutung. 

Diese Verhältnisse sind ausserordentlich charakteristisch in 
einigen im November und December 1876 verfassten Schreiben 
des Stabschefs der Operations - Armee, General - Adjutanten 
Nepokojcitzki, an den Krieg*-Minister dargestellt. Eine Stelle 
in denselben lautet *) : 

„Die Armee besitzt sehr wenig Officiere, so dass bei einigen 
Compagnien der besichtigten Truppen nur die Compagnie- 
Commandanten vorhanden sind. Verschiedene, mitunter nur zeitliche 
Abcommandierungen, haben die Officiere dem Truppendienste 
entzogen ; gegenwärtig kann ich hierüber, da die Standesausweise 
der Truppen noch fehlen, nichts Positives melden; aber jedenfalls 
verdient die Sache ernstliche Beachtung. Dasselbe bezieht sich 
auch auf das ärztliche Personal bei den Truppen." 

In einem zweiten Schreiben heisst es : 

„Ich muss auf einen Gegenstand zurückkommen, welchen ich 
in meinem letzten Briefe an Eure Hohe Excellenz berührte, 
nämlich den Abgang an Officieren. Thatsächlich sieht Seine 
Hoheit Truppen, die nur mit Compagnie-Commandanten aus- 
rücken und welche nach der ersten Schlacht möglicherweise ohne 
Officiere sein werden. Ich übersende zur Einsicht eine Nach- 
weisung über die Officiers-Abcommandierungen bei der 14. In- 
fanterie-Division, aus welcher hervorgeht, dass im ganzen 77 Offi- 
ciere, darunter 8 Stabsofficiere, 25 Hauptleute und Stabscapitäne, 
sowie 44 Subalternofficiere in anderweitiger Verwendung stehen 2 )." 

Dieser Mangel wurde auch vom Kriegs-Minister anerkannt, 
was unter anderem aus der folgenden Antwort desselben an den 
General-Adjutanten Nepokojcitzki hervorgeht 3 ): 

„Da bis nun eine Reserve an Officieren nicht besteht, so 
kann bei der Mobilisierung der Armee die Abcommandierung 



Operations- Armee über den Feldzug 1877 — 1878 in der europäischen Türkei", Aus- 
gabe vom Jahre 1882, und b) in der „Relation über das Militär-Sanitätswesen während 
des Krieges mit der Türkei 1877 — 1878, Donau-Armee", Ausgabe vom Jahre 1885. 
Daten über das Ingenieurwesen werden in der „Uebersicht über die Thätigkeit der 
Ingenieur-Truppen während des Krieges 1877 — 1878" aufgenommen, an welcher gegen- 
wärtig [1902] bei der Ingenieur Haupt-Verwaltung gearbeitet wird. 

1 ) Im Schreiben vom 28. November [10. December] 1876. 

2 ) Schreiben vom 5. [17.] December 1876. 
:i ) Schreiben vom 18. [30.] December 1876. 



22 7 

zahlreicher Officiere von den Feld- zu den Local-Truppen nicht 
umgangen werden". 

„Ohne diese Massregel wäre es ausgeschlossen, die Local- 
Truppen auf den Kriegsstand zu bringen ; und wäre das letztere 
unmöglich; so könnten wir für die Kriegs-Operationen nicht alle 
Feld-Truppen verwenden und weiters auch die für die Operations- 
Truppen ganz unentbehrlichen Ersatz-Bataillone nicht aufstellen. 
Aber der gegenwärtige grosse Abgang an Officieren bei den 
Regimentern bedeutet nur eine vorübergehende Schwierigkeit; 
welche in der kürzesten Zeit überwunden sein wird. Der Aller- 
höchste Prikas enthält täglich eine Menge von Beförderungen von 
Porteepee -Junkern zu Officieren und von Reactivierung-en pen- 
sionierter Officiere." 

Wenn daher auch Massnahmen zur Deckung des Abganges 
an Officieren getroffen wurden ; so mussten die längerdienenden Offi- 
ciere der Regimenter durch solche Personen ersetzt werden; 
welche eben erst von Porteepee- Junkern zu Officieren ernannt 
oder aus dem Pensionsstande reengagiert worden waren. Dies 
musste natürlich die Zusammensetzung und den Zusammenhalt 
der Officiers-Corps bei den Truppen stark beinträchtigen. 

Die seitens des Kriegs-Ministers zur Behebung des Abganges 
an Officieren ergriffenen Massnahmen waren folgende : 

i. die Einstellung aller Pensionierungen; 

2. die Erleichterung der Reactivierung pensionierter Officiere. 
Diese Massreg-el erg'ab im Jahre 1876: 536; im Jahre 1877: 2555 
und im Jahre 1878: 688; im ganzen 3779 Officiere; 

3. die Beförderung von Porteepee- Junkern ; welche sich auf 
Stellen abgängiger Officiere befanden oder im Jahre 1877 aus den 
Junker-Schulen ausgemustert wurden; im ganzen 2398 Officiere; 

4. bei den auf dem Kriegsschauplatze befindlichen Truppen: 
die Beförderung von Personen des Mannschaftsstandes für „Aus- 
zeichnung im Kriege" (ohne Prüfung); ferner aller Freiwilligen; 
sowie der auf kürzere Dienstzeit Eingetretenen für „gewöhnliche" 
Auszeichnung im Dienste. Diese Massregel ergab im Jahre 1877: 
99; und im Jahre 1874 : 742, im ganzen 841 Officiere; 

5. die vorzeitige Ausmusterung von Officieren aus den 
Militär-Bildungsanstalten im April 1878 mit 645, und die gleiche 
Ausmusterung aus den Junker-Schulen mit 1778 Officieren; 

6. schliesslich wurden in den Infanterie-Junker-Schulen die 
Frequentanten der jüngeren Classe im April des Jahres 1878 in 
die höhere Classe versetzt und im December desselben Jahres als 

15* 



2 2S 

Ofiiciere ausgemustert, was einen weiteren Zuwachs von 1058 Offi- 
cieren bedeutete. 

Alle diese Massnahmen ergaben zusammen 10.499 Officiere; 
mit der normalen Ausmusterung aus den Militär-Bildungsanstalten 
vom Jahre 1877 (651 Frequantanten) betrug die Zahl der während 
des Kriegs ernannten und aus dem Pensionsstande übernommenen 
Officiere im ganzen 11.150 1 ). 

Auf diese Weise brachte man es dahin, dass zu Beginn des 
Jahres 1878 der Effectivstand an Officieren bei der Cavallerie, 
Artillerie und den Ingenieur- Truppen fast den vorgeschriebenen 
erreichte; dass er bei der Feld-Infanterie 91 Procent, bei den 
Festungs-, Local-, und Reserve -Truppen 72 Procent und bei den 
Ersatz-Truppen 60 Procent des normierten Standes an Officieren 
betrug. Hiebei darf jedoch nicht vergessen werden, dass — wie 
oben gezeigt — mehr als 1 1 .000 Officiere zu den Truppenkörpern 
neu eingetreten waren, und dass diese bei weitem nicht alle als 
vollwertige Officiere betrachtet werden konnten. 

Mit der successiven Ausgestaltung der Armee, welche gegen 
Ende Juli 1878 ihre grösste Stärke erreichte, verschlechterten 
sich diese Verhältnisse noch mehr. Es fehlten damals gegen 
3200 Officiere; wenn aber sämmtliche Truppen auf den Kriegs- 
stand gebracht worden wären, so wäre der Fehlbetrag bis auf 
6000 gestiegen. 

Der Abgang an Officieren einerseits und der Mangel an 
Reserve-Mannschaft anderseits waren daran schuld, dass die Stände 
verschiedener (zum Beispiele Reserve- und Ersatz-) Formationen bei 
deren Errichtung respective Mobilisierung herabgesetzt wurden, 
und dass viele projektierte Neuaufstellungen ganz unterblieben 
(zum Beispiele die siebenten und achten Batterien der Artillerie- 
Brigaden, einige Ingenieur- und sonstige Formationen). 

Auch an Aerzten und Militär-Beamten bestand ein starker 
Abgang; derselbe betrug bei den activen Truppen am 1. [13.] No- 
vember 1876 für beide Kategorien zusammen 5726 Gagisten. 

Die zur Deckung des Abganges an Aerzten er- 
griffenen Massnahmen waren folgende: i.theilte man Militär- 
Aerzte der Truppen und Sanitätsanstalten der inneren Militär- 
Bezirke zu solchen auf dem Kriegsschauplatze ein und ersetzte sie 
durch Civil- Aerzte und freiwilliges Sanitätspersonal; 2. wurden 
freiwillige Civil- und pensionierte Militär- Aerzte aufgefordert, 



') Der Gesammtverlust an Officieren während des Krieges betrug circa 300a. 






2 29 

auf den Kriegsschauplatz abzugehen; 3. wurde die Pensio- 
nierung von Militärärzten eingestellt ; 4. wurden Aerzte anderer 
Verwaltungszweig'e übernommen; 5. wurden an der medicinisch- 
chirurgischen Akademie sowie an den medicinischen Facultäten 
der übrigen Universitäten sehr viele Studenten zu Aerzten 
promoviert. 

Das Resultat dieser Massnahmen war, dass im Sommer 1878 
der Gesammtstand an Sanitätspersonal 4595 Aerzte, 806 Phar- 
maceuten und 377 Thierärzte betrug undhiemit der vorgeschriebene 
Stand fast erreicht war. Dagegen machte sich während des 
Krieges der Mangel an Sanitäts-Hilfspersonale manchmal sehr 
empfindlich fühlbar. 

Zur Deckung des Abganges an Militär-Beamten ver- 
suchte man gleichfalls verschiedene Mittel, und zwar wurde 1 . die 
Pensionierung der Militär-Beamten eingestellt ; ferner wurden 
2. Beamte von anderen Ressorts zutransferiert; 3. würdige Per- 
sonen des nichtcombattanten Mannschaftsstandes befördert ; 4. pen- 
sionierte Beamte reacti viert. 

Trotz dieser Massregeln fehlten gegen Ende des Krieges 
noch immer 20 Procent des vorgeschriebenen Standes an Militär- 
Beamten. 

Ein überaus ungünstiger Umstand war aber der Abgang 
an Reserve-Mannschaft. 

Bereits im IV. Capitel wurde nachgewiesen, dass zur voll- 
ständigen Mobilisierung der Armee, wie selbe nach dem mehrfach be- 
sprochenen Organisations-Ent würfe [vom Jahre 1873] geplant war, 
550.000 Mann ohne Chargengrad fehlten; dagegen waren in der 
Reserve mehr Unterofficiere vorhanden als man brauchte. Leider 
wurde dieses wertvolle Material nicht vollständig ausgenützt; 
denn während bei der Operations-Armee gegen Ende des Krieges 
ein Ueberschuss von circa 9500 combattanten Unterofficieren be- 
stand, fehlten bei den Reserven-Truppen und beim „wechselnden 
Stande" der Ersatz-Bataillone sehr viele Unterofficiere. 

Der Abgang* an Reserve-Mannschaft Hess sich auf keine 
Weise beheben. Aus diesem Grunde musste man nicht nur das 
Programm für die Aufstellung neuer Truppenkörper einschränken, 
sondern auch die vorgeschriebenen Stände der oben bezeichneten 
Formationen herabsetzen; ferner war man genöthigt, den Abgang 
an Reservisten durch Reichswehrmänner zu decken und die Be- 
urlaubung von Mannschaft in die Reserve einzustellen. 



210 



Ueberdies konnten infolge der längeren Dauer des Krieges 
zur Ergänzung der Truppen zwei Recruten-Contingente (1876 und 
1877) verwendet werden; diese ergaben zusammen 404.000 Mann. 

Die Einberufung von Reichswehrmännern erfolgte zweimal; 
und zwar rückten ein im Jahre 1877 : 1 10.000 Mann, welche zu den 
Reserve-, Ersatz- und Local-Truppen eingetheilt wurden, und im 
Jahre 1878 : 66.968 Mann, von denen 34.041 Mann zur Augmen- 
tierung der Festungs-, Local- und Ersatz-Truppen, und 30.877 zur 
Verstärkung der Truppen des Militär-Bezirkes Kaukakus Ver- 
wendung fanden. Im ganzen wurden also wahrend des Krieges 
176.968 Reichswehrmänner einberufen. 

Zur Augmentierung der Truppen speciell mit Reservemann- 
schaft wurden verwendet: 221.164 Reservisten im Jahre 1876, 
241.623 im Jahre 1877 und 32.731 Mann im Jahre 1878. 

Alle diese Ergänzungsquellen ergaben während des Feld- 
zuges 1,076.486 Mann; mit dem 722.293 Mann betragenden Ver- 
pflegsstande am 1. [13.] November 1876 belief sich die Gesammt- 
stärke auf 1,798.779 Mann. Nach Abzug der zu Ofucieren Beför- 
derten, Gefallenen, Gestorbenen, gänzlich und in die Reserve 
Beurlaubten, der Deserteure, ferner der wegen Verbrechen zur 
Ansiedelung oder Zwangsarbeit nach Sibirien Deportierten etc. 
betrug der wirkliche Verpflegsstand aller Truppen am 25. Juli 
[6. August] 1878 : 1,519.708 Mann. In der Reserve befanden sich 
damals höchstens noch 230.000 Mann, die kaum zur Augmentierung- 
der noch nicht mobilisierten Truppen hingereicht hätten. Dagegen 
konnte die Aufstellung neuer Truppenkörper, insbesondere von 
Reserve-Truppen nur mehr durch eine weitere Einberufung von 
Reichswehrmännern erfolgen. 

Bereits im Jänner 1876 begann man infolge des Mangels 
an Reserve -Mannschaft, die vorgeschriebenen Stände herab- 
zusetzen. Man beschloss nämlich, für die Regimenter, welche auf 
4 Bataillone gebracht werden sollten, kleinere Kriegsstände zu 
normieren. Infolgedessen erhielten die Divisionen zu 1 6 Bataillone^ 
anstatt 17.152 Mann [Mannschaftsstand] nur einen um weniges 
höheren vorgeschriebenen Stand, als die Divisionen zu 1 2 Batail- 
lonen; es zählten dementsprechend die kaukasischen Divisionen 
nur 13.453 un d die Garde - Divisionen 13.808 Mann, während 
der Stand der Divisionen zu 12 Bataillonen 13.284 Mann betrug. 

Aus derselben Ursache wurden die Ersatz-Bataillone nur zu 
2 Compagnien formiert und erhielten einen permanenten Stand 
von 6 Ofhcieren und 83 Mann, anstatt 13 Officiere und 177 Mann, 



231 

ferner einen wechselnden Stand von 500 Mann, anstatt 16 Officiere 
und 11 16 Mann; es waren demnach bei den Ersatz-Bataillonen 
statt 29 im ganzen nur 6 Officiere vorhanden. 

Was die Verstärkung einzelner Truppengattungen auf 
Kosten anderer betrifft, so beschränkte sich dieselbe hauptsächlich 
auf die Reserve-Truppen, welche unter Verwendung von Local- 
und Festungs-Truppen formiert wurden ; hierüber wird noch weiter 
unten die Rede sein. 

Ausser den soeben besprochenen, durch den Abgang an 
Reserveofficieren und Reserve-Mannschaft hervorgerufenen Mass- 
nahmen mussten in der Zeit vom Jahre 1876 bis 1878 zahlreiche 
fehlende organische Bestimmungen und Vorschriften heraus- 
gegeben werden, wie zum Beispiel jene für den Uebergang der 
Truppen vom Friedens- auf den Kriegsstand (also die Mobilisierungs- 
Vorschrift), für den Bahntransport von Truppen, für die Zu- 
sammensetzung der Armee etc. ] ). 



*) Die wichtigsten hievon waren folgende : 

Im Sommer 1876 wurden die „Organischen Bestimmungen für die Ersatz- 
Formationen der Fuss-Artillerie" verlautbart, und zu gleicher Zeit für die Verstärkung 
der Festungs- Artillerie vorgesorgt, sowie auch die neue Organisation der Telegraphen- 
Parks normiert. 

Am 22. October [3. November] 1876 wurden mit Prikas Nr. 304 an die höheren 
Commanden die „Organischen Bestimmungen für die Leitung und Verwaltung der Armee 
im Felde" versendet ; Ergänzungen hiezu folgten in den übrigen Alonaten des 
Jahres 1876 und bis zum October 1877. So wurde beispielsweise die „Provisorische 
Vorschrift für die Verwaltung der Communicationen und Verwendung der Etapen- 
Truppen im Rücken der Armee" erst am 18. [30.] October 1877 herausgegeben. 

Mit Prikas Nr. 310 wurden die „Organischen Bestimmungen für den Platz- 
Commandanten beim Corps-Hauptquartier und für den Corps-Train-Commandanten", 
ferner mit Nr. 333 die „Organischen Bestimmungen für das Cassenwesen" verlautbart. 

Mit Prikas Nr. 342 wurde die „Vorschrift über die besonderen Kriegsgebüren", 
mit Nr. 343 die „Organischen Bestimmungen für die Bahnhof-Commandanten" ein- 
geführt. 

Am 24. October [5. November] 1876, genau eine Woche vor der Verlautbarung 
der Mobilisierung, wurde das „Pferdestellungs-Gesetz" kund gemacht (Prikas Nr. 343). 

Am 30. October [II. November] 1876 wurde der „Entwurf der Organischen 
Bestimmungen für die Reichswehr" verlautbart (Prikas Nr. 351). 

Ferner erfolgte im Jahre 1876 (Prikas Nr. 385 und 386) die Herausgabe der 
„Organischen Bestimmungen für das Etapenwesen" und der ., Organischen Be- 
stimmungen für die Feld-Gendarmerie" (Prikas Nr. 410) endlich der „Organischen Be- 
stimmungen für die Ersatz-Bataillone" (Prikas Nr. 391). 

Ausserdem wurden damals die Stände der höheren Commanden und der Stäbe 
bei der Armee im Felde (Prikas Nr. 317 vom Jahre 1876 und Nr. 137 vom Jahre 1877), 
ferner jener des Intendanz-Transportes (Prikas Nr. 323 vom Jahre 1876 und Nr. 17, 



ö- 



Schliesslich musste während des Krieges eine ganze Reihe 
von neuen Formationen und Formations-Aenderungen im- 
provisiert werden, wobei die früher festgesetzten Stände wieder 
abgeändert wurden. 

Die Inangriffnahme und Durchführung dieser Massregeln 
konnte nur allmählich erfolgen ; sie musste sich anfangs nach dem 
Verlaufe der militärischen Operationen richten, und hieng gegen 
Ende des Krieges davon ab, welche Gestaltung die politische 
Situation Russlands zu einigen europäischen Mächten annahm. 

Zu den Neuformationen, insoweit sie die Feld-, Festungs- 
und Local-Truppen umfassen, gehören folgende : 

Im Sommer 1876 wurden 3 Feld-Telegraphen-Parks formiert 
und gleichzeitig 6 bisherige Telegraphen- in Feld-Telegraphen- 
Parks umgewandelt. 

Im November 1876 wurde das Eisenbahn-Bataillon Nr. 3 
(zu 4 Compagnien) aufgestellt und zur 3. Sappeur-Brigade ein- 
getheilt. 

Zur selben Zeit wurden im Kijewer Militär-Bezirke 2 Gebirgs- 
Batterien, ferner 2 reitende Artillerie-Parks Nr. 7 und 8, sowie 
4 mobile Parks Nr. 25 bis 28 formiert. 

Mitte December 1876 wurden im Kaukasus einige Convoi- 
Commanden aufgestellt. 

Im Jänner 1877 erfolgte die Formierung von 2 Orenburger 
Linien-Bataillonen an Stelle des 1. und 2. Orenburger Bataillons, 
welche beide in den Militär-Bezirk Turkestan verschoben und als 
16., respective 17. turkestanisches Linien-Bataillon umbezeichnet 
worden waren. 

Im Verlaufe des Jahres 1877 wurden das 2. und 4. Eisen- 
bahn-Bataillon, ferner 2 Minen-Compagnien (Kronstadt und Kerc), 
sowie die Stäbe von 9 Corps aufgestellt. 

Im Februar 1878 wurde ein 3. Festungs-Infanterie-Regiment 
in Kerc neu formiert, und zu diesem Zwecke den beiden ersten 



134 und 136 vom Jahre 1877), sowie die provisorischen Stände verschiedener Artillerie- 
Verwaltungen und Behörden (Prikas Nr. 314 vom Jahre 1877) normiert. 

Schliesslich wurden im Jahre 1877 successive mit den Prikasen organische 
Bestimmungen über die Zusammensetzung und Organisation der Sappeur- und Pontonier- 
Truppen, über die Rechnungs-Controle im Felde (Nr. 73), über den Pferde-Ersatz 
{Nr. 220) und — wie oben erwähnt — über die Verwaltung der Communicationen 
und Verwendung der Etapen-Truppen im Rücken der Armee (Nr. 386), weiters die 
Stände des Intendanz-Transportes (Nr. 9) und mehrere andere organische Bestimmungen 
und Stände veröffentlicht. 



*33 

Kercer Festungs-Infanterie-Regimentern die nöthigen Cadres ent- 
nommen. 

Im Sommer desselben Jahres entstanden 7 Linien-Bataillone, 
Nr. 8 — 14, durch Zweitheilung der bereits bestehenden Linien- 
Bataillone Nr. 1 — 7. Ferner wurden neue Ingenieur-Formationen 
aufgestellt, und zwar : 3 Feld-Ingenieur-Parks Nr. 1 und 2 und 
der kaukasische, das Eisenbahn-Bataillon Nr. 1, die Pontonier- 
Bataillone Nr. 1 und 2, endlich das 2. Alexandropoler Festungs- 
Infanterie-Regiment, welches letztere durch Ausscheidung eines 
Cadres aus dem 1. Regimente dieser Festung entstand. 

Was die zahlreichen Formations-Aenderungen betrifft, so 
soll von ihnen weiter unten, bei der Besprechung des Verlaufes 
der Mobilisierung, die Rede sein, da sie hauptsächlich durch die- 
selbe veranlasst wurden. 

Die Mobilisierung der Truppen erfolgte successive, 
entsprechend der Gestaltung der politischen Lage. 

Im August 1876 wollte man sich noch darauf beschränken, 
im ganzen nur 2 Corps zu mobilisieren. 

Am 19. September [1. October] 1876 jedoch ergieng bereits 
der Befehl zur Vorbereitung der Mobilisierung der Truppen des 
Odessaer, Charkower, Kijewer und th eilweise des kaukasischen 
Militär-Bezirkes. Am 12. [24.] October wurde die Mobilisierung 
von noch 4 Infanterie-Divisionen des Moskauer Militär-Bezirkes 
beschlossen. 

Im November 1876 erfolgte dann thatsächlich die Mobili- 
sierung von 20 Infanterie-Divisionen und sonstigen Truppen der 
oben bezeichneten Militär-Bezirke. Im Jahre 1877 wurde eine 
ganze Reihe partieller Mobilisierungen durchgeführt, durch welche 
nach und nach 16 Infanterie-Divisionen auf den Kriegsstand 
gebracht und 52 Reserve-Bataillone formiert wurden. 

Im Jahre 1878 endlich mobilisierte man fast alle Local- und 
die neu formierten Reserve- und Ersatz-Truppen nach einem nur 
theilweise vor dem Kriege ausgearbeiteten Mobilisierungs- 
Programme. 

Die ersten Bestimmungen zur Sicherung des geordneten 
Verlaufes einer Mobilisierung waren in einer aus den Jahren 1869 
und 1870 stammenden Vorschrift enthalten, welche die Zahl und 
die Einberufungs-Kategorien der Reservemänner normierte. Seit 
jener Zeit wurden alljährlich zweimal vom Hauptstabe Reparti- 
tionen (Rospisanije) für die Einberufung der Reservemänner 



- 7 34 

ausgearbeitet, welche auch Weisungen darüber enthielten, wieviel 
Leute der verschiedenen Kategorien, und auf welchen Routen 
dieselben zu den entsprechenden Truppenkörpern einzurücken 
hatten. Gleichzeitig wurden beim Hauptstabe auch die Pläne 
(Rospisanije) für den Bahn- und Wassertransport der einberufenen 
Reservisten, sowie auch der bereits auf den Kriegsstand ge- 
brachten Truppen zusammengestellt. 

In den Jahren 187 1 und 1872 erfolgten probeweise Ein- 
berufungen von Reservemännern, hauptsächlich zu dem Zwecke, 
um sich davon zu überzeugen, inwieweit die localen Civil-Behörden 
mit den Bestimmungen für die ihnen obliegende Versammlung 
der Reservisten vertraut seien, anderseits aber auch um die 
Calculs zu prüfen. In beiden Fällen waren die Resultate völlig 
befriedigend. Im Jahre 1874 wurden die Verwaltungen der Militär- 
Kreis-Chefs geschaffen, wodurch bei der Einberufung der Reser- 
visten alle Arbeiten an einer Stelle vereinigt und das ganze 
Mobilisierungsgeschäft beträchtlich vereinfacht wurde 1 ). 

Schliesslich wurde gegen Ende 1875 beim Hauptstabe ein 
„Mobilisierungs - Comite" geschaffen, dessen Obliegenheiten in 
folgendem bestanden: 1. Beschaffung und systematische Zu- 
sammenstellung aller Daten über die thatsächliche Kriegsbereit- 
schaft der Armee; 2. Beurtheilung und Vorschläge für die best- 
mögliche Vertheilung der Kriegsmittel und für die Beschaffung 
des fehlenden Materials; 3. Verfassung eines allgemeinen Mobili- 
sierungs-Planes. 

Ende 1875 war das Mobilisierungs-Comite bereits in der Lage, 
über die thatsächliche Kriegsbereitschaft der Armee genaue Auf- 
klärungen zu geben, und dieser Umstand ermöglichte seit Beginn 
des Jahres 1876 die Durchführung der oben bezeichneten Mass- 
nahmen. 

Die Mobilisierung der einzelnen Truppenkörper wurde be- 
sonders dadurch sehr erschwert, dass bei denselben keine 
schon im Frieden ausgearbeiteten Mobilisierungs-Pläne vorhanden 
waren. 

Was nun die Bearbeitung des im Mai 1876 begonnenen 
allgemeinen Mobilisierungs-Planes betrifft, so wurde sie unter- 
brochen, als sich die Notwendigkeit ergab, die — bisher nicht 
vorgesehene — partielle Mobilisierung schleunigst vorzubereiten 



l ) Die Verwaltungen der Militär- Gouvernements-Chefs waren bereits früher 
organisiert worden. 



235 

und das Gesetz über die Pferde-Abstellung in Arbeit zu nehmen. 
Die Reservisten -Repartitionen (Rospisanije) und der allgemeine 
Plan für die Mobilisierungs-Transporte wurden erst im August 
1876 fertig gestellt. In demselben Monate wurde bereits auch, um 
sich über den Erfolg einer eventuellen Durchführung der Pferde- 
Abstellung zu vergewissern, in 30 Gouvernements Westrusslands 
eine Pferde - Conscription vorgenommen. 

Alle hier aufgezählten Massregeln vermochten aber nur bis zu 
einem gewissen Grade den bisher nicht vorhanden gewesenen 
Mobilisierungs-Plan zu ersetzen ; und es musste daher die Eile 
und die aus derselben resultierende Unvollständigkeit, mit welcher 
die Transporte der Reservemänner und später der mobilisierten 
Truppen instradiert wurden, auf die partiellen Mobilisierungen, 
speciell aber auf die erste und umfangreichste derselben, die 
sogenannte November-Mobilisierung, von schädlicher Rückwirkung 
sein. Letztere äusserte sich unter anderem in mehrfachen Unter- 
brechungen, sowohl bei den Reservisten-Transporten, als auch bei 
der Beförderung der bereits mobilisierten Truppen, ferner in 
mancherlei Entbehrungen, welche die letzteren während der 
Mobilisierungsperiode und während des Aufmarsches in Bess- 
arabien zu ertragen hatten. Es kam sogar vor, dass einzelne 
Truppenkörper in den Transport-Plänen auch ganz vergessen 
wurden. (Siehe VIII. Capitel.) 

Die Verlautbarung- der ersten partiellen Mobilisierung 
erfolgte am 1. [13.] November 1876. Damals wurden auf den 
Kriegsfuss versetzt: 

An Feld-Truppen: 

1. 20 Infanterie-Divisionen mit ihren Artillerie-Brigaden und 
mobilen Lazarethen, und zwar die 11., 12., 32. und 33. (des 
Kijewer Militär-Bezirkes); die 13., 14., 15. und 34. (des Odessaer 
Militär-Bezirkes); die 5., 9., 31. und 36. (des Charkower Militär- 
Bezirkes); die 1., 17., 18. und 35. (des Moskauer Militär-Bezirkes) ; 
die kaukasische Grenadier-, 19., 39. und 41. (des kaukasischen 
Militär-Bezirkes) ; 4 Schützen-Brigaden (3., 4., 5. und kaukasische) 
und 2 Linien-Bataillone ; 

2. 7 Cavallerie-Divisionen mit ihrer reitenden Artillerie, und 
zwar die 11. und 12. (des Kijewer Militär-Bezirkes); die 7. und 8. 
(des Odessaer Militär-Bezirkes); 9. und 10. (des Charkower Militär- 
Bezirkes) ; die kaukasische Cavallerie-Division ; ferner die Krim- 
Division [Halbregiment] ; 



3- die o-esammte Artillerie der oben bezeichneten Infanterie- 
und Cavallerie-Divisionen, 4 Park-Brigaden (4., 5., 6, und 8.) x ) 
und eine Abtheilung- des Belagerungs-Parks (2 Bataillone); 

4. die 3. und die kaukasische Sappeur-Brigade und 2 Pon- 
tonier-Halbbataillone der 2. Sappeur-Brigade. 

Im ganzen wurden mobilisiert: 274 Infanterie-Bataillone, 
2 Compagnien der Garde-[Flotten-] Equipage, 90 Escadronen und 
42 Sotnien Cavallerie 2 ), 1056 Fuss- und reitende Geschütze 3 ), 
6 Sappe ur-Bataillone ; 4 Pontonier- Halbbataillone, 1 Eisenbahn- 
Bataillon, 4 Feld-Telegraphen- und 2 Ingenieur- Parks, ferner eine 
Abtheilung- des Belagerungs-Artillerie-Parks. 

An Local-Truppen: 3 Local-Bataillone (in Kijew, Odessa, 
Tiflis), 26 bereits vorhandene und 14 neu formierte Local-Com- 
manden ; 4 Festungs-Infanterie-Bataillone (in Bender, Kerc [2] und 
Alexandropol). Hieb ei wurden die Local-Bataillone in Regimenter, 
die 26 en cadre stehenden Local-Commanden in Bataillone und die 
Festungs- Infanterie -Bataillone in Regimenter zu 4 Bataillonen 
entwickelt. Im ganzen gelangten an Local- und Festungs-Truppen 
zur Aufstellung: 54 Bataillone und 18 Commandern Ausserdem 
wurde die Festungs-Artillerie von Bender, Kerc, Nikolajew und 
Alexandropol mobilisiert: im ganzen 9 Bataillone Festungs- Artillerie. 

An irregulären Formationen: die Don-Kasaken-Division, 
sowie 10 aus dem Urlaub er Verhältnisse einberufene Don- 
Regimenter und 4 Don-Batterien 4 ); beim Kuban- und Terek- 
Heere je 1 Regiment gleichfalls aus dem Urlauberverhältnisse 
(das 2. Kuban- und das Wladikawkaz-Terek-Regiment), 2 Plastun- 
Sotnien, 2 Escadronen des kaiserlichen Convoi und das irreguläre 
Terek- Bergreiter -Regiment 5 ); alle hier aufgezählten Formationen 
waren bei der Operations- Armee eingetheilt. 

J ) Die fliegenden Parks Nr. 14, 15, 13, 16, 10, II, 12 und 17 und die mobilen 
Parks mit den gleichen Nummern; 4 reitende Artillerie-Halbparks (1. und 2. Halb- 
park des 4., und I. und 2. Halbpark des 5. Parks) und der 8. reitende Artillerie-Park; 
ausserdem wurden formiert: der 7. reitende und der 25., 26., 27. und 28. mobile 
Artillerie-Park. 

2 ) Hier sind nur die bei den Cavallerie-Divisionen eingetheilten Kasaken-Sotnien 
angeführt. 

3 ) Hier sind nur die Geschütze der bei den Cavallerie-Divisionen eingetheilten 
Don-Kasaken-Batterien ausgewiesen. 

4 ) Die Don-Kasaken-Regimenter Nr. 21, 23, 26, 29, 30, 31, 34, 35, 37, 40 
und die Don-Kasaken-Batterien Nr. 8, 9, 10 und 15. 

5 ) Dasselbe — zu 4 Sotnien formiert — bestand aus Eingeborenen: Ossetinern 
und Inguschen. 



237 

Ausserdem wurden beurlaubte Truppen des Kuban- und 
Terek-Heeres mittels besonderer Verfügungen des Comman- 
dierenden Generals des kaukasischen Militär-Bezirkes einberufen. 

An Ersatz-Truppen: 85 (darunter 3 Schützen- und 
2 Sappeur-) Ersatz-Bataillone ; die Infanterie-Bataillone waren zu 
2 Compagnien mit zusammen 500 Mann, die Sappeur- und Schützen- 
Bataillone zu 4 Compagnien formiert. 

An Hilfsformationen und Anstalten : die 3. und 4. Feld- 
Gendarmerie-Escadron, 30 zeitliche Kriegsspitäler, ein mobiles 
Arsenal, 3 Ersatz-Cavallerie-Brigaden (4., 5. und 6.) mit 22 (von 
denselben aufgestellten) Marsch-Escadronen zu 12 Rotten per Zug, 
16 Ersatz-Fuss- und 1 reitende Ersatz-Batterie. 

Bis zum Jänner 1877 waren an Feld- und Kasaken-Truppen 
im ganzen mobilisiert: 286 Bataillone und 4 Halbbataillone 
Infanterie und technischer Truppen, 34 Plastun-Sotnien [zu Fuss], 
363 Escadronen und Sotnien Cavallerie, 11 54 Geschütze und 
38 Artillerie- und Ingenieur- Parks. 

Die Stärke der gesammten mobilisierten und speciell für die 
Operationen auf beiden Kriegsschauplätzen bestimmten Truppen 
belief sich nach den vorgeschriebenen Kriegsständen auf 
460.000 Mann. 

Die mobilisierten Truppen gehörten theilweise zur Operations- 
Armee (107 Bataillone, 149 Escadronen und Sotnien, 472 Geschütze 
— im ganzen 193.000 Mann), theilweise zum „Operations-Corps" 
an der kaukasisch-türkischen Grenze (79 Bataillone, 32 Fuss-Sotnien, 
151 Escadronen und Sotnien, 256 Geschütze, — im ganzen 
122.000 Mann). Zum Schutze der Nord-Küste des Schwarzen Meeres 
waren bestimmt: 48 Bataillone, 39 Escadronen, 216 Geschütze — 
zusammen circa 72.000 Mann. Endlich marschierten im Kijewer 
Militär-Bezirke als Reserve für die Operations- Armee auf: 
52 Bataillone 24 Sotnien, 210 Geschütze, zusammen 73.000 Mann. 

Ausserdem wurden in den Militär-Bezirken Odessa, Charkow, 
Kijew, Moskau und Kaukasus für Etapenzwecke und an Ersatz- 
Truppen im ganzen 79-758 Mann mit 78 Geschützen mobilisiert. 

Die Gesammtstärke aller mobilisierten Truppen mit sämmt- 
lichen dazu gehörigen Anstalten betrug 546.667 Mann. 

Zur Augmentierung aller dieser Truppen wurde die Einbe- 
rufung der Reservemänner in 44 Gouvernements, 4 Gebieten 
und 2 Kreisen des europäischen Russland und des Kaukasus 
verfügt; es wurden jedoch nicht alle in den bezeichneten 



23§ 

Gouvernements etc. befindlichen Reservemänner zum Dienste 
einberufen, sondern nur soviel, als zum Ueb ergange der mobi- 
lisierten Truppen vom Friedens- auf den Krieg*sstand nebst einer 
10 procentigen Reserve für Erkrankte, nicht Erschienene etc. 
nöthig waren; dies machte zusammen 254.061 Mann aus. Am 
vierten Mobilisierungstage waren bereits in 10 Gouvernements 
alle Einberufenen zur Stelle, am fünften Tage in weiteren 7 Gou- 
vernements (als erster Mobilisierungstag war der 2. [14.] November 
bestimmt worden) und am 6. [18.] November waren überhaupt 
bereits mehr als drei Viertel aller Einberufenen an den Sammel- 
punkten erschienen. 

Innerhalb 17 Tagen war die Arbeit an diesen Punkten 
überall abgeschlossen, mit Ausnahme Transkaukasiens, wo sie sich 
bis zum 26. Mobilisierungstage hinzog. Die Leute sammelten sich 
im allgemeinen schnell und eilten — trotz der aufgeweichten 
Wege im Herbste und des Schneegestöbers im Winter — willig 
zu den Einberufungspunkten. 

Von 254.061 Einberufenen fehlten nur 1011, das ist im 
ganzen Va Procent; in den meisten Fällen waren Erkrankungen 
oder Tod die Ursache des Nichterscheinens. 

Gleichzeitig mit der Einberufung der Reservemänner begann 
auf Grund des neuen allgemeinen Pferdestellungs-Gesetzes in 
30 Gouvernements des südlichen und centralen Russland, sowie 
des Nordwest-Gebietes auch die Abstellung von Pferden seitens 
der Bevölkerung 1 ). Für alle mobilisierten Truppen und Anstalten 
benöthigte man 62.996 Pferde. 



*) Der Entwurf des Pferdestellungs-Gesetzes wurde zu Beginn des Jahres 1876 
dem Staatsrathe zur Begutachtung vorgelegt ; ferner wurde im Juli 1876 die Aller- 
höchste Bewilligung zu gewissen provisorischen Verfügungen erbeten und im August 
in 33 Gouvernements des westlichen Russland die Pferde-Conscription vorgenommen ; 
am 23. September [5. October] 1876 wurde mit Allerhöchster Bewilligung der obige 
Entwurf für den Fall einer partiellen oder allgemeinen Mobilisierung als gesetzlich ver- 
bindlich erklärt, ohne dass derselbe zuvor vom Staatsrathe genehmigt worden wäre. 
Endlich wurde am 24. October [5. November] 1876 der Entwurf als provisorisches 
Gesetz bestätigt. 

Nach diesem Gesetze hatte die Abstellung von Pferden behufs Augmentierung 
der Truppen auf den Kriegsstand, sowie überhaupt während des Krieges derart zu 
erfolgen, dass die Bevölkerung ihre Pferde gegen eine bestimmte Pauschalsumme ab- 
gab. Dieser Abstellung unterlagen alle tauglichen Pferde; die Bestimmung der 
Tauglichkeit und die Sortierung der Pferde erfolgte nach besonderen Instructionen. 
Zur Abstellung waren die Kreise in Militär-Pferde-Bezirke eingetheilt, wobei die Städte 
eigene Bezirke bildeten. Zur Uebernahme der Pferde an den Abgabepunkten waren 
specielle, aus Militär- und Civilpersonen zusammengesetzte Commissionen bestimmt. 



239 

Die Pferdestellung begann am fünften Mobilisierungstage und 
war im Verlaufe der ersten drei Tage bereits in 10 Gouver- 
nements, am elften Tage fast überall abgeschlossen; nur in 
einigen Kreisen dauerte sie bis zum 1 6. Tage. Von der benöthigten 
Menge wurden 58.956 Pferde, das ist 93V2 Procent freiwillig 
beigestellt, die übrigen 4040 Pferde nach der Losreihe über- 
nommen. 

Der Transport der Reservisten und Pferde auf den Eisen- 
bahnen begann am dritten Mobilisierungstage und war am 30. No- 
vember [12. December] 1876 vollkommen beendet. 

Die Beförderung* der mobilisierten Truppen begann am 
siebenten Mobilisierungstage, das heisst am 8. [20.] November, musste 
aber am 11. [23.] November aus Ursachen unterbrochen werden, 
welche im VIII. Capitel ausführlich besprochen sind. Die weitere 
Bewegung auf den Eisenbahnen erfolgte sodann ohne jeglichen 
Aufenthalt und war — abgesehen von einigen Parks und Spitälern 
— am 17. [29.] December beendet. 

Gleichzeitig mit der Mobilisierung der Feld-Truppen und der 
Aufstellung der denselben entsprechenden Ersatz-Formationen 
musste auch ein Theil der Festungs- und Local-Truppen entwickelt 
werden, um nach Abgang der Feld-Truppen an deren Stelle den 
Garnisonsdienst zu versehen. 

Was die Reserve-Truppen betrifft, so wurde die Formierung 
von solchen durch die November-Mobilisierung noch nicht ange- 
ordnet. Dafür mussten in der ersten Periode des Krieges infolge 
des Fehlens specieller Etapen-Formationen Feld-Truppen deren 
Dienst versehen. 

Die weitere Verstärkung der russischen Armee fand in nach- 
stehender Reihenfolge statt: schon am 1 1. [24.] Jänner 1877 ergieng 



Um die Menge an vorhandenen tauglichen Pferden festzustellen, sollte in jedem 
sechsten Jahre eine Pferde-Conscription stattfinden. Die Gesammtzahl der erforderlichen 
Pferde und deren Auftheilung auf die Kreise sollte durch das Kriegs-Ministerium im 
Einvernehmen mit den Ministerien des Innern und der Finanzen erfolgen. Die weitere Auf- 
theilung auf die Militär-Pferde-Bezirke erfolgte innerhalb der Kreise durch die „Kreis- 
Commissionen in Wehrangelegenheiten" ; für untaugliche Pferde wurde eine 50 procen- 
tige Reserve über den Bedarf veranschlagt. 

Die Bevölkerung hatte das Recht, freiwillig Pferde beizustellen, in welchem 
Falle das normierte Pauschal um 20 Procent erhöht wurde; auch sollten dann die 
übrigen Pferde des betreffenden Besitzers nicht genommen werden. Zur Abstellung von 
Pferden nach der Losreihe schritt man nur, wenn deren nicht genug freiwillig geliefert 
wurden. 



240 

— da sich die Verstärkung der Operations- Armee und der Truppen 
im Kaukasus als nöthig erwies — der Allerhöchste Befehl zur 
Vorbereitung* der Mobilisierung von weiteren 7 Infanterie- und 
1 Cavallerie-Division, zur Formierung- von 28 Ersatz-Bataillonen, 
24 Ersatz-Escadronen, 3 Festungs-Infanterie-Regimentern ; 1 1 Local- 
Bataillonen und 1 1 Local-Commanden. Diesesmal sollten Theile 
jener Feld- undLocal-Truppen mobilisiert werden, welche in den 
Militär-Bezirken Wilna, Warschau, Moskau, Kazanj und Kaukasus 
lag*en. Entsprechend dem bezeichneten Befehle wurde am 
3. [15.] April 1877 die erste nachträgliche Mobilisierung verlaut- 
bart; sie betraf die 2., 3., 16., 20., 21., 30. und 38. Infanterie- 
Division mit den zugehörigen Artillerie-Brigaden und Artillerie- 
Parks ; ferner die 2. Sappeur-Brigade ; die 4. und ausserdem 
die 13. Cavallerie- Division sammt ihren reitenden Batterien 
und den reitenden Parks, sowie 12 zeitliche Kriegsspitäler. 
Von den bezeichneten Truppen wurden die 20., 21. und 38. In- 
fanterie-Division im Kaukasus belassen ; alle übrigen waren zur 
Verstärkung der Operations-Armee in der europäischen Türkei 
bestimmt. 

Zum gleichen Zwecke, das ist zur Verstärkung der Armee, 
wurden überdies 10 beurlaubte Don-Kasaken-Regimenter 2. Auf- 
gebotes und 7 beurlaubte Don-Kasaken-Batterien einberufen 1 ). 

Im Zusammenhange mit der Mobilisierung dieser Feld- 
Truppen und -Spitäler erfolgte auch die Versetzung eines weiteren 
Theiles der Local-Bataillone und -Commanden, der Ersatz-Bataillone 
und -Escadronen etc. auf Kriegsfuss. 

So wurden im April 20 Ersatz-Bataillone, ferner 12 Cadres 
für Ersatz-Fuss-Batterien formiert. 

Von den Local-Truppen wurden das Moskauer und Kazanjer 
Bataillon gleichfalls im April zu je einem Regiment e mit 4 Ba- 
taillonen, sowie ein Theil der Local-Commanden (zu Nowgorod, 
Pskow und Reval) zu Bataillonen entwickelt, wobei die genannten 
Bataillone und Commanden als Cadres dienten. 

Die Ergänzung mit Officieren erfolgte bei denselben haupt- 
sächlich aus Pensionisten, jene mit Mannschaft — theilweise aus 
der Reserve, theilweise aus Reichswehrmännern I. Kategorie. 

Ausserdem begann im April, wie unten gezeigt werden wird 
auch die Aufstellung von Reserve-Truppen. 



*) Die Don-Kasaken-Regimenter Nr. 22, 24, 25, 27, 28, 32, 33, 36, 37 und 
39, und die Batterien Nr. 12, 13, 14, 18, 19, 20 und 21. 






241 

Die Stärke aller nachträglich mobilisierten Truppen belief 
sich — abgesehen von den Kasaken — auf 188.172 Mann. 

Zur Ergänzung dieser Truppen auf den Kriegsstand wurden 
in 44 Gouvernements und Gebieten des europäischen Russland 
und im Kaukasus im ganzen 11 9.0 15 Reservemänner einberufen. 

Wie die erste Einberufung der Reservisten im November 1876, 
so erfolgte auch die zweite im April 1877 zu einer Zeit, wo alle 
Wege grundlos waren ; aber auch diesmal hinderte das nicht, 
dass die Einrückung schnell und erfolgreich vonstatten gieng. 

Die Reservemänner rückten überall bis zum neunten Mobili- 
sierungstage ein, ausgenommen nur das Gouvernement Astrachan, 
wo dies bis zum vierzehnten Tage dauerte. 

Die mit dieser Mobilisierung im Zusammenhange stehende 
Pferdestellung wurde auf 28 Gouvernements vertheilt. Im ganzen 
waren zur Augmentierung der Truppen und zur Bildung einer 
Pferde-Reserve 19.188 Pferde nöthig. Dieselben wurden innerhalb 
14 Tagen von der Bevölkerung beigestellt; hiebei waren nur 
800 Pferde nach der Losreihe genommen, die übrigen 18.388 
freiwillig abgestellt worden. 

Die weitere Mobilisierung von Truppen gieng bereits 
während des Krieges, und zwar in nachstehender Reihenfolge 
vor sich : 

Im Jahre 1877 wurden mobilisiert: im Mai— die 40. Infanterie- 
Division mit ihrer Artillerie ; im Juli — die 1., 2. und 3. Garde-, 
die 1. Grenadier-, die 24. und 26. Infanterie- und die 2. Garde- 
Cavallerie-Division, alle mit ihrer Artillerie, die Garde-Schützen- 
Brigade und das Garde-Sappeur-Bataillon ; im August — die 
2. und 3. Grenadier- und die 1. Cavallerie-Division sammt zuge- 
hörig'er Artillerie, die 1. Sappeur-Brigade, sowie endlich die 
Garde- und die 5. Feld-Gendarmerie-Escadron. 

Die Einberufung der Mannschaft erfolgte auf Grund des 
Mobilisierungs - Planes (Rospisanije) Nr. 6, der erst im August 
1876 genehmigt worden war. 

An Ersatz-Truppen wurden autgestellt : im Mai 1 1 Infanterie- 
Bataillone ; im Juli wurde die Lehr-Fuss-Batterie [der Artillerie- 
Officiers-Schule] in die 1. und 2. Garde-Ersatz-Batterie, und die 
reitende Lehr-Batterie in die 3. reitende Ersatz-Batterie umge- 
wandelt ; im August gelangten 3 1 Bataillone und ausserdem einige 
weitere Bataillone im Juni, September und November zur Auf- 
stellung. Im Laufe des Jahres 1877 wurden im ganzen die Ersatz- 

Der russisch-türkische Kriesr. I. ßd. 16 



-4- 

Bataillone von 10 Garde-, 14 Grenadier- und 40 Armee-Infanterie- 
Regimentern, ferner 1 Garde-Schützen- und 2 Sappeur-Ersatz- 
Bataillone formiert ; von denselben hatten sämmtliche Garde-, 
2 Grenadier- und die Sappeur-Bataillone den normalen, die übrigen 
den verminderten Stand. Die Cadres für die Ersatz-Formationen 
wurden den betreffenden Feld-Truppen entnommen und in den 
„wechselnden" Stand der Garde- und Grenadier-Bataillone — 
Reservemänner, in jenen der übrigen — Recruten und Reichs- 
wehrmänner I. Kategorie eingetheilt. 

Von den Local-Truppen wurden in dieser Periode nur einige 
Commanden ausgestaltet, nämlich während des ganzen Jahres 1877 
2 Bataillone und 17 Commanden, welche zusammen 25 Local- 
Bataillone ergaben; ferner wurden 15 Local-, 10 Convoi- und 
einige andere Commanden neu aufgestellt. 

Die auf Kriegsfuss befindlichen Truppen wurden demnach 
durch die im Jahre 1877 erfolgten Mobilisierungen, Neuaufstellungen 
und Erweiterungen wie folgt verstärkt: a) an Feld-Truppen um 
222 z l \ Bataillone, 70 Escadronen und Sotnien und 106 Batterien 
mit den entsprechenden Artillerie-Parks, sowie um 1 Belag*erungs- 
Ingenieur- und 4 Feld-Telegraphen-Parks ; b) an Local-Truppen 
um 25 Bataillone, 15 Local-, 10 Convoi- und einige andere Comman- 
den ; c) an Reserve-Truppen — wie im folgenden dargestellt 
werden wird — um 56 Reserve-Bataillone und 12 Reserve- 
Batterien; d) an Ersatz-Truppen um 67 Bataillone und 15 Batterien. 

Infolge der durch die nachträglichen Mobilisierungen bedingten 
Standeserhöhungen, ferner infolge der Neuaufstellungen vermehrte 
sich der Stand der regulären Truppen um 71 Generale, 6683 Offi- 
ciere, 2586 Militär-Beamte, 406.930 Mann und 73.287 Pferde ; der 
Effectivstand der Kasaken-Truppen stieg um 577 Generale und 
Ofhciere und um 20.991 Kasaken. 

Die weitere Ausgestaltung der russischen Streitkräfte wurde 
auch während der ganzen ersten Hälfte des Jahres 1878 fort- 
gesetzt und die rückgängige Bewegung hierin begann erst Mitte 
Juli 1878, als die Beendigung der Sitzungen des Berliner Con- 
gresses die Wahrscheinlichkeit neuer Zusammenstösse völlig 
ausschloss. 

Während dieser Zeit wurden — ausser den oben aufgezählten 
neu formierten Feld-, Festungs- und Local-Truppen — umge- 
wandelt : 

1. die Local-Bataillone von Petersburg, Reval, Archangelsk, 
Wilna, Riga und Warschau — in Regimenter ; als Cadres für 



243 

dieselben dienten die betreffenden Local-Bataillone. Die Officiere 
ergänzten sich hauptsächlich aus früheren Pensionisten, die Mann- 
schaft theils aus Recruten des Assentjahres 1877, theils aus 
Reichswehrmännern I. Kategorie. Die Umwandlung der bezeich- 
neten Bataillone erfolgte im Jänner und Februar, nur jene des 
Revaler Bataillons im April ; 

2. die Local-Commanden von Kowno ; Lublin, Siedice und 
Mittau wurden im Februar in Local-Bataillone entwickelt und 

3. die Local-Bataillone von Cherson und Kiszyniew im Mai 
durch Halbierung in je 2 Bataillone erweitert und durch Zutrans- 
ferierung von Leuten mehrerer Local-Commanden verstärkt ; 

4. im Kaukasus wurden im Juni und Juli 1878 das Tifliser 
Local-Regiment und 13 Local-Bataillone verdoppelt und so ein 
zweites Regiment, respective zweite Bataillone formiert, ferner 
1 1 Local-Commanden zu Local-Bataillonen ä 4 Compagnien ent- 
wickelt. Ausserdem wurden im Mai und Juni die Stäbe der 
Kronstädter und Sveab orger Festungs-Division und der Iwan- 
goroder Festungs - Brigade aufgestellt. Die zu diesen Divisionen 
respective Brig'aden gehörenden Festungs-Truppen wurden jedoch 
nicht auf Krieg*sfuss gebracht, sondern hiefür nur die Vor- 
bereitungen getroffen. 

Durch diese Umformierung'en erhöhte sich — inclusive der 
Neuaufstellungen — der Stand der Truppen um 888 Officiere 
und 49.000 Mann. 

Die grössten Schwierigkeiten jedoch bereitete die Aufstellung 
der Reserve-Truppen, deren dringende Nothwendig-keit sich 
bereits im Frühjahre 1877 geltend machte, als es sich darum 
handelte, die Feld-Truppen von Etapen- und sonstigen Diensten 
im Rücken der Armee zu entlasten. 

Für die Formierung der Reserve-Truppen war im Jahre 1874 
durch die „Organischen Bestimmungen für die Reserve-Infanterie" 
vorgesorgt worden ; wie im IV. Capitel erwähnt, war es nicht 
beabsichtigt, im Frieden besondere Cadres für dieselbe zu er- 
halten ; ihre Aufstellung sollte vielmehr derart erfolgen, dass active 
Officiere den Feld- und Local-Truppen entnommen und weitere 
Officiere, sowie die Mannschaft aus dem Reservestande einberufen 
wurden. Jedoch war zu Beginn des Jahres 1877 der Stand an 
Reserve -Mannschaft (Reserveofficiere gab es überhaupt fast 
keine) bereits derart zusammengeschmolzen, dass derselbe gerade 
für die noch nicht mobilisierten Infanterie-, sowie für einen Theil 

16* 



244 

der Festung's-, Local- und Ersatz-Truppen ausgereicht hätte. Zur 
Formierung* der Reserve-Bataillone konnte man also entweder 
diese Reserve-Mannschaft einberufen, zerstörte aber hiemit alle 
Calculs, oder man konnte Theile der Festungs- und Local-Truppen 
hiezu verwenden und dieselben durch Reichswehrmänner I. Kate- 
gorie ergänzen. Der letztere Modus wurde auch bei der 
Errichtung sämmtlicher im Jahre 1877 und in der ersten Hälfte 
1878 aufg-estellten Reserve-Infanterie-Truppen befolgt. 

Die Formierung der letzteren geschah in nachstehender 
Reihenfolge: im April 1877 wurden zunächst 10 Bataillone , Nr. 1 
bis 10, aus den Festungs -Infanterie -Regimentern von Bender, 
Bobrujsk, Dünaburg (2) derart gebildet, dass mehrere Bataillone 
aus dem Verbände derselben herausgenommen, und auf den vor- 
geschriebenen Stand laut den organischen Bestimmungen vom 
Jahre 1874 gebracht wurden; sie erhielten einen un egalen Train 
in vermindertem Ausmasse und rückten sodann ab, um den Etapen- 
dienst im Rücken der operierenden Armee zu versehen. Im 
August desselben Jahres giengen aus dem Bobrujsker und aus 
den beiden Dünaburger Festungs-Infanterie-Regimentern weitere 
6 Bataillone mit den Nummern 11, 12, 49, 50, 51 und 52 hervor 
und erhielten ebenfalls den Stand vom Jahre 1874. Zu gleicher 
Zeit wurde aus den Bataillonen Nr. 1 bis 12 die 1. Reserve- 
Division, aber ohne Artillerie, gebildet. 

Noch früher, nämlich am 31. Juli [12. August], war die Auf- 
stellung von 36 Bataillonen mit dem Stande vom Jahre 1874 
angeordnet worden ; jedoch erhielten die Bataillone um 6 Officiere 
weniger, als nach diesem Stande normiert waren J ), und einen 
unegalen Train in vermindertem Ausmasse. Die Formierung- der 
Bataillone erfolgte durch Halbierung von 36 Local-Bataillonen, 
wobei jedes Halbbataillon als Cadre für ein Reserve-, respective 
für das Local-Bataillon fungierte. Das letztere erhielt einen Stand 
von 900 Mann. Dagegen war die Zahl der Officiere um 9 ge- 
ringer, als vorgeschrieben 2 ). Zur Ergänzung dieser, und zwar 
sowohl der Reserve- wie auch der Local-Bataillone, wurden 
Reichswehrmänner I. Kategorie einberufen. Der Stab des Local- 
Bataillons gieng zum Reserve-Bataillon über, und für das erster e 
wurde ein neuer Stab aufgestellt. Die derart formierten 36 Re- 
serve-Bataillone erhielten die Nummern 13 bis 48, und aus den- 



r ) Das heisst 15 Officiere anstatt 21. 
2 ) Das heisst 16 anstatt 25. 



245 

selben wurden die Infanterie-Divisionen Nr. 2 bis 4 gebildet. Die 
Aufstellung der Bataillone erfolgte im August (21), September (13) 
und October (2). 

Endlich gieng im August aus dem Garde-Cadre-Bataillon 
das Grarde-Reserve-Infanterie-Regiment zu 4 Bataillonen hervor. 

Was die Reserve- Artillerie betrifft, so wurden 12 Batterien 
im Verlaufe des Jahres 1877 aufgestellt, und je 4 hievon den 
Reserve-Infanterie-Divisionen Nr. 2 bis 4 zugetheilt. Diese Batterien 
erhielten den Stand der Feld-Batterien, nur fehlten die fünften 
(Ersatz-) Züge. 

"Während des Jahres 1877 wurden demnach im ganzen 
56 Reserve-Bataillone und 12 Reserve-Batterien mit mehr als 
61.000 Mann und circa 4000 Pferden errichtet. 

Im Jahre 1878 erfolgte die Aufstellung von Reserve-Truppen 
ebenfalls successive ; sie war übrigens zur Zeit des Abschlusses 
des Berliner Vertrages noch nicht beendet. 

Im Jänner wurde die Errichtung von 44 Bataillonen (Nr. 53 
bis 96) angeordnet und aus denselben die 4 Reserve-Infanterie- 
Divisionen Nr. 5 bis 8 gebildet; jede der letzteren erhielt über- 
dies eine Reserve- Artillerie-Brigade a 4 Batterien mit der gleichen 
Nummer (5 bis 8). 

Im April begann die Formierung von weiteren 36 Bataillonen, 
welche in 3 Reserve-Divisionen (Nr. 9 bis 11) eingetheilt wurden; 
jede dieser Divisionen erhielt ebenfalls eine Reserve- Artillerie- 
Brigade zu 4 Batterien. 

Die Bildung dieser 80 Reserve - Bataillone geschah in fol- 
gender Weise : 

20 Bataillone entstanden dadurch, dass je 2 Bataillone der 
(4) Festungs -Infanterie -Regimenter in Nowogeorgiewsk, Düna- 
burg (2) und Bobrujsk, sowie aller Local-Infanterie-Regimenter 
in Riga, Wilna und Warschau aus deren Verbände ausgeschieden 
wurden, worauf man die bezeichneten Regimenter vorläufig auf 
dem Stande von 2 Bataillonen beliess ; die übrigen 60 Bataillone 
entstanden durch Halbierung aller Bataillone der Local-Infanterie- 
Regimenter in Kijew, Odessa, Kazanj, Petersburg und Moskau, 
sowie durch Halbierung von 40 Local-Infanterie-Bataillonen ; die 
zurückbleibenden Halbbataillone dienten wieder als Cadres für 
die Formierung von 60 neuen Local-Bataillonen der früheren Be- 
zeichnung ; dagegen wurden aus den frei gewordenen Bataillonen 
respective Halbbataillonen die obenerwähnten 80 neuen Reserve- 
Bataillone gebildet. Zu ihrer Ergänzung auf den Kriegsstand ver- 



246 

wendete man zum Theile Leute, die sich nach der Einrückung der 
Recruten des Jahrganges 1877 bei den nicht mobilisierten Truppen 
als überzählig ergaben, hauptsächlich aber Reichswehrmänner der 
I. Kategorie, welche zu den Ersatz-Bataillonen eingerückt waren. 
Der Stand an Officieren musste auch in diesem Falle, und zwar 
bei den Reserve-Bataillonen um 6, bei den Local-Bataillonen um 
9 vermindert werden. 

Die Aufstellung der neuen 80 Reserve-Bataillone und 7 Re- 
serve-Artillerie-Brigaden nahm folgenden Verlauf: im Jänner 
wurden 4 Batterien, im Februar 30 Bataillone und 8 Batterien, 
im März 12 Bataillone und 8 Batterien, im April 15 Bataillone 
und im Mai 23 Bataillone und 8 Batterien formiert. 

Am 2T,. April [5. Mai] 1878 wurde die Zusammenziehung 
der obigen 80 und der bereits früher aufgestellten Bataillone 
Nr. 49 bis 52 in Regimenter zu 3 Bataillonen angeordnet (jene 
der ersten 4 Divisionen waren schon früher in Regimenter 
vereinigt worden). 

Im Mai 1878 wurde — zur Verstärkung der Truppen in 
Mittel-Asien — im Militär-Bezirke West-Sibirien die Formierung 
von 8 turkestanischen Reserve-Bataillonen und 2 turkestanischen 
Reserve-Batterien verfügt. Als Cadres für dieselben wurde je eine 
Compagnie der Linien-Bataillone des oben bezeichneten Militär- 
Bezirkes verwendet und die zur Ergänzung nöthige Mannschaft 
theils dem Reservestande, theils den vorhandenen Ueberzähligen 
entnommen. 

Überdies wurde im Juni 1878 noch eine Reserve-Batterie 
formiert. 

Ausser den oben aufgezählten 1 1 Reserve-Divisionen wurde 
im März 1878 die Bildung weiterer 7 Infanterie-Divisionen, Nr. 12 
bis 18 und deren Verlegung auf den Kriegsschauplatz beschlossen; 
hiezu wollte man 36 Local- und 48 Festungs-Infanterie-Bataillone 
verwenden ; und zwar sollten die Bataillone der ersten 3 dieser 
Divisionen zu je 3, dagegen die Bataillone der übrig'en 4 Divi- 
sionen zu je 4 in Regimenter zusammengefasst werden, und jede 
Division 4 Batterien erhalten. Für den Fall, dass diese Truppen 
thatsächlich auf den Kriegsschauplatz abrücken würden, war 
weiters beschlossen, dieselben durch Reichswehr-Druzinen zu 
ersetzen. 

Infolge der Verbesserung der politischen Situation kam es 
jedoch nicht mehr zu diesen äussersten Massreg*eln, und die 
Divisionen Nr. 12 bis 18 wurden überhaupt nicht aufgestellt. 



247 

Aus dem vorstehenden geht hervor, dass im Juli 1878 die 
russischen Streitkräfte fast auf die höchste Stufe ihrer Ent- 
wicklungsfähigkeit gebracht waren. Man darf aber nicht vergessen, 
dass der grössere Theil der Local-, Festungs- und besonders der 
Reserve-Truppen nur wenige und nicht immer gute Officiere, 
ferner ein nur wenig ausgebildetes, hauptsächlich der Reichswehr 
entnommenes Mannschafts-Material besass und daher keine völlig 
verlässliche Kampfkraft darstellen konnte. Ueberdies hatten diese 
Truppen einen unzureichenden oder überhaupt gar keinen Train. 

Die Gesammtzahl der am 1. [13.] Juli vorhandenen Truppen 
der russischen Armee war folgende : 

1. Operations-Truppen : Infanterie: 192 Regimenter (616 Ba- 
taillone), 32 Schützen- und 43 Linien-Bataillone, zusammen 691 Ba- 
taillone (hievon 7 Bataillone in Formierung). Ausserdem 16 Ba- 
taillone der Kasaken-Truppen. Cavallerie: Reguläre — 224 Es- 
cadronen, Kasaken — 688 Escadronen und Sotnien. Artillerie: 
292 Fuss-, 26 reitende, 36 Kasaken- und 10V2 Gebirgs-Batterien. 
Ingenieur-Truppen (ohne Parks): 15V2 Sappeur-, 8 Pontonier- 
und 4 Eisenbahn-Bataillone (hierunter 2 Pontonier- und 1 Eisen- 
bahn-Bataillon in Formierung). 

2. Etapen- und Besatzungs-Truppen: 339 Bataillone, 71 Bat- 
terien, 41 Festungs-Infanterie-Bataillone und 675 Local-Commanden 
(darunter 8 Bataillone und 2 Batterien in Formierung). 

3. Ersatz-Truppen: 152 Bataillone, 56 Escadronen, 28 Bat- 
terien. 

Ausserdem Lehr-Truppen und Hilfsformationen. 

Wenn die noch nicht mobilisierten 12 Infanterie- und 
6 Cavallerie-Divisionen mit ihrer Artillerie, sowie einige andere 
Formationen auf den Kriegsfuss gebracht worden und zu den 
obengenannten Truppen hinzugekommen wären, so hätte die 
Gesammtstärke der Landmacht 1,983.000 Mann ausmachen sollen. 

Zusammensetzung der Operations - Armee. Da es der 
russischen Regierung nicht gelungen war, mit friedlichen Mitteln 
die Lage der unterdrückten christlichen Bevölkerung in der Türkei 
zu verbessern, so sah sich dieselbe zum Kriege gezwungen ; 
natürlich musste sie sowohl den für die Armee in Aussicht ge- 
nommenen Aufmarschraum als auch die Zahl und Stärke der für 
den Krieg bestimmten Streitkräfte mit der jeweiligen Entwicklung 
der politischen Lage in Einklang bringen. Anstatt 2 Corps — 
wie im Sommer 1876 beabsichtigt — direct in Rumänien auf- 



-48 

marschieren zu lassen, um später Bulgarien zu occupieren, entschloss 
man sich bereits im September desselben Jahres endgiltig,aus 4 Corps 
(VIII.) IX., XI. und XII.) sowie einigen anderen Truppenkörpern 
eine Operations-Armee zu formieren, welche auf dem europäischen 
Krieg'sschauplatze auftreten sollte. Diese Truppen hatten nicht in 
Rumänien, sondern schon in Bessarabien aufzumarschieren ; 
gleichzeitig- sollten im Kijewer Militär-Bezirke, in nächster Nähe 
Oesterreich-Ungarns, 4 Infanterie-Divisionen (1., 17., 18. und 35.) 
sowie die Don-Kasaken-Division, welche bisher im Moskauer Militär- 
Bezirke lagen, als Reserve der Operations- Armee concentriert 
werden j ). 

Zum Schutze der Nordküste des Schwarzen Meeres sollten 
die Truppen des Odessaer Militär-Bezirkes (welche nach Aus- 
scheidung der zur Operations- Armee eingetheilten 14. Infanterie- 
und 8. Cavallerie-Division dortselbst verblieben) durch die 36. In- 
fanterie- und die 10. Cavallerie-Division verstärkt werden. 

Im Sinne dieses Planes wurde mit Allerhöchstem Prikas vom 
1. [13.] November 1876 die Formierung der Operations -Armee, 
des selbständigen kaukasischen Operations-Corps, sowie auch der 
zum Schutze der Schwarzmeer-Küste bestimmten Truppen ange- 
ordnet. 

Laut diesem Prikas hatten die Operations- Armee zu bilden: 
das Armee-Obercommando, die 2. Garde-Kuban- und die Garde- 
Terek-Kasaken-Escadron des kaiserlichen Convoi, 2 Compagnien 
der Garde-Equipage, 50 Mann vom Garde-Sappeur-Bataillon, das 
VIII., IX., XI. und XII. Corps (96 Bataillone, 48 Escadronen, 
24 Sotnien, 432 Geschütze, 16 Parks und 4 Halbparks) die 
4. Schützen - Brigade (das 13., 14., 15. und 16. Bataillon), die 
1. und 2. Gebirgs-Batterie (16 Geschütze), die 3. Sappeur-Brigade 
(5., 6. und 7. Sappeur-, sowie 5. und 6. Pontoni er - Halb- 
bataillon, der 2. Belagerung-s-Ingenieur- und der 2. Feld-Ingenieur- 
Park, der 5. und 6. Feld-Telegraphen-Park und 1V2 Park-Com- 



2 ) .Später, im Jahre 1877, als diese Truppen sich mit der Operations-Armee 
vereinigten, wurden an ihrer Stelle zur Beobachtung der österreichischen Grenze die 
2. und 3. Infanterie- und die 2. Don-Kasaken-Division concentriert ; noch später, als 
auch diese zur Operations-Armee abrückten, wurden zu demselben Zwecke an deren 
Stelle aus den Militär-Bezirken Warschau und Wilna die 8. und 25. Infanterie-Division 
vorgezogen. Ausserdem marschierten — wieder in der gleichen Absicht — die 5., 6., 
8., 9. und 10. Reserve-Infanterie-Division und einige Kasaken-Truppen innerhalb der 
Militär-Bezirke Kijew und Odessa auf; später wurde auch noch die I. Grenadier- 
Division aus dem Kaukasus dahin verschoben. 



249 

pagnien), das 3. und 4. Pontonier-Halbbataillon, ein Commando 
der galvanotechnischen Compagnie (50 Mann), das Feldbahn- 
Bataillon *), ein Marinesoldaten-Commando der Schwarzmeer-Flotte 
(200 Mann), die Don-Kasaken-Regimenter Nr. 21, 23, 26, 29, 30, 
3 1 ; 34; 35, 37 und 40 (60 Sotnien), das 2. Reiter-Regiment des Kuban- 
Kasaken-Heeres (6 Sotnien), das Reiter-Regiment Wladikawkaz 
des Terek-Kasaken-Heeres (4 Sotnien), 4 Sotnien Terek-Miliz 2 ), 
2 Plastun-Sotnien des Kuban-Kasaken-Heeres, die Don-Kasaken- 
Batterien Nr. 8, 9, 10 und 15 (24 Geschütze), der 8. reitende 
Artillerie-Park und die 3. Gendarmerie-Escadron. 

Die Operations-Armee bestand demnach im ganzen aus : 
100 Infanterie-Bataillonen, 2 Compagnien und 1 Commando Marine- 
soldaten, 51 Escadronen und 98 Reiter-Sotnien, 472 bespannten 
Geschützen, 1 7 Artillerie-Parks und 4 Artillerie-Halbparks ; ferner 
aus Ingenieur-Truppen, nämlich 4 Bataillonen, 4 Halbbataillonen, 
4 Parks und 1V2 Park-Compagnien. 

Ueberdies wurde auf Grund der „Organischen Bestimmungen 
für die Armee im Felde" beim Operierenden Hauptquartier der 
Train desselben und ein Bedienungs - Mannschafts - Commando 
formiert, dessen Personal den Regimentern der 13., 15. und 
34. Infanterie-Division entnommen war. Beim Operierenden Haupt- 
quartier bestand ferner für den Armee-Obercommandanten ein 
Ehren-Convoi zu Fuss (eine Compagnie), welcher — 270 Mann 
stark — aus überzähligen Unterofncieren und Feldwebeln sämmt- 
licher Infanterie-Regimenter der Armee gebildet war. Die Unter- 
officiere dieser Ehren-Convoi-Compagnie wurden später, als 
GM. Stoljetow mit der Organisierung bulgarischer Landsturm- 
Druzinen aus bulgarischen Auswanderern betraut wurde, dem- 
selben zu diesem Zwecke nebst Oberofficieren der Infanterie- 
Divisionen der Operations-Armee zur Verfügung gestellt. 

Bis zur Kriegserklärung, das ist am 12. (24.) April 1877, 
änderte sich die Zusammensetzung der Operations-Armee nur 
Sehr wenig. 

Im December 1876 wurde zu derselben eine Ural-Kasaken- 
Sotnie eingetheilt, welche bei der Armee anfangs Jänner 1877 
eintraf, und später der 3. Sappeur-Brigade beigegeben wurde. 



*) Dasselbe wurde später, im Monate December, zu der 3. Sappeur-Brigade 
eingetheilt und in das ,,3. Eisenbahn-Bataillon" umbenannt. 

2 ) Diese Sotnien wurden im Monate December als Terek-Bergreiter-Regiment 
vereinigt, welches mit dem 2. Kuban- und dem Regimente Wladikawkaz zu der neu 
gebildeten selbständigen Kasaken-Division (14 Sotnien) eingetheilt wurde. 



^50 

Im Jänner 1877 beg'ann man mit der Bildung der vorderen 
Artillerie-Reserve, welche erst Mitte Juni beendet war. 

In der ersten Hälfte des Februar wurde zur Operations- Armee 
auch Belagerungs-Artillerie eingetheilt, und das Personal hiezu 
(2 Bataillone) der Kijewer Festungs-Artillerie entnommen. 

In demselben Monate erhielt das Marinesoldaten-Commando 
der Schwarzmeer-Flotte eine Verstärkung und wurde in das 
,,Schwarzmeer-Marine-Detachement" (2 Compagnien) umgewandelt. 
Gleichzeitig wurde die selbständige Kasaken-Division um das 
Don-Kasaken-Regiment Nr. 30 verstärkt und erhielt die Be- 
zeichnung- „kaukasische Kasaken-Division". Sodann wurde eine 
für die 4. Schützen-Brigade bestimmte Artillerie-Park-Abtheilung 
zur Operations- Armee eingetheilt. 

Im Monate März theilte man die 3; Gendarmerie-Escadron zugs- 
weise auf die 4 Corps auf; an ihrer Stelle erhielt das Hauptquartier 
eine Halbescadron der 4. Gendarmerie-Escadron, deren andere 
Hälfte den Truppen des Militär-Bezirkes Odessa zugewiesen wurde. 

Auf diese Weise bestand die Operations-Armee am 13. [25.] 
April aus: 100 Infanterie-Bataillonen, 4 Marinesoldaten-Compa- 
gnien, 2 Kasaken-Fuss-Sotnien, 150V2 Escadronen und Sotnien ; 
472 bespannten Geschützen, 2 Festungs- Artillerie-Bataillonen, 
1 7 Artillerie-Parks, 4 Artillerie-Halbparks und 1 Park- Abtheilung, 
1 Belagerungs-Artillerie-Park, 8 Sappeur-, Pontonier- und Eisen- 
bahn-Bataillonen, 1V2 Ingenieur-Park-Compagnien, 4 Feld-Tele- 
graphen-Parks, ferner aus mehreren Feld- und Belagerungs- 
Ingenieur-Parks und aus 2 Commanden. 

Eine namhafte Verstärkung erfuhr die Operations- Armee erst 
nach der Kriegserklärung, als mittels des Allerhöchsten Prikas 
vom 27. April [9. Mai] 1877 zu derselben eingetheilt wurden : das 
XIIL, XIV. und IV. Corps, die 2. Sappeur-Brigade, 10 Reserve- 
Bataillone, die 1. Reserve- Sappeur- Compagnie, die Marine- 
Schützen-Compagnie des Infanterie-Lehr-Bataillons, das Baltische 
Marine-D etachement (3 Compagnien), 1 Bataillon der Nikolajewer, 
sowie 1 Compagnie der Kijewer Festungs- Artillerie und der 
Belagerungs-Artillerie-Park. Diese Verstärkungen trafen bei der 
Operations- Armee wie folgt ein : die Truppen des XIIL und 
XIV. 'Corps — Ende Mai und in der ersten Hälfte Juni, des 
IV. Corps — Ende Juni und anfangs Juli, die Reserve-Infanterie- 
Bataillone successive im Mai und Juni. 

Durch die neu hinzukommenden Truppen wurde die 
Operations- Armee bis 25. Juni [7. Juli] gebracht auf : 182 Infanterie- 



251 

Bataillone, i Bataillon und 6 Compagnien Marine-Soldaten, 2 Fuss- 
Sotnien, 215 Escadronen und Sotnien, 802 Geschütze, 29 Artillerie- 
Parks, 4 Artillerie -Halbparks, 6 Artillerie -Park -Abtheilungen, 
5 Sappeur-, 2 Eisenbahn- und 4 Pontonier-Bataillone, 1 Reserve- 
Sappeur-Compagnie und 2 Commanden, 2 Belagerungs-Ingenieur- 
Parks, 1 Feld - Ingenieur - Park, 4 Feld - Telegraphen - Parks, 
2V2 Park-Compagnien, 3 Vi Festungs-iVrtillerie-Bataillone und 
1 Belagerungs-Artillerie-Park. 

Ausserdem gehörten zur Operations-Armee : das Combinierte 
Garde-D etachement und der bulgarische Landsturm. 

Die Zusammensetzung und Organisation des Obercom- 
mandos der Operations-Armee war durch die am 16. [28.] October 
genehmigten „Organischen Bestimmungen für die Armee im Felde" 
normiert worden ; sie bestand in folgendem : 

An der Spitze der Armee stand als Armee-Obercommandant 
Seine kaiserliche Hoheit der General- Adjutant Ingenieur- General 
Grossfürst Nikolaus Nikolaje wie der Aeltere ; er behielt auch 
weiterhin seine Stellung als General-Inspector der Cavallerie und 
des Ingenieurwesens bei 1 ). 

Die Rechte, der Wirkungskreis, der Grad und Bereich der 
Machtbefugnisse des Armee-Obercommandanten waren, diesen 
„Organischen Bestimmungen" zufolge — insoweit sie die Armee, 
den Personalstand der Truppen, die Administration, die Ver- 
waltung occupierter feindlicher Territorien und anderes betrafen 
— überaus umfangreich. Die Befehle des Armee-Obercommandanten 
waren von den ihm untergebenen Truppen und unterstellten 
Militär-Bezirken, Gouvernements und Gebieten in dem Räume 



a ) Seine kaiserliche Hoheit wurde im Jahre 1831 geboren ; er zählte bei seiner 
Ernennung zum Armee-Obercommandanten 45 Jahre. Während seiner Dienstzeit 
commandierte der Grossfürst nacheinander : die I. Brigade der 1. leichten Cavallerie- 
Division, dann diese Division selbst, die I. Garde-Cavallerie-Division, das Reserve- 
Garde -Cavallerie-Corps und das Garde -Corps. Im September 1864 wurde Seine 
kaiserliche Hoheit zum Commandierenden General, später zum Obercommandierenden 
der Garde -Truppen und des Petersburger Militär -Bezirkes und schliesslich, am 
10. [22.] August 1876, zum Obercommandanten der Operations-Armee ernannt. 

Seit dem Jahre 1852 war Seine Hoheit General-Inspector des Ingenieurwesens, 
seit 1857 Ehren-Präsident der Nikolaus-Ingenieur- Akademie und seit 1864 General- 
Inspector der Cavallerie und des Ingenieurwesens. 

Der Grossfürst hatte am Krim-Kriege theilgenommen und für ausgezeichnetes 
Verhalten in der Schlacht von Inkerman die 4. Classe des Ordens des hl. Gross- 
märtyrers und Siegverleihers Georg erhalten. 



der Kriegs-Operationen geradeso wie Allerhöchste Befehle aus- 
zuführen 1 ). 

Als Organ zur Leitung der Seiner Hoheit anvertrauten 
Truppen diente das Armee-Obercommando ; welches aus folgenden 
wichtigeren Theilen oder Sectionen bestand: i. dem Operierenden 
Hauptquartiere [dem „Feldstabe"], 2. der Feld-Intendanz. 3. der 
Feld- Artillerie-Verwaltung, 4. der Feld-Ingenieur- Verwaltung, 5. der 
Feld- Verwaltung für militärische Verbindungen und 6. dem Feld- 



a ) Die Leitung der Kriegs-Operationen war ganz und gar dem Belieben des 
Armee- Obercommandanten anheimgestellt ; er hatte sich hiebei nur an den Allerhöchst 
genehmigten allgemeinen Kriegsplan zu halten, konnte selbständig mit dem Feinde 
Waffenstillstände abschliessen, dagegen nur mit besonderer Allerhöchster Vollmacht 
sich in Friedens-Unterhandlungen einlassen. 

Vor Beginn der Kriegs-Operationen wurde zwischen dem Armee-Obercommandanten 
und dem Kriegs-Minister über die Zusammensetzung der Armee und über die Personal- 
verhältnisse bei den höheren Commanden das Einvernehmen gepflogen und hierüber 
vS einer Majestät Bericht erstattet. 

Das Armee-Obercommando entwarf die Pläne für die vorläufige Einrichtung 
der Operations-Basis und erliess die Anordnungen, die zur endgiltigen Versetzung der 
Armee in die vollkommene Kriegsbereitschaft nöthig waren. Die obenbezeichneten 
Pläne theilte der Armee-Obercommandant dem Kriegs-Minister mit, welcher seinerseits 
bei deren Durchführung mitzuwirken hatte. Der Armee-Obercommandant Hess auch 
die Voranschläge für ausserordentliche und nachträgliche Kriegs Ausgaben verfassen und 
bestimmte, nachdem dieselben durch den Kriegs-Minister zur Allerhöchsten Genehmigung 
unterbreitet worden waren, den Zeitpunkt, wann die erforderlichen Summen der Armee 
zuzusenden waren. 

Die Functionäre des Armee-Obercommandos wählte der Obercommandant, den 
organischen Bestimmungen zufolge, zum Theile nach Einholung der Allerhöchsten Ge- 
nehmigung, zum Theile bestimmte er sie aus eigener Machtvollkommenheit. Provisorische 
Sections-Vorstände des Armee-Obercommandos und ihre Gehilfen, ferner provisorische 
Corps- und Divisions-Commandanten ernannte er gleichfalls aus eigener Macht- 
vollkommenheit. Ausserdem hatte er das Ernennungsrecht von : I. Regiments- und 
anderen gleichgestellten selbständigen Truppen- Commandanten ; 2. Detachement- 
Commandanten ; 3. Militär -Gouverneuren und Local - Commandanten ; 4. Civil- 
Gouverneuren und anderen Functionären zur Verwaltung der nach dem Kriegsrechte 
occupierten Gebiete. 

Für glänzende Waffenthaten konnte er aus eigener Machtvollkommenheit an 
Personen des Mannschaftsstandes den Kriegsorden [St. Georg] aller Grade verleihen, 
Unterofficiere zu Officieren ernennen, Officiere in die nächsthöhere Charge bis inclusive 
zum Armee-Hauptmann oder in die gleichgestellte Classe befördern ; ferner durfte er 
verleihen: die 4. Classe des Ordens vom hl. apostelgleichen Fürsten Wladimir 
mit Schwertern und Band, die 2. und 3. Classe des hl. Annen-Ordens mit Schwertern 
und Band, sowie die 4. Classe dieses Ordens mit der Aufschrift „Für Tapferkeit", 
die 2. und 3. Classe des hl. Stanislaus-Ordens mit Schwertern und Band und den goldenen 
Säbel mit der Aufschrift „Für Tapferkeit". Die 4. Classe des Ordens vom hl. Gross- 
märtyrer und Siegverleiher Georg konnte er nur nach dem Statut, dass heisst mit 



253 

Cassenamte ! ). Ausserdem gehörten zum Armee-Obercommando 
mehrere Verwaltungen und Personen, welche direct dem Armee- 
Stabschef unterstanden, und zwar i. die Commandantur [Platz- 
Commando], 2. der Inspector der Spitäler der Armee, 3. die Feld- 
Medicinal- Verwaltung, 4. die Feld-Post- Verwaltung und 5. der 
Oberste Feldgeistliche. 

Unter den aufgezählten Departements des Armee- Ober- 
commandos hatte das Operierende Hauptquartier die grösste 
Bedeutung* ; an dessen Spitze stand der Stabschef der Armee, 
General-Adjutant General der Infanterie Nepokojcitzki. 

Die übrigen leitenden Persönlichkeiten beim Armee-Ober- 
commando waren folgende : beim Operierenden Hauptquartier 
— die Gehilfen des Stabschefs, nämlich die General-Majore 
Lewitzki und Kucewski; ferner die Sections -Vorstände beim 
Armee-Obercommando, und zwar der Artilleriechef General- 
Adjutant GL. Fürst Masalski; der Ingenieurchef GM. Depp; 
der Chef der militärischen Verbindungen GL. Katalej (Catalei) 
und der Armee-Intendant Wirklicher Staatsrath Arens. 

Die Vorstände der dem Armee - Stabschef direct unter- 
geordneten Verwaltungen waren : der Chef der Commandantur 
GM. Wojejkow; der Inspector der Spitäler GM. Kossinski; 






Einwilligung eines Rathes verleihen, der aus persönlich anwesenden Georgs-Ordens- 
rittern jeweilig zu bilden war. 

Im Bereiche der Armee hatte der Obercommandant das Recht, alle ihm unter- 
stellten Personen ohne Unterschied des Ranges und Berufes vom Posten zu entheben 
und von der Armee abzuscharren. 

In ökonomischer Beziehung besass er die Rechte des Kriegsrathes. Ausserdem 
hatte er die Befugnis, allgemeine und partielle Requisitionen^ anzuordnen und in 
feindlichen, nach dem Kriegsrechte occupierten Gebietsteilen Contributionen auf- 
zuerlegen, den Ersatz der normierten Verpflegsartikel durch andere zu gestatten, ferner, 
wenn es die Verhältnisse bedingten, ausserordentliche Gebüren und Ausgaben in be- 
liebiger Höhe zu bewilligen und die Relation des russischen Geldes zum Gelde des 
occupierten feindlichen Gebietes zu bestimmen etc. 

Bezüglich der „in Kriegszustand" erklärten Gouvernements und Gebiete besass 
der Armee-Obercommandant sehr weitgehende Rechte, indem er Functionäre und 
Bürger, welche ihm für die Sicherheit der Armee gefährlich schienen, entfernen und 
dem Kriegsgerichte übergeben konnte. In feindlichen, von der Armee occupierten 
Gebieten durfte er im Namen Seiner Majestät die provisorische Verwaltung organisieren, 
owie bestehende Steuern beheben und neue vorschreiben. 

x ) Das Feld-Cassenamt wurde im Sinne der „Provisorischen organischen Be- 
stimmungen für das Cassenwesen im Kriege" errichtet, welche mit Prikas Nr. 333 
vom 8. [20.] November verlautbart worden waren. Als Organe des Feld-Hauptcassiers 
bei den Truppen fungierten die Corps- und Detachement-Cassiere. 



-^54 

der Feld-Medicinal-Inspector Wirklicher Staatsrath Priselkow; 
der Chef der Feld-Post- Verwaltung Hofrath Romanus; und der 
Oberste Feldgeistliche Erzpriester (Protojerej) Smolic. 

Dem Armee-Obercommandanten waren direct untergeordnet: 
der Feld-Ataman GL. Fomin (ihm unterstanden alle zur Armee 
gehörenden, jedoch in keinen Divisions-Verband eingetheilten 
irregulären Truppen), der Haupt-Feldcassier Wirklicher Staats- 
rath Kidosenkow, der General-Feld-Controlor Wirklicher Staats- 
rath Cerkasow 1 ), der Civil-Commissär Wirklicher Staatsrath Fürst 
Cerkasskij (Vorstand seiner Kanzlei GM. Domontowic) und 
der diplomatische Beamte Staatsrath Chitrowo. 

Bei der Armee bestand auch ein Feld-Kriegs-Gericht und 
ein- Cassations-Gerichtshof. Vorsitzender des erster en war anfangs 
GM. Brand und seit 10. [22] April 1878 GM. Welickowski. 
Vorsitzender des Cassations-Hofes war anfangs der Commandant 
der 14. Infanterie-Division, GM. Dragomirow, und seit 22. April 
[4. Mai] der Feld-Ataman GL. Fomin 2 ). 



*) Die „Provisorischen organischen Bestimmungen für das Controlwesen im 
Felde" wurden mit Prikas Nr. 73 vom 28. Februar [12. März] 1877 verlautbart. 

2 ) Im folgenden sind die wichtigsten Daten über die leitenden Persönlichkeiten 
■des Armee-Obercommandos und über den Wirkungskreis der ihnen unterstellten Ver- 
waltungen und Behörden angeführt. 

General Nepokoj citzki diente seit dem Jahre 1832; er machte von 1841 
bis 1845 eine Reihe von Expeditionen gegen die kaukasischen Bergvölker, sodann den 
Feldzug in Ungarn und den Türken-Krieg 1853 — 1854 mit. Vor seiner Ernennung zum 
Stabschef der Armee war er von 1859 — 1876 Vorsitzender des Codifications-Comite. 
Im November 1876 war er 63 Jahre alt. 

Seiner Stellung nach war der Armee-Stabschef die dem Armee-Obercomman- 
danten zunächst stehende Persönlichkeit. Er war Referent für alle Ressorts des Ober- 
commandos und hatte auch zugegen zu sein, wenn der Obercommandant es für 
nöthig hielt, den Armee-Intendanten, den Artillerie- oder Ingenieurchef, den Chef 
der militärischen Verbindungen oder den Haupt - Cassier zur persönlichen 
Berichterstattung zu citieren. Wenn ihm auch die bezeichneten Functionäre nicht 
untergeordnet waren, so hatte er das Recht, sie zu Berathungen zu berufen, bei 
welchen er stets den Vorsitz führte. Er war verpflichtet, die von ihm bei irgend 
einem Theile der Armee beobachteten Fälle von Unordnung und Ausserachtlassungen 
dem Armee - Obercommandanten zur Kenntnis zu bringen, und hatte überhaupt 
darauf zu sehen, dass bei der ganzen Armee alles genau und pünktlich vor sich 
gehe. Er hatte das Recht, alle Regimenter und sonstigen Theile der Armee zu be- 
sichtigen. Die von ihm verkündeten Befehle des Armee-Obercommandanten hatten die- 
selbe verbindliche Kraft wie die persönlichen Befehle des letzteren. Bei Erkrankung 
des Armee-Obercommandanten hatte er in dessen Namen die Armee zu befehligen, 
und beim Tode desselben bis zur Ernennung des neuen Armee-Obercommandanten 
dessen Stelle zu vertreten. 






255 

Der Aufmarsch der Armee in ßessarabien sollte nach 
den Entwürfen des Hauptstabes am 8. [20.] November 1876 be- 
ginnen und am 20. December 1876 [1. Jänner 1877] beendet sein. 

Nachdem gleichfalls im Hauptstabe bearbeiteten Dislocations- 
Plane sollte die Armee im mittleren und südlichen Theile von 
Bessarabien, ferner längs der Bahnen im südlichen Theile des 






Wie im Texte dieses Capitels gezeigt wurde, hatte der Stabschef der Armee 
Gehilfen, anfangs einen — den General-Major der kaiserlichen Suite Lewitzki; später 
(am 3. [15.] Jänner 1877) wurde als zweiter Gehilfe der GM. Kucewski ernannt. 

GM. Lewitzki war seit dem Jahre 1853 Officier ; er bekleidete verschiedene 
Posten beim Generalstabe, war Professor der Nikolaus - Generalstabs - Akademie 
und commandierte kurze Zeit das Grenadier-Regiment zu Pfeid; vor seiner Eintheilung 
zur Operations-Armee war er Gehilfe des Stabschefs der Garde und des Militär-Bezirkes 
Petersburg. Angesichts des sehr hohen Alters des Stabschefs lastete die gesammte 
operative Thätigkeit hauptsächlich auf dem GM. Lewitzki. 

GM. Kucewski war seit dem Jahre 1870 bis zu seiner Eintheilung zur 
Operations-Armee Mitglied des Codincations-Comite. Er war Officier seit 1829. 

Das Operierende Hauptquaitier bestand aus 3 Abtheilungen ; 1. der Operations-, 
2. der Inspections- und 3. der ökonomischen Abtheilung ; in denselben wurde die 
Correspondenz über die betreffenden Gegenstände geführt. Die Abtheilungen waren 
den Gehilfen des Stabschefs unmittelbar untergeordnet. 

Dem Stabschef selbst unterstanden direct : 1. die Kanzlei des Stabschefs 
(Vorstand derselben Wirklicher Staatsrath Schubert); 2. die militär-topographische 
Abtheilung (Vorstand — Oberst Oblomij ewski) ; 3. der Stabsofficier für Kund- 
schaftswesen — Oberst Artamanow; (er hatte Nachrichten über den Feind zu 
sammeln und für die Armee Wegweiser aufzunehmen) und 4. mehrere zur Disposition 
stehende Personen. 

Der Gehilfe des Armee-Intendanten war der Wirkliche Staatsrath Lewkowic. 
Der Wirkungskreis der Feld-Intendanz ist im IX. Capitel dargestellt. 

Artilleriechef war, wie oben gezeigt, General- Adjutant GL. Fürst Masalski; 
dieser diente seit dem Jahre 1829 und bekleidete vor dem Kriege den Posten eines 
Artilleriechefs des Militär-Bezirkes Petersburg. Sein Gehilfe war GM. Adamowic. 
Chef der Artillerie-Parks war Oberst Kannabich. 

Der Artilleriechef war Vorgesetzter der gesammten Artillerie der Armee ; er 
hatte dafür zu sorgen, dass die dem Armee-Obercommandanten unterstehenden Truppen 
und Festungen ohne Unterbrechung mit Munition und allen übrigen Artillerie-Aus- 
rüstungsgegenständen versehen würden. 

Die bei den Corps, Divisionen und Detachements eingetheilte Artillerie war an 
die Befehle der Commandanten dieser Heereskörper gebunden ; dagegen konnte der 
Armee-Artilleriechef über dieselben nur dann verfügen, wenn er vom Armee-Ober- 
commandanten den Befehl zur Mitwirkung an einer speciellen Aufgabe erhielt, .bei 
welcher eine bedeutende Artillerie-Kraft einheitlich zu verwenden war. Die nicht im 
Verbände von Corps, Divisionen und Detachements stehende Artillerie war ihm direct 
untergeordnet. 

Ingenieurchef war GM. Depp (Officier seit dem Jahre 1854^. Vor dem 
Kriege hatte er die Stelle eines Ingenieurchefs im Militär-Bezirke Warschau bekleidet. 
Sein Gehilfe war Oberst Engel. 



Gouvernements Podolien und im nordwestlichen Theile des Gou- 
vernements Cherson aufmarschieren; und zwar sollten sich 3 Corps 
mit 4 Don-Kasaken-Regimentern in der vorderen Linie bei Ki- 
szyniew befinden und ein Corps mit 6 Don- und 3 kaukasischen 
Kasaken -Regimentern rückwärts ; nämlich hinter dem Centrum 
und dem rechten Flügel ; längs der Bahn-Linie von Odessa nach 



Die Hauptobliegenheit des Ingenieurchefs war, Anordnungen für die recht- 
zeitige Versorgung der Truppen mit technischen Ausrüstungsgegenständen zu treffen 
und zu verhindern, dass sich diesbezüglich irgendwo ein Mangel fühlbar mache. 

Ueber die Ingenieur-Truppen hatte der Ingenieurchef das gleiche Verfügungs- 
recht wie der Artilleriechef bezüglich der Artillerie-Truppen. 

Chef der militärischen Verbindungen bei der Armee war GL. Katalej (Offi- 
cier seit dem Jahre 1838). Vor dem Kriege hatte er als Chef der Local-Truppen des 
Militär-Bezirkes Petersburg fungiert. In der Feld-Verwaltung der militärischen Ver- 
bindungen erfolgte die Bearbeitung aller Anordnungen des Armee-Obercommandanten, 
welche die Herstellung und Erhaltung der Verbindung zwischen der Armee und ihrer 
Basis betrafen. Infolgedessen umfasste sein Ressort folgende Gegenstände : I. die Ein- 
richtung von Etapen-Linien, 2. die Ausnützung von Communicationen, die als Etapen- 
Linien dienten, nämlich Bahnen, "Wasser- und Landstrassen, 3. die Erhaltung der 
Ordnung und Sicherheit auf den Etapen-Linien, 4. alle Anordnungen für a) den Zu- 
schub von Mann, Pferd und Material zur Armee und b) für den Abschub alles 
dessen, was von der Armee zurückgesendet wurde, 5. die Vorkehrungen zur Ver- 
sorgung der auf den Etapen-Linien sich sammelnden, unmittelbar zur Operations-Armee 
gehörigen Truppen mit Ausrüstungsgegenständen und Verpfiegsartikeln. 

Die Feld-Verwaltung der 'militärischen Verbindungen bestand aus 3 Abtheilungen: 
I. der Etapen-, 2. der Etapen-Linien- und 3. der Post- und Telegraphen-Abtheilung. 
Die Etapen- Abtheilung beschäftigte sich hauptsächlich mit der Errichtung und mit 
dem Personale der Platz- und Etapen-Commanden an den Etapen- Linien. Die Etapen- 
Linien- Abtheilung leitete hauptsächlich die Herstellung und Erhaltung der als Etapen- 
Linien dienenden Communicationen, sowie deren Ausnützung. Dem Vorstande dieser 
Abtheilung waren die Eisenbahn-Bataillone und die vom Communications-Ministerium 
commandierten Ingenieure und Techniker direct untergeordnet. Die Post- und 
Telegraphen- Abtheilung leitete die Einrichtung der Post- und Telegraphen- Verbindung 
und deren Erhaltung auf den Etapen-Linien; ihr unterstand das Post- und Telegraphen- 
personal. 

Der Chef der Commandantur war der nächste Gehilfe des Armee-Stabschefs, 
insoweit es sich um die Erhaltung von Ordnung und Pünktlichkeit bei der Armee 
und um die Leitung der Trains handelte ; er traf die nöthigen Anordnungen zur Ueber- 
nahme, Verköstigung und Absendung der Arrestanten, Gefangenen, Deserteure etc ; 
liess die Urtheile des Kriegsgerichtes vollziehen, mietete Spione und überwies sie an 
den Stabsofficier für das Kundschaftswesen. Ihm unterstanden auch der Convoi des 
Hauptquartiers und die Gendarmerie- Abtheilungen. 

Zum Ressort des Inspectors der Spitäler gehörten I. die unmittelbaren An- 
ordnungen für die Errichtung von Militär-Sanitätsanstalten im Cantonierungsbereiche 
der Armee und in deren Rücken und 2. die Vorsorgen dafür, dass die Spitäler besonders 
in ökonomisch-administrativer Beziehung in klaglosem Zustande erhalten würden ; in 
dieser Beziehung unterstand ihm auch das gesammte Spitalspersonal. 



'257 

Kijew und Kremenczug, im Räume zwischen Birzula-Zmerinka- 
Winnica einerseits und Birzula-Olwiopol anderseits. Derart verth eilt 
nahm die Armee in Front und Tiefe einen Raum von mehr als 
200 Werst ein. 

Im Detail hatten die Truppen folgende Situation einzunehmen, 
was auch — abgesehen von den unten hervorgehobenen Ab- 
änderungen — thatsächlich erfolgte : das Armee-Ob ercommando 
mit den , zugetheilten Behörden in Kiszyniew ; dortselbst ferner 
die beiden Convoi-Sotnien, die 2 Compagnien der Garde-Equipage, 
sowie das Schwarzmeer-Marinesoldaten-Commando und das Com- 
mando vom Garde-Sappeur-Bataillon. 

Das XII. Corps nördlich von Kiszyniew, und zwar die 
12. Infanterie-Division von Kiszyniew längs der Bahn bis zur 
Grenze [Ungheni] ; die 33. Infanterie-Division von Orgiejew bis 
Bielcy.; die 12. Cavallerie-Division bei Soroki und Jampol ; das 
Corps-Hauptquartier in Orgiejew. 

Das XL Corps südlich von Kiszyniew, mit der 32. Infanterie- 
Division südlich der Festung Bender, der 11. Infanterie-Division 
in der Südwest-Ecke Bessarabiens um das Dorf Tarutinskaja, der 
n. Cavallerie-Division bei Dubosary und Grigoriopol, und dem 
Corps-Hauptquartier im Dorfe Nowyje Kauszany. 

Das VIII. Corps: die 9. Infanterie-Division längs des Dniester 
südlich Tiraspol; die 14. Infanterie-Division zwischen Kiszyniew 
und Tiraspol; 4 Don-Kasaken-Regimenter (Nr. 29, 30, 31 und 40) 
sammt 2 Batterien (Nr. 8 und 9) längs der Grenze, vor der 
11. Infanterie-Division, vom Flecken Komrat bis Kubei [Kebiei] ; 



Von der Feld-Medicinal- Verwaltung (Wirklicher Staatsrath Priselkow) giengen 
aus : I. alle Anordnungen, welche Massnahmen zur Erhaltung der Gesundheit bei den 
Truppen betrafen, ferner solche, welche Bezug hatten auf die Versorgung der am 
Kriegsschauplätze befindlichen Truppen und Militär- Spitäler mit Medicamenten, 
pharmaceutischen Artikeln, chirurgischen Instrumenten, Verbandzeug sowie jenen Gegen- 
ständen des Sanitäts-Material-Kataloges, deren Erzeugung den militär-medicinischen 
Anstalten obliegt ; 2. die Vorsorge für eine möglichst erfolgversprechende ärztliche 
Behandlung der Kranken und Verwundeten ; endlich war 3. das gesammte militär- 
ärztliche Personal der Armee dieser Verwaltung unterstellt. 

Die Feld-Post-Verwaltung leitete speciell die Beförderung der postalischen 
Correspondenz, wogegen die oben bezeichnete Post- und Telegraphenabtheilung (der 
Verwaltung der militärischen Verbindungen) für die Errichtung und Erhaltung der 
Poststationen sorgte. Beim Hauptquartier befand sich ein Feld-Post-Amt, bei den 
Corps (später auch bei den Detachements) wurden Feld-Post- Abtheilungen errichtet, 
ebenso auch — je nach den Bedürfnissen, und zwar über Antrag des Chefs der Feld- 
Post-Abtheilung und nach Genehmigung durch den Armee-Obercommandanten — auf 
den Etapen-Linien. 

Der russisch-türkische Krieg. I. Bd. l 7 



die 4. Schützen-Brigade zwischen Kiszyniew und der Grenze, 
bei Warzarieszti, also südlich der 12. Infanterie -Division ; die 
3. Sappeur-Brigade, sowie 2 Pontonier-Halbbataillone der 2. Sap- 
peur-Brigade in und westlich Kiszyniew. 

Das IX. Corps: die 5. Infanterie-Division längs der Bahn 
von Zmerinka bis Winnica ; die 31. Infanterie-Division ebenso 
zwischen Birzula und Balta ; die 9. Cavallerie-Division zwischen 
Birzula und Ananiew ; das Corps-Hauptquartier in Balta. 

Ferner die 5 Don-Kasaken-Regimenter Nr. 21, 23, 26, 34 ] ) 
und 37 mit den beiden Batterien Nr. 9 und 15 zwischen Birzula 
und Zmerinka, und 3 kaukasische Kasaken-Regimenter mit 2 Plastun- 
Sotnien längs der Jelisawetgrader Eisenbahn zwischen Balta und 
Olwiopol. 

Die Artillerie-Parks cantonierten bei ihren Divisionen; nur 
die 5. Artillerie-Park-Brigade blieb in ihrem ständigen Garnisons- 
orte (Tiraspol), ebenso verblieben auch die Local-Artillerie-Parks 
in ihren Friedens-Standorten, nämlich 4 in Kremenczug* und 4 in 
Kijew. 

Der Belagerungs- Artillerie-Park sollte sich in der Stärke 
von 220 Geschützen in Bender concentrieren ; vorläufig jedoch 
erachtete es der Armee-Obercommandant für hinreichend, im 
ganzen nur 64 Geschütze (eine Einschliessungs-Abtheilung und 
eine Abtheilung des Haupt-Parks), sowie 24 Mörser in Bender 
bereitzustellen. Die vordere Artillerie-Reserve, das Munitions- 
Depot, die Artillerie-Werkstätten und Laboratorien wurden zu- 
nächst in ihren Standorten belassen und später nach Tiraspol 
und Kiszyniew vorgezogen. 

Der Intendanz-Transport cantonierte in Kiszyniew, Bender 
und Akkermann. 

Von den zeitlichen Kriegs- Spitälern wurden 9 in Bielcy, 
Orgiejew, Tarutinskaja, Tiraspol, Kiszyniew, Winnica, Balta, 
Jelisawetgrad und Kremenczug etabliert, die übrigen aber vor^ 
läufig in ihren Formierungs- Stationen, Kremenczug und Kijew. 
belassen. 

Wie oben erwähnt, sollte der Aufmarsch dispositionsgemäss 
am 20. December 1876 [1. Jänner 1877] beendet sein. In der 
Durchführung trat jedoch theils infolge unzureichenden rollenden 
Materials bei der Odessaer Bahn, theils infolge Verstopfung von 



v j Das dazu gehörige [sechste] Don-Kasaken-Regiment Nr. 35 wurde, wie oben 
gezeigt, gleich dem Armee-Obercommando zugetheilt. 



259 

Stationen der Kursk-Kijewer Bahn eine Verzögerung ein ; speciell 
die Odessaer Eisenbahn konnte am zehnten Mobilisierungstage 
nicht mehr die vorgeschriebene Zahl Militärzüge abfertigen 1 ). 

Der Betrieb kam hier von selbst zum Stillstande, und man 
musste, um nicht genöthigt zu sein, den gesammten Transport-Plan 
zu ändern, für drei Tage den Truppentransport auf allen Bahnen 
einstellen. Innerhalb dieser Zeit gelang es der Odessaer Bahn, 
das nöthige rollende Material zu beschaffen, und am 15. [27.] No- 
vember, welcher nunmehr als elfter Mobilisierungstag zu zählen 
war, wurde die Beförderung wieder aufgenommen. 

Später wäre beinahe eine neue grössere Verzögerung dadurch 
entstanden, dass auf den Stationen Tiraspol und Kuczurgan der 
Odessaer Eisenbahn die Wasseranlagen verdorben wurden ; 
da es infolgedessen der Bahn nicht möglich war, das leere Waggon- 
Material fortzuschaffen, so blieben bei ihr gegen 450 Waggons 
der Kijew-Brester Bahn stecken. Die Verwaltungen beider Bahnen 
suchten daher um eine neuerliche Einstellung des Betriebes für 
vier Tage an. 

Um jedoch den ungünstigen Eindruck einer derartigen Ein- 
stellung zu vermeiden, gieng der Kriegs - Minister hierauf 
nicht ein ; indessen sah man sich genöthigt, auf der Strecke 
Zmerinka-Birzula, in welche fast alle Züge der übrigen Bahnen 
geleitet wurden, die Zugszahl zu vermindern ; auf diese Weise 
wurde es der Odessaer Bahn möglich, das leere Waggon-Material 
abzuschieben, wodurch dann der ununterbrochene Betrieb auch 
auf den übrigen Linien gesichert war. 

Diese Erleichterung wurde dadurch erreicht, dass man die 
33. Infanterie-Division und die 33. Artillerie-Brigade vorläufig in 
ihren Garnisonen zurückbehielt und sie erst später, nachdem die 
gesammte Transport-Bewegung abgeschlossen war, nach einem 
besonderen Transport-Plane in den Aufmarschraum beförderte; 
dagegen wurde die vollständige 5. Infanterie-Division bis in die 
Bestimmungs-Stationen Winnica und Zmerinka mit Waggons der 
Kurs-Kijewer Bahn transportiert. 

Weitere Verzögerungen ergaben sich dann nicht mehr. 

Im Monate November trafen in den Aufmarsch- Stationen 
ein: die 9., 11. und 12. Cavallerie-Division (die 8. Cavallerie- 
Division, welche ohnehin in Bessarabien ihre Standorte 



a ) Die Ursachen dieser Verzögerung sind detailliert im VIII. Capitel be- 
handelt. 

17* 



20O 

hatte, rückte mit Fussmärschen in die Gegend Bielcy-Skulany 
ab; ebenso die 14. Infanterie-Division, welche Quartiere zwischen 
Bender und Kiszyniew bezog); ferner trafen ein: die 11. und 
12. Infanterie-Division (erstere ohne Artillerie), die 4. Schützen- 
Brigade (ohne das 13. Schützen-Bataillon) und ein Theil der 
3. Sappeur-Brig-ade. 

Weiters lang-ten im November an: am 23. [5. December] 
der Armee-Obercommandant in Kiszyniew und ebendort auch 
das Armee-Obercommando und die demselben zug'etheilten Ab- 
theilungen, die Compagnie der Garde-Equipage, das Commando 
vom Garde-Sappeur-Bataillon und zwei Commanden Schwarzmeer- 
Marinesoldaten. Das Galvanotechniker- Commando war gleichfalls 
seit Ende November [erste Dekade December] in Odessa. Um 
dieselbe Zeit waren die 4 Don-Kasaken-Regimenter Nr. 29, 30, 
31 und 40 auswaggoniert worden und befanden sich anfangs 
December am Marsche (gewöhnlicher Friedens-Fussmarsch) nach 
ihren Aufmarsch-Stationen vor der Front des XL Corps (Jeni Kubei 
[Kebiei], Komrat, Taraklija und Tamaj [Tomai]), wozu sie etwa 
10 bis 11 Märsche zurückzulegen hatten; ferner stiess die 8. Don- 
Kasaken-Batterie am 24. November [6. December] zur Armee. 

In den ersten Tagen des Monats December trafen ein : die 
Truppen der 3. Sappeur-Brigade, das 3. und 4. Pontonier-Halb- 
bataillon, die 15. und 9. Don-Kasaken-Batterie, die 9. Infanterie^ 
Division und das 13. Schützen-Bataillon am 4. [16.] December; 
die Artillerie der 11. Infanterie-Division am 5. [17.]; die 5. In- 
fanterie-Division am 7. [19.] ; die 31. Infanterie-Division am 8. [20.] ; 
die ^2. Infanterie-Division am 10. [22]; die beiden Escadronen 
des Convoi am 11. [23.] December; ferner die 33. Infanterie- 
Division zwischen dem 27. November [9. December] und 18. [30.] 
December (alle Divisionen mit ihrer Artillerie) ; die 6 Don- 
Kasaken-Regimenter (Nr. 21, 23, 26, 34, 35 und 37) zwischen dem 
11. [23.] und 19. [31.] December (dieselben hatten 3 bis 8 Fuss- 
märsche zurückzulegen) ; ferner am 1 7. [29 ] December das Regiment 
Wladikawkaz des Terek-Kasaken-Heeres und 2 Plastun-Sotnien ; 
am 23. December [4. Jänner 1877] das Kuban-Kasaken-Regiment 
und am 24. und 25. December [5. und 6. Jänner] das 3. Eisen- 
bahn-Bataillon. 

Die fliegenden Artillerie-Parks trafen zu verschiedenen 
Zeiten, und zwar im allgemeinen bedeutend später als die Truppen 
ein, zu denen sie gehörten, ein beträchtlicher Theil sogar erst 
in der letzten Dekade des December. 



26l 

Am 23. December [4. Jänner] fand der Massentransport 
seinen Abschluss, und bis 26. December [7. Jänner] waren alle 
Truppen in den ihnen zugewiesenen Aufmarsch-Stationen einge- 
troffen. 

Im Monate Jänner rückten nur noch die Ural-Kasaken-Sotnie 
(am 17. [29.]) und 2 Gebirgs-Batterien aus Kijew (am 30. Jänner 
[n. Februar]) zur Armee ein. 

Um die Aufmarsch-Cantonnements zu erreichen, hatten manche 
Truppenkörper ziemlich bedeutende Fussmärsche zu machen; be- 
sonders weit hatten die oben bezeichneten 4 Don-Kasaken- 
Regimenter zu marschieren, von denen das Regiment Nr. 26 in 
8 Märschen 270 Werst zurücklegte. 

Die Fuss-Truppen hatten im allgemeinen von den Aus- 
waggonierungs-Stationen zu den Cantonierungen höchstens drei 
Märsche zu machen; allerdings mussten einige auch ziemlich 
bedeutende Entfernungen überwinden, wie zum Beispiele das 
Infanterie-Regiment Selenga Nr. 4 1, welches 128 Werst (7 Märsche 
mit 2 Rasttagen) und das Infanterie -Regiment Ukraine Nr. 47, 
welches 198 Werst (11 Märsche mit 5 Rasttagen) zurückzu- 
legen hatte. 

Von der Fuss- Artillerie marschierte die 33. Artillerie-Brigade 
116 Werst in 7 Tagen (darunter 2 Rasttage). 

Die hier beschriebene Trupp en-Vertheilung, welche im Monate 
November beim Hauptstabe ausgearbeitet worden war, änderte 
sich später nur in einzelnen Theilen. Anlass hiezu gaben folgende 
Umstände: zunächst hatte es im December 1876 den Anschein, als 
ob man sofort die Grenze werde überschreiten müssen ; im Monate 
Februar machte sich die Notwendigkeit fühlbar, einzelnen Truppen 
in sanitärer Beziehung bessere Quartiere zuzuweisen ; im Frühjahre 
musste, nachdem der Krieg endgiltig beschlossen war, ein Truppen- 
Detachement in die Südwestecke der Grenze vorgeschoben werden, 
um später so schnell als möglich den strategisch wichtigen Punkt 
Galatz besetzen zu können ; und schliesslich wurden im Monate 
April für die bevorstehende Besichtigung durch Seine Majestät 
den Kaiser einzelne Truppenkörper bei den Eisenbahn-Stationen 
concentriert. 

Um möglichst schnell mit den Truppen die Grenze über- 
schreiten zu können, falls hiezu der Allerhöchste Befehl erfolgen 
sollte, erachtete es der Armee-Obercommandant für nöthig, die 
kaukasischen Kasaken-Regimenter Mitte December aus der Um- 
gebung von Olwiopol näher an die rumänische Grenze, das heisst 



2Ö2 

in das Gouvernement Bessarabien zu verschieben ; dementsprechend 
wurden verlegt: das Regiment Wladikawkaz nach Czenaka, das 
Kuban-Regiment nach Czymiszlija, das Terek-Bergreiter-Regiment 
nach Guragalbina und die beiden Plastun-Sotnien nach Riezeni, 
südlich der Bahn Kiszyniew-Ungheni. 

Gleichzeitig wurde das 35. Don-Kasaken-Regiment nachKiszy- 
niew und die 1. Don-Kasaken-Batterie nach Bender verschoben. 

Mitte December wurden ferner 2 Regimenter und die beiden 
reitenden Batterien der 12. Cavallerie-Division, welche bisher am 
linken Dniester-Ufer, bei Jampol, cantonierten, auf das andere 
Ufer in die Umgebung von Soroki verlegt, so dass die ganze 
1 2 . Cavallerie-Di vision am rechten Dniester-Ufer conoentriert war. 
Dieser Dislocationswechsel wurde durch die Schwierigkeit hervor- 
gerufen, den Dniester mittels Fähren zu übersetzen, zumal der 
Uebergang während des Eisganges g'anz in Frag*e gestellt sein 
konnte. 

Zu gleicher Zeit wurden verschoben: das 21. und 26. Don- 
Kasaken-Regiment und die 15. Don-Kasaken-Batterie aus der 
Umgebung von Zmerinka nach Jampol und Concurrenz, ferner 
das 23. Don-Kasaken-Regiment mittels Eisenbahn von Birzula nach 
Bessarabien in das nahe der rumänischen Grenze, südlich der 
Bahn gelegene Dorf Ginczeszty. 

Ende Februar wurden mehrere bisher in versumpften Ge- 
genden dislocierten Truppenkörper in gesündere verlegt; beispiels- 
weise gelangten im Unterkunftsbereiche der 9. Infanterie-Division 
das Regiment Jeletz Nr. 3 3 und Orel Nr. 3 6 aus dem sumpfigen Ufer- 
gebiete des Dniester, das erstere nach den Colonien Manheim und 
Elsass, das letztere in die Umgebung von Nowopietrowskoje (bei 
der Station Wesselyj-Kut der Odessaer Eisenbahn). Ferner fanden 
aus demselben Anlasse unbedeutende Verschiebungen von 
Compagnien und Bataillonen beim XII. Corps in der Umgebung 
von Orgiejew statt; und schliesslich wurden beim IX. Corps, 
welches um Batta und Winnica cantonierte, einzelne Compagnien 
und Bataillone verlegt, um den Unterkunftsbereich weiter aus- 
zudehnen. 

Später wurde beschlossen, gleich nach dem Dniester-Eisgange 
alle Pontonier-Halbbataillone und die Marin esoldaten-Commanden 
zur Vornahme von Uebungen in die Umgebung der Festung 
Bender zu verlegen, wohin zum gleichen Zeitpunkte auch die bei 
der Armee vorhandenen flachgehenden Dampfschiffe geschafft 
werden sollten. 



263 

Anfangs April verschob man — wie in der Folge (siehe II. Band, 
IL Capitel) näher besprochen wird — einzelne Truppenkörper aus 
den bisherig-en Cantonierungen, um sie näher an der Grenze 
bereit zu haben. 

Aus dem gleichen Grunde, sowie auch für die bevorstehende 
Besichtigung durch Seine Majestät den Kaiser, hatten sich eben- 
falls anfangs April zu concentrieren : die 5. Infanterie-Division 
mit ihrer Artillerie — bei der Station Zmerinka ; die 31. Infanterie-, 
sowie die 9. Cavallerie-Division sammt der Artillerie, ferner dem 
16. fliegenden und dem 16. mobilen Artillerie-Park — bei der 
Station Birzula *) ; die 9. Infanterie-Division und die 1. Brigade 
der 32. Infanterie-Division — ■ bei Tiraspol ; die 14. Infanterie- 
und 1 1. Cavallerie-Division mit der Artillerie, den beiden Escadronen 
des kaiserlichen Convoi und einer Sotnie des Ural-Kasaken- 
Heeres in Kiszyniew ; und schliesslich die 12. Infanterie- und 
8. Cavallerie-Division sammt deren Artillerie, das 7. Sappeur- und 
das (später als 3. bezeichnete) Eisenbahn-Bataillon — bei Ungheni. 

Massnahmen zum Schutze der Schwarzmeer-Küste. 
Gleichzeitig mit den Vorbereitungen für die Offensiv- Operationen 
auf dem europäischen und asiatischen Kriegsschauplatze beschloss 
man zum Schutze der Schwarzmeer-Küste, nämlich für den Fall, dass 
der Feind Landungen oder die Bombardierung von Küstenstädten 
versuchen sollte, eine Reihe von Vorkehrungen zu treffen. 

Dieselben bestanden in folgendem: 1. wurden für diesen Zweck 
specielle Feld-, Festungs- und später auch Reserve-Truppen be- 
stimmt," 2. die wichtigsten Punkte der Küste befestigt und bereits 
bestehende Befestigungen verstärkt; 3. vermehrte man die zur 
Vertheidigung dieser Punkte bestimmte Artillerie; 4. wurden an 
einigen Punkten Minensperren angelegt und 5. die Angriffs- und 
Vertheidigungsmittel der schwachen Schwarzmeer-Flotte verstärkt. 

Gleichzeitig mit der Bildung der Operations- Armee wurden 
4 Infanterie- und 2 Cavallerie-Divisionen sammt ihrer Artillerie 
dazu ausersehen, eventuellen feindlichen Landungs-Truppen Wider- 
stand zu leisten ; diese Divisionen wurden, wie bereits oben 
erwähnt, dem Obercommandanten der Operations-Armee unter- 
stellt und aus denselben 2 Corps, das VII. und X. gebildet 2 ). 



*) Nach der Besichtigung hatten die Truppen des IX. Corps in ihre bisherigen 
Aufmarsch-Cantonierungen zurückzukehren. 

2 ) In den Verband dieser Corps gehörten: 



264 

Zum Commandanten des ersteren wurde General-Adjutant 
Fürst Barclay de Tolly-Weimarn, zum Commandanten des 
zweiten General -Adjutant Durchlaucht Fürst Worontzow er- 
nannt. Die Truppen beider Corps hatten noch während des Auf- 
marsches der Operations- Armee die ihnen zugewiesenen Unter- 
kunftsbereiche zu beziehen. Dementsprechend trafen im November 
die 7. und 10. Cavallerie-Division in Odessa, respective Eupatoria 
ein, und im December die 36. und 34. Infanterie-Division im Kreise 
Akkerman, beziehungsweise in Simferopol, Perekop und Cherson; 
die 13. Infanterie-Division, welche im Frieden ihre Standorte in 
der Krim hatte, und in die Umgebung von Odessa und Cherson 
verlegt wurde, verschob sich nur wenig im Verhältnisse zu ihrer 
Friedens-Dislocation. 

Die beiden zum Schutze der Schwarzmeer-Küste bestimmten 
Armee-Corps konnten der fliegenden Artillerie-Parks leichter ent- 
behren als die Corps der Operations -Armee ; es wurde daher 
beschlossen, für sie 4 mobile und 2 reitende Artillerie-Parks x ) zu 
formieren, und zu diesem Zwecke bespannte Bauernwagen an- 
zukaufen, die nöthige Munition aber den Local-Parks in Kremenczug 
zu entnehmen. 

Zur Zeit des Eintreffens Seiner Majestät in Kiszyniew, am 
10. [22.] April, wurden das Gouvernement Tauris und sämmtliche 
an der Küste gelegenen Kreise der Gouvernements Cherson und 
Bessarabien „in Kriegszustand" erklärt und gleichzeitig dem Com- 



VII. Corps: 15. und 36. Infanterie-Division, beide mit ilirer Artillerie; 
7. Cavallerie-Division mit den reitenden Batterien Nr. 13 und 14; 25. und 26. 
mobiler Artillerie-Park; I. Halbpark des 7. reitenden Artillerie-Parks. 

X. Corps: 13. und 34. Infanterie-Division, beide mit der entsprechenden 
Artillerie-Brigade ; 10. Cavallerie-Division mit der 17. reitenden und der 3. Don-Kasaken- 
Batterie; Krim-Division; 27. und 28. mobiler Artillerie-Park, 2. Halbpark des 
7. reitenden Artillerie-Parks. 

Im ganzen 48 Bataillone, 26 Escadronen, 12 Sotnien, 96 Fuss- und 16 reitende 
Geschütze, mit zusammen 72.314 Mann und 216 Geschützen. 

Ausserdem konnte an der Vertheidigung der Küste ein grosser Theil der im 
Odessaer Militär-Bezirke liegenden Local- und Festungs-Truppen theilnehmen, und 
zwar das Odessaer Local-Regiment (4 Bataillone), 2 Local -Bataillone (zu Simferopol 
und Cherson), das Nikolajewer Local-Commando, das I. und 2. Kercer Festungs-Infanterie- 
Regiment, zu welchen später das neu formierte 3. Kercer Festungs-Infanterie-Regi- 
ment kam, je 3 Festungs- Artillerie-Bataillone zu Kerc und Nikolajew, ausserdem die 
Equipagen der Schwarzmeer-Flotte, zusammen gegen 25.000 bis 30.000 Mann. 

x ) Die mobilen Artillerie-Parks Nr. 25, 26, 27 und 28 und die reitenden 
Artillerie-Parks Nr. 7 und 8 ; die ersteren bestanden aus je 108 zweispännigen Wagen 
mit 235 Pferden, die letzteren aus 120 Wagen mit 265 Pferden. 



26 5 

mandierenden General des Militär-Bezirkes Odessa, GL. Semeka, 
die Rechte des Gouverneurs eines in Kriegszustand befindlichen 
Gebietes übertragen ; ferner wurden alle in der Krim liegenden, 
sowie die in Cherson befindlichen Truppen dem Commandanten 
des X. Corps, General- Adjutanten GL. Fürst Worontzow unter- 
* stellt; dem Festungs-Commandanten von Kerc, GM. Sederchholm, 
wurde bezüglich der Massnahmen zur Vertheidigung der Festung 
völlige Selbständigkeit gewährt. 

Zur Sicherung der Schwarzmeer -Küste musste vieles ge- 
schehen. Die damals bestandene einzige Seefestung Kerc war 
noch unfertig, und bei der notorischen Schwäche der Flotte lag 
das Küstenland gegen feindliche Unternehmungen fast schutzlos da. 

In den ersten Tagen des September hatte der Kriegs-Minister, 
welcher den Kaiser nach dem Süd-Ufer der Krim begleitete, Kerc 
und andere Punkte der Schwarzmeer-Küste besichtigt. Auf Grund 
der von ihm damals erlassenen Weisungen begann man sofort 
und mit aller Beschleunigung die Arbeiten zur Vertheidigungs - 
Instandsetzung von Kerc, Odessa, Ocakow und Sewastopol. 

Zur Armierung der Batterien von Ocakow, Sewastopol und 
Odessa wurden schwere Geschütze zum Theile aus Nikolajew und 
Kerc, zum Theile, und zwar solche von besonders grossem Caliber, 
aus den Petersburger Depots und von den Kronstädter Werken 
herangezogen. 

Ausser diesen Batterien waren zur Sicherung der Schwarz- 
meer-Häfen von der Seeseite submarine Minensperren anzulegen, 
und zwar auf der Rhede von Odessa, bei der Einfahrt in den 
Dniepr-Liman, in den Häfen von Sewastopol und Balaklawa und in 
der Strasse von Kerc. 

Da die in den südlichen Häten vorhandenen Unterwasser- 
Minen nicht ausreichten, mussten solche sammt Zubehör und 
Leitungen aus den Petersburger und Kronstädter Depots zu- 
gesendet werden. 

Behufs Absperrung' der Zugänge der Baltischen Häfen 
wurden 2990 Minen verschiedener Gattung 1 ) verwendet und 
überdies ein Vorrath an Minen-Zubehör erzeugt, um die den 
Kronstädter Depots entnommenen und an die Schwarzmeer-Häfen 
abgegebenen Vorräthe etc. wieder zu ergänzen 2 ). 



y ) Hievon waren bestimmt : 1490 galvanische, 700 schwimmende Contact- und 
100 Boden-Minen für Kronstadt, von den übrigen (galvanischen) Minen 200 für 
Dünamünde und je 250 für Wyborg und Sveaborg. 

-) 600 Minenkörper, 120 Minennetze und 365 Werst geschützten Kabels. 



2ÖÖ 

Von den in Odessa vorhandenen Minen mussten 300 Stück 
zur Sperrung- der Donau abgegeben werden ; als Ersatz hiefür 
wurden von Petersburg nach Odessa 200 Minen alter Construction 
übersendet ; welche dortselbst in galvanische umgearbeitet werden 
sollten. 

Zur Ladung von Unterwasser-Minen liess die Artillerie- * 
Verwaltung an die Baltischen Häfen 14.760 Pud [242.100 kg\ } 
und an die Schwarzmeer-Häfen zu den dortselbst bereits vor- 
handenen Vorräthen noch 3700 Pud [60.700 kg] Pulver ausfolgen. 

Da die ärarischen Schiffe zur Leg-ung der Minensperren am 
Schwarzen Meere nicht hinreichten und dieselbe nur sehr lang- 
sam vor sich gieng - , so kaufte man von der „Russischen Dampf- 
schiffahrts- und Handels-Gesellschaft" 12 Dampfer und adaptierte 
sie für Minenlege- Arbeiten. 

Diese Dampfer erhielten die Bemannung- von den Schwarz- 
meer-Equipag-en und wurden auf die Häfen vertheilt. 

Im Frühjahre 1877 waren, wie aus dem folgenden zu ersehen 
ist, die Arbeiten zum Schutze der Schwarzmeer-Küste bereits 
ziemlich weit gediehen. 

In der Festung Kerc waren alle Vertheidigungs- Anlagen 
fertig ; die Wasserversorgung" war gesichert ; für die Besatzung 
war ein viermonatlicher Verpfleg s-Vorrath vorhanden; die ge- 
sammte Vertheidigungs -Armierung war revidiert und ergänzt 
worden, und zur Absperrung- der Meeresstrasse waren von 
267 vorhandenen 95 Minen gelegt. 

Odessa war durch 10 Küsten-Batterien mit allen nöthigen 
Zubauten geschützt. Ausserdem befanden sich noch 2 Batterien, 
deren Fertigstellung bevorstand, im Baue. Die fertigen Batterien 
waren mit 98 Geschützen grossen Calibers armiert, und für die 
noch nicht fertiggestellte Batterie Nr. 1 1 waren 6 Geschütze in 
deren Nähe bereitgestellt. Ferner waren zur Vertheidigung geg"en 
das Meer 6 Schnellfeuer- Geschütze vorhanden. Zur Absperrung 
der Einfahrt in den Odessaer Hafen sollten 725 galvanische Minen 
verwendet werden ; hievon waren bereits 436 gelegt und durch 
eine hinreichende Zahl von Schiffen zur Verhütung von Be- 
schädigungen bewacht. 

In Sewastopol waren 7 Batterien, und zwar 4 auf der Nord- 
und 3 auf der Südseite, erbaut und mit 45 grosskalibrigen 
Geschützen armiert. Ausserdem waren eine Quarantaine- 
Hafen-Batterie mit 2 zwölfpfündigen Kanonen und zur directen 
Küsten-Vertheidigung 8 Schnellfeuer-Geschütze vorhanden. Von 






267 

280 galvanischen und 35 Contact - Minen Modell Herz, welche 
zur Hafenabsperrung verwendet werden sollten, waren bereits 
183 galvanische Minen gelegt 1 ); zur Minenlegung dienten 
3 Dampfer. 

Schliesslich waren zur Vertheidigung von Ocakow 6 mit 
54 grosscalibrig-en Geschützen armierte Batterien erbaut und zur 
Küsten- Vertheidigung* ausserdem 8 Schnellfeuer-Kanonen vor- 
handen; auch waren von 360 Minen 211 galvanische in der Hafen- 
einfahrt gelegt; zu deren Legung und Bewachung dienten 
5 Dampfschiffe. 

Um diese Zeit waren auch die Zugänge zur Stadt Poti 
bereits durch Batterien und Minensperren gesichert. 

Ausser diesen Einrichtungen für eine passive Küsten-Ver- 
theidigung, hielt man es für nützlich, auch für eine active vor- 
zusorgen ; hiezu sollten schnellgehende, mit Stang*en-Minen ver- 
sehene Dampfer, verwendet werden. Für diesen Zweck wurden 
einerseits die kaiserliche Yacht „Liwadia" und die Kriegsdampfer 
„Elborus" und „Eriklik" bestimmt, und anderseits von der 
„Russischen Dampfs chiffahrts- und Handels-Gesellschaft" 5 der 
schnellsten Dampfer gechartert. Die letzteren Schiffe hatten 
nach vollzogener Armierung und Erhalt der militärischen Be- 
mannung- unter der Kriegsflagge zu fahren. 

Zur eigentlichen activen Vertheidigung wurden in der Eigen- 
schaft als Torpedofahrzeuge 2 Dampfer und 5 Dampfkutter be- 
stimmt und mit Torpedos, die von Petersburg mittels der Bahn 
zugeschoben wurden, ausgerüstet 

Zur Armierung der Schiffe der „Russischen Dampfs chiffahrts- 
und Handels-Gesellschaft" wurden in die Schwarzmeer-Häfen 
30 sechszöllig"e Mörser mit je 200 Bomben abgesendet. 

Gleichzeitig traf man für den Fall politischer Complicationen 
an der Baltischen Küste und an den Stützpunkten der Küste des 
Stillen Oceans verschiedene Massnahmen defensiver Natur. 

Auf alle Fälle wurde für die Vertheidigung von Wladiwostok 
vorgesorgt und zu diesem Zwecke dorthin aus Chabarowka 10 ge- 
zogene Mörser und aus Nikolajew 3000 Pud [49.200 kg\ Pulver 
gesendet. 

Gleichzeitig erhielt die Ocean-Escadre den Befehl, aus Nord- 
Amerika nach Kronstadt zurückzukehren. 



!) Eine Minensperre (galvanische Minen) war auch bei der Einfahrt der Bucht 
von Balaklawa angelegt. 



268 

Die organisatorischen Aenderungen, welche bei der 
Operations- Armee während ihres Verbleibens in Bessarabien vor- 
genommen wurden, bestanden in folgendem: die i. Don-Kasaken- 
Batterie wurde anfangs December 1876 nach Bender verschoben, 
in eine Gebirgs-Batterie umgewandelt und sodann den kaukasischen 
Kasaken - Regimentern zugetheilt; an ihrer Stelle erhielt die 
8. Cavallerie-Division die KaSaken-Batterie Nr. 9. Zum gleichen 
Zeitpunkte wurde das 35. Don-Kasaken-Regiment für Zwecke 
des Armee - Obercommandos verwendet, wobei 1 Sotnie dem 
Operierenden Hauptquartier, 2 Sotnien dem Feld- Intendanten und 
3 Sotnien dem Ghef der militärischen Verbindungen zur Verfügung 
gestellt wurden. 

Um die neu formierte kaukasische Kasaken-Division selbst- 
ständiger zu machen, wurde — mit Trupp en-Prikas der Operations- 
Armee Nr. 8 vom 25. Jänner [6. Februar] 1.877 1 ) — in den Ver- 
band derselben das Don-Kasaken-Regiment Nr. 30 eingetheilt ; 
dasselbe bildete nunmehr mit dem Kuban-Regimente zusammen 
die 1 . Brigade der Division, wogegen das Regiment Wladikawkaz 
und das Terek-Bergreiter-Regiment die 2. Brigade formierte 2 ). 
Dieser Division wurde auch die Don-Kasaken-Gebirg*s-Batterie 
Nr. 1 mit einer Abtheilung des 8. reitenden Artillerie-Parks zu- 
getheilt, welch letzterer aus leichten unegalen Fuhrwerken zu- 
sammengesetzt war. / 

Ende Jänner wurde die Formierung- der beiden Gebirgs- 
Fuss-Batterien beendet, worauf dieselben in den Verband der 
4. Schützen-Brigade traten. 

Am 7. [19.] April 1877 endlich verfügte der Armee-Prikas 
Nr. 28 die weiter folgenden organisatorischen Aenderungen: 

„Um starke Cavallerie-Detachements für selbständige Unter- 
nehmungen ohne Zerreissung der Corps-Verbände entsenden zu 
können/' befahl der Grossfürst, dass die nicht in Divisions - Ver- 
bände eingeth eilten Don-Kasaken-Regimenter den Corps zugetheilt 
würden; und zwar dem VIII. Corps das 23., dem IX. Armee- 
Corps das 24., dem XL Armee-Corps das 29., und dem XII. Armee- 
Corps das 37. Don-Kasaken-Regiment; ferner wurden auch die 
Don-Kasaken-Regimenter Nr. 31 und 40 sammt den Don-Kasaken- 



*) Diese Prikase sind im folgenden kurz als „Armee-Prikase" bezeichnet. — 
D. Ueb. 

2 ) Das Terek-Bergreiter-Regiment, welches anfangs mit asiatischen Gewehren, 
zum grössten Theile Feuerstein -Flinten, bewaffnet war, erhielt nach dem Eintreffen bei 
der Armee das Berdan- Gewehr. 



269 

Batterien Nr. 8 und 10, allerdings nur provisorisch, zum XI. Corps 
commandiert. 

Die Don-Kasaken-Regim enter Nr. 21 und 26 mit der Don- 
Kasaken-Batterie Nr. 15, welche nicht auf die Corps aufgetheilt 
wurden, bildeten die selbständige Don-Kasaken-Brigade. Bis zur 
Ernennung eines Brigadiers befehligte dieselbe der älterere 
Regiments-Commandant. 

Die beiden Sotnien des 7. Kuban-Plastun-Bataillons traten 
in den Verband der 4. Schützen-Brig-ade, die Ural-Kasaken-Sotnie 
in jenen der 3. Sappeur-Brigade. 

Alle diese genannten Kasaken-Formationen blieben auch 
weiterhin dem Feld-Ataman unterstellt. 

Um die Corps-Commandanten in den Stand zu setzen, ohne 
jedesmalige specielle Verfügungen die Artillerie — entsprechend 
den Gefechtsverhältnissen und der Situation der einzelnen 
Theile des Corps — massieren zu können, wurde in demselben 
Prikas angeordnet, dass mit dem Vormarsche der Armee Corps- 
Artillerien zu bilden seien. Die Formierung der Corps-Artillerie 
des IX. und XI. Corps hatte zu erfolgen, sobald deren Divisionen 
vereinigt seien. In den Verband der Corps- Artillerie hatten die 
3. (neunpfündigen) und die 6. (vierpfündigen) Batterien der beiden 
Artillerie-Brigaden des Corps zu treten 1 ). 

Infolge dieses Befehles traten die Artillerie-Brigaden mit 
Ausnahme der eben bezeichneten Batterien zu ihren Divisionären 
in das Verhältnis direct und in jeder Beziehung* vollkommen unter- 
geordneter Truppen, wogegen die Batterien der Corps- Artillerie 
nach deren Bildung, sowie alle flieg*enden und die mobilen Parks 
des Corps direct dem Corps-Artillerie-Chef unterstellt blieben. 

Diejenigen Park- Abtheilungen, welche den nicht in Corps- 
Verbänden eingetheilten Truppenkörpern zugetheilt waren, unter- 
standen unmittelbar den Commandanten der letzteren und die zu 
den Cavallerie -Divisionen gehörigen reitenden Artillerie-Parks 
den Cavallerie-Divisionären. Die Oberaufsicht über sämmtliche 
Parks mit Bezug auf die Ergänzung und Abgabe von Munition, 
Mannschaft, Pferden und Fuhrwerken führte in artilleristischer 
Hinsicht der Armee-Parkchef. 

Der Gesundheitszustand der Truppen war während 
der ganzen Dauer des Aufenthaltes in Bessarabien völlig zufrieden- 



l ) Aus den Beschreibungen der Operationen und Gefechte ist nicht ersichtlich, 
dass diese Organisation thatsächlich durchgeführt und angewendet worden wäre. 



270 

stellend ; dies war hauptsächlich den in dieser Richtung seitens 
des Armee-Obercommandanten getroffenen Massnahmen, sowie 
der Obsorge der Truppen-Commandanten zu verdanken. 

Das Menagegeld erfuhr — wie im IX. Capitel detaillierter 
dargestellt — ■ eine namhafte Erhöhung ; es betrug anfangs 1 \ji und 
seit dem 7. [19.] April 2 Kopeken mehr als die gewöhnliche Gebür, 
wodurch es möglich war, die Menage für die Soldaten zu ver- 
bessern. Ausserdem wurde für Thee und in Ausnahmsfällen für 
eine Brantweinportion eine specielle Gebür mit 1 /2 Kopeke pro 
Mann und Tag bewilligt. 

Um die Verbreitung- von Scorbut unter den Truppen zu 
verhindern, wurde angeordnet, Citronensäure oder Weinstein 
dem Wasser zuzusetzen und zur Desinficierung desselben Alaun 
zu verwenden. Endlich waren, dank der grossen Ausdehnung des 
Unterkunfts-Rayons, die Truppen im allgemeinen bequem und 
weit untergebracht ; einige Abtheilungen, welche anfangs in ver- 
sumpften Gegenden cantonierten, wurden später in andere Quar- 
tiere verlegt. 

Im Bequartierungs- Rayon der Armee befanden sich per- 
manente Spitäler zu Tiraspol und Bender, sowie ein Local-Lazareth 
zu Kiszyniew mit zusammen 837 Betten 1 ); ausserdem wurden 
nach und nach von 30 vorhandenen 9 Spitäler 2 ) eröffnet, um die 
Zahl der belegbaren Krankenplätze auf 7000, das ist circa 4 Procent 
des Effectivstandes der Armee zu bringen. 

Infolge der ergriffenen Vorkehrungen jedoch betrug die that- 
sächliche Zahl der Kranken bedeutend weniger, nämlich — ■ am 
11. [13.] April 1877, vor dem Aufbruche der Armee aus Bess- 
arabien — 149 Officiere und 3573 Mann. 

Zum Ersätze der verbrauchten Medicamente befand sich bei 
der Armee eine mobile Feld-Apotheke. 

Praktische Uebungen der Truppen. Da die Armee in 
Erwartung des Krieges die ganzen Wintermonate in Bessarabien 
zubringen musste, so war es möglich, dass sich die zur Augmen- 
tierung eingerückte Reservemannschaft mit der übrigen innig 
amalgamierte, und dass die gewöhnlichen Beschäftigungen fort- 



v ) Ausserdem befand sich in Kiszyniew eine Sanitäts- Station für Augenkranke 
mit 180 Plätzen. 

'-) Nr. 43 in Winnica, Nr. 44 in Bafca, Nr. 48 in Bielcy, Nr. 49 im Dorfe 
Kljasticy beim Dorfe Taraklija, Nr. 50 in Orgiejew, Nr. 58 in Kremenczug, Nr. 59 in 
Tiraspol, Nr. 60 in Kiszyniew und Nr. 61 in Jelisawetgrad. 



271 

gesetzt werden konnten ; die Infanterie legte hiebei das Haupt- 
gewicht auf die Ausbildung der Reservemänner im Schiessen 
und die Cavallerie auf Uebungsritte, um sich davon zu über- 
zeugen, ob und inwieweit sie fähig sei, weite Ritte auszuführen. 
Unter anderem wurde im Jänner 1877 auch der grosse Uebung-s- 
ritt von Kiszyniew nach Odessa vorgenommen, von welchem im 
V. Capitel die Rede war. 

Die Artillerie beschäftigte sich hauptsächlich und intensiv 
mit dem Einfahren der nach dem Pferdestellungs-Gesetze auf- 
gebrachten und zu den Batterien eingetheilten Pferde, ferner mit 
dem praktischen, zunächst schulmässigen Schiessen, um die Reserve- 
Mannschaft hierin zu üben (was jedoch durch die geringe Menge 
an verfügbarer Munition beeinträchtigt war) und endlich mit der 
systematischen Gewöhnung der neu eingerückten Pferde an das 
Schiessen, wozu blinde Patronen verwendet wurden. 

Die Pontonier-Bataillone und das Marine-Detachement 
übten nach dem Eisgange den Brückenbau, die Anlage von 
Minensperren etc. 

Endlich wurde aus Mannschaften jener Kasaken-Regimenter, 
welche vom Don-Gebiete eingerückt und in keinen Divisions-Ver- 
band eingetheilt waren, in Kiszyniew ein Commando gebildet, um 
dieselben in der Verwendung von Dynamit-Patronen auszubilden. 

Vom Wunsche beseelt, den Zustand der ihm unterstehenden 
Truppen kennen zu lernen, hielt Seine kaiserliche Hoheit, der 
Armee-Obercommandant, Ende 1876 und im Frühjahre 1877 eine 
ganze Reihe von Besichtigungen theils selbst ab, theils Hess 
er solche durch Vertrauenspersonen vornehmen. Nach dem Gross- 
fürsten inspicierten zumeist der Stabschef der Armee, General- 
Adjutant Nepokojcitzki und der Armee- Artilleriechef General- 
Adjutant Fürst Masalski die Truppen. 

Der Zweck dieser Inspicierungen war, sich von dem Zustande 
der Mannschaft, der Pferde und der Ausrüstung, sowie auch von 
der militärischen Ausbildung zu überzeugen. Man suchte jedoch 
die hierauf verwendete Zeit möglichst abzukürzen, um die Truppen 
von ihren überaus wichtigen Beschäftigungen nicht allzusehr ab- 
zuhalten, welche darauf hinzielten, die Leute aneinander zu ge- 
wöhnen. Auch musste die rauhe Jahreszeit in Berücksichtigung 
gezogen werden. 

Bezüglich der militärischen Ausbildung beschränkten sich der 
Armee-Obercommandant und die von ihm delegierten Functionäre 



bei den Inspicierungen darauf, die Truppen im Parademarsche 
defilieren und reg'lementmässige Exercierübung-en kleiner Abthei- 
lungen, wie Compagnien, Bataillone, Batterien, vornehmen zu 
lassen. Alles Uebrige blieb den unmittelbaren Vorgesetzten anheim- 
gestellt. 

Ende November und anfangs December besichtigte Seine 
Hoheit persönlich die durch Kiszyniew durchmarschierenden, sowie 
die dortselbst untergebrachten Truppen. Eine langdauernde und 
schwere Krankheit zwang ihn jedoch, die weiteren Inspicierungen 
den oben bezeichneten Functionären zu übertragen. 

Nach Beendigung des Aufmarsches meldete der Armee- 
Obercommandant mit Bericht vom 26. December 1876 [7. Jänner 
1877] über das Resultat sämmtlicher Inspicierungen: 

„Nachdem ich alle Truppen, welche den Standort des Haupt- 
quartiers passierten, besichtigt und die persönlichen Berichte der 
Corps-Commandanten, die den grösseren Theil ihrer Truppen inspi- 
cierten, entgegen genommen habe, bin ich nunmehr in der Lage, 
Eurer Majestät über den Zustand der von mir commandierten 
Operations- Armee zu berichten". 

„1. Was die taktische Ausbildung betrifft, so ist dieselbe 
bei last allen Truppen völlig befriedigend. Die Cadres wurden 
derart intensiv geschult, und die Mannschaft hat im Reserve- 
verhältnisse so wenig verlernt, dass nach dem Einrücken der- 
selben der Grad der militärischen Ausbildung hievon fast nicht 
berührt wurde". 

„Die meisten Regimenter waren in vorzüglicher Ordnung 
und hatten sich eine gründliche Ausbildung in den Elementen 
des Felddienstes angeeignet ; das nunmehrige längere Verweilen 
in den Cantonierungen ermöglicht es, auch die eingerückten Leute 
in Gefecht und Felddienst zu prüfen und gründlichst durch- 
zubilden". 

^Diesbezüglich ergeben sich nur bei der Artillerie gewisse 
Schwierigkeiten. Mehr als die Hälfte der Batteriepferde sind 
nämlich auf Grund des Pferdestellungs-Gesetzes aufgebracht 
worden und daher nicht eingefahren ; infolgedessen haben die 
Batterien für die nächste Zeit in gewissem Grade die Eignung 
zum Manövrieren eingebüsst, gegenwärtig aber wird bei der 
gesammten Artillerie das Einfahren der Pferde eifrigst betrieben, 
und ich bin überzeugt, dass nach dem bevorstehenden Marsche 
durch die Donau-Fürstenthümer dieser Mangel völlig behoben 
sein wird". 



273 

„Die Cavallerie-Regimenter, welche über meinen Befehl 
von meinen Personal- Adjutanten besichtigt wurden, befinden sich 
— was die Ausrüstung-, das Pferde-Material etc. betrifft — in 
bester Ordnung ; über meine Weisung haben sie beständig zu 
üben, und ich bin überzeugt, dass unsere Cavallerie in der Lage 
sein wird, alle meine Befehle durchzuführen, wie schwierig sie 
auch sein mögen". 

„Ich bin völlig berechtigt anzunehmen, dass auch die 
aus dem Don-Gebiete eingetroffenen Kasaken-Regimenter ganz 
verlässlich sein werden. Wenn bei einigen dieser Regimenter 
der Zustand der Pferde infolge der Missernte am Don nicht in 
jeder Beziehung entsprach, so werden sich dieselben, sobald sie 
einige Zeit bei gutem Futter gestanden sind, unbedingt erholen. 
Ich gründe diese Voraussetzung darauf, dass alle Regimenter, 
welche nur kurze Zeit in den Cantonnements gestanden waren, sich 
bei der Besichtigung viel besser präsentierten, als die anfangs 
eingerückten. Der Feld-Ataman der Armee, welcher den Zustand 
der ihm unterstehenden Regimenter genau kennt, ist ganz davon 
überzeugt, dass sich alle Kasaken-Truppen sogar während des 
Vormarsches noch mehr erholen werden." 

„Ueber den Stand der Schiess-Ausbildung besitze ich nicht 
genug Daten. Nach den Meldungen der Commandanten einiger 
Truppenkörper jedoch, denen es gelang, vor dem Ausmarsche 
aus den ständigen Friedens-Garnisonen einen abgekürzten Schiess- 
curs zu absolvieren, waren die Schiessresultate der eingerückten 
Leute nur um ein geringes ungünstiger als das jährliche Durch- 
schnittsergebnis." 

„Wenn der Vormarsch der Armee nicht in kurzer Zeit be- 
ginnt, so beabsichtige ich, bei allen Truppenkörpern einen Schiess- 
curs durchmachen zu lassen und den Kriegs-Minister um die 
Ausfolgung der nöthigenUebungs-Patronen zu ersuchen. In analoger 
Weise will ich auch bei der Artillerie einige scharfe Schiess- 
übungen vornehmen lassen, welche für die Ausbildung der 
Mannschaft und besonders zur Gewöhnung der Pferde an das 
scharfe Feuern nöthig sind. Zu demselben Zwecke — nämlich 
zur Gewöhnung der Pferde der Artillerie und der vom Don her 
eingetroffenen Kasaken-Regimenter an das Schiessen — ■ werden 
ausserdem blinde Patronen benöthigt." 

„2. In materieller Beziehung befinden sich alle Theile der 
Armee in sehr guter Verfassung. Die Adjustierung ist vorzüglich, 
die Ausrüstung desgleichen." 

Der russisch-türkische Krieg. I. Bd. 18 



-74 

„Gewisse Mängel sind bezüglich der Beschuhung zu con- 
statieren, da die Mobilisierung zu Ende des Jahres stattfand, 
wo ein beträchtlicher Theil der Leute nur ein Paar Stiefel 
besitzt/ 7 

„Obgleich verfügt wurde, die Jahresgebür pro 1877 sofort 
auszufolgen, so konnten infolge des Abgehens der Truppen in 
den Aufmarschraum diese Sachen nicht mehr übernonmien werden ; 
jene Truppen aber, welche sie wohl empfangen hatten, waren nicht 
mehr in der Lage gewesen, die Stiefel anfertigen zu lassen. Zur 
Herstellung der Beschuhung wurden die energischesten Mass- 
regeln getroffen." 

„Der Train ist in bester Ordnung; die Trainpferde, welche 
auf Grund des Pferdestellungs - Gesetzes aufgebracht wurden, 
sind derart gut, dass man mit Berechtigung sagen kann, unsere 
Armee habe niemals so gute Trainpferde besessen, wie jetzt." 

„3. In sanitärer Beziehung befindet sich die Armee — wie 
behauptet werden kann — in einem vorzüglichen Zustande." 

Vom 6. [18.] März angefangen gestattete es der Gesundheits- 
zustand des Grossfürsten, welcher sich zur Heilung seiner Krank- 
heit nach Odessa begeben hatte, demselben, die Besichtigung- der 
Truppen persönlich fortzusetzen. 

Er beendete die Bereisung der Armee am ig. [31.] März 
und fasste sein endgiltiges, auf die Resultate aller seiner Be- 
sichtigungen basiertes Urtheil über den Zustand der ihm unter- 
stellten Armee in seinem Berichte an den Kaiser vom 21. März 
[2. April] 1877, wie folgt zusammen: 

„Nach Beendigung aller beabsichtigt gewesenen Inspi- 
cierungen halte ich es für meine Pflicht, Eurer Kaiserlichen 
Majestät zu melden, dass sämmtliche von mir inspicierten Truppen- 
körper sich in einem glänzenden Zustande befinden." 

„Auch die gesammte Ausrüstung der Armee befindet sich 
in bester Ordnung ; alle Pferde einschliesslich jener des 
Trains sind sehr schön. Niemals hatten wir so vorzügliche 
Trainpferde wie jetzt. In dieser Beziehung hat die Pferde- 
Abstellung seitens der Bevölkerung glänzende Resultate 
ergeben. Was aber die Fuhrwerke selbst betrifft, halte ich es 
für meine Pflicht zu melden, dass dieselben, wie ich mich 
bei allen Besichtigungen überzeugt habe, ihrer Construction nach 
zu schwer sind." 

„Ich habe bisher gezögert, hierüber etwas zu berichten; jetzt 
aber, wo ich sehr viele Trains unter den verschiedensten Ver- 



275 

hältnissen besichtigte, muss ich sagen, dass der Zustand, in 
welchem sich dieser Theil unserer Ausrüstung befindet, mich an 
seiner Beweglichkeit zweifeln lässt. Alle Fuhrwerke sind sehr 
schwer und sinken bei nur einigermassen lockerem Boden derart 
ein, dass die Pferde nicht imstande sind, sie herauszuziehen. 
Besonders schwer sind die Patronenwagen ; der grösste Theil 
der Last befindet sich im Hinterwagen, welcher sich daher 
tief in den Boden eingräbt, und man kann mit voller Berech- 
tigung behaupten, dass diese Wagen den Truppen nicht 
überallhin werden folgen können. Dazu kommt, dass sie 
nicht dauerhaft sind, denn nach den von allen Seiten einlangenden 
Meldungen bricht der Zapfen, welcher Protze und Hinter- 
wagen verbindet, häufig ab. Die Proviantfuhrwerke sind 
gleichfalls schwer ; auch bei ihnen liegt der grössere Theil 
der Last auf der rückwärtigen Achse, weshalb sie sich auf jedem 
nicht ganz festen Wege in den Boden tief einschneiden. Ich 
hege die Befürchtung, dass die Trains bei nur einigermassen 
kothigen Wegen und im Gebirge den Truppen überhaupt 
nicht nachkommen und zuweilen ihre Bewegung vielleicht auch 
ganz aufhalten werden." 

„Vergleicht man unsere normierten Fuhrwerke mit den 
Colonistenwagen, so kann man nicht umhin, letzteren unbedingt 
den Vorzug* zu geben. Bei der Inspicierung des 8. reitenden 
Artillerie - Parks konnte ich mir über ihre leichte Bauart ein 
Urtheil bilden. Bei grösstem Kothe sind sie mit voller Be- 
ladung, und noch dazu bergauf, ganz leicht zweispännig fort- 
gekommen. Von allen normierten Typen entsprechen am besten 
die leichten zum Verwundeten-Transporte bestimmten Wagen der 
mobilen Lazarethe." 

„Die aus zweirädrigen Karren zusammengesetzten fliegenden 
Artillerie-Parks sind leichter als die mobilen Parks, welche Fuhr- 
werke nach dem Modelle der Proviantwagen haben." 

„Der Officiers-Train besteht bei den meisten Truppen aus 
Colonistenwagen und ist ziemlich leicht. Am besten scheinen 
die in Galizien bestellten Fuhrwerke, über deren Beweglichkeit ich 
jedoch kein Urtheil abgeben kann, da ich sie nicht am Marsche 
gesehen habe ..." 

„Der sanitäre Zustand der Truppen ist trotz der überaus 
ungünstigen Jahreszeit völlig zufriedenstellend . . ." 

„Ich bin thatsächlich in Verlegenheit, irgend einer Truppe 
den Vorzug zu geben, so sehr fand ich sie alle — mit sehr 

l8* 



2 7 ö 

wenigen Ausnah men ; wovon oben an entsprechender Stelle die 
Rede war — in vorzüglichem Zustande ..." 

„Bereit, auf den ersten Befehl Eurer Kaiserlichen Majestät an 
die grosse Aufgabe zu treten, sind alle Angehörigen der Armee, 
die höheren Commandanten, wie überhaupt sämmtliche Officiere 
bestrebt, auf der Höhe ihres Berufes zu stehen, um mit Ruhm 
und Ehre alle Befehle Eurer Majestät auszuführen." 

„Der Geist der Truppen ist ausgezeichnet." 



Beilage zum VIII. Capitel. 



Tabelle 

über technische Daten des russischen Eisenbahnnetzes im Jahre 1876. 

(Zusammengestellt auf Grund der Arbeiten der Commission unter Vorsitz des Grafen Baranow sowie der periodischen Ausgaben des Communications-Ministeriums.) 



Bezeichnung 

der 

Bahnen 



2. Brest-Grajewoe 

3. Warschau- Wie 



l ) undBromberger 



4. Warscbau-Terespoler 

5. Wolga-Don- 

6. Grjazi-Zarizyner 

7. Dünaburg-Witt-bsker 

8. Kijew-Brester 



9. Kozlow-Woronjez. 

10. Konstantinowkaer 

11. Kursk-Kijewer 

12. Kursk-Charkow- Azower 

13. Landwarowo-Romnyer 

14. Libauer 

15. Liwnyer 2 ) 

16. Lodzer 3 ) 

17. Lozowaja-Sewastopoler 

18. Mittauer 

19. Morsansk-Syzraujer 

20. Moskau-Brester 

21. Moskau-Kursker 

22. Moskau-Nünyj Nowgon 

23. Moskau-Rjazanjer 

24. Moskau-] aroslawljer 

25. Nikolaus- 

26. Nowgoroder 4 ) 

27. Nowotorzoker 
2.S. Odessaer*) 

29. Orenburger 6 ) 

30. Orel-Witebsker 
JI. Orel-Grjazier 

32. Poti-Tifliser**) 

33. Weichsel- 10 ) 

34. Riga-Bolderaaer 

35. Riga-Dünaburger 

36. Rostow-Wladikawkazer 

37. Rybinsk-Bologojer 

38. Rjazsk-Wjazmaer 6 ) 

39. Rjazsk-Mor.sansker 

40. Rjazanj-Kozlower 

41. St. Petersburg-Warschai 

42. Sestrorjetzker***) 

43. Tambow-Kozlower 

44. Tambow-Saratower 

45. Fastower****) 

46. Finnländische 7 ) 



47. Charkow-Nikolajewer 



48. Zarskoje Seloer 8 ) 

49. Suja-Iwanowoer 

50. Jaroslawl-Wologdaer ö j 
Länge des gesaramten Bahunetzes 
Länge des Bahnnetzes ohne die Bahnen 

Anmerkung IV bezeichneten 



Endpunkte der Bahnen 

und der 

Hauptzweige 



Petersburg -Balt. Port, Petersburg - Ora- 
nienbaum, Tosno - Gacina, Taps- 
Tarjew 

Brest-Grajewo 

Warschau-Granica, SkierniewiceAlexan- 
drow 

Warscbau-Terespol 

Zarizyn-Donskaja 

Gij.'/i-Zari/yn 

Dwinsk-Witebsk . . 

Kijew-Brest, Ka>.atin-Zmerinka t Zdot- 
bunowo-Radziwiiow 

Kozlow-Rostow am Don 

Konstantinowka-Jelenowka 

Kursk-Kijew 

Kursk-Charkow-Lozowaja-Rostow . . . 

Romny-Wilejska 

Libau-Kosedary, Radziwüiszki-Kalkuny 

Liwny-Werchowje 

Lodz-Koljuszki 

Lozowaja-Sewastopel-Sineljnikowo-Jeka- 
terinoslaw 

Riga-Mozejki 

M<n.;jn;ik-Svzrnnj-Batraki 

Moskau-Brest 

Moskau-Kursk 

Moskau-Xi/nyj Nowgorod 

Moskau-Rjazanj . . . . 

Mn-ikiui-jaroslawlj 

Petersburg-Moskau ... 

Cudowo-Nowgorod 

OstaSkowo-Rzew 

Odessa -Woloczysk, Birzula-Jelisawet- 
grad-Razdietnaja-Ungheni zum Prut *) 

Batraki-Orenburg 

Orel-Witebsk 

Orel-Grjazi 

Poti-Tifiis . • 

Iwangorod-Luköw 

Riga-Bolderaa 

Riga-Dwinsk [Dünaburg] 

Rostow-Wladikawkaz 

Boln^oje-Rvbiiisk 

Rjazsk-Wjazma, Uzlowaja-Jeletz . . . 

K):i/-sk-Mor.sansk 

Rjazanj-Kozlow 

Petersburg - Warschau, Landworowo - 
Wierzboiöw . 

Bjeloostrow-Portowaja 

Tambow-Kozlow 

Tambow-Saratow 

Fastow-Znamenka, Bobrinskaja-Cerkassy 

Petersburg-Richimjaki-Helsingfors, Hü- 
vinge-Hangö, Richimjaki-Tammerf'ors, 
Abo-Tojala 

Charkow-Nikolajew, Znamenka-Jelisa- 

Petersburg-Pawlowsk 

Nowki-Kinesma 

Jaroslawh Wolga)-Wologda 






51. Borowicier 

52. Donjetz- 

53. Weichsel- 

^4. suu-aja Russaer 
55- Sumyer 
56. Tukkumer 
57- Ural- 



Uglowka-Borowici 

Chacepetowka-Zwjerjewo, Debalce 
Lugansk, Debalcewo-Popasnaja . 

Kou-d-Mlawa 

Nowgorod-Staraja Russa 
Worozba-Merefa .... 

Riga-Tukkum 

Perm-Jekaterinburg . . . 



0,003 
0,008 
0,012 



64 


114 


so 


77 


8 


5 


21, 


21 


6S 


9« 


4^ 


75 


28 


30 



W.i«.-erveiicirguiiy 



130 


230 


77 


430 


40 


101 


165 


234 



Rollendes M 



369 0,48 
341 0,30 

■* 0,40 



85 


0,15 


62 


0,49 


104 


0,21 


17b 


0,17 


328 


o,&3 


220 


o,53 


119 


o,43 


305 


0,51 


35 


0,3b 



Die nul >), =), ■), <), •) bez 
1 Uk Slrecko Undv.m-!' 
: i. «*>) Da- 1 irenhm er i 
Die mil »*,, •*»), ',, •; un 



ichneten Bahnen haben eine von den übrigen abv.'< 
ut und weiter nach J.i^i war im Jahre 1S76 noch 
)d Faslower Bahn waren nicht eröffnet; trotzdem 
;| ) bezeichneten Bahnen halten keinen Anschluss 



lende Spurweile. 










h eröffnet 


irden auf denselbe 


, Müll 


rzüge befi 



V. '■) Die Rjazsk-Wjazmaer Bahn war provisorisch eröffnet. 
VI. lu ) Die angegebene Länge der Weichsel-Bahn in Werst be2 
erüffnet war; die übrigen Daten bezüglich dieser Bahn bez; 
VII. 1 Werst =1067*'«; 1 Fuss = 305 w ; 1 Pfund = 0M095 kg. 



VIII. CAPITEL. 

Das russische Eisenbahnnetz im Herbste 1876 
und die Mitwirkung der Bahnen beim Auf- 
marsche der Operations-Armee. 

Entwicklung des russischen Eisenbahnnetzes zu Beginn des Jahres 1877. — Truppen- 
transport-Pläne. — MobiHsierungs-Transporte im November und December 1876. ■ — 
Aufmarsch-Transporte. — Unterbrechungen des Bahnbetriebes. — Allgemeine Folgerungen, 

(Hiezu Karten-Beilage 2.) 

Zu Beginn der Mobilisierung im Jahre 1876 betrug die 
Längenausdehnung des gesammten russischen Bahnnetzes in- 
clusive der provisorisch eröffneten Linien 19.939 Werst. Zieht 
man hievon die Länge jener Bahnen ab, deren Spurweite von 
der russischen abweicht, sowie die Länge der mit dem Bahnnetze 
nicht in unmittelbarer Verbindung stehenden, also isolierten 
Linien, wie die finnländischen, die Zarskoje-Seloer und andere 
Bahnen, so betrug die Gesammtausdehnung circa 17.700 Werst. 

Die meisten Bahnen waren durch Privat-Gesellschaften auf 
Grund von Concessionen erbaut worden ; ihre Richtung ent- 
sprach daher mehr oder wenig'er den Handelsbedürfnissen des 
Reiches, welche sich nur zufällig mit den strategischen An- 
forderungen desselben decken konnten. 

Im Jahre 1876 führten aus dem Inneren des Reiches zur 
preussischen Grenze folgende Linien: 1. Petersburg-Warschau 
mit den Zweig-en nach a) Kowno und WierzboJöw, b) Bielostok- 
Grajewo ; 2. Moskau-Brest- Warschau-Skierniewice-Alexandrow, 
hievon hatte die Strecke Warschau-Alexandrow die europäische, 
das heisst eine von der russischen abweichende Spurweite. 






Als Hilfs-Linien konnten gelten: a) Orel-Smolensk-Dwinsk- 
Radziwiliszki-Kowno, und b) Moskau-Kazatin-Brest. 

Zur österreichisch - ungarischen Grenze führten die Linien : 
i. Petersburg- -Warschau-Granica 1 ) ; 2. Moskau-Brest-Zdolbunowo- 
Radziwilow ; 3. jNloskau-Kursk-Kijew-Zmerinka-Woloczysk. Als 
Hilfs - Linien konnten dienen : a) Kursk-Charkow- Jelisawetgrad- 
Birzula-Zmerinka und b) Bielostok-Brest. 

Bei einem Kriege mit der Türkei endlich konnten für den 
Aufmarsch der am europäischen Kriegsschauplatze zu verwendenden 
Armee folgende Linien benützt werden: 1. Petersburg-Bielostok- 
Brest-Kazatin-Zmerinka-Birzula-Kiszyniew-Ungheni ; 2. Moskau- 
Kursk-Kijew-Zmerinka ; 3. Charkow-Jelisawetgrad-Birzula. Als 
Hilfs-Linien kamen in Betracht: a) Wilejka-Bachmacz und b) Moskau- 
Brest. 

Für den Aufmarsch im Kaukasus hatte als Haupt-Linie die 
Bahn Moskau-Kozlow-Woronjez-Rostow-Wladikawkaz zu dienen, 
und als Hilfs-Linien : a) Moskau-Kursk-Lozowaja-Rostow und 
b) Poti-Tiflis. 

Vergleicht man die Zahl der Linien, welche für die Aufmarsch- 
Transporte der Armee gegen die verschiedenen Kriegsschau- 
plätze benützt werden konnten, so ist ersichtlich, dass Russland 
im Jahre 1876 an seiner West-Grenze am besten für einen Krieg 
mit der Türkei vorbereitet war. 

Die meisten Bahnen waren, wie bereits erwähnt, von Privat- 
Gesellschaften erbaut, welche aus naheliegenden Gründen bestrebt 
gewesen waren, den Bau möglichst billig und schnell fertig- 
zustellen, um so recht bald in den Genuss der vom Staate 
garantierten Verzinsung des Anlage- Capitals zu gelangen. Die 
geringe Entwicklung der Eisenbahn-Industrie in Russland hatte 
zur Folge, dass das Schienen-Material im Auslande bestellt werden 
musste ; und natürlich wurden aus Ersparungs-Rücksichten haupt- 
sächlich Eisenschienen bestellt, die sich schnell abnützen. Vom 
Auslande bezog man auch das Material für den Bahnbau, die 
Locomotiven, sowie das übrige rollende Material. Eine weitere 
Verbilligung erreichte man durch Anwendung grosser Steig'ungen 
und kleiner Krümmungsdurchmesser, sowie auch dadurch, dass 
nur ganz unbedeutende Strecken doppelgeleisig gebaut wurden. 



r ) Die Strecke Warschau-Granica hatte ebenfalls die europäische Spurweite, die 
kleiner ist als die russische. Von der Station Zawercze gieng ein kurzer Zweig zu 
den schlesischen Bahnen. 



279 

Stationsgeleise waren wenig vorhanden, und dies machte sich 
besonders bei den Knoten- und Uebergangs-Stationen fühlbar, 
welche nicht einmal soviel Züge fassen konnten, als es bei dem 
ohnehin unbefriedigenden Zustande der Bahnlinien möglich ge- 
wesen wäre. Die Sparsamkeit, welche bei der Erbauung der 
Bahnhöfe obg~ewaltet hatte, kam auch in den kleinen und engen 
Stations-Gebäuden, sowie in der ungenügenden Zahl der Ver- 
laderampen zum Ausdrucke. Die Wasserversorgung war möglichst 
billig eingerichtet, das heisst sie erfolgte zumeist aus Brunnen 
und nicht aus fliessendem Wasser, und es hieng infolgedessen 
ihre Functionierung von dem häufig wechselnden Niveau des 
Grundwassers ab. 

Die Zahl der Güterwagen war gering und entsprach bei 
weitem nicht dem gesetzlich normierten Verhältnisse von 
24 Waggons per 10 Werst Geleiselänge. Detaillierte technische 
Daten sind in der beigeschlossenen Tabelle enthalten 1 ). Alle oben 
bezeichneten technischen Mängel waren bei sämmtlichen Bahnen 
zu constatieren. 

Von den Eisenbahnen, auf welchen der Truppentransport 
stattzufinden hatte, waren die am meisten in Anspruch genommenen 
Strecken, das sind jene, auf welche die gesammte Bewegung 
übergieng : 

1. Kazatin-Zmerinka, 2. Zmerinka-Birzula, 3. Birzula-Raz- 
diemaja, 4. RazdieJnaja-Kiszyniew-Ungheni-Jassi. 

Die Leistungsfähigkeit der Kijew-Brester und der Odessaer 
Bahn war für die erstere mit 13, für die zweite mit 14 Doppel- 
zügen per Tag [24 Stunden] berechnet worden. Am schwächsten 
war die Strecke Kiszyniew-Ungheni, welche erst gegen Ende 
1875 beendet worden war und die an vielen Stellen ergänzender 
Arbeiten bedurfte ; ganz besonders war dies an dem höchst 
gelegenen Theile der Bahn in der Nähe von Kornieszti der 
Fall, wo die Erdschichte, auf welcher der Bahndamm führte, 
ins Rutschen gerathen war. Bei den am meisten belasteten 
Strecken musste speciell auf den Stationen Kazatin, Zmerinka, 
Birzula und Razdiemaja sehr viel gearbeitet werden, umsomohr 
als damals noch das System der Frachten-Umladung in den 
Uebergangs-Stationen (von den Waggons der einen auf jene der 
anderen Bahn) in Geltung war. Diese Umladung erforderte 
eine diesem Zwecke entsprechende Länge und Anlage der 

*) Siehe die „Beilage zum VIII. Capitcl" am Schlüsse des Bandes. 



280 

Stationsgeleise und Rampen ; dageg'en verfügten jene Stationen 
damals nur über : 







Kreuzungsgeleise 


Reservegeleise Drehscheib 


en Verladerampen 


Kazatin l ) 


583 


Sazen 


[1242 m] 


2278 Sazen [4852 tn\ 


1 


187 Sazen [398 w] 


Zmeriuka (Odes- 














sa er Bahn) . 


1400 


J5 


[2 9 So m\ 


2186 „ [4656 m] 


1 


300 „ [639 m] 


Birzula . . . 


2817 


5> 


[6000 m] 


1861 „ [3964;»] 


1 


193 „ [411 m] 


Razdielnaja 


1510 


5> 


[3216 in] 


1020 „ [2176 ///] 


1 


70 „ [149 m] 



Das System der Umladung* beim Ueb ergange von einer auf 
die andere Bahn hatte auch den Nachtheil, dass es mit einem 
ganz unnöthigen Zeit- und Arbeits Verluste verbunden war, was 
besonders beim Umladen von Cavallerie und Artillerie fühlbar 
sein musste. Die unzureichenden Verladerampen nöthigten dazu, 
die Einwaggonierung auf offenem Geleise vorzunehmen, wobei 
es sich herausstellte, dass die bei den Waggons vorhandenen Ver- 
lade-Brücken zu kurz waren und auch sonst nicht entsprachen. 

Die Reservisten- und später die Aufmarsch-Transporte der 
Truppen vollzogen sich bei der Mobilisierung 1876 auf Grundlage 
des allgemeinen Transport-Planes (Rospisanije) Nr. 6, welcher 
beim Hauptstabe im „Comite für die Truppenbeförderung mittels 
Eisenbahnen und zu Wasser" zusammengestellt worden war. 
Schon im Jahre 1868, also gleich nach der Errichtung des 
Comite, sendeten die Generalstabsofhciere, welche als „Truppen- 
transport-Leiter" fungierten, alljährlich dem Comite sowohl tech- 
nische Beschreibungen der in ihrem Rayone befindlichen Eisen- 
bahnen, wie auch der zu diesen Linien gehörigen Stations-Ein- 
richtungen und des rollenden Materiales ein; im Jahre 1873 
wurden diese Daten gruppiert und geordnet. In demselben 
Jahre erhielten die Truppentransport-Leiter den Auftrag, unter 
Mitwirkung* der Eisenbahn-Directoren, der Verkehrschefs und der 
Regierungs-Delegierten bei den Bahnen Fahrordnungen für die in 
den einzelnen Richtungen grösstmögliche Zugszahl unter folgenden 
Annahmen zu verfassen: 1. Einstellung des Güter- Verkehrs und 
Belassung von 1 bis 2 Personen-Zügen per Tag und 2. Einstellung* 
des gesammten Personen- und Güter-Verkehrs überhaupt. 

Die erhaltenen Daten wurden dem Haaptstabe und dem 
„technischen Inspections-Comite" des Communications-Ministeriums 
mitgethcilt, und letzteres bestätigte, dass die ausgewiesenen 



] ) Diese Daten sind den Arbeiten einer Commission unter dem Vorsitze des 
Grafen Baranow, Ausgabe 1879, Band III, entnommen. 



281 



grössten Zugszahlen der Leistungsfähigkeit der einzelnen Bahnen 
entsprachen. Nunmehr wurden auf Grund dieser Daten die 
Graphika und die Fahr ordnungs -Tabellen der Militärzüge für 
jede Bahn zusammengestellt. 

Seit dem Jahre 1871 wurden alljährlich beim Hauptstabe 
Repartitionen (Rospisanije) für die Einberufung der Reserve- 
männer und ihre Eintheilung zu den Truppen, ferner seit Ein- 
führung- des Pferdestellungs - Gesetzes (Prikas Nr. 343 vom 
24. October [5. November] 1876) auch die Repartitionen für die 
Pferdezuweisung im Mobilisierungsfalle ausgearbeitet. Alle diese 
Entwürfe wurden untereinander in Einklang gebracht und bildeten 
den Plan Nr. 6. Dieser noch nicht ganz fertige Plan war für eine 
allgemeine Mobilisierung berechnet 1 ). 

Ausser dem Plane Nr. 6 war beim Hauptstabe für den Fall 
eines Krieges mit der Türkei auch ein Plan für den Transport 
der mobilisierten Truppen verfasst worden, welcher jetzt — den 
successive sich ändernden operativen Absichten entsprechend — 
umgearbeitet und ergänzt werden musste. 

Anfangs beabsichtigte man nämlich, die 15. Infanterie-Divi- 
sion und nach ihr 2 Armee-Corps, sowie die übrigen Truppen ohne 
Unterbrechung auf den russischen und rumänischen Eisenbahnen 
bis zur türkischen Grenze zu transportieren. 

Ein etwas später angenommener Operations-Plan bestand 
darin, dass sofort 4 Corps um Kiszyniew auf einem engbegrenzten 
Räume aufmarschieren und gleich darauf theil weise auf den rumä- 
nischen Bahnen, theilweise — und zwar besonders die Cavallerie 
— mittels Fussmarsch die Grenze überschreiten und weiter vor- 
rücken sollten. 

Nach dem dritten, thatsächlich durchgeführten Plane endlich 
sollten die Truppen der Operations-Armee vorläufig in Bess- 
arabien und in den Gouvernements Kamieniec-Podolsk und Cherson 
Cantonierungen beziehen. 

Für die Verfassung des Transport-Planes der mobilisierten 
Truppen dienten folgende Behelfe als Basis: 1. die Graphika 



*) Hieraus ergaben sich bei der partiellen Mobilisierung des Jahres 1876 eine 
Menge von Schwierigkeiten ; so war beispielsweise mancher Zug für den Transport 
von Pferden und das dieselben begleitende Commando bestimmt ; da aber viele Truppen 
nicht mobilisiert wurden und keine Pferde brauchten, letztere daher auch nicht abgc- 
gesendet wurden, so gelangten nur die kleinen, ursprünglich bloss als Geleit-Commanden 
gedachten Reservisten-Gruppen von kaum 20 bis 30 Mann zur Beförderung, und es 
musste trotzdem für sie ein ganzer Zug beigestellt werden. 



?8 > 



[Kriegs - Fahrordnungen], 2. die seitens der Truppen einzu- 
schlagenden Transportwege [Aufmarsch-Linien], 3. die Ausweise 
über den Stand an Personen und Pferden der zu befördernden 
Truppen, ferner über die Menge des für die einzelnen Trans- 
porte benöthigten und für jede Bahn nach Mobilisierungstagen 
bestimmten Wagen-Materials und 4. die Uebersichten über die zur 
Verpflegung der Transporte benöthigte warme Kost. 

Die Zusammenstellung dieses Planes wurde noch dadurch 
erschwert, dass die Zahl der zur Operations- Armee eingetheilten 
Truppenkörper successive zunahm (was übrig-ens später detaillierter 
besprochen werden wird). 

Ausserdem musste noch ein besonderer Transport-Plan für 
jene Truppen des Moskauer-Militär-Bezirkes ausgearbeitet werden, 
welche die in den Verband der Operations-Armee eintretenden 
Truppen des Kijewer Militär-Bezirkes zu ersetzen hatten. 

Zur Versendung der Transport-Pläne wurden folgende Vor- 
kehrungen getroffen: am 2. [14.] November sandte der Haupt- 
stab allen Truppentransport-Leitern ein Telegramm, wonach sich 
in jenen Städten, in denen sich Divisionsstäbe befanden, Officiere 
der letzteren auf den Bahnhöfen einzufinden hatten, um dort- 
selbst das Eintreffen eines Feldjägers abzuwarten, von ihm die 
Transport-Pläne für die gesammte Division zu übernehmen und 
dieselben sofort weiter an, die Truppen zu versenden. Den Bezirks- 
stäben und den Truppentransport-Leitern waren die Pläne bereits 
etwas früher zugesendet worden. 

Aus der Tabelle über die technischen Daten der Bahnen 1 ) 
geht hervor, dass die Einrichtungen der meisten Strecken, welche 
zu den Truppentransport-Linien gehörten, unzureichend waren. 
Daher hatte das „Comite für die Beförderung von Truppen" 
eine besondere Uebersicht zusammengestellt, aus welcher die Zahl 
der diesen Bahnen fehlenden Locomotiven und Wag'gons, sowie 
auch jene Bahnen ersichtlich waren, denen das zur Aushilfe 
bestimmte rollende Material zu entnehmen war. 

In der Uebersicht hatte man auch eine 10 proc entige 
Reserve über den thatsächlichen Bedarf vorgesehen, um etwa 
nöthige Reparaturen an Locomotiven oder Waggons ohne Störung 
des Betriebes vornehmen zu können. 

Bei der Verfassung des Planes Nr. 6 waren auch jene Punkte 
bestimmt worden, wo die durchfahrenden Transporte warme Kost 



*) Siehe die Beilage. 



283 

erhalten sollten; ferner waren Calculs über die Gesammtmenge 
der an den einzelnen Verpflegs-Punkten vorzubereitenden Kost- 
Portionen zusammengestellt worden. 

Die oben besprochene geringe Leistungsfähigkeit der Bahnen, 
sowie der Mangel an gegenseitigem Einvernehmen derselben 
führten zu verschiedenen Unzukömmlichkeiten und Schwierigkeiten. 
Anderseits ergab sich daraus, dass die Truppen auf einem 
relativ kleinen Räume an der Grenze zu concentrieren waren, ein 
Dilemma : entweder musste man die Beendigung dieser Concen- 
trierung allzusehr verzögern, oder — allerdings auf Kosten des 
gewöhnlichen Bahnverkehres — alle Mittel und Kräfte der Bahnen 
für den Truppentransport in Anspruch nehmen. Die damalige 
politische Lage zwang dazu, sich für die letztere Alternative zu 
entscheiden, obgleich dies mit schweren Nachtheilen und in 
vielen Fällen auch mit directen Verlusten verbunden war. 

Die Einschränkung des gewöhnlichen Bahnverkehrs konnte 
ihrerseits entweder die Güterzüge allein oder die Güter- und 
Personenzüge betreifen. Ersteres schädigte nicht nur den Handel, 
da derselbe das Vertrauen bezüglich der Zustellung der Güter 
einbüsste, sondern auch die Armee-Intendanz, die von der 
Pünktlichkeit der Lieferanten abhieng. Das andere musste nicht 
nur auf das mit den schnellen Bahnverbindungen in innigem Zu- 
sammenhange stehende innere Getriebe des Reiches von schäd- 
lichem Einflüsse sein, sondern auch die Armee selbst beeinträch- 
tigen; denn selbe benöthigte bei der Mobilisierung den Personen- 
zugsverkehr für Commanden und einzelne Personen, welche ihre 
Staffel einzuholen hatten, sowie auch zur Voraussendung von 
Leuten mit verschiedenartigen Aufgaben etc. 

Zu den wichtigsten Unzukömmlichkeiten, welche zu Ver- 
zögerungen der Truppentransporte führten, muss auch das bereits 
erwähnte — damals unvermeidliche — Umladen auf den Uebergangs- 
Stationen, nämlich von den Waggons der einen Bahn auf jene 
der anderen, gezählt werden. 

Ausser der Zusammenstellung des Planes wurden zur 
Sicherung des ungestörten Truppentransportes im Mobilisirungs- 
falle nachfolgende Vorkehrungen getroffen: für einige Ueber- 
gangs-Stationen, ferner für die im Plane als solche bezeichneten 
Ein- und Auswaggonierungs- Stationen wurden „Etapen -Comman- 
danten" creiert, welche darauf zu sehen hatten, dass seitens der 
passierenden Truppen die Ordnung- aufrecht erhalten und die 
Bestimmungen für das Ein- und Auswaggonieren genau befolgt 



28 4 

würden. Im Herbste 1876 wurden die Etapen- Commandanten in 
„Bahnhof-Commandanten" umbenannt; gleichzeitig verfasste Oberst 
(i ollowin über Auftrag des Generals Annenkow J ) für dieselben 
eine specielle Instruction mit dem Titel : „Organische Bestimmungen 
für die Bahnhof-Commandanten". Etwas später wurde die „In- 
struction für die Transport-Commandanten bei den Bahnfahrten 
solcher Transporte, welche einen organischen Verband bilden", 
herausg'egeben. Diese schrieb unter anderem vor, dass der „Truppen- 
transport-Leiter zur Beaufsichtigung jener Commanden, welche 
nicht in Abtheilungs- Verbänden und ohne Officiere fahren, auf 
die Dauer der Fahrt Officiere als Transport-Commandanten zu 
bestimmen habe". Endlich wurde eine Instruction für die Ein- 
richtung von Verpflegs-Stationen an den Bahnen verfasst und 
Normen für die Verpflegung der Mannschaft während der Fahrt 
erlassen. 

Zu dem vom Comite für Truppen - Beförderung für 
den Fall einer Mobilisierung getroffenen Vorkehrungen gehörte 
auch die Adaptierung der Güterwagen für den Mannschafts- 
Transport. 

Schon seit dem Jahre 1867 wurde auf den Bahnlinien eine 
ganze Reihe von Versuchen gemacht, um die Waggons mit ent- 
sprechenden Einrichtungen zu versehen, und nach zahlreichen 
Erprobungen nahm man die als die beste erkannte Adaptierungs- 
art an. 

Im Sinne eines zwischen dem Comite für Truppen-Beför- 
derung und dem Communications-Ministerium getroffenen Ueber- 
einkommens wurden gesetzlich bestimmt: 1. die Normalausmasse 
der Güterwagen und Lowries, nach welchen diese in Hinkunft 
zu erbauen waren; 2. die für jede Bahn speciell ermittelte und 
obligatorische Zahl von Zügen, welche vollkommen für den Trans- 
port von Truppen aller Waffen einzurichten waren; und 3. die 
Zahl der seitens jeder Bahn für den Transport von Verwundeten 
und Kranken einzurichtenden Wag-gons. Für die Adaptierung 
von Güterwagen zum Truppen -Transporte wurden besondere 
Normen herausgegeben ; es wurde auch näher bestimmt, wie 
dieselben durchzuführen seien und die Mittel zur Bedeckung der 



*) General-Major der kaiserlichen Suite Annenkow war Leiter des Comite für 
Truppen-Beförderung; er hatte auch die Function eines „Truppentransport-Leiters für 
sämmtliche Eisenbahnen und Wasserlinien" inne. Seine Organe waren die „Truppen- 
transport-Leiter der Rayone". 



28 5 

Adaptierungskosten angewiesen. Für alle Bahnen des Reiches 
wurde ferner ein Normal-Beschläge zur Einrichtung der Waggons 
gesetzlich eingeführt 1 ); mit welchem auf je 10 Werst Geleise- 
länge 24 gedeckte Wag-gons und 6 Lowries zu versehen waren. 
Jenen 27 Bahnlinien, in deren Concession nicht die Verpflichtung 
aufgenommen worden war, die Waggons für den Truppen- Trans- 
port zu adaptieren, wurde gesetzmässig die Verpflichtung auf- 
erlegt, im Kriege je nach der Länge der Linie 1 bis q Militärzüge 
völlig einzurichten, und nach dem gleichen Schlüssel 1 bis 9 
für den Verwundeten-Transport ausgerüstete Waggons beizu- 
stellen. 

Infolge obiger Bestimmungen waren alle Beschläge zur 
Adaptierung der Waggons und Lowries rechtzeitig vorbereitet, so 
dass bei der Verlautbarung der Mobilisierung nur noch die 
Llolztheile zu erzeugen waren, was nur wenig Zeit in Anspruch 
nehmen konnte. 

Als sich seit August 1876 die Beziehungen zur Türkei zu- 
spitzten, trat eine Mobilisierung und der damit verbundene 
Truppen-Massentransport in den Bereich der Möglichkeit, und 
zwar zum erstenmale in Russland. Es konnten daher die zum Theile 
sehr eilig getroffenen Verfügungen manchmal einer Ergänzung 
bedürfen und sogar zu Missverständnissen führen. Die Durch- 
führung dieses ersten Versuches wurde anderseits dadurch überaus 
schwierig gestaltet, dass die technischen Einrichtungen der Bahnen 
unvollkommen, die Entfernungen gewaltig und die Truppen in der 
Beförderung mittelst Eisenbahn ganz ungeübt waren. 

Bis zum Monate September hatte das Comite für Truppen- 
beförderung" keine bestimmten Daten über die bevorstehenden 
Truppen-Transporte; es konnte daher nur die für den Fall einer allge- 
meinen Mobilisierung bereits getroffenen Massnahmen überprüfen. 
Anfangs September erhielt das Comite vom „Mobilisierungs- 
Comite 2 )" folgenden Entwurf für den Aufmarsch von Truppen der 
Militär-Bezirke Kijew, Odessa und Charkow, sammt einer Nach- 
weisung über die Vertheilung- derselben unmittelbar nach der 
Mobilisierung und nach bewirktem Aufmarsche. 

Diesem Entwürfe zufolge hatten in Bessarabien aufzu- 
marschieren: 



*) Eine von den Vorrichtungen zur Befestigung der Pritschen. 
2 ) Beide Comiles gehörten zum Hauptstabe. 



86 



VIII. Corps, 9. Infanterie-Division. 

14. 

8. Cavallerie- ,, 
IX. Corps, 5. Infanterie- ? , 

31. „ „ 

9. Cavallerie- ,, 
4. Schützen-Brigade .... 
3. Sappenr- ,, .... 

10 Don-Kasaken-Regimenter . 

4 „ Batterien . . 

Ein Belagerunss- Artillerie-Park 



von Poltawa und Kremenczug 
an Ort und Stelle 

55 5, 55 >j 

von Czernigow 

,, Kursk 

,, Romny 

,, Odessa 

„ Kijew 
vom Don-Gebiete 

von Kijew und Brest. 



Im Falle der Nothwendigkeit sollten diese Corps durch 
Truppen des Kijewer Militär-Bezirkes verstärkt werden, und zwar 
zunächst durch : 



XII. Corps, 12. Infanterie-Division . 


. . von Kamieniec-Podolsk 


33- 


. . „ Kijew 


12. Cavallerie- ,, 


. . ,, Proskurow 


XI. Corps, 11. Infanterie- ,, 


. . ,, 3Luck 


32. 


. . ,, Zytomir 


II. Cavallerie- ,, 


. . „ Dubno 


3. Schützen-Brigade 


. . ,, Tulczyn 



Zur Sicherung der Meeres-Küste zwischen den Mündungen 
der Donau und des Dniepr wurden bestimmt: 



VII. Corps, 15. Infanterie-Division 
36. „ 

7. Cavallerie- ,, 



an Ort und Stelle 
von Orel 
,, Jelisawetgrad 



Den Schutz der Krim hatte zu besorgen : 



X. Corps, 13. Infanterie -Division 

34- 

10. Cavallerie- 



an Ort und Stelle 
von Jekaterinoslaw 
„ Czugujew. 



Nach Erhalt dieses Entwurfes begann das Comite für Truppen- 
beförderung sofort, die nöthigen Aenderungen an dem Plane 
Nr. 6 vorzunehmen, welcher, wie oben gezeigt, unter der Voraus- 
setzung einer allgemeinen Mobilisierung verfasst war. 

Am 25. September (7. October) benachrichtigte der Kriegs- 
minister den Chef des Hauptstabes, dass sich, wenn die Truppen 
auf den Südbahnen befördert werden sollten, möglicherweise ein 
Mangel an Heizmaterial ergeben werde. 

Am 12. [24.] October erhielt das Comite für Truppen- 
beförderung vom Mobilisier imgs-Comite folgende Mittheilung : 

„Mit Entschliessung vom 8. [20.] October hat der Kriegs- 
Minister befohlen, dass ein Entwurf zusammengestellt werde über 



287 

den Bahntransport sämmtlicher zur Donau-Armee eingetheilten 
Trupp enkörper, inclusive des XI. und XII. Corps (vom Kijewer 
Militär-Bezirke), sowie von 8 aus dem Urlauberverhältnisse ein- 
berufenen Don-Kasaken-Regimentern sammt 4 Batterien. Hiebei 
ist es nöthig, dass die Kasaken möglichst bald eintreffen, da be- 
absichtigt wird, sie bei einer etwaigen Vorrückung gegen und 
über die Donau vorauszusenden. Mit dem Abgehen der Truppen 
aus dem Militär-Bezirke Kijew sind an deren Stelle die bereits 
bestimmten Truppen aus dem Moskauer in den Kijewer Bezirk 
zu befördern. Hiebei ist in Betracht zu ziehen, dass nach dem 
Abmärsche des einen Corps aus dem Kijewer Militär-Bezirke, 
in denselben sofort 2 Infanterie- und 1 Cavallerie-Division aus dem 
Moskauer Bezirke geschafft werden müssen, und dass mit dem Ab- 
transporte des anderen Kijewer Corps erst dann begonnen werden 
darf, sobald sich dies als nöthig erweist." Die Folge dieses Erlasses 
war, dass der ganze Transport-Plan umgearbeitet werden musste. 

Zur Lösung zahlreicher, mit der bevorstehenden Mobilisierung 
zusammenhängenden Fragen wurden die „Truppentransport-Leiter" 
nach Petersburg berufen ; das Communications-Ministerium, welches 
erst jetzt von der beginnenden Mobilisierung erfuhr, citierte eiligst 
die Bahn-Directoren und Inspectoren zu einer Conferenz, um die 
durch die Sachlage bedingten speciellen Verfügungen mit ihnen 
zu berathen. 

Das wichtigste Resultat dieser Conferenz der Directoren 
und Inspectoren war das Circular des Technischen Inspections- 
Comite des Communications -Ministeriums vom 22. October 
[3. November] 1876, mit welchem die Bahn-Verwaltungen auf- 
gefordert wurden, Graphika und Tabellen der Winter-Fahr Ordnung 
für Militärzüge sowie Daten über die Menge des auf den Linien 
vorhandenen rollenden Materials einzusenden. Ausserdem wurden 
die Bahn-Verwaltungen beauftragt, für die Herstellung von Schutz- 
zäunen gegen Schneeverwehungen vorzusorgen und die Erzeugung 
der Holzbestandtheile zur Ausrüstung der Waggons für Truppen- 
Transporte sofort in Angriff nehmen zu lassen. 

Ueberaus wichtig war in diesem Circular die Bestimmung, 
dass die Beförderung von Privat-Gütern nur so lange zulässig sei, 
als die Kriegs-Fahrordnung nicht vollständig in Geltung trete, 
ferner, dass eine solche Beförderung nur im Einvernehmen zwischen 
dem Bahn-Director und den Absendern von Frachten bezüglich 
der Zustellungszeit erfolgen könne, und dass die gesammte Ver- 
antwortung für hieraus sich eventuell ergebende Störungen der 



2 88 

lvriegs-Fahrordnung dem betreffenden Bahn-Director zur Last fallen 
werde ; endlich sollten im Sinne dieses Circulares alle zur Zeit 
der Mobilisierungs-Kundmachung- unterwegs befindlichen beladenen 
Waggons in jenen Stationen ausgeladen werden, wo sie sich zu 
Beginn der Mobilisierung befanden. 

Die Conferenz entschied auch die überaus wichtige Frage, 
wieviel rollendes Material von Seite der Nordbahnen den am 
meisten in Anspruch genommenen Südbahnen zu übergeben sei; 
allein an Locomotiven bestimmte man hiezu 572 Stück, m das ist 
bedeutend mehr, als das Calcul des Hauptstabes ergeben hatte. 

Für die Fahrt des zur Verstärkung der Südbahnen be- 
stimmten rollenden Materials war kein besonderer Transportweg 
festgesetzt worden, woraus sich — wie ersichtlich werden wird 
— eine Menge bedeutender Schwierigkeiten ergab. 

Die von Tag zu Tag erwartete Mobilisierung und Truppen- 
beförderung wurde immer verschoben, und im October entstand 
die Befürchtung, erstere könne mit dem allgemeinen Recrutentrans- 
porte zusammenfallen, welcher am 10. [22.] December in vollem 
Umfange beginnen sollte. Der Kriegs-Minister ordnete daher 
für den Fall eines derartigen Zusammentreffens an, dass die 
Recruten bis zur Beendigung der Mobilisierung an den Ein- 
berufungsorten zurückzubehalten seien. 

Vom 16. [28.] October angefangen wurde der Bestand der 
Operations- Armee successive erhöht und parallel hiemit gieng 
auch die weitere Ausgestaltung des Transport -Planes. Am 
17. [29.] October erhielt das Comite für Trupp enbeförderung* 
ein Telegramm des Kriegs-Ministers, wonach im Falle einer 
Mobilisierung 2 beurlaubte Escadronen des kaiserlichen Gonvoi 
als Convoi des Armee-Obercommandanten bestimmt wurden ; am 
19. [31.] October wurden Ponton -Parks von Römershof (bei 
Riga) zum Transporte angemeldet; und am 25. October 
[6. November] ergieng die Verordnung, dass im Falle einer 
Mobilisierung folgende Truppen des Moskauer Militär-Bezirkes 
zu befördern seien : 

17. Infanterie-Division von Tula nach Kamieniec-Podolsk an 
die Stelle der 12. Infanterie-Division; 

18. Infanterie-Division von Tambow in die Umgebung von 
Kijew an die Stelle der 33. Infanterie-Division; 

1. Infanterie-Division von Smolensk in die Umgebung von 
Luck an die Stelle der 1 1 . Infanterie-Division ; 



35- Infanterie-Division von Jaroslawl in die Umgebung von 
Zytomir an die Stelle der 32. Infanterie-Division; 

Don-Kasaken-Division von Rjazanj in die Umgebung von 
Proskurow an die Stelle der 12. Cavallerie-Division ; 

6. und 8. Artillerie-Park-Brigade, und zwar die Parks 
Nr. 16 und 17 der 6. Park-Brigade zur Operations- Armee, die 
übrigen Parks in die Umgebung von Kijew ; 

die Local-Bataillone von Tula, Kaluga, Tambow, Rjazanj, 
Smolensk, Twer ; Jaroslawl und Kostroma als Ersatz für abgehende 
Feld-Truppen. 

Am 29. October [10. November] wurde berichtigt, dass nicht 
8, sondern 10 beurlaubte Don-Kasaken-Regimenter zur Operations- 
Armee eingetheilt seien. Am 30. October [1 1. November] wurden 
zu der letzteren 1 Kuban- und 1 Terek-Regiment, 2 Plastun- 
Sotnien und 4 Miliz- Sotnien eingetheilt, welche vom Kaukasus 
nach Bessarabien zu befördern waren. Am 1. [13.] November 
beschloss man, im Mobilisierungsfalle die in Dörfern bequartierten 
Theile der Regimenter in die Stabs- Stationen zu ziehen, und am 
2. [14. November] wurde bestimmt, dass 2 Compagnien der 
Garde-Equipage von Petersburg zur Armee zu befördern seien. 

Um zu vermeiden, dass sich aus der Gegenfahrt der Hofzüge 
von der Krim nach Petersburg Schwierigkeiten ergäben, 
wurde die Abreise des Kaisers und des Armee-Obercommandanten 
von der Krim beschleunigt. 

Am Tage dieser Abreise, dem 2. [14.] November, ergieng 
der Allerhöchste Befehl, mittels welchem die Militär -Bezirke 
Odessa, Charkow, Kijew und Theile des kaukasischen „in Kriegs- 
zustand" versetzt wurden. Angesichts der unmittelbar bevor- 
stehenden Mobilisierung wurde die Conferenz der Eisenbahn- 
Directoren und Inspectoren geschlossen und die Theilnehmer be- 
auftragt, sich sofort behufs Leitung der demnächst beginnenden 
Transporte zu ihren Bahnen zu begeben. Infolge dieses schnellen 
Abbruches der Berathungen konnten aber viele überaus wichtige 
Fragen nicht endgiltig entschieden werden, und die Bahn-Directoren 
waren über das Wesen der ihnen bevorstehenden Thätigkeit 
nicht hinreichend orientiert. 

Der Transport der Reservemänner auf den Bahnen begann 
am 5. [17.] und dauerte zunächst nur bis zum 12. [24.] November, 
an welchem Tage der Verkehr aller Militärzüge eingestellt 
wurde. 

Der russisch-türkische Krieg. I. Bd. 19 



290 

Diese Unterbrechung der Reservisten-Transporte, welche 
bedeutende Störungen in der Durchführung des g*anzen Mobili- 
sierungs-Planes nach sich ziehen konnte, wurde dadurch hervor- 
gerufen, dass die Hauptrouten mit dem zur Verstärkung der Süd- 
bahnen bestimmten rollenden Materiale der Nordbahnen überfüllt 
worden waren. 

Weiter oben ist gezeigt worden, dass eine erhebliche Zahl 
Locomotiven und Waggons den Südbahnen zug*eschoben werden 
musste ; da aber deren Dirigierung ohne einen früher erwog*enen 
Plan erfolgte und sich mit den Transporten der Reservemänner 
kreuzte, respective zusammenfiel, so resultierten daraus ver- 
schiedene Störungen. 

Die Locomotiven fuhren, in den Zügen eingereiht, ohne 
Dampf; ihre Schwere zwang dazu, kleine Züge zusammenzustellen, 
die aber trotzdem eine Zug*snummer der Fahrordnung in Anspruch 
nahmen. Nur auf der Moskau-Kursker Bahn fuhren die Locomotiven 
unter Dampf mit Zeitintervallen von 15 oder 10 Minuten nach- 
einander; deshalb kam auch auf dieser Linie keine Verstopfung* 
der Stationen mit rollendem Materiale vor. 

Verzögerungen in der Abfertigung von Militärzügen traten 
zum erstenmale auf der am meisten in Anspruch genommenen 
Station Zmerinka ein, Hier waren bereits am 9. [21.] November 
einige Militärtransporte aufgehalten worden, da die Odessaer Bahn 
nicht genug Locomotiven und Waggons besass, die verfügbaren 
Locomotiven der Bahn Kijew-Brest jedoch nicht auf der Odessaer 
Bahn fahren konnten, weil auf der ersteren die Kohlen-, auf 
der letzteren hingegen die Holzfeuerung- eingeführt war. Am 
11. [23.] November häufte sich das rollende Material der Nord- 
bahnen in grosser Masse in der Station Kursk an, von wo es 
nicht schnell genug* fortgeschafft werden konnte. Zur selben Zeit 
vermochte die Odessaer Bahn kaum mehr die Hälfte der Züge 
abzulassen, welche im Plane vorgeschrieben waren ; infolgedessen 
wurden das 11. Uhlanen-Regiment und ein Theil des 11. Don- 
Kasaken - Regiments in Zmerinka auswaggoniert und beide be- 
zogen dortselbst Quartiere. 

Um die Fahrordnung der Militär-Transporte ohne Aenderung 
des ganzen Planes wiederherzustellen, wurden alle Militär-Trans- 
porte für drei Tage eingestellt, und der 15. [27.] November hatte 
als elfter Mobilisierungstag zu gelten. Diese Bestimmung bezog 
sich jedoch nicht auf jene Transporte, welche am 1 1. [23.] November 
einwaggoniert worden waren, und es erhielten demnach bis zum 



291 

i6. [28.] November, das ist dem zwölften Mobilisierungstag-e, die 
meisten Regimenter die gesammte Augmentierung an. Reservisten 
sowohl wie auch an Pferden. Die dreitägige Unterbrechung er- 
möglichte es, dass den Südbahnen das nöthige rollende Material 
zugeschoben und für die Fortsetzung der Transporte die nöthigen 
Vorbereitungen getroffen wurden. 

War diese Unterbrechung der Mobilisierung für die Süd- 
bahnen unbedingt nöthig, so war sie für die nicht zu den Haupt- 
linien zählenden Bahnen überflüssig, und bei ihnen nur eine 
Folge von Missverständnissen, welche bewirkten, dass für die 
Mannschafts-Transporte und Militärgüter nutzlos drei Tage ver- 
loren giengen. 

Während der ersten Periode der Mobilisierung beförderten 
die Bahnen an Reserve-Mannschaft und Pferden zur Augmen- 
tierung der Truppen : 



47-314 


Mann 


und 


7.718 


Pferde 


des Odessaer 


Militär-Bezirkes 


30.779 


55 


„ 


8.074 


55 


,, Kijewer 


55 55 


29.285 


55 


55 


4.027 


,, 


,, Charkower 


55 55 


26.796 


., 


,, 


3-674 


55 


,, Moskauer 


5? 55 


152 


55 


55 


242 


,, 


,, Wilnaer 


55 55 


44.227 


11 


„ 


— 


,5 


,, kaukasischen 


5» 55 



Zus. 178.553 Mann und 23.735 Pferde. 

Ausserdem wurden 3146 Remonten transportiert, welche für 
die Artillerie des Militär-Bezirkes Kaukasus bestimmt und in den 
Gouvernements Tambow und Woronjez angekauft worden waren. 
Hievon wurden 2826 bis an den Bestimmungsort Wladikawkaz 
befördert, dagegen 320 in Rostow auswaggoniert und erst später, 
nach Beendigung der Mobilisierung, weiter expediert. 

Während der Mobilisierung hatte das Comite für Truppen- 
beförderung häufig bei auftauchenden Fragen Weisungen zu er- 
theilen. 

Von der grössten Bedeutung" war der Umstand, dass die 
Transporte in der kalten Jahreszeit stattfanden ; man musste daher 
besondere Massregeln treffen, um die Güterwagen für den Truppen- 
transport einzurichten. Anfangs war beabsichtigt, den Boden der 
Waggons mit Stroh zu bedecken und darauf Strohmatten zu be- 
festigen. Die auf dem Petersburger Bahnhofe der Warschauer 
Eisenbahn vorgenommenen Versuche bewiesen die Zweckmässig- 
keit dieses Belages, weshalb ein Theil der Güterwagen denselben 
erhielt. Das Communications-Ministerium jedoch bestand auf dessen 
Entfernung", indem es auf die dem rollenden Material durch 



19' 



2Q2 

einen solchen Belag drohende Feuersgefahr hinwies und dafür 
einen Filzbelag- vorschlug. 

Der letztere wurde auch angenommen und bewährte sich 
sehr gnt ; die Schattenseiten des Belages waren der im Verhältnisse 
zum Strohbelage hohe Preis und die starke Abnützung ; auch kam 
es vor, dass die Leute während der Fahrt den Filz abrissen und 
als Decke benützten. 

Die eingetretene Kälte zwang auch dazu, den Reservisten 
unterwegs warmen Thee zu verabfolgen. Das Kriegs-Ministerium 
setzte sich diesbezüglich ins Einvernehmen mit der Gesellschaft 
des Rothen Kreuzes, welche es übernahm, an den von Seite des 
Ministeriums angegebenen Punkten Büffets einzurichten und den 
auf der Fahrt befindlichen Reservemännern Thee zu verabfolgen. 
Hiebei hatte das Militär-Aerar der Gesellschaft 3 Kopeken für 
jeden mit Thee verköstigten Mann zu bezahlen, wogegen alle 
übrigen Kosten vom Rothen Kreuze getragen wurden. Im ganzen 
wurden an den Bahnlinien 155 Thee-Ausgabe-Stationen eingerichtet. 

Die Verabreichung warmer Kost an die Reservisten während 
des Transportes erfolgte in 70 Verpflegs-Stationen. Dank diesen 
Massregeln war der Gesundheitszustand der Mannschaft während 
des Bahntransportes völlig zufriedenstellend, und die Gesammt- 
Krankenzahl überstieg w T ährend dieses ganzen Zeitraumes nicht 
242 unter 178.000 überhaupt beförderten Leuten. 

Um den 20. November [2. December] war die erste Thätig- 
keitsperiode der Eisenbahnen, das ist die Beförderung der 
Reservisten und Pferde, abgeschlossen, und es begann nun die 
zweite, der Transport der mobilisierten Truppenkörper. 

Die Pläne für diese Transporte wurden am 2. [14.] No- 
vember versendet. Entsprechend den Aufmarsch- Stationen der 
Truppen der Operations-Armee wurden als Auswaggonierungs- 
Punkte für die Militärzüge folgende Bahn-Stationen bestimmt: 
Birzula, Zmerinka, Balta, Razdielnaja, Bender und Kiszyniew. 
Man hatte sich für diese Punkte aus dem Grunde entschieden, 
weil man nicht alle eintreffenden Truppen in den „Sack" der 
Linie Razdielnaja-Kiszyniew hineinstopfen, sondern womöglich 
diese Strecke entlasten und so den Aufmarsch der Armee be- 
schleunigen wollte. Letzteres erwies sich als unbedingt nöthig; 
denn zunächst sollten alle zur Operations-Armee gehörigen 
Truppen mit sämmtlichen Parks und Trains bis zum 21. Decem- 
ber [2. Jänner] an ihren Bestimmungsorten eingetroffen und 



293 

zum sofortigen Uebergange über die Grenze völlig bereit sein; 
und weiters war es wünsch enswert, den Truppen - Transport 
vor dem Eintritte der starken Fröste zu beendigen. Gleich nach 
der Versendung des Planes für die Aufmarsch-Transporte mussten 
eiligst Ergänzungen zu demselben gemacht werden; sie betrafen 
einerseits die Beförderung von Truppen, die anfänglich im Plane 
nicht vorgesehen waren, anderseits den Transport jener Ab- 
theilung-en, die im ursprünglich verfassten Plane wohl enthalten 
waren, jedoch nicht befördert werden konnten. 

Die wichtigsten dieser Ergänzungen waren folgende : am 
7. [19.] November wurde nach Charkow für die Regimenter der 
34. Infanterie-Division sammt Artillerie ein neuer Transport-Plan 
gesandt, welcher infolge der Störungen des regelmässigen Betriebes 
auf den Südbahnen hatte verfasst werden müssen; am 9. [21.] No- 
vember wurde bestimmt, dass die 2. Brigade der 3. Grenadier- 
Division nach Lublin und die 2. Brigade der 13. Cavallerie- 
Division nach Janöw zu befördern seien. Am 11. [23.] November 
wurden folgende 2 Transport Pläne verfasst : für die 4. Don- 
Kasaken-Batterie, welche man infolge eines Missverständnisses 
in den allgemeinen Plan aufzunehmen vergessen hatte, und für 
8 Dampfboote sammt Geleit-Mannschaft aus Petersburg. Am 
9. [21.] December endlich wurde der Transport-Plan für die Ural- 
Sotnie ausgegeben, deren Eintheilung zur Operations- Armee erst 
am 8. [20.] December verfügt worden war. 

Ausser diesen Aenderungen musste noch eine wichtige Cor- 
rectur im Plane vorgenommen werden. Viele Truppen hatten 
nämlich weite Fussmärsche zu ihren Einwag'gonierungs- Stationen 
zurückzulegen, was infolge der eingetretenen Fröste und Schnee- 
stürme sehr beschwerlich war. Daher wurden zur Einwaggonierung* 
Stationen bestimmt, welche näher den Garnisonsorten der Regi- 
mentsstäbe gelegen waren. 

Gleichzeitig mussten Entwürfe für die Einschiebung einiger 
Separatzüge ausgearbeitet werden. Die grössten Schwierig- 
keiten bereitete der Zug des Armee-Obercommandanten, welcher 
in die Periode der dichtesten Bewegung der Militärzüge fiel. 
Unter Berufung auf das Beispiel des Zuges des Königs von 
Preussen im Jahre 1870 wollte man anfangs den Zug- des Armee- 
Obercommandanten nach der gewöhnlichen Kriegs-Fahrordnung be- 
fördern ; aber infolge der ausserordentlichen Länge der Strecke 
gab man diese Absicht auf und instradierte den Zug als Separat- 
zug. Für das Operierende Hauptquartier sammt Gepäck wurden 



2, für das Feld-Cassenamt i Zug- bestimmt, die man gleichfalls 
als Separatzüge instradierte. Dies war auf jenen Bahnen, welche 
den Personenverkehr nicht eingestellt hatten, mit keinerlei 
Schwierigkeiten verbunden, führte aber südlich Kursk zu einer 
sehr beträchtlichen Störung der Kriegs-Fahrordnung. Zu den 
Lücken, welche der allgemeine Transport-Plan aufwies, muss auch 
gezählt werden, dass man die Beförderung der neu formierten 
Corpsstäbe nicht berücksichtigt hatte. 

Zu den verschiedenen Mängeln des Transport-Planes kam 
nun am 20. November [1. December] noch ein Umstand, welcher 
von neuem die gesammte Truppen-Beförderung hätte unterbrechen 
können. Die Wasseranlagen auf den Stationen Kuczurgan und 
Tiraspol wurden beschädigt, und die Odessaer Bahn stellte infolge- 
dessen den Zugsverkehr ein. Schneestürme verschlimmerten noch 
die Situation, und das Resultat war, dass Zmerinka mit Waggons 
etc. ganz verstopft wurde. Die Odessaer Bahn schuldete der 
Kijew-Brester 450 Waggons, und letztere konnte nicht mehr die 
Kriegs-Fahrordnung einhalten. Die entstandene Verkehrsstörung 
drohte sich auch auf die angrenzenden Bahnen auszudehnen, 
und die Directionen der Kijew-Brester und der Odessaer Bahn 
baten telegraphisch um eine viertägige Einstellung der Militär- 
transporte. 

Angesichts der Unzukömmlichkeiten, welche mit einer 
solchen Einstellung verbunden gewesen wären und welche man 
bereits von den Ereignissen des 12. [24.] November her kannte, 
wurde beschlossen, nicht die gesammten Transporte einzustellen, 
sondern nur die Strecke Zmerinka-Birzula zu entlasten, und zu 
diesem Zwecke 55 Züge aus dem allgemeinen Transport-Plane 
zu streichen. Hiezu wurden folgende Massnahmen getroffen: eine 
Brigade der 33. Infanterie-Division und die 33. Artillerie-Brigade, 
welche von Kijew nach Kiszyniew hätten verlegt werden sollen, 
wurden vorläufig in den Standorten belassen und gleichzeitig für 
ihren Abtransport, welcher erst nach Beendigung der gesammten 
Bewegung stattfinden sollte, ein neuer Plan verfasst; hieraus 
ergab sich die Möglichkeit, aus dem allgemeinen Transport-Plane 
22 Züge fortzulassen; ferner hatte die Kursk-Kijewer Bahn mit 
ihrem eigenen Zugs-Material die 5. Infanterie-Division nur nach 
Zmerinka zu befördern, das ist jenem Punkte, an welchem die 
rückwärtigen Staffeln dieser Division auswaggoniert werden sollten; 
hiedurch wurde die S trecke Zmerinka-Birzula um weitere 33 Züge 
entlastet. Dieser Vorgang ermöglichte es, die allgemeine Ein- 



295 

Stellung der Militärtransporte, sowie eine grössere Störung des 
Aufmarsch-Planes zu vermeiden. 

Vereinzelte Verspätungen von Militärzügen kamen wiederholt 
vor; zumeist wurden sie durch Schneestürme hervorgerufen, die 
besonders Mitte December sehr heftig waren und in ganz Russ- 
land wütheten (zwischen Moskau und Kursk wurde der Zugsverkehr 
vom 15. bis 17. [27. bis 29.] December durch Schneeverwehungen 
unterbrochen); anderseits trafen die Truppen auch häufig in den 
Ein waggonierungs- Stationen zu spät ein 1 ). 

Am 14. [26.] December war der gesammte Transport der 
zur Operations-Armee gehörenden Truppen, sowie der Truppen 
des Odessaer und Kijewer Militär-Bezirkes beendet; nur das 
Kuban-Kasaken-Regiment und 2 Plastun-Sotnien trafen erst am 
17. [29.] December in Kiszyniew ein. 

Der Transport- der Parks sollte am 22. December [3. Jänner] 
beendet sein; er verzögerte sich aber, da manche Parks noch 
nicht fertig waren; so wurden die in Kremenczug formierten 
Feld-Artillerie-Parks des VII. und X. Armee-Corps nicht — wie 
ursprünglich geplant — am 18. [30.] December, sondern erst am 
6. [18.] Jänner einwaggoniert. Der Transport der Truppen aus 
dem Moskauer in den Kijewer Militär-Bezirk zog sich fast bis 
Ende December hin, wo bereits wieder die Beförderung der 
Recruten begann. 

Während des Aufmarsches wurden mittels der Bahnen 
folgende mobilisierte Truppen befördert: 

51 Infanterie-Regimenter 153 Bataillone 

Selbständige Bataillone 7 „ 

,, Compagnien (von der Garde-Equipage) . . 2 Compagnien 

,, Fuss-Sotnien (Piastun) 4 Sotnien 

Zusammen . . 160 Bataillone, 2 Compagnien, 4 Sotnien. 

Fuss- und reitende Batterien 93 Batterien 

x ) Auf wie verschiedenartige Hindernisse man stiess und mit welchen Mitteln 
man zuweilen die Sache in Gang bringen musste, beweist folgendes Beispiel: die 
Ural-Kasaken-Sotnie sollte von Orenburg abgesendet werden ; der Bau der Orenburger 
Bahn war im Herbst 1876 beendet worden, doch war dieselbe noch nicht eröffnet; 
das Geleise wurde daher nicht gereinigt und war mit einer hohen Schneeschichte 
bedeckt; als man die Bahn aufforderte, die Sotnie am 9. [21.] December abzutranspor- 
tieren, verlangte sie eine besondere Entschädigung für die Freimachung des ganzen 
Geleises, worauf das Militär-Aerar nicht eingieng; der Abtransport fand dann unter 
der Bedingung statt, dass es der Bahn für die Reinigung des Geleises gestattet wurde, 
den Betrieb anstatt wie ursprünglich geplant, im Frühjahre 1877, noch vor diesem 
Zeitpunkte zu eröffnen. 



296 

12 Cavallerie-Regimenter 48 Escadronen 

14 Kasaken-Regiraenter 84 Sotnien 

Selbständige Kasaken-Escadronen 2 Escadronen 

Selbständige KLasaken-Sotnien 4 Sotnien 

Zusammen . .138 Escadronen und Sotnien 
Artillerie-Parks 26 Parks. 

Für die Beförderung* dieser Truppen waren 2029 Züge er- 
forderlich. Der grösste Theil der zu bewältigenden Arbeit 
lastete auf der Odessaer Bahn, welche 452 Züge abfertigte; 
dann kam mit 408 Zügen die Kijew-Brester Bahn. Ausserdem 
wurden befördert: 2 Separatzüge des Operierenden Haupt- 
quartiers; 1 Zug mit dem Feld-Cassenamte und 62 Züge mit den zur 
Formierung des Intendanz-Transportes bestimmten Pferden sammt 
deren Begleit-Mannschaft. Mit diesen Zügen wurden in Summe 
10.090 Pferde und 5040 Mann expediert. Im ganzen waren demnach 
— abgesehen von den während der November-Mobilisierung be- 
nöthigten Zügen — für den Transport der mobilisierten Truppen 
2094 Züge erforderlich. Gleichzeitig hatten die Bahnen aber auch 
verschiedene der Armee gehörige Güter zu verfrachten. Die 
Menge der letzteren war überaus bedeutend; so Hess die In- 
tendanz unter anderem 3000 Train- Wagen, 208.000 Zelte und mehr 
als 2,200.000 Pud [36,040.000 kg\ Verpflegs-Artikel aller Art 
für die Truppen befördern; die Artillerie versandte 386 Geschütze 
verschiedenen Calibers sammt Lafetten und Geschossen, 28.000 
Gewehre, 3,100.000 Patronen und 192,849 Pud [3,162.723 kg\ 
diverser Frachten; die Marine versendete 6 Schrauben- und 
2 Raddampf boote, 1 7 Kutter, ferner Unterwasser - Minen und 
10.000 Pud [163.800 ig*] Frachten. Besonders schwierig gestaltete 
sich der Transport der Dampfboote, von denen ursprünglich 8 zum 
Schwarzen Meere überführt werden sollten ; als Transportweg 
hatte man anfangs die Route Petersburg-Brest-Kiszyniew ge- 
wählt; als es sich jedoch herausstellte, dass die Warschauer Bahn 
infolge ihrer geringeren Durchfahrts-Profile dieselben nicht trans- 
portieren könne, änderte man die Route und wählte die Linie 
Petersburg-Moskau-Kijew-Kiszyniew; man musste jedoch die beiden 
grössten Boote zurücklassen, da sie den Durchfahrts-Profilen auch 
dieser Bahnen nicht entsprachen. Die Militär-Medicinal-Verwaltung 
versandte circa 8000 Pud [131.040/^] Frachten. 

Um die ununterbrochene Weiterbeförderung dieser Güter 
zu sichern, welche entweder durch die betreffenden militärischen 
Stellen selbst oder durch Spediteure abgeschickt wurden, beob- 



297 

achtete man folgenden Vorgang: jeder Waggon wurde mit einer 
Aufschrift- Tafel versehen, worauf angegeben war, was für eine 
Fracht der Waggon enthielt, von welchem Ressort sie stammte, 
wohin sie zu gelangen hatte und für welchen Truppenkörper 
etc. sie bestimmt war. In den Auslade-Stationen waren theilweise 
auf den Rampen, theilweise an entsprechend eingerichteten 
Punkten besondere Stellen mit den analogen Aufschriften für 
Militärfrachten reserviert; an denselben wurden die Waggons 
sofort nach dem Eintreffen ausgeladen, so dass jede Abtheilung-, 
Truppe, Anstalt etc. wusste, wo sie ihre Frachten zu suchen habe. 

Einzelne Fälle ausgenommen, erfolgte die Zustellung der 
Frachten im allgemeinen ohne Verzögerung ; nur zu Beginn 
der Mobilisierung, als infolge einer die Einstellung des Güter- 
verkehrs verfügenden Anordnung- des Communications-Ministeriums 
viele Frachten auf den Stationen ausg-eladen wurden, kamen 
Verzögerungen vor; hierüber wird in der Folge noch die Rede sein. 

Bei dem stark erhöhten Zugs verkehre gieng es nicht ohne 
Entgleisungen und Zusammenstösse ab. Die meisten Opfer forderte 
ein Zugszusammenstoss auf der Wladikawkazer Bahn in der Nacht 
vom 29. auf den 30. November [11., respective 12. December], 
wobei der Commandant und 1 1 Mann eines Kuban-Kasaken- 
Regiments verwundet wurden. 

Die Verabfolg'ung warmer Kost an die auf der Fahrt be- 
griffenen Truppen geschah in denselben 70 Verpflegs- Stationen wie 
während der Reservisten-Transporte; auf diesen Punkten wurden 
während der ganzen Mobilisierung zusammen 2,361.310 Portionen 
verabfolgt. Die obenerwähnten 155 Thee-Buffets des Rothen 
Kreuzes gaben 3,568.040 Portionen Thee oder „Sbitenj" und eben- 
soviel Semmeln mit Fleisch oder Käse ab 1 ). In vielen Städten 
wurde von Vereinen oder Privatpersonen für die durchfahrenden 
Truppen Thee, Imbiss, Brantwein und Mittagessen vorbereitet ; 
einzelne städtische Vereine verpflichteten sich, die Verpflegung 
für alle durchmaschier enden Truppen beizustellen. 



a ) Die Theeportionen wurden in Kannen mit circa drei Gläsern Inhalt aus- 
gefolgt. Das Kriegs-Ministeriuni zahlte der Gesellschaft vom Rothen Kreuze 107.041 Rubel 
20 Kopeken, wobei für jede Portion 3 Kopeken gerechnet wurden. Die Ausgaben 
der Gesellschaft waren sehr gross; so kostete sie beispielsweise die Einrichtung der 
Büffets, das ist die Beschaffung der Samovare und des Geschirres, die Miete von 
Dienstpersonal u. s. w. circa 25.000 Rubel. — D. Red. 

Sbitenj ist ein warm zu geniessendes, aus "Wasser, ITonig und Lorbeerblättern 
bereitetes Getränk. — D. Ueb. 



298 

Der Filzbelag in den Waggons schützte die Truppen in 
gewissem Grade vor den Erkrankungen, welche durch die Be- 
förderung zur kalten Jahreszeit hätten hervorgerufen werden 
können. Ein besonderes Interesse erregen die seitens der Bahn- 
verwaltungen zur Verhütung von Krankheiten getroffenen Vor- 
kehrungen; so versah beispielsweise die Kursk-Kijewer Bahn — 
über Weisung des Präsidenten der Bahnverwaltung-, Herrn von 
Derwiz — die für den Truppentransport bestimmten Wag-gons 
mit tragbaren Oefen und verlangte hiefür keine besondere Ent- 
schädigung"; andere Bahnen stellten den bei den Einwaggonierungs- 
Stationen eingetroffenen Truppen gleichfalls gratis das Holz für 
Lagerfeuer bei 1 ). 

Während der eigentlichen Aufmarsch - Transporte waren 
unter 253.973 überhaupt beförderten Soldaten nur 177 Mann er- 
krankt. 

Unter den, durch die beschleunigte und ununterbrochene 
Beförderung der Truppen hervorgerufenen Erscheinungen ver- 
dient die Einstellung des Frachten-Verkehrs als besonders wichtig 



1 ) Wie nöthig eine derartige Hilfe war, ist aus folgenden Beispielen zu ersehen. 
Die Batterien der 34. Artillerie-Brigade marschierten am 23. November [5. December] 
von ihren Standorten ab, um in 4 Märschen den Einwaggonierungspunkt, die Station 
Kazanka der Charkow-Nikolajewer Eisenbahn, zu erreichen. Das Wetter während des 
Marsches war: am 23. [5.] Regen, am 24. [6.] Frost, am 25. [7.] Schneesturm und am 
26. [8.] Frost; während des Schneesturmes am 25. November [7. December] verloren 
die bei der ersten Batterie aufgenommenen Führer den Weg; Ansiedelungen waren 
an der Marschlinie nicht vorhanden, und die Batterie musste mitten in der Steppe 
bei einem Heuschober Halt machen. Um die Leute etwas zu erwärmen, liess der 
Batterie-Commandant ein Lagerfeuer anzünden und zu diesem Zwecke zuerst den 
eigenen Wagen als Brennholz verwenden, dann die Pferdepflöcke der Batterie und 
schliesslich Heu vom Schober. Trotz dieser Vorsicht zogen sich 2 Ofhciere und 
II Leute Erfrierungen von Gliedmassen zu und ein Mann, der von der Batterie ab- 
geirrt war, erfror. Als die Batterie bei der Station eintraf, leistete man den Frost- 
kranken ärztliche Hilfe, und der Stationschef verabfolgte der Batterie Brennmaterial 
zur Unterhaltung von Lagerfeuern. 

Eine Cavallerie-Division verlangte von der Bahn die Beistellung von Personen- 
waggons für die Mannschaft; obzwar die Bahn nicht verpflichtet war, dieser Forderung 
nachzukommen, stellte sie doch für jeden Transportstaffel dieser Division einige Waggons 
3. Classe bei, wodurch es ermöglicht wurde, dass die Leute, die in den Güterwagen 
froren, sich abwechselnd in den geheizten Personenwaggons erwärmen konnten. 

Die Begeisterung, welche der Zweck des Befreiungs-Krieges hervorrief, trat 
überhaupt bei jedem Anlasse in der Behandlung der in den Krieg ziehenden Truppen 
seitens des Bahnpersonales zutage, indem sich letzteres bemühte, alles Mögliche für die 
Bequemlichkeit der Truppen aufzubieten. 



2 99 

hervorgehoben zu werden. Wie oben gezeigt, war (laut § 9 der 
Instruction des technischen Inspections- Comite des Communi- 
cations-Ministeriums vom 22. October [3. November] 1876) ver- 
fügt worden, dass die Beförderung von Privatgütern nur so lange 
zulässig sei, als die Kriegs-Fahrordnung nicht völlig in Geltung 
stehe, und auch dann nur unter der Verantwortung der Bahn- 
Directoren. Daraus geht hervor, dass die Beförderung von 
Gütern im Principe wohl gestattet war; jedoch musste die den 
Bahn-Directoren übertragene Verantwortung die Anwendung dieses 
Principes äusserst einschränken. 

Die Güterzüge mit einer geringeren Geschwindigkeit fahren 
zu lassen als die Militärzüge, liess sich schwer durchführen; und 
die Züge mit Privatgütern nach der Krieg*s-Fahrordnung zu 
instradieren, schien den meisten Bahnen zu kostspielig. Nur die 
Moskau-Kursker Eisenbahn, welche die Beförderung von Privat- 
frachten nicht eingestellt hatte und bei der sich während des 
verstärkten Truppen -Transportes viele Frachten angesammelt 
hatten, fand es vortheilhaft, nach Beendigung des Truppen- 
Transportes noch einen ganzen Monat hindurch die Kriegs-Fahr- 
ordnung einzuhalten, um die Expedition der Privatgüter zu 
beschleunigen ; sie erreichte auch ihre Absicht, indem sie mit 
der Zustellung der Frachten um wenigstens 10 Tage früher 
fertig wurde, als dies bei Einhaltung des gewöhnlichen Güter- 
verkehrs möglich gewesen wäre. 

Das Communications-Ministerium hatte am 3. [15.] November 
sämmtliche Bahn-Directoren telegraphisch angewiesen, die Ueber- 
nahme von Frachtgütern auf allen Linien einzustellen. Das 
Telegramm bezweckte, die Ab dirigierung einer möglichst grossen 
Menge rollenden Materials von den Nord- zu den Südbahnen zu 
ermöglichen, wurde jedoch seitens der Bahnen nicht als eine 
Erinnerung an den § 9 der Instruction vom 22. October [3. No- 
vember] aufgefasst, sondern als ein kategorischer Befehl. Die 
Folge der Einstellung des Güterverkehrs war aber, dass die 
Bahnen, Truppen und grossen Städte gar bald in eine schwierige 
Lag'e geriethen 1 ). 

Thatsächlich resultierten hieraus für die Bahnen bedeutende 
Verluste, und ihre Vorbereitungen für den Truppen-Transport 
hätten leicht gestört werden können. So wurden beispielsweise die 



*) General Annenkows „Relation über den Truppen-Transport" vom 17. Fe- 
bruar [1. März] 1877. 



3oo 

von Moskau an die Kursk-Kijewer Bahn abgesendeten, seitens der 
letzteren bestellten Einrichtungen für die Militärzüge unterwegs 
auf einer Station ausgeladen und g-elangten nicht nach Kursk. Die 
Truppen, noch mehr aber die Intendanz, hatten gleichfalls unter der 
Einstellung des Güterverkehrs zu leiden, da viele Frachten, die 
für die Armee, speciell für die Formierung der Armee -Trains 
bestimmt waren, nicht rechtzeitig anlangten und so die Bereitschaft 
der Armee für den Feldzug- verzögerten. Endlich war auch die 
Lage der grossen Städte, die naturgemäss alles zum Unterhalt 
der zahlreichen Bevölkerung" Nöthige mittels der Bahnen erhielten, 
eine überaus schwierige. 

In Moskau wurden am 4. [16.] November auf den Güter- 
bahnhöfen die Kundmachungen über die Einstellung der Annahme 
von Privatfrachten angeschlagen; schon am 5. [17.] stiegen die 
Preise von Holz und Fleisch auf das Doppelte. Lieferanten, 
die zur Abgabe von Subsistenz- Artikeln nach früher verein- 
barten Preisen verpflichtet waren, wandten sich angesichts 
des ihnen drohenden Ruins an die Bahnen mit der Bitte, ihnen 
die thatsächliche Einstellung des Güterverkehrs zu bestätigen. 
Contrahenten der Intendanz belagerten die Bahnhöfe und erklärten 
g-anz richtig", dass infolge der Weigerung, ihre Frachten anzu- 
nehmen und zu expedieren, die Verproviantierung der Armee 
selbst gefährdet sei. In' Odessa war die Situation fast noch 
schwieriger. Der Gouverneur der Stadt berichtete in einem 
Telegramm an den Minister des Inneren, dass die Einstellung 
der Zufuhr von Heizmaterial und Lebensmitteln die Bürgerschaft 
in eine schwierige, wenn nicht gefahrvolle Lage gebracht, und 
ein Hinaufschnellen der Preise für die nöthigsten Subsistenz- 
mittel zur Folge gehabt habe. Zur Untersuchung der Verhältnisse, 
unter denen es möglich wäre, die schwierige Situation der 
grossen Städte zu erleichtern, wurde in Petersburg eine eigene 
Commission aus Beamten der interessierten Ressorts, nämlich 
der Ministerien des Krieges, der Finanzen und des Inneren, 
gebildet, deren Vorsitzender der Geheimrath des Finanz- 
Ministeriums Kobeko war. Der Kriegs-Minister war damit ein- 
verstanden, dass die Angelegenheit dieser Commission zur 
Berathung übertragen werde, und bestimmte als Mitglied der- 
selben für das Kriegs-Ministerium den General Annenkow; er 
schrieb jedoch auf die dem letzteren mitg-egebene Instruction : 
„Als Basis für die Berathungen ist im Auge zu behalten, dass die 
Truppenbeförderung unter gar keinen Verhältnissen verzögert 



301 

werden darf; das Beispiel Deutschlands im letzten Kriege ist 
anzuführen". 

Diese Bedingung; welche ihrerseits durch die Notwendigkeit 
der möglichst raschen Beendigung des Aufmarsches hervorgerufen 
war, schränkte natürlich die Freiheit der Berathungen der 
Commission sehr ein, und bewirkte, dass die einzelnen Vor- 
schläge der Mitglieder nicht ausführbar waren 1 ). 

Während die Beförderung von Privatfrachten auf den 
Südbahnen erst Mitte December, auf den Nordbahnen aber 
etwas früher wieder aufgenommen werden konnte, war sie — wie 
oben gezeigt — auf einigen Linien (Moskau-Kursker Bahn) dank 
der Umsicht derBahn-Directoren überhaupt nicht eingestellt worden. 

Aus dem Vorstehenden ergibt sich folgendes Resume : 

i. Der Zahl und der Richtung der Bahn-Linien nach, welche 
1876 im Betriebe standen, war Russland am besten für einen 
Krieg mit der Türkei vorbereitet. 

2. In technischer Beziehung Hessen die Bahnen viel zu 
wünschen übrig ; die wichtigsten Mängel waren : 

Fast alle Bahnen waren eingeleisig. Der Bahndamm war 
nicht überall hinreichend stark und haltbar. Bedeutende Stei- 
gungen und Gefälle zwangen, besonders im Winter, zur Anwen- 
dung leichter, also kurzer Züge. Die Wasserversorgung aus 
Brunnen (statt aus fliessendem Wasser) war den Zufälligkeiten 
der Witterungsänderungen ausgesetzt, wie zum Beispiele auf 
den Stationen Tiraspol und Kuczurg*an. Die Bahnhöfe besassen 
nicht genug Kreuzungs- und Nebengeleise und verstopften sich 



*) Die Commission wollte, dass die Odessaer Eisenbahn, die für die Verpro- 
viantierung von Odessa am wichtigsten war, die Beförderung von Privatfrachtgütern 
mit solchen Zügen der Kriegs-Fahrordnung durchführe, welche nicht von Truppen 
belegt waren. Darauf antwortete der „Truppentransport-Leiter" des Odessaer Rayons 
telegraphisch, dass auf der Odessaer Bahn ausser einem Postzuge täglich II Militär- 
züge abgefertigt würden, so dass bis zum 17. [29.] December alle Züge der Kriegs- 
Fahrordnung in Anspruch genommen und daher die Aufnahme des Güterverkehrs bis 
dahin ausgeschlossen sei. Dieselbe Antwort traf auch von der Bahn-Direction ein. Darauf 
schlug die Commission vor, ohne die Anzahl der Züge zu vermehren, die letzteren 
selbst durch Anhängung je einiger Waggons mit Privatgütern zu verlängern. Auch 
dies erwies sich als unausführbar, da — wie aus einem Telegramm der Bahn-Direction 
hervorgieng — auf den Stationen Frachten für wenigstens 10 Züge lagen, welche zu 
Beginn des Truppen-Transportes bereits aufgeladen gewesen waren und mit deren 
Beförderung hätte begonnen werden müssen. Eine "Verlängerung der Züge war übrigens 
auch wegen der Jahreszeit (Winter) ausgeschlossen. 



daher sehr leicht bei verstärktem Betriebe ; so geschah es bei- 
spielsweise auf dem Kursker Bahnhofe ; nicht anders war es auch 
bei Zmerinka, wo die Station durch die ungeheuere Menge rol- 
lenden Materials überfüllt wurde, als dasselbe von den Nord- 
bahnen zur Verstärkung des schwachen Bestandes der Süd- 
bahnen verschoben wurde. Endlich waren auch die Vorräthe an 
Heizmaterial unzureichend ; denn dieselben entsprachen den Be- 
dürfnissen eines so verstärkten Betriebes wie bei einer Mobili- 
sierung nicht; überdies hatte man ausseracht gelassen, dass es 
nöthig war, bei den Bahnen mit Kohlenfeuerung- eine bestimmte 
Menge an Holz-Vorräthen und umgekehrt bei den Bahnen mit 
Holzfeuerung Kohlen- Vorräthe bereit zu halten, und auf diese 
Weise auch für die zur Verstärkung herangezogenen Locomotiven 
der Bahnen mit anderer Feuer ungsart vorzusorgen. 

3. Für die Beförderung sowohl von einrückenden Reserve- 
männern, als auch von mobilisierten Truppen war nur ein Plan, 
und zwar nur für die allgemeine Mobilisierung der gesammten 
bewaffneten Macht verfasst werden ; infolgedessen hatte die 
partielle Mobilisierung zur Folge, dass in aller Eile ein neuer 
Plan entworfen werden musste. 

Dieser für eine partielle Mobilisierung verfasste Plan musste 
nach und nach ergänzt , werden, da die Zusammensetzung der 
Operations- Armee nicht auf einmal bestimmt, sondern letztere all- 
mählich verstärkt wurde. Die Ausarbeitung des Planes wurde 
dadurch noch mehr erschwert, dass die für die Truppen in Aus- 
sicht genommenen Aus waggonierungsp unkte — je nach den 
operativen Absichten für den Beginn des Feldzuges — dreimal 
geändert wurden. Die Uebereilung bei der Verfassung des Planes 
hatte einerseits verschiedene Unvollständigkeiten zur Folge 
(Corpsstäbe, die 2 Don-Kasaken-Regimenter und die Kasaken- 
Batterien), andererseits gestattete sie nicht, dass die gemein- 
samen Berathungen mit dem Communications-Ministerium, welche 
zur Festsetzung aller Details der Mobilisierungs-Transporte un- 
bedingt nöthig waren, zu Ende geführt wurden. Die Beförderung 
von Separatzügen war im Plane nicht vorgesehen, und es ergaben 
sich daher bei der Einschaltung jener des Armee-Obercommandanten 
und des Operierenden Hauptquartiers bedeutende Schwierigkeiten. 

4. Die Truppen waren durch keinerlei Uebungen für den 
Bahntransport vorbereitet ; die Notwendigkeit der genauen Ein- 
haltung des Transport-Planes war ihnen so unklar, dass die 
Regimenter ausserordentlich häufig um einige Stunden zu spät 



303 

in den Einwaggonierungs-Stationen eintrafen, ohne dass hiefür 
besondere Veranlassungen vorgelegen hätten. Ebenso unklar 
waren den Truppen auch die mit einem Massentransporte ver- 
bundenen Besonderheiten ; einige Abtheilungen forderten bei- 
spielsweise dringend die Beistellung von Personenwagen; andere 
verlangten, dass die Züge solange in den Stationen stehen bleiben 
sollten, als es aus irgendeiner Ursache den Transport-Staffeln 
passte. 

5. Die Durchführung des Massentransportes der Truppen 
war für das Communications-Ministerium und die Directionen der 
einzelnen Linien etwas ganz Neues. Die unklare Fassung des 
§ 9 der Instruction vom 22. October [3. November] und des Tele- 
grammes vom 3. [15.] November hatten die zeitweilige Einstellung 
des Güterverkehres nicht nur auf jenen Bahnen zur Folge, wo es 
nothwendig war, sondern überflüssigerweise auf dem gesammten 
Eisenbahnnetze. Das rollende Material war ohne vorher bestimmte 
Route instradiert worden, und schliesslich hatte man Locomotiven 
mit Holzfeuerung auf Bahnen dirigiert, die nur für Kohlenfeuerung 
eingerichtet waren. All dies ist hauptsächlich auf die verspätete 
Einberufung der Bahn - Directoren nach Petersburg zurückzu- 
führen. Es kam auch vor, dass einzelne derselben die Beförderung 
der Militär-Transporte in engherzigster Weise als die einer 
weiteren Beeinflussung nicht unterliegende Erfüllung jener Ver- 
einbarungen auffassten, welche die Regierung mit ihnen ge- 
troffen hatte, und die in den Paragraphen ihrer Conces- 
sionen genau bestimmt waren. Thatsächlich jedoch musste die 
oberste Leitung der gesammten Transportbewegung Sache der 
Heeresverwaltung sein, welche auch die hauptsächlichste Ver- 
antwortung hiefür zu tragen hatte. 

6. Die Witterung übte einen sehr bedeutsamen Einfluss auf 
die Abwicklung des Bahnbetriebes aus. Die früh eintretenden 
Fröste hatten einerseits ein Zurückgehen des Grundwassers zur 
Folge und machten hiedurch die Wasserversorgung unverläss- 
lich, andrerseits vermehrten sie die Beschwerden der weiten 
Fahrten. Schneestürme und Verwehungen führten zu Zugsver- 
spätungen und manchmal zur völligen Einstellung des Verkehrs 
(Odessaer Eisenbahn am 25. und 26. November [7. und 8. De- 
cember] und Moskau-Kursker Bahn am 16. und 17. [28. und 29.] 
December). Unter der rauhen Jahreszeit hatten besonders die zu 
den Einwaggonierungs- Stationen marschierenden Truppen zu 
leiden, welche infolge derselben häufig zu spät eintrafen, was 



3<M 

dann wieder zu Störungen in der regelmässigen Abwicklung 
des Betriebes führte (34. Artillerie-Brig-ade). 

7. Die Lage der grossen Städte, in welchen — als Folge der 
Unterbrechung- des Güterververkehres — die Zufuhr von Lebens- 
mitteln ausblieb, war äusserst schwierig. Dass aber die Bevölkerung 
diese Entbehrungen zu ertragen vermochte, dazu trugen haupt- 
sächlich der hohe Patriotismus und die mächtige Begeisterung 
bei, die alle erfüllte. Beides trat auch sonst zutage : einerseits in 
dem festlichen Empfange und den Bewirtungen der Truppen, ander- 
seits in der wohlthuenden Unterstützung, welche die Gesellschaft 
des Rothen Kreuzes der Armee bei der Verpflegung der auf 
der Fahrt befindlichen Truppen bot, endlich in dem Eifer, 
mit dem alle Angestellten der Bahnen und Telegraphenämter 
den Bedürfnissen der Truppen in jeder nur möglichen Weise, 
eventuell auf eigene Kosten, gerecht zu werden trachteten, um 
ihnen die Beschwerlichkeiten der Beförderung im Winter zu er- 
leichtern (die Oefen in den Waggons des Herrn von Derwiz). 

Zum Schlüsse sei hervorgehoben, dass zu einer richtigen 
Beurtheilung der Mobilisierungs-Transporte des Jahres 1876 unbe- 
dingt im Aug-e behalten werden muss, dass damals zum ersten- 
male ein so gewaltiger Truppen-Massentransport über die un- 
geheuren Entfernungen des Reiches durchzuführen war. 



IX. CAPITEL. 

Intendanzwesen, Verpflegung und Ausrüstung 
der russischen Operations-Armee. 

Organisation des Feld-Intendanzwesens, der Verpflegung und Bekleidung. — Aus- 
rüstung. — Train. — ■ Ausrüstung der Officiere. — Vorbereitende Massnahmen zur 
Versorgung der Armee mit Proviant, Bekleidung, Ausrüstung, Zelten, Train und Geld- 
mitteln. — Verhältnisse bei der Armee in Bessarabien bezüglich Verpflegung, Bekleidung, 

Ausrüstung und Unterkunft. 

Die Umarbeitung der „Organischen Bestimmungen für die 
Leitung und Verwaltung der Armee im Felde" vom Jahre 1868 
war noch nicht beendet ; als im November 1876 die th eilweise 
Mobilisierung der Truppen der Militär-Bezirke Kijew, Charkow 
und Odessa angeordnet und aus diesen Truppen die Operations- 
Armee formiert wurde. 

Die neuen „Organischen Bestimmungen" wurden, wie im 
VII. Capitel bereits erwähnt, mittels Prikas Nr. 304 vom 
22. October [4. November] verlautbart, jedoch ohne Beilagen; 
letztere gelangten nachträglich, theilweise erst im folgenden Jahre 
zur Ausgabe. 

Im Sinne der vorerwähnten Vorschrift, welche zum Theile 
schon im VII. Capitel besprochen wurde, war das Intendanz- 
wesen bei der Armee im Felde folg*end organisiert. 

Die allgemeinen Verfügungen über die Versorgung der 
Armee mit Verpflegsmitteln, Geld, Bekleidungs- und Rüstungs- 
sorten waren in der „Feld -Intendanz" vereinigt, an deren 
Spitze der „Armee-Intendant" stand. Die Feld-Intendanz setzte 
sich zusammen aus : 1 . dem Gehilfen (adlatus) des Armee-Inten- 
danten, 2. der Kanzlei, 3. dem Personal „zur Disposition", 4. den 
Corps-, Divisions- und Detachement-Intendanten und 5. dem 
Commandanten des Indendanz-Transportes. 

Der russisch-tüikische-Ivrieg. I. Bd. 20 



30ö 

Die Feld-Intendanz war ein unmittelbares; anordnendes Organ 
des Armee-Obercommandanten; die Durchführung oblag- den 
„Bezirks-Intendanzen des Kriegsschauplatzes" oder im Auslande 
den „Local-Intendanzen", welche mit der zunehmenden Entfernung 
der Armee von der Reichs-Grenze zur Errichtung gelangten. 
Die Feld-Intendanz nahm bloss dann an der Durchführung theil, 
wenn der Armee-Obercommandant es für nöthig fand. Die aus- 
führenden Arbeiten wurden in diesem Falle dem „zur Disposition" 
eingetheilten Personale, ferner den Corps-, Divisions- und De- 
tachement-Intendanten übertragen. 

Der Armee-Intendant unterstand direct dem Armee-Ober- 
commandanten ; die gesammte schriftliche Berichterstattung an 
diesen erfolgte aber im Wege des Armee-Stabschefs, die münd- 
liche Berichterstattung — falls solche nothwendig — im Beisein 
des letzteren. 

Dem Armee-Intendanten oblagen: i. die definitive Be- 
stätigung aller auf Anordnung der Feld-Intendanz gemachten 
Bestellungen, Lieferungen, Ankäufe u. s. w., falls die Beschaffungs- 
preise jene der Voranschläge für die Kriegszeit nicht über- 
stiegen; im Gegenfalle legte er die Angelegenheit dem Armee- 
Obercommandanten zur Entscheidung vor 1 ); 2. die Fürwahl 
jener Beschaffungsarten, welche je nach den Verhältnissen am 
vorth eilhaftesten waren ; für die Vornahme von Requisitionen 
musste die Genehmigung des Armee - Obercommandanten ein- 
geholt werden. 

Wo immer der Krieg geführt wurde, sei es im Inlande, sei 
es in einem verbündeten oder in feindlichem Lande, hatte der 
Armee-Intendant die Verpflichtung, die Ressourcen des Kriegs- 
schauplatzes vor Erschöpfung - zu schützen und durfte zur In- 
anspruchnahme derselben erst dann schreiten, wenn es unmöglich 
war, den Bedarf der Armee im Wege des Nachschubes zu decken, 



l ) Laut den eingangs citierten „Organischen Bestimmungen" für die Armee im 
Felde vom Jahre 1876 war für die Dauer eines Krieges ein Geld-Voranschlag der 
Armee zu verfassen (die Zusammenstellung oblag dem Armee-Intendanten). Dieser 
Voranschlag war vom Zeitpunkte der Allerhöchsten Genehmigung bis zum Ablaufe der 
Budgetperiode giltig. Im Falle der Krieg mehrere Jahre dauern sollte, war für jedes 
Jahr ein eigener Voranschlag zu machen. Daraus ist zu ersehen, dass die budgetären 
Kriegspreise für sehr länge Termine angesetzt waren und daher sehr problematischen 
"Wert hatten, ferner dass sie für die Dauer der Budgetperiode unverrückbar waren. 
Infolgedessen musste — da die budgetären Preise mit den wirklichen Beschaffungs- 
preisen in Kriegszeitsn selten übereinstimmen — ein grosser Theil der ökonomischen 
Verfügungen dem Armee-Obercommandanten zur Entscheidung vorgelegt werden. 



307 

oder wenn diese Beschaffungsart keinen Erfolg hatte, schliesslich 
wenn sie allzu theuer zu stehen kam. 

Die Corps-, Divisions- und Detachement-Intendanten waren 
die unmittelbaren Vollzugs-Organe des Armee-Intendanten hinsicht- 
lich jener Heereskörper, bei welchen sie sich befanden. Sie wurden 
von dem Armee-Intendanten für ihre Posten ausgewählt und 
mittelst Prikas der Feld-Intendanz ernannt 1 ). 

Der Intendanz -Transport war dem Armee - Intendanten 
zur Verfügung gestellt ; er sollte im Einvernehmen mit dem Armee- 
Stabschef und dem Chef der militärischen Verbindungen verwendet 
werden für: die Zufuhr von Verpflegs-Artikeln zur Armee, "üeber- 
führung von Vorräthen aus einem Magazine in ein anderes, Trans- 
port militärischer Frachten und Abschub von Verwundeten. 

Anfangs bestand die Absicht, einen ärarischen Intendanz- 
Transport zu formieren; dessen Stand sollte laut Prikas Nr. 323 
vom Jahre 1876 im ganzen 4900 Fuhrwerke (1900 zwei- und 
3000 dreispännige) mit 14.080 Pferden betragen. Der Transport 
sollte sich in 14 Abtheilungen zu 350 Fuhrwerken gliedern. Com- 
mandant des Transportes war ein Oberst, Abtheilungs-Comman- 
danten waren Majore oder Oberstlieutenante, das übrige Train- 
personal bestand aus Soldaten. Zur Formierung des Transportes 
waren weder Cadres noch Material-Vorräthe vorhanden. Das 
Personal musste dem Reservestande entnommen werden, die 
Pferde waren durch Abstellung vom Lande zu beschaffen, Fuhr- 
werke und Beschirrungen sollten angekauft werden. 

Mit Prikas Nr. 136 vom 18. [30.] April 1877 erhielt der 
Intendanz-Transport eine neue Gliederung. Hienach hatte er zu 
bestehen aus: 1. einem ärarischen Transport- Staffel, mit dem im 
Prikas Nr. 323 vom Jahre 1876 normierten Stande; 2. mehreren 
gedungenen Transport- Staffeln zu je 3500 landesüblichen zwei- 
spännigen Fuhrwerken und 7000 Pferden sammt Fuhrleuten aus 
der Bevölkerung. Zum Commandanten eines gedungenen Trans- 
portes sollte ein Oberstlieutenant bestimmt werden. Ein solcher 
Staffel bestand aus 10 Abtheilungen, welche von Stabs- 
officieren befehligt wurden; letzteren standen je 2 Oberofhciere als 
Gehilfen zur Seite, ferner wurden ihnen mehrere Unterofhciere 



T ) Sie waren somit damals nicht Organe des höheren Commandos wie jetzt, 
sondern bloss Agenten des Armee-Intendanten. Gegenwärtig werden sie bekanntlich 
mittels Allerhöchster Prikase ernannt und sind Organe der höheren Truppen-Com- 
manden. 

20* 



3 o8 

und Soldaten für die Beaufsichtigung- der ärarischen Güter (i Mann 
auf 10 Fuhrwerke) zug-ewiesen. 

Die Art der Verpflegung der Truppen im Frieden war 
durch die im Jahre 1871 (Prikas Nr. 256) erschienenen „Bestim- 
mungen über die Proviant-, Menage- und Futter- Verpflegung der 
Truppen" geregelt worden. Man musste nun diese „Bestimmungen" 
— obwohl sie über das Kriegsverhältnis nichts enthielten — 
auch im Kriege 1877 anwenden, da keine „Kriegs"- Verpflegs- 
Vorschrift bestand ; die früheren einschlägigen Vorschriften waren 
nämlich ausser Kraft gesetzt worden, ohne durch neue ersetzt zu 
werden 1 ). Nur die „Organischen Bestimmungen für die Armee im 
Felde" vom Jahre 1876 enthielten einige allgemeine Hinweise 
über die Verpflegung der Truppen im Kriege. Im Sinne der 
giltigen Vorschriften war hienach die Verpflegung im Felde wie 
folgt organisiert. 

Zur Verpflegung der Mannschaft wurden vom Aerar ver- 
abfolgt: Proviant und Menagegeld. Die Tagesportion an Proviant 
betrug per Mann und Tag*: 2 Pfund 25V2 Zolotnik Mehl [927^] 
oder 3 Pfund Brot [1*228 kg] oder 2 Pfund [819^] Zwieback, 
ferner 32 Zolotnik [135^] Graupen. Der Proviant wurde seitens 
der Intendanzen in natura verabfolgt; wenn die Truppen aber 
statt Brot oder Zwieback Mehl erhielten, so waren sie ver- 
pflichtet, selbst das Brot zu backen. Das Menag*egeld wurde in zwei 
Ausmassen, dem gewöhnlichen und dem erhöhten, erfolgt. Nach 
dem ersteren setzte sich die Tagesg'ebür per Mann zusammen 
aus: 1. der veränderlichen Quote, welche dem Preise eines halben 
Pfundes [409^] Rindfleisch (roh, mit Knochen) entsprach und 2. der 
fixen Quote im Betrage 1 Kopeke per Mann und Tag für Gemüse, 
Salz und sonstige Zubereitungs-Erfordernisse. Das erhöhte Aus- 
mass an Menagegeld betrug das 1V2 fache des gewöhnlichen. 
Letzteres gebürte den Leuten, welche zu einer „Artel" [ein bei 
jeder Unterabtheilung bestehender Wirtschafts verband] gehörten; 



l ) Die Vorschrift vom Jahre 18 12 für die Leitung einer grossen Operations- 
Armee reglementierte diese Frage im Detail, ebenso auch, das im Jahre 1846 er- 
schienene „Reglement für die Leitung einer Armee im Frieden und im Kriege". Die 
an Stelle des obigen Reglements getretene „Vorschrift für die Leitung der Truppen 
im Felde" vom Jahre 1868 enthielt diesbezüglich bloss einige allgemeine Weisungen, 
wohl in Erwartung einer besonderen Kriegs-Verpflegs-Vorschrift. Aehnlich war es mit 
der Vorschrift vom Jahre 1876; die erwartete Kriegs-Verpflegs-Vorschrift war jedoch 
bis zum Kriege 1877 noch nicht erschienen. 



309 

das erhöhte Ausmass erhielten jene Soldaten, welche keine Artel 
bildeten (kleine Commanden, Stäbe etc.) 1 ). Das Menagegeld wurde 
den Truppen zur Beschaffung der sonstigen Menage- Artikel und 
Erfordernisse, sowie zur Bereitung der Menage in der Artel- 
Wirtschaft vollständig überlassen. 

Die Futter gebür für die ärarischen Pferde wurde den 
Truppen entweder in natura oder in Geld erfolgt. Das Ausmass 
der Futterportion war verschieden, und zwar: 

Haftr Heu Siroh 

I. Kategorie. — Reitpferde der Garde- 
Cavallerie, Reit- und Zugpferde der 

Garde -Artillerie 4 Garnjetz 10 Pfund 4 Pfund 

[13-1/] [4-095*/] [1-638*/] 

I. Kategorie. — Reitpferde der Armee- 
Cavallerie, Reit- und Zugpferde der 

Armee- Artillerie 3 Garnjetz 10 Pfund 4 Pfund 

[9-8 /] [4-095 kg] [1-638 kg\ 

III. Kategorie. — Train-Pferde 2V2 Garnjetz 20 Pfund — 

[8-2/] [8-19*/ ~ 

Ausser der normierten Verpflegsgebür war der Armee-Ober- 
commandant im Sinne der „Organischen Bestimmungen für die 
Armee im Felde" vom Jahre 1876 berechtigt, nach seinem Ermessen 
den Truppen Brantwein-Zubussen und die Verabfolgung sonstiger 
nicht normierter Verpflegs- Artikel zu bewilligen. Er konnte auch 
den Ersatz normierter Artikel durch andere verfügen. 

Nach den oberwähnten „Bestimmungen" stand ihm auch das 
Recht zu: 1. im Operationsraume, sei es im Auslande oder 
im Inlande, allgemeine oder partielle Requisitionen zu verfügen 
und in feindlichen, nach Kriegsrecht besetzten Territorien Con- 
tributionen aufzuerlegen; 2. in den durch die eigenen Truppen 
besetzten feindlichen Gebieten die Verpflegs-Tarife 2 ) zu bestätigen, 
schliesslich 3. die Abgabe von Verpflegs - Artikeln in natura 



1 ) Die einschlägige Vorschrift vom Jahre 1871 kannte auch ein ermässigtes 
Menagegeld, welches der Mannschaft jener Truppeukörper gebürte, die über Gemüse- 
gärten verfügten. Dieses Ausmass war aber im Kriege nicht anwendbar. 

2 ) Das heisst, die Verpflegung der Mannschaft durch die Bewohner (Quartier- 
Verpflegung) anzuordnen und die Ausmasse und Zusammensetzung der Kostportion, 
sowie die Art der Bezahlung bekanntzugeben. Der Entwurf der Tarife war durch den 
Armee-Intendanten zu verfassen. Dieselben hatten zu enthalten : wieviel und welcher 
Art Verpfiegs-Artikel jedem Manne täglich zu erfolgen waren, wieviel die Entschädigung 
betrug, und in welcher Art die Bezahlung der seitens der Truppen auszugebenden 
Quittungen über die Quartier- Verpflegung erfolgte. 



3io 

an die Officiere zu verfügen, falls sich der Ankauf schwierig 
gestaltete. 

Der allgemeine Charakter der Truppen-Verpflegung im Felde 
war sonach folg'ender : 

i. der Proviant wurde von der Intendanz den Truppen in 
natura abgegeben 1 ); 

2. zur Selbstbeschafrung- der übrigen Artikel erhielten die 
Truppen das Menagegeld; das Ausmass desselben war für das 
Kriegs Verhältnis viel zu gering- (Preis eines halben Pfundes 
Fleisch mehr i Kopeke); 

3. die Officiere hatten selbst für ihre Verpflegung zu sorgen 
und nur ausnahmsweise Anspruch auf die Natural- Verpflegung ; 

4. das Futter wurde entweder in natura oder in Geld ver- 
abfolgt ; in letzterem Falle hatten die Truppen selbst für die 
Beschaffung zu sorgen ; 

5. die den Truppen in natura gebürenden Artikel waren 
vorzugsweise durch die Bezirks-, beziehungsweise im Auslande 
durch die „Local-Intendanzen", also weit hinter der Armee zu be- 
schaffen; die Bereitstellung von Vorräthen durch Organe der Feld- 
Intendanz, das ist im Operations- oder im nächsten Etapenraume, 
war nur ausnahmsweise, über specielle Verfügung des Armee-Ober- 
commandanten zulässig; hiebei musste auch noch besondere Rück- 
sicht auf die Schonung der localen Ressourcen genommen werden. 

Diese Bestimmung und die Verpflichtung der Intendanz, den 
Proviant in natura zu liefern, stellten an den Nachschub eine kaum 
zu bewältigende Aufgabe und schränkten die Operationsfreiheit 
der Truppen ein (indem sie dieselben an den Etapenraum banden). 

Zur Ergänzung des Bildes sind noch die mobilen Verpflegs- 
Vorräthe der Truppen anzuführen. Auf Grund der mehrfach er- 
wähnten Verpflegs- Vorschrift vom Jahre 187 1 hatten die Truppen 
beim Ausmarsche mitzunehmen: 1. Proviant (Zwieback und 
Graupen) für volle 8 Tage; 2. Hafer: Infanterie, Artillerie und 
Parks für 4 Tage, Cavallerie für 2 Tage. 

Diese Vorräthe waren wie folgt unterzubringen : im Tornister 
des Infanteristen — Zwieback für 3, Graupen und Salz für 2 Tage; 
im Pferdepack des Cavalleristen — Zwieback für 3, Graupen, Salz 
und Hafer für 2, Heu für 1 Tag-; der Rest war auf den Fuhrwerken 
des Recriments-Trains zu verladen. 



l ) Die Beschaffung des Proviants durch die Truppen selbst oder die Beistellung 
desselben an die Truppen seitens der Einwohner konnte nur als Ausnahme gelten. 



3ii 

Bei den Truppen befanden sich an Verpflegs-Geräthen : 
i. beim Manne, und zwar a) Infanterie: kleine Kochkessel für 
einen Mann und Feldflaschen 1 ); b) Cavallerie : Kochkessel für 
je 3 Mann, Wassereimer aus Segeltuch für je 3 Mann und eine 
Tasche für jeden Mann; 2. im Regiments-Train: grosse (Artel-) 
Kochkessel; welche bei einigen Truppenkörpern auf den Patronen- 
wagen, bei andern auf den zweispännigen Fuhrwerken leichterer 
Type mitg'eführt wurden 2 ). 

Die Versorgung mit Bekleidungssorten erfolgte nach den 
bezüglichen, mit Prikas Nr. 200 vom Jahre 1875 verlautbarten 
„Bestimmungen' 5 . Im Sinne derselben sollten die Gebürsätze des 
Friedensverhältnisses auch für den Krieg* unter Zugrundelegung 
des normierten Kriegsstandes gelten. Ausser dieser systemisierten 
Bekleidungsgebür konnten die Truppen nach Massgabe des 
Bedarfes bloss Mäntel und Stiefel aus dem ausserordentlichen 
Vorrathe fassen, aber in jedem Falle nur über Allerhöchste 
Genehmigung. Verluste an Monturen durch Kriegsverhältnisse 
(im Gefechte etc.) wurden durch Ausfolgung- neuer Stücke vom 
Aerar auf Grund von Bestätigungen der Divisions-Commanden 
über die Richtigkeit der Verluste ersetzt. Die Art und Weise, 
wie die Versorgung der Truppen mit 'Bekleidungssorten durch- 
geführt werden sollte, war vom Armee-Obercommandanten fest- 
zusetzen, nachdem dieser vorher das Einvernehmen mit dem 
Haupt-Intendanzchef des Kriegs-Ministeriums gepflogen hatte. 

Ausrüstung. Zur Ausrüstung des Infanteristen gehörten: 
1. das Gewehr mit 60 Patronen, wovon 48 in den Patrontaschen 
und 12 im Tornister untergebracht waren; 2. der Verpflegs- 
Vorrath (Zwieback für 3 Tage, Salz für 2 Tage, Kochkessel und 
Feldflasche); 3. der Bekleidungs- und Beschuhungs-Vorrath (ausser 
der Leibesmontur : 1 Paar Stiefel, 2 Hemden, 1 Unterhose, 
2 Paar Fusslappen, 1 Handtuch, 1 Sommerhose, 1 Turnhemd, 
Ohrenschützer, Fäustlinge, 1 Mantel, 1 Baslyk) ; 4. die Gewehr- 
Requisiten; 5. das Putzzeug; 6. ein Zeltbestandtheil ; 7. der 
Tornister (altartig aus Kalbfell, neuartig aus Segelleinwand). 
Ueberdies das Professionisten -Werkzeug für Schuster und 
Schneider. 



1 ) Die Feldflaschen wurden im April 1877 vor dem Ausmarsche der Armee 
aus Bessarabien neu eingeführt. 

2 ) Näheres hierüber folgt bei Besprechung des Trains. 



312 



Die Garde-Infanterie, die Grenadiere und Sappeure hatten 
ein zweischneidiges Faschinenmesser zum Holz verkleinern, sowie 
zu anderen Lager- und sonstigen Arbeiten. Bei der Armee- 
Infanterie waren bloss die Unterofficiere damit ausgerüstet. 

Das Gewicht der gesammten Ausrüstung betrug i Pud 
34 Pfund [30-303 kg]. 

Von den vorgenannten Ausrüstungs-Gegenständen waren 
die Feldflaschen und Turnhemden erst im März und April 1877 
aus den Wirtschaftsmitteln der Truppen beschafft worden. 

Die Betheilung mit Marschzelten begann bei der Operations- 
Armee erst im Frühjahre 1877. Nachdem einige Truppenkörper 
schon früher Zelte beschafft hatten, wurde noch im December 1876 
eine Beschreibung mit Zeichnungen der Zelte sammt einer 
Instruction an die Truppen ausgegeben 1 ). 

Die Ausgabe der Zelte an die Truppen begann im Februar 1877, 
jedoch waren beim Ausmarsche noch nicht alle Truppenkörper 
der Feld- Armee damit betheilt ; auch die nachträglich mobili- 
sierten Truppenkörper, welche im Sommer 1877 am Kriegs- 
schauplatze eintrafen, hatten keine Zelte ; letztere wurden ihnen 
im September nachgesendet. 

Nebst den angeführten Sorten wurden im April 1877 neu 
eingeführt: 1. Zwiebacksäcke für je 6 Pfund [2-457 -kg\ Zwieback; 
2. weisse Kappen-Ueberzüge mit Nackenschutz. Zu deren Be- 
schaffung wurden den Truppen Geldbeiträge angewiesen. 

Ueber die Betheilung mit warmer Kleidung* wird später 
berichtet werden. 

Während des Krieges erwiesen sich die Tornister als schwer 
und unbequem, sie wurden daher bei manchen Truppenkörpern 
durch Tragsäcke ersetzt. 

Zur Ausrüstung des Cavalleristen gehörten: 1. die Bewaff- 
nung : a) die blanke Waffe — Säbel bei allen, Pike beim ersten 
Gliede der Husaren- und Uhlanen-Regimenter (bei den Kasaken 
vSäbel und Pike) ; b) Feuerwaffe : Gewehre bei Dragonern und 
Kasaken (40 Patronen) 2 ), Carabiner beim zweiten Gliede der 
Husaren- und Uhlanen-Regimenter (20 Patronen), Revolver bei 
allen Unterofficieren und Trompetern, dann beim ersten Gliede 
der Husaren- und Uhlanen-Regimenter; 2. der Verpflegs-Vorrath 



*) Von der Beschaffung dieser Zelte durch die Haupt-Intendanz-Verwaltung 
wird später noch die Rede sein. 

2 ) Bei den Kasaken überdies je 20 Putronen in den Satteltaschen. (Armee- 
Verordnung Nr. 6 vorn Jahre 1876.J 



3i3 

(Zwieback auf 3 Tage, Graupen, Salz und Hafer auf 2 Tage, 
Heu auf 1 Tag, Kochkessel und Wassereimer für je 3 Mann, 
dann eine Tasche) ; 3. derVorrath an Bekleidung und Beschuhung 
(ausser der Leibesmontur : 1 Paar Stiefel, 1 Hose, 1 Halsbinde, 
2 Hemden, 1 Unterhose, 2 Paar Fusslappen — darunter 1 Paar 
von Tuch oder an deren Stelle wollene Socken — , 1 Handtuch, 
1 Kittel, 1 Paar Handschuhe, 1 Mantel, 1 Baslyk, 1 Mütze); 4. 1 Beil 
auf je 8 Mann; 5. die Pferdedecke, die Obergurte, der Fourage- 
strick, Säcke und Heunetze ; 6. 1 Paar Reserve-Hufeisen mit 
16 Nägeln; 7. der Sattel sammt Zugehör und Zaum; 8. das Putzzeug. 
Ueberdies war die Cavallerie analog der Infanterie mit 
Zelten und Kappen-Ueberzügen sammt Nackenschutz versehen. 
Ueber die Betheilung mit warmer Kleidung wird später berichtet 
werden. 

Truppen -Train. Die Mobilisierung im Jahre 1876 fiel 
gerade in die Zeit der Ausarbeitung einer neuen Train-Organisation. 
Die damit betraute Commission war 1874 gebildet worden; ihre 
Vorschläge wurden am 31. Jänner [12. Februar] 1876 Allerhöchst 
genehmigt. Man hatte jedoch kaum mit deren Ausführung- 
begonnen, als am 1. [13.] November 1876 die Mobilisierung der 
Truppen der Militär-Bezirke Kijew, Odessa und Charkow an- 
geordnet wurde. Die projectierte Neuorganisation des Trains 
konnte somit nur bei jenen Truppen durchgeführt werden, welche 
im Jahre 1877 mobilisiert wurden und selbst dort nur theilweise. 
Daraus folgt, dass die Truppen der Operations- Armee mit 
ungleichartigem Train ausgerüstet waren: die im Jahre 1876 
mobilisierten Theile hatten zumeist den altartigen Train, bei 
den später auf den Kriegsfuss versetzten Truppen wies der 
Train bereits einige von der oberwähnten Commission vor- 
geschlagene Aenderungen auf. 

Die Train- Ausrüstung- der erstgenannten Truppen war 
folgende. Bei einem Infanterie-Regimente (3 Bataillone, 15 Feld- 
Compagnien) setzte sich der Train aus 37 vierspännigen, 27 zwei- 
spännigen Wagen und 1 einspännig-em Karren zusammen ; er 
zählte somit im ganzen 65 Fuhrwerke und 219 Pferde (darunter 
auch Reserve-Pferde, und zwar 1 auf 15 Zugthiere). Von den 
Fuhrwerken entfielen auf jede Compagnie 1 Patronen-, 1 Proviant- 
und 1 Artel- [Wirtschafts-Jwagen. Der Sanitäts-Train bestand 
aus 2 Blessiertenwagen, 1 Wagen für Lazareth-Material und 
1 für die Apotheke. Für den Transport der Officiers-Bagagen 



3M 

waren 10 zweispännige Wagen bestimmt; auf den übrigen Fuhr- 
werken wurden die Cassa, die Kanzlei und das Werkzeug 
verladen. 

Der Train eines Cavallerie-Regiments (zu 4 Escadronen) 
zählte 23 bis 24 *) Fuhrwerke mit 74 bis 78 Pferden. Auf jede 
Escadron entfielen 1 .Proviant-, 1 Artel- und 1 Officiers-Bagag-e- 
wagen. Für den Transport der Munition hatten die Dragoner- 
Regimenter je 2, die Husaren- und Uhlanen - Regimenter je 
1 Patronenwagen. Der Sanitäts-Train bestand aus 1 Blessierten- 
wagen, ferner je 1 Wagen für Lazareth-Material und Apotheke; 
auf den übrigen wurden die Cassa ; die Kanzlei und das Werk- 
zeug verladen. 

Die im Jahre 1877 ausmarschierten Garde-Truppen nahmen 
folgenden Train mit: ein Infanterie -Regiment (4 Bataillone, 
16 Feld-Compagnien) — $$ vierspännige und 44 zweispännige 
Fuhrwerke, im ganzen 77 Wagen mit 234 Pferden ; ein Cavallerie- 
Regiment (zu 4 Escadronen) — 23 Fuhrwerke mit 64 Pferden. 

Dieser Train unterschied sich von dem früheren haupt- 
sächlich durch Folgendes: 1. von den vierspännigen Patronen- 
Wagen hatte man die Kessel und die Menage-Artikel (dreitägiger 
Vorrath an Graupen, Salz und Fett) abgenommen, wodurch es 
möglich geworden war, die Zahl dieser Fuhrwerke auf 3 pro 
Bataillon (zu 4 Compagnien) zu reducieren ; 2. hingegen war 
jeder Compagnie ausser dem Artel wagen 1 zweispännig*es 
Fuhrwerk zug*ewiesen worden, auf welches nun auch die Kessel 
und die Menage-Artikel verladen wurden; 3. die Zahl der (vier- 
spännigen) Fuhrwerke für allgemeine Bedürfnisse wurde von 
3 auf 2 verringert ; 4. bei den Garde-Infanterie-Regimentern 
ersetzte man die vierspännigen Blessiertenwagen durch leichte 
zweispännige 2 ). 

In dem Train eines Infanterie-Regiments waren folgende 
Gegenstände mitzuführen: 1. 60 Patronen per Gewehr; 2. der 



1 ) Die erste Ziffer bezieht sich auf die Husaren- und Uhlanen-, die zweite auf 
die Dragoner-Regimenter. 

2 ) Allerunterthänigster Bericht des Kriegs-Ministers für das Jahr 1877, Ab- 
schnitt Intendenzwesen, S. 145 bis 156. Dies war aber nur ein Theil der von der 
Commission projectierteu und am 31. Jänner [12. Februar] Allerhöchst genehmigten 
Aenderungen ; die wichtigsten der letzteren (Ausscheidung eines namhaften Theiles 
der Fuhrwerke zur Formierung eines neuen Trainkörpers, nämlich des Divisions- 
Trains, und die Zusammensetzung des Regiments-Trains ausschliesslich aus leichten 
Fuhrwerken) wurden erst lange nach dem Kriege durch die neue Organisation des 
Trains vom Jahre 1885 eingeführt. 



315 

Verpflegs-Vorrath in dem bereits angeführten Ausmasse; 3. die 
Artel-Kessel ; 4. das Sanitäts-Material sammt Medicamenten; 

5. das Schanzzeug, und zwar per Compagnie : . 10 Schaufeln, 
24 Beile, 3 Hauen, 3 Krampen und 1 Brecheisen (das Werkzeug 
war zum Tragen mit Riemen und die Beile auch mit Futteralen 
versehen ; der grössere Theil war auf den Patronenwagen, der 
Rest auf eigenen Fuhrwerken — 1 per Bataillon — verladen) ; 

6. die Officiers-Bagage ; 7. die Cassa und die Kanzlei. 

Die Beladung des Regiments-Trains der Cavallerie unter- 
schied sich von jener bei der Infanterie nur unwesentlich, und 
zwar : a) betrug der Patronen- Vorrath bei den Dragoner- 
Regimentern 50, bei den Husaren- und Uhlanen-Regimentern 
30 Stück pro Gewehr; b) gab es beim Train kein Schanzzeug. 

Zu Beginn der Mobilisierung im Jahre 1876 war der Train 
sogar nach der alten Organisation unvollständig : a) es waren 
keine Officiers-Bagage-Fuhr werke vorhanden ; b) die Kasaken- 
Regimenter (Garde ausgenommen) hatten überhaupt keinen 
Train; c) bei vielen Truppenkörpern fehlte der Sanitäts-Train 1 ); 
d) bei einigen waren keine Wirtschaftsfuhrwerke vorhanden. 

Dieser Mangel wurde auf verschiedene Arten beseitigt: 
theils erhielten die mobilisierten Truppen die fehlenden Fuhr- 
werke aus den ärarischen Train- Werkstätten und aus Privat- 
Fabriken (welche im Jahre 1876 sehr intensiv arbeiteten) 2 ), theils 
wurde ihnen Train-Material von nicht mobilisierten Truppen 
zugeschoben, schliesslich wurden den Truppen Gelder verabfolgt, 
damit sie selbst ihren Train durch Beschaffung von Fuhrwerken 
nicht normierter Typen ergänzten ; auch die Ofhciers-Bagage- 
wagen waren von den Truppenkörpern anzukaufen. In ähnlicher 
Weise stellten auch die Kasaken-Regimenter den grössten Theil 
ihrer Trains auf. 

Infolgedessen war der Truppen-Train bei der Operations- 
Armee weder einheitlich organisiert, noch mit gleichartigem 
Fuhrwerk-Material versehen ; selbst die ärarischen Trainwagen 
wiesen untereinander verschiedene Typen auf (zum Beispiel 
zweierlei Patronen- und Blessiertenwagen) ; ausserdem g-ab es 
eine grosse Menge unegaler Fuhrwerke (alle Artel- und Officiers- 
Bagage wagen). 



x ) Ausserdem hatten viele Divisionen kein Fuhrwerks-Material für ihre Divisions- 
Lazarethe. 

2 ) Hievon wird später noch die Rede sein. 



3.P 

Ein solcher Train wiir freilich von der Vollkommenheit 
weit entfernt und man war sich auch schon vor Beginn des 
Krieges hierüber vollkommen klar. 

Der Armee-Obercommandant berichtete diesbezüglich vor 
dem Ausmarsche an den Kaiser : 

„Die gesammte Ausrüstung- der Armee befindet sich in 
bester Ordnung. Alle Pferde, auch jene des Trains, sind sehr 
schön. Niemals hatten wir so vorzügliche Train-Pferde wie jetzt. 
In dieser Beziehung- hat die Pferde- Abstellung seitens der 
Bevölkerung glänzende Resultate ergeben 1 J. Was nun die Fuhr- 
werke selbst betrifft, halte ich es für meine Pflicht, zu melden, 
dass ich mich bei allen Besichtigungen davon überzeugt habe, 
dass dieselben ihrer Construction nach zu schwer sind. Ich kann 
nicht umhin zu berichten, dass der Zustand, in welchem sich 
gegenwärtig" der Train befindet, mich an seiner Beweglichkeit 
zweifeln lässt. Alle Fuhrwerke sind sehr schwer und sinken bei 
nur etwas lockerem Boden derart ein, dass die Pferde nicht im- 
stande sind, sie herauszuziehen. Besonders schwer sind die 
Patronenwagen. Man kann mit voller Berechtigung behaupten, 
dass sie den Truppen nicht überallhin werden folgen können. 
Die Proviantfuhrwerke sind gleichfalls schwer und schneiden 
sich auf nicht ganz festen Wegen tief in den Boden ein. Ich 
hege die Befürchtung, dass die Trains bei nur einigermassen 
kothigen Wegen und im Gebirge den Truppen überhaupt nicht 
nachkommen und zuweilen ihre Bewegung vielleicht ganz auf- 
halten werden." 

„Vergleicht man unsere normierten Fuhrwerke mit den 
Colonistenwagen 2 ), so kann man nicht umhin, letzteren unbedingt 
den Vorzug zu geben. Bei grösstem Koth sind sie mit voller 
Beladung zweispännig sogar bergauf ganz leicht fortgekommen." 

„Von allen normierten Typen entsprechen am besten die 
leichten zum Verwundetentransporte bestimmten Wagen der 
mobilen Lazarethe." 

In der Relation des Feldstabes (Hauptquartier) der Operations- 
Armee für das Jahr 1877 — 1878 wird über die Trains gemeldet: 

„Die Truppen waren nach Beendigung des Feldzuges mit 
dem gegenwärtigen Train nicht zufrieden. Nach dem Gutachten der 



l ) Eingeführt im Jahre 1876. 

-) Aus Colonistenwagen war der Train der reitenden Artillerie-Parks, sowie 
ein Theil des Intendanz-Transportes zusammengesetzt, dessen Formierung noch näher 
besprochen werden wird. 



317 

anfangs Februar 1878, das ist bald nach dem Balkan-Uebergange, 
beim Garde-Corps eingesetzten Commission war der Train seiner 
Construction nach voluminös, schwer und unlenksam. Seine ausser- 
ordentliche Schwere gestattete ihm nie, den Truppenkörpern zu 
folgen; er blieb gewöhnlich auf einige Tagmärsche, mitunter 
auch Hunderte von Werst zurück. Ein Theil der Fuhrwerke war 
bereits beim Durchmarsche in Rumänien zurückgelassen worden. 
Auch die Patronenwagen waren sehr schwer, sie entsprachen 
deshalb nicht ihrer Bestimmung. Es kam nicht selten vor, dass die 
fliegenden Parks früher eintrafen als die Regiments-Trains und die 
Truppen ihre Fassung an Munition unmittelbar aus den Parks be- 
wirkten. Die grossen Blessiertenwagen sind ungemein schwer und 
unlenksam; die leichtere Type derselben entsprach vollkommen." 
„Da der Train selten den Truppenkörpern unmittelbar folgen 
konnte, blieben die Officiere beim Eintreffen im Lager oder im 
Quartier längere Zeit ohne Gepäck und ohne Verköstigung. Dies 
veranlasste sehr viele Officiere zur Anschaffung von Tragthieren." 

Die Gebüren der Officiere im Felde waren durch die 
mit Prikas Nr. 342 vom Jahre 1876 verlautbarte „Vorschrift über 
die den Officieren im Kriegsfalle gebürenden Beiträge und Zu- 
lagen" festgesetzt worden; diese Vorschrift diente zur Richt- 
schnur bei der Mobilisierung und während des Krieges 1877— 1878. 
Hiernach hatten die Officiere, nebst dem Fortbezuge der nach 
den Standes-Tabellen normierten Gebüren [Gehalt und Tisch- 
gelder] noch Anspruch auf: 1. einmalige Anschaffungsbeiträge für: 
a) Reitpferde, b) Wagenpferde, Geschirre, Equipagen und 
Bagagewagen, c) verschiedene Equipierungsgegenstände (feld- 
mässige Bekleidung, Waffen etc.); 2. fortlaufende Geldgebüren 
in Form von Portionengeldern 1 ) und Futter-Relutum 2 ), schliesslich 
3. Beiträge für die Familien, und zwar einmalige Beiträge, 
Quartiergeld und Dienergebür. 

Vorbereitende Massnahmen für die Sicherstellung 
der Verpflegung der Armee. Formierung der Feld- 



1 ) Die Portionen der zwei niederen Gebürsätze wurden mit Allerhöchster 
Verfügung vom 7. [9.] December 1877 erhöht. (Armee-Prikas Nr. 5.) 

2 ) Ueberdies wurde den Ofiicieren in Ausnahmsfällen die Verabfolgung von 
Mannschafts-Portionen und Putter in natura bewilligt (Punkt 18 und 32 bis 34 der 
Vorschrift), und zwar der ersteren unentgeltlich, des letzteren gegen Einstellung des 
Relutums. 



3 i8 

Intendanz. Für die Feld-Intendanz war nach den bezüglichen 
„Organischen Bestimmungen" (Prikas Nr. 317 vom Jahre 1876) 
folgendes Personal systemisiert: der Armee-Intendant, sein Stell- 
vertreter (Gehilfe), 1 Generalstabsofficier, 15 Beamte „zur Dis- 
position" („für Aufträge"), 3 Abtheilungs- Vorstände, 7 höhere 
Referenten, 7 Gehilfen derselben, 3 Buchhalter und 3 Gehilfen, 
1 Journal-Beamter, 1 Cassier, 1 Dolmetsch, 2 Geldzähler, 4 Wächter 
und 30 Schreiber. 

Mit der Aufstellung der Feld-Intendanz wurde sogleich nach 
Verlautbarung der Mobilisierung am 1. [13.] November 1876 be- 
gonnen. 

Zum Armee-Intendanten wurde der Bezirks-Intendant in 
Odessa, Wirklicher Staatsrath Aren s 1 ), zu seinem „Gehilfen" der 
Staatsrath Lewkowic 2 ) ernannt. Das übrige Personal wurde 
theils der Haupt-Intendanz- Verwaltung des Kriegs-Ministeriums 
(10 Procent) und den Bezirks-Intendanzen (70 Procent, hievon 
entfielen auf Odessa ungefähr zwei Drittel) entnommen, theils 
von anderen Verwaltungszweigen (20 Procent) übersetzt oder aus 
dem Ruhestande einberufen. 

Der anfänglich festgesetzte Personalstand erwies sich bald 
als unzulänglich und im April 1877 (Prikas Nr. 137 vom Jahre 
1877) wurde derselbe vermehrt um: 1 Abtheilungs-Vorstand, 6 höhere 
Referenten und 6 Gehilfen, 2 Buchhalter und 2 Gehilfen, 2 Wächter 
und 20 Schreiber; die Zahl der Beamten „für Aufträge" (bisher 15) 
wurde nicht begrenzt und deren Feststellung dem Armee-Ober- 
commandanten nach Massgabe des Bedarfes überlassen 3 ). 

Für eine Corps -Intendanz war folgender Personalstand 
normiert: 1 Corps-Intendant, 1 Beamter ,,für Aufträge", 1 Tisch- 
vorstand [Gruppenchef], 1 Gehilfe desselben, 2 Wächter und 
3 Schreiber. Bei einer Divisions-Intendanz waren eingetheilt: 
1 Divisions-Intendant, 1 Tischvorstand und 1 Schreiber. 



1 ) Wirklicher Staatsrath Arens hatte im Jahre 1854 die Universität absolviert. 
Bis 1859 diente er in der Civilverwaltung, übertrat sodann zur Intendantur 5 seit 1874 
war er Bezirks-Intendant in Odessa. Bei seiner Berufung auf den Posten des Armee- 
Intendanten zählte Arens 52 Jahre. 

2 ) Staatsrath Lewkowic war zur Zeit seiner Berufung zur Feld-Armee ständiges 
Mitglied der Behörde für Bauernangelegenheiten im Gouvernement Kursk; vorher hatte 
er in der Intendantur gedient. 

? ') Die gesammte Geschäftsgebarung der Feld-Intendanz war in den Händen des 
„Gehilfen" des Armee-Intendanten vereinigt; die Verarbeitung erfolgte in zwei, später 
nach der Vermehrung des Standes, in vier Abtheilungen (Verpflegs-, Geld-, Montur-, 
Spitals- Abtheilung); überdies bestand ein Secretariat (Kanzlei). 



319 

Die Corps-Intendanzen wurden zugleich mit der Mobilisierung 
der Corps, die Divisions-Intendanzen aber erst nach der Kriegs- 
erklärung beim Ausmarsche der Divisionen formiert. 

Wenn auch die Corps-Intendanzen schon bei der Mobilisierung 
der Corps zur Aufstellung gelangten, so oblagen die das Intendanz- 
wesen betreffenden Vorsorgen für die Corps der Feld- Armee bis 
zum 4. [16.] April 1877 unmittelbar den Bezirks-Intendanzen zu 
Odessa und Kijew 1 ); erst von diesem Zeitpunkte an (Armee- 
Verordnung Nr. 63) wurde die Anweisung der Geldgebüren den 
Corps-Intendanten übertragen. 

Die Formierung des Intendanz-Transportes wird gelegentlich 
der Erörterung der Verpflegs-Massnahmen besprochen werden. 

Sicherstellung der Verpflegung. Unantastbare und 
ausserordentliche Vorräthe. Vor dem Kriege wurde im 
Jahre 1876 die Vorrathhaltung folgender Artikel in Friedens- 
zeiten verfügt: 1. in Verpflegs-Magazinen currente Wirtschafts- 
und ausserordentliche Vorräthe an Mehl und Graupen; 2. bei den 
Truppen ein achttägiger Zwieback-Vorrath für den Friedensstand. 

Damit aber die Truppen für den Fall einer Mobilisierung 
über einen achttägigen Vorrath an Zwieback für den vollen 
Kriegsstand verfügten, wurde im September 1876 angeordnet, 
dass alle Infanterie-Truppenkörper des europäischen Russland 
und des Kaukasus einen zehntägigen Vorrath für den Friedens- 
stand zu beschaffen hatten. 

Die currenten und Wirts chaftsvorräthe der Magazine sicherten 
den laufenden Bedarf der im Frieden bestehenden Truppen; die 
ausserordentlichen Vorräthe waren für den Mobilisierungsfall be- 
stimmt. 

Die Gesammtmenge dieser an 1 1 Punkten des europäischen 
Russland (Dünaburg, Witebsk, Wilna, Polock, Warschau, Bobrujsk, 
Iwangorod, Brest Litowsk, Nowogeorgiewsk, Kijew, Rostow) auf- 
gestapelten Vorräthe hatte 186.800 Cetwert 2 ) [389.856///] Mehl 
und 24.900 Cetwert [52.168///] Graupen zu betragen. Kein einziger 
dieser Punkte liegt aber in Bessarabien, ja nicht einmal im Militär- 
Bezirke Odessa, welcher doch allein dem Armee-Commandanten 
unterstellt war 3 ). 



x ) Siehe Armee-Verordnung Nr. I vom Jahre 1876. 

2 ) I Cetwert = 2-096///. — D. Ueb. 

3 ) Prikas Nr. 315 vom 1. [13.] November 1876. 



20 



Zur Einrichtung der Verpflegs-ßasis wurde demnach 
die Bereitstellung besonderer Vorräthe für die Feld-Armee noch 
vor der Verlautbarung der Mobilisierung in Ang-riff genommen. 
Zunächst erhielt die Odessaer Bezirks - Intendanz Ende September 
1876 den Auftrag l ), unverzüglich mit der Beschaffung der Vorräthe 
für die Operations- Armee zu beginnen. Sie sollten bestehen in dem 
viermonatlichen Bedarfe an Proviant (Mehl und Graupen), Brant- 
wein (2 Becher 2 ) wöchentlich), Hafer und Heu, ferner in einem 
zehntägigen Vorräthe an Schlachtvieh (per Mann und Tag Va Pfund 
Fleisch) [409 g\ 9 Thee und Zucker (per Tag und 100 Mann V3 Pfand 
Thee und 1 Pfund Zucker [136, beziehungsweise 409^]. Die Vor- 
räthe waren für eine Armee von 8 Infanterie- und 2 Cavallerie- 
Divisionen (mit Artillerie), 1 Sappeur- und 1 Schützen-Brigade, 
sowie 5 Kasaken-Regimentern zu berechnen. Ausserdem war die 
Bildung eines einmonatlichen Zwieback- Vorrathes befohlen. 

In Befolgung dieser Anordnungen waren für einen Stand 
von 99.619 Mann und 24.812 Pferden folgende Verpflegsmengen 
zu beschaffen : 

Auf 4 Monate : 

Mehl 93.392 Cetwert [195. 750 hT\ 

Graupen 12.451 „ [ 26.097 ^T\ 

Hartfutter I34-IÖ5 „ [281. 210 ht\ 

Heu ' 917.220 Pud [ 15.024 q~\ 

Brantwein 38.858 Wedro 3 ) [ 4.775. Ä/] 

Auf 10 Tage: 

Thee . 112 Pud [ 1.834^] 

Zucker 336 „ [ 5.503 kg\ 

Schlachtvieh 1.661 Stück. 

Ueberdies waren zum Backen des einmonatlichen Zwieback- 
Vorrathes (aus 20.000 Cetwert Mehl [46.112 kl 7 }) 1500 Klafter Holz 
zu beschaffen. 

Mit Ausnahme von Schlachtvieh wurde die ganze Lieferung 
im Commissionswege vergeben; denn eine Offertausschreibung 
erschien im Interesse der raschen Durchführung und der Ver- 
meidung weiterer Publicität nicht angezeigt. Der Ankauf von 
Schlachtvieh wurde bis zur Mobilisierung aufgeschoben. Die 
sicherzustellenden Vorräthe sollten in Kiszyniew, Bender und 
Tiraspol aufgestapelt werden. 

*) Verordnung des Haupt-Tntendanzchefs Nr. 1212 vom 23, September und 
Xr. 1216 vom 25. September [5., beziehungsweise 7. October] 1876. 
2 ) Becher = carka, ist ein Hohlmass von 0*12 /. — D. Ueb. 
'■') Wedro = Eimer, fasst 12-29 l. — D. Ueb. 






32 



Bezüglich der Bereitung des Zwiebacks wurde Folgendes 
verfügt. Im Wege des Odessaer Bezirks-Ingenieurchefs wurde 
der Bau von gemauerten Backöfen in Kiszyniew und Tiraspol, 
sowie der Umbau der Oefen im Lager bei Bender angeordnet. 
Das Backen selbst sollte binnen sechs Wochen erfolg-en und 
unter Aufsicht commandierter Beamten der Intendanz durch 
Bäcker und Arbeiter durchgeführt werden, welche der Infanterie 
entnommen wurden. 

Am i. [13.] October theilte der Haupt-Intendanzchef dem 
Odessaer Bezirks-Intendanten mit *) ; dass die zuerst angegebene 
Zahl von Truppenkörpern, die im Militär-Bezirke Odessa ein- 
treffen sollten, sich um 2 Corps erhöht habe 2 ) ; für letztere sei 
der Verpflegs-Vorrath analog wie für die übrigen bereitzustellen. 
Ausserdem sei Thee und Zucker für sämmtliche Truppen auf einen 
Monat zu beschaffen. 

Es mussten sonach folgende Vorrathsmengen sichergestellt 
werden : 

Mehl 72.500 Cetwert [149.864 hl] 

Graupen 7.400 ,, [ 15.510 hl] 

Hartfutter 196.000 „ [410. 816 hl] 

Heu 1,500.000 Pud [245.700 q] 

Brantwein 40.000 Wedro [ 491 hl] 

Thee 365 Pud [ 5.978 kg\ 

Zucker 1.095 „ [ 17.936 kg] 

Holz (zum Backen des Zwiebacks) .... 1.665 Klafter 
Ueberdies waren 22.500 Pud [20.270 q] Zwieback zu erzeugen. 

Durch die erste Sicherstellung waren die Truppen der Feld- 
Armee, selbst in doppelter Stärke gegenüber dem ursprünglichen 
Voranschlage, hinreichend dotiert, und zwar mit Proviant, 
Brantwein und Futter auf 2 Monate (Zwieback auf 1 Monat), 
Thee und Zucker auf 5 Tage 3 ). Die Bereitstellung- der 
zweiten Vorrathserie war demnach nicht mehr so dringlich und 
konnte im normalen Offertwege durchgeführt werden. 

Am 12. und 25. November [24. November und 7. December] 
fanden beim Militär-Bezirksrathe in Odessa die Verhandlungen über 
die eingelangten Offerten (mit beschränkter Concurrenz) statt, und 
die ganze Bestellung wurde mehreren Unternehmern mit der 

') Verordnung des Haupt-Intendanzchefs vom I. [13.] October 1876, Nr. 34. 

2 ) Hiedurch sollte die Stärke der Feld-Armee auf 164.296 Mann und 58.635 
Pferde gebracht werden. 

3 ) Für den doppelten Verpflegsstand gegenüber dem ersten Voranschlage. 

Der russisch-türkische Krieg. I. Bd. 21 



Lieferungsfrist bis i. [_ 1 3 . ] Februar 1877 übergeben. Die Abg-abe 
der Vorräthe sollte grösstentheils an denselben Punkten, wie 
jene der ersten Serie, also in Kiszyniew, Bender und Tiraspol 
stattfinden. Dort sollte auch der Zwieback bereitet werden. 
Nachdem aber in diesen Orten ohnedies schon grosse Vorräthe 
aufzustapeln waren, wurden für die Deponierung eines Theiles 
der neuen Vorräthe, namentlich an Futter, die Orte Odessa, 
Razdiemaja und Pyrlica bestimmt 1 ). 

Es wurden sonach die Haupt- oder Basis-Magazine der 
Operations- Armee in folgenden Punkten etabliert: Kiszyniew, 
Bender, Tiraspol, Odessa, Razdiemaja und Pyrlica ; die erst- 
genannten fünf Orte liegen an der einzigen, Russland mit dem 
künftigen Kriegsschauplatze verbindenden Bahn ; Pyrlica aber ist 
knapp an der rumänischen Grenze, einige Werst von der 
erwähnten Bahn-Linie gelegen. Die grössten Mengen an Vorräthen 
wurden in Kiszyniew, Tiraspol und Bender deponiert, wo zugleich 
auch Bäckereien zur Bereitung des Zwiebacks angelegt wurden. 

Da es in allen vorangeführten Punkten an gedeckten Räumen 
für die einzuliefernden Vorräthe mangelte, mussten Mehl und 
Hartfutter unter Flugdächern untergebracht werden, zu deren 
Herstellung Unterlagen, Bretter, Piachen und Schilfmatten be- 
schafft wurden. 

Aus dem Vorgesagten ist ersichtlich, dass durch die beiden 
Lieferungsserien die Operations-Armee in der Stärke von 4 Corps 
mit Verpflegs-Vorräthen wie folgt ausgerüstet werden sollte : 
Proviant, Brantwein und Futter auf 4 Monate (Zwieback auf 
1 Monat), Thee und Zucker auf 1 Monat. Zwieback, Thee, Zucker 
und Brantwein hatten den „unantastbaren" Vorrath zu bilden, 
welcher erst beim Ausmarsche über besondere Ermächtigung 
des Armee-Obercommandanten angegriffen werden durfte. Mehl, 
Graupen und Futter sollten auch für den laufenden Bedarf der 
in Bessarabien aufmarschierenden Truppen der Operations- 
Armee in Anspruch genommen werden 2 ). 

Die Lieferung der ersten Vorrathserie gieng hinsichtlich 
der meisten Artikel, wie Mehl, Graupen, Thee, Zucker und Hart- 
futter ziemlich rasch vonstatten ; Heu und Brantwein konnten 
nur langsam beschafft werden, besonders aber erforderte die 



1 ) Ueberdies Akkerman als Depot für die zum Schutze der Küste von der 
Donau bis Odessa bestimmten Truppen. 

2 ) Bericht des Armee-Obercommandanten an den Kaiser vom 28. November 
[10. December] 1876. 



3^3 

Bereitung des Zwiebackes mehr Zeit als dafür in Aussicht ge- 
nommen war. 

Bis 23. November [5. December] waren in die Depots 
Vorrathsmengen abgeliefert worden, welche die Verpflegung der 
Feld-Armee für die nachstehend angegebene Zeit sicherten *) : 

Für wie- 
Menge der Vorräthe viel Tage 

Mehl 77.646 Cetwert [162.746 hl] 55 

Graupen 6.660 „ [ 13-959 hi\ 35V2 

Hartfutter 110.398 „ [231.394 hl] 36V2 

Heu 281.264 Pud [ 46.081 q ] I1V2 

Brantwein 8.014 Wedro [ 985 hl] 3V2 

Thee 112 Pud [ 1.834^] 7V2 

Zucker 336 „ [ 5.503 kg] 7V2 

Zwieback 2.I2I Cetwert [ 1.910 q ] 1V2 

Fleischconserven 14. 190 Portionen. 

Die Heu-Lieferung hatte sich hauptsächlich aus dem Grunde 
verzögert, weil die nöthigen Fuhren zum Transporte der ge- 
kauften Heumengen sehr schwer aufzutreiben waren ; dies hatte 
wieder seinen Grund darin, dass ein grosser Theil der verfüg- 
baren Fuhrwerke für den Abtransport der einrückenden Reser- 
visten und der ärarischen Frachten während der Mobilisierung 
und für die nachgefolgten Märsche der Truppen in Anspruch ge- 
nommen war. Es stellte sich demnach die Notwendigkeit heraus, 
die Vorspänne von amtswegen mit Beschlag zu belegen, wozu 
auch die Allerhöchste Genehmigung- erbeten wurde. 

Der Armee-Obercommandant gedachte — wie der Armee- 
Intendant meldete und wie auch das Armee-Ob ercommando 
an Seine Majestät berichtete — gegen Ende November die Ueber- 
nahme der ersten Lieferungsserie abschliessen zu können ; nur 
die Abgabe von Heu wurde im December erwartet. 

Die Verzögerung in der Zwieback-Bereitung - war durch den 
Bau und Wiederaufbau der Oefen verursacht worden, welche 
infolge von Regengüssen eingestürzt waren; auch die Unge- 
schicklichkeit der zum Backen verwendeten Leute trug zur Ver- 
zögerung bei 2 ). Dieser Umstand bereitete dem Armee-Obercom- 



*) Zu dieser Zeit belief sich der Verpflegsstand der Feld- Armee auf 185.548 Mann 
und 69.144 Pferde (Bericht des Armee-Intendanten an das Armee-Obercommando 
vom 23. November [5. December] 1876.) 

3 ) Alle Arbeiten an dem Bau der erwähnten Backöfen und der Bereitung von 
Zwieback wurden durch Mannschaft ausgeführt, welche von den Truppen der Feld- 
Armee commandiert war. Es war hiezu eine grosse Zahl an Leuten erforderlich ; so 



324 



mandanten grosse Sorgen, und er befahl daher, beim Kriegs- 
Ministerium einzuschreiten, damit in Kijew 20.000 Cetwert 
[18.018 c]\ Zwieback für die Feld- Armee bereitgestellt würden. 
Der bezügliche Auftrag* wurde vom Kriegs-Ministerium ertheilt ; 
zugleich befahl aber die Centralstelle, weitere 40.000 Cetwert 
[36.036 q\ in Warschau, Brest, Bobrujsk und Dünaburg, im ganzen 
also im Innern des Reiches 60.000 Cetwert [54.054 q\ Zwieback 
bereiten zu lassen *). Im December ordnete das Kriegs-Ministerium 
an, dass noch 75.000 Cetwert [67.507 q\ Zwieback in verschiedenen 
Garnisonen der inneren Bezirke zu erzeugen seien. 

Die oben ausgewiesenen Fleischconserven waren der Armee 
über Verfügung des Kriegs-Ministeriums zugeschoben worden, 
was noch näher besprochen werden wird. 

Mit dem Beginne des Aufmarsches in Bessarabien mussten 
Theile der bereitgestellten Vorräthe verwendet und neue Vor- 
räthe an Mehl und Graupen sichergestellt werden 2 ) ; die Art 
der Ausgabe wird gelegentlich der Erörterung der laufenden 
Verpflegung in der Periode bis zur Kriegserklärung besprochen 
werden. 

Ende Jänner hatten die vorhandenen Vorräthe in den 
Basis-Magazinen der Feld-Armee (in Bessarabien) folgende Höhe 
erreicht 3 ) : 



Vorhanden 
Mehl ...... 86.346 Cetwert 

[180.983 hl] 
Graupen . . , . . 1 1-959 Cetwert 

[25.066 hl] 
Hartfutter .... 287.457 Cetwert 

[602.509 hl] 
Heu 1,341.043 Pud 

[219.662 q] 
Brantwein .... 46.458 Wedro 

[5.709 hl] 



Ausständig 
63.682 Cetwert 

[133.877 hl] 
7.724 Cetweit 

[16.189 ht\ 
26.862 Cetwert 

[56.302 hl] 
1,014.533 Pud 

[166.080 q] 

32.400 "Wedro 

[3.982 hl] 



Zusammen 
150.029 Cetwert 

[314.860 hl] 
19.683 Cetwert 

[41.255, hl] 
314.319 Cetwert 
• [658.811 hl] 
2 >355-57 6 Pud 

[385.742 q] 

78.858 Wedro 

[9.691 hl] 



zum Beispiele bestand in Kiszyniew das Back-Commando aus 3 Officieren, 26 Unter- 
officieren und 947 Mann ; die Arbeiten dauerten zwei Monate, das ist vom 16. [28.] 
October bis 16. [28.] December 1876. 

*) Bericht des Armee- Obercommandanten an den Kaiser vom 5. [17.] De- 
cember 1876. 

2 ) Am 7. [19.] Jänner 1877 wurde im Offertwege die Lieferung von 25. 000 Cet- 
wert [52.400 hl] Mehl und 7000 Cetwert [14.672 hl] Graupen binnen sechs Wochen 
vergeben. 

3 j Bericht des Armee-Intendanten an den Armee - Obercommandanten vom 
29. Jänner [10. Februar] 1877, Nr. 1972. 



325 

/ 

Vorhanden Ausständig Zusammen 

Thee 424 Pud 38 Pud 462 Pud 

[6.945 kg) [622 kg] - [7567 kg] 

Zucker 1.386 Pud — 1.386 Pud 

[22.702 kg] [22.702 kg] 

Zwieback 17-364 Cetwert 2636 Cetwert 20.000 Cetwert 

[15.643 q] [2375 q] [I8.0I8 q] 

Die aufgezählten Vorräthe reichten für die Armee (in der 
Stärke von 201.608 Mann und 75.052 Pferden) auf folgende 
Zeit aus : 

Mehl und Graupen 95 Tage 

Zwieback 23 ,, 

Hartfutter 94 ,, 

Heu 85 „ 

Thee und Zucker 29 ,, 

Brantwein (wöchentlich 2 Becher pro Mann) .... 16V2 Wochen. 

Ueberdies wurden, wie bereits erwähnt, in den inneren 
Militär-Bezirken 135.000 Cetwert [121. 621 q] Zwieback vorbereitet, 
zum Theile auch an die Eisenbahnstation Birzula abgegeben, wo 
ein Zwieback-Depot errichtet wurde. Am 1. [13.] Februar waren 
dort 4579 Cetwert [4125 q] Zwieback bereits deponiert. Da jedoch 
Birzula nicht über genügende Depoträume verfügte, musste 
ein Theil des Zwiebacks von dort nach Odessa verschoben 
werden. Am 12. [24.] April befanden sich in den Magazinen zu 
Birzula 32.840 Cetwert [29.585 q] und in Odessa 7140 Cetwert 
[6432 q\ Zu dieser Zeit waren in den Depots zu Kiszyniew, 
Bender und Tiraspol 23.000 Cetwert [20.720 q] Zwieback vor- 
handen. Im ganzen waren somit vor Beginn des Krieges 
63.000 Cetwert [56.756 q] Zwieback an der Basis deponiert. Be- 
rechnet man das Cetwert mit 5 Va Pud [90*09 kg\ oder iioTag-es- 
portionen ä 2 Pfund [819^], so ergibt dies im ganzen 6,930.000 
Tagesportionen. 

Anfangs April 1877 wurde die Zwiebackbereitung in Kiszyniew, 
Bender und Tiraspol eingestellt und die dortigen Bäckereien 
geschlossen 1 ). 

Die Menge der in den Depots an der Basis während der 
Vorbereitungsperiode und unmittelbar vor der Kriegserklärung 
aufgestapelten Vorräthe war sehr bedeutend. Diese unter Flug- 
dächern — das Heu bloss in Schobern — verwahrten Vorräthe 



1 ) Laut der periodischen Berichte der Feld-Intendanz an den Feldstab. 



326 

litten unter den Witterungseinnüssen 1 ). Der Proviant wurde zwar 
für den laufenden Bedarf allmählich verwendet, das Futter blieb 
jedoch anfangs unang-etastet, da die Truppen die Weisung erhalten 
hatten ; dasselbe aus den hiezu erfolg-ten Geldern selbst zu be- 
schaffen. Erst im Februar wurden Massnahmen zur Ausgabe des 
Futters getroffen, indem den Truppen vorgeschrieben wurde, die 
halbe Gebür in natura zu fassen und nur den Rest 2 ) anzukaufen. 
Nach Ueberschreitung der Grenze im April wurden in dieser 
Richtung noch entschiedenere Massnahmen getroffen; es wurden 
allen in den Futterdepot-Stationen und deren Umgebung befind- 
lichen Truppen die Futtergelder eingestellt und die ganze Gebür 
in natura ausgefolgt; diese Verfügung wurde auch auf alle durch- 
ziehenden Truppen ausgedehnt. 

Dessenungeachtet waren Ende Juni 1877 vorräthig: 

Mehl 57-000 Cetwert [119.472/2/] 

Graupen 1-358 „ [ 2.846/2/] 

Hartfulter 204.501 „ [428.634 hl~] 

Heu 1,747.767 Pud [286.284^] 

Brantwein 67.652 Wedro [ 8.351/2/] 

Diese Vorräthe erwiesen sich bei der Unmöglichkeit, sie 
der Armee nachzuführen, als eine directe Last. Nachdem sie 
überdies dem Verderben ausgesetzt waren, befahl der Armee- 
Obercommandant am 1. '[13.] August 1877, über Antrag des 
Armee-Intendanten, diese Vorräthe öffentlich zu versteigern. 

Ausser der Bildung von Vorräthen an der Basis sind noch 
folgende vorbereitende Massnahmen zur Sicherstellung der Ver- 
pflegung der Feld- Armee mit dem Momente der Kriegserklärung 
von Interesse. 

Um die Armee mit Conserven zu versorgen, schloss 
das Kriegs-Ministerium im November 1876 mit der Gesellschaft 
„Volks-Verpflegung" (Narodnoje prodowolstwije) einen Vertrag 
über die Lieferung von 4 Millionen Portionen conservierten 
trockenen Fleisches. Diese Conserven waren für die Verpflegung 
der Truppen in ausserordentlichen Kriegslagen bestimmt und 
wurden in zweierlei Verpackung bestellt, und zwar 300.000 Portionen 
als Tornister-Vorrath und 3,700.000 Portionen als Train -Vorrath. 



*) Am 30. Jänner [n. Februar] wurden durch einen Sturm die Proviant-, 
Hafer- und Heudepots in Kiszyniew, Bender und Pyrlica, am 19. und 20. Februar 
[i. und 2. März] neuerdings die Depots in Kiszyniew durch Schneestürme beschädigt. 

2 ) Hievon wird bei der Besprechung der currenten "Verpflegung die Rede sein. 



327 

Die Gesellschaft „Volks- Verpflegung" erbaute eine Fabrik in 
Samara und verpflichtete sich, die gesammte Bestellung bis 
i. [13.] März 1877 abzuliefern. Aber die Fabrik verbrannte und 
die Lieferung wurde bis 5. [17.] April verschoben. 

Jede Portion hatte aus V 8 Pfund [51^] conservierten trockenen 
Fleisches zu bestehen und sollte ihrem Nährgehalte nach 
V2 Pfund [205^*] frischen Fleisches entsprechen. Die Tornister- 
Conserven sollten an die Mannschaft zu 3 Portionen per Mann 
ausgegeben werden. Von den Train-Conserven war ein zehntägiger 
Vorrath in den Regiments-Trains, der Rest im Intendanz-Transporte 
nachzuführen. 

Die fertigen Conserven waren vorest in die Depots zu 
Kiszyniew, Bender und Tiraspol abzuliefern; im März 1877 wurde 
jedoch deren Absendung zur Armee sistiert, und sie wurden bis 
auf weitere Verfügung nach Orel und Kursk dirigiert. 

Ausserdem wurden im Jahre 1876 für die Feld-Sanitäts- 
anstalten bei verschiedenen Fabrikanten, hauptsächlich bei Azibor 
4 Millionen Portionen verschiedener Conserven mit hermetischem 
Verschlusse bestellt. 

Im Jahre 1877 trat das Kriegs-Ministerium in Unterhand- 
lungen mit mehreren Contrahenten über die Erzeugung von Futter- 
conserven in einer Gesammtmeng'e von 4,120.000 Rationen. Es 
war beabsichtigt, Ende März bei einigen Truppenkörpern der 
Feld- Armee einen Versuch zu machen, die Pferde mit Conserven 
zu füttern. Da jedoch die Armee bald darauf abmarschierte, 
unterblieb dieser Versuch, und die Conserven wurden erst geliefert, 
als sich die Armee jenseits der Donau befand (September 1877). 

Das Heu in den Basisdepots sollte in Ballen von un- 
gefähr 5 Pud (82 kg) Gewicht gepresst werden, um den Nach- 
schub zu erleichtern. Ueber Auftrag der Haupt-Intendanz-Ver- 
waltung* wurden zu diesem Zwecke 146 Heupressen, 43 Feder- 
waagen, sowie 12.825 Pud [2100*7] Schnürleinen zum Binden der 
Ballen angeschafft 1 ). Alles dies wurde nach Massgabe der Fertig- 
stellung nach Kiszyniew und Bender geliefert, wo das Pressen 
des von den Unternehmern gelieferten Heues vorgenommen wurde. 
Die Arbeit wurde durch Mannschaft der Truppen unter Leitung 
von Intendantur-Beamten ausgeführt. Anfangs gieng die Sache 
nur langsam vor sich ; die Pressen litten Schaden und brachen. 
Man musste einen eigenen Mechaniker aufnehmen und ständige 



l ) Die Schnürleinen allein kosteten über 50.000 Rubel. 



328 

Arbeits-Manns chaft von dem Festungs-Regimente in Bender bei- 
stellen; dann gieng es allerdings besser. 

Die zweite Heulieferung- wurde schon in gepresstem Zu- 
stande bestellt. 

Strohschneidemaschinen (Häckselmaschinen) und Sensen 
wurden bei allen Truppen der Operations- Armee über Antrag 
des Armee-Intendanten vom 14. [26.] December 1876 eingeführt. 
Massgebend hiefür war die 'Erwägung, dass die Verpflegung 
der Pferde mit Hartfutter und Heu während des Vormarsches auf 
unüberwindliche Schwierigkeiten stossen, und dass man hienach 
gezwungen sein könnte, die Pferde mit Stroh zu füttern. Diese 
Häckselmaschinen und Sensen wurden in folg-ender Zahl normiert: 

Häckselmaschinen Sensen 

Per Infanterie-Regiment ......... — 95 

Cavallerie- ,, 4 190 

Kasaken- ,, ......... 6 299 

Fuss-Batterie I 70 

reitende Batterie I 1,00 

Artillerie-Park I 180 

Pontonier-Halbbataillon 1 130 

Für den Fall der Fütterung mit Häckerling war angeordnet 
worden, das geschnittene Stroh mit Salz, und zwar 3 Loth 1 ) [38^] 
auf je 10 Pferde zu bestreuen. Die Truppenkörper erhielten zu 
diesem Zwecke den Auftrag, beim Ausmarsche den einmonatlichen 
Bedarf an Salz mitzunehmen. 

Einführung des Thee-Geschirres. Im Monate October 
1876 wurde den zur Feld-Armee bestimmten Truppen aufgetragen, 
Thee-Geschirr, und zwar Trink- 2 ) und Theekannen aus den 
Wirtschaftsmitteln anzuschaffen. 

Das Project für die Aufstellung eines Intendanz- 
Transportes wurde noch vor der Mobilisierung in der Haupt- 
Intendanz- Verwaltung bearbeitet. 

Es wurde als nöthig erkannt, einen Transport von solchem 
Fassungsvermögen zu schaffen, dass er die zehntägige Verpflegung 
für die Mannschaft, den sechstägigen Vorrath an Hartfutter und für 
zwei Tage Heu fortbringen könne. 



1 ) Ein Loth = 3 Zolotnik = 12-687^. — D. Ueb. 

-) Trinkkanne = kruska, dient auch als Hohlmass und fasst 10 Becher (carka), 
das ist 1-23 /. — D. Ueb. 



329 

Der ursprünglich festgesetzten Stärke der Feld - Armee 
(8 Infanterie- und 2 Cavallerie-Divisionen) entsprechend, war die 
Zahl der Fuhrwerke zur Fortschaffung des ob angeführten Ver- 
pflegsquantums mit rund 5000 Wagen angenommen worden. 

Der in der Folge verlautbarte und in diesem Capitel bereits 
angeführte Stand des ärarischen Intendanz - Transportes mit 4900 
Fuhrwerken entsprach ungefähr dieser Annahme. 

Die Pferde für den Transport sollten, wie bereits erwähnt, 
von der Bevölkerung abgestellt werden. Die Fuhrwerke (sammt 
Geschirren) waren auf folgende Art zu beschaffen ; 3000 drei- 
spännige — durch die „Militär - Agentur" j ), welche sich ver- 
pflichtete, dieselben (um den Betrag von 405.000 Rubel) bis 
Ende October 1876 zu liefern, und 1900 zweispännige Wagen 
(sogenannte Colonisten-Telegen) durch Vermittlung der Gouver- 
neure von Cherson und Bessarabien seitens der Colonisten dieser 
Gouvernements. Die Piachen für alle diese Fuhrwerke wurden 
durch die Haupt -Intendanz -Verwaltung separat beschafft. Die 
Mannschaft wurde dem Reservestande entnommen und der 
Ofheiersbedarf theils durch Commandierung aus dem Stande des 
Personals der Haupt- und der Bezirks-Intendanzen, theils durch 
Einberufung pensionierter Ofnciere und Beamten des Heeres und 
sogar durch Eintheilung von Beamten anderer Verwaltungen 
gedeckt 2 ). 

Am 1. [13.] Jänner 1877 fehlten auf den normierten Stand 
des Transportes noch 530 Pferde. Am 1. [13.] Februar war dessen 
Formierung beendet 3 ). 

Monturwesen. — Unantastbare und aussergewöhn- 
liche Vorrät he. Vorräthe an Bekleidung waren bei den Truppen, 



*) Die ,, Militär-Agentur" (wojennoje komissjonerstwo) war im Jahre 1875 in 
Petersburg zu dem Zwecke errichtet worden, um die Personen des Militärstandes mit 
allem Nöthigen zu versorgen ; das Statut der Agentur war mit Circular des Haupt- 
stabes Nr. 241 vom Jahre 1875 verlautbart worden. 

2 ) Circa 35 Procent der Gagisten waren von den Intendanzen, gegen 65 Procent 
aus dem Ruhestande und von anderen Verwaltungen eingetheilt worden. Von crer 
Truppe wurden bloss 4 Ofnciere (der Armee-Cavallerie) genommen. Unter den auf 
Ofliciers-(BeamteD-)Posten Bestimmten befanden sich unter anderem ein pensionierter 
Porteepee-Junker und ein Edelmann, welcher noch keinen Militärdienst geleistet hatte. 
Ueberhaupt war der Officiersbestand des Transportes recht bunt zusammengesetzt 
und für seine Aufgabe nicht vorgebildet. 

3 ) Die Formierung von Miettransporten wird später besprochen werden, da 
solche erst nach der Kriegserklärung errichtet wurden. 



330 

in den Monturdepots und auf den Reservisten-Sammelpunkten 
bei den Militär-Kreis-Chef-Verwaltung-en vorhanden. 

Die Feld-Truppen besassen Vorräthe an fertigen und halb- 
fertigen Garnituren für den Augmentierungsstand, das ist für die 
Differenz zwischen Friedens- und Kriegsstand 1 ). Hiedurch war die 
rechtzeitige Bekleidung und Ausrüstung der aus dem Reserve- 
stande zur Ergänzung der Feld-Truppen einrückenden Mannschaft 
sichergestellt. In den Truppen-Magazinen befand sich auch die erste 
Montur- Garnitur (Paradesorten) für den Friedensstand, welche 
vollkommen intact und sehr wenig getragen war. Es war demnach 
bei den Feld-Truppen im Falle einer Mobilisierung eine volle unge- 
brauchte Garnitur vorhanden, mit Ausnahme der Jahressorten für 
den Friedensstand, welche bei der Mannschaft im Gebrauche waren 2 ). 

Für die Ersatz-, Reserve- und Local-Truppen gab es keine 
Augmentierungs - Vorräthe bei den Truppen selbst; hingegen 
war in den Monturdepots, für den Fall der Neuaufstellung 
von Truppen im Mobilisierungsfalle oder während des Krieges, 
ein sogenannter „ausserordentlicher Vorrath" vorhanden. Derselbe 
bestand im Jahre 1876 aus je einer completen Garnitur an Montur 
und Rüstung für 116.000 Mann, überdies aus Material für 
138.000 Paar Stiefel ohne Sohlen und für 53.000 Mäntel. 

Die in den Jahren 1876 und 1877 vollzogenen Umwand- 
lungen 3 ) und Neuaufstellungen 4 ), welche durch die Kriegsvor- 



!) Bis zum Jahre 1870 bestand der Vorrath bloss aus unfertigem Material, von 
da an in fertigen Bekleidungsstücken. 

2 ) Die Zahl der halbfertigen Garnituren der unantastbaren Vorräthe war un- 
bedeutend; so hatte zum Beispiele bei der 14. Infanterie -Division nur ein Regiment 
600 Garnituren in halbfertigem Zustande, alles übrige war vollendet ; die Herstellung 
der halbfertigen Garnituren dauerte ziemlich lange. Das erwähnte Regiment hätte mit 
den eigenen Professionisten einen Monat zur Fertigstellung gebraucht ; um die letztere 
demnach zu beschleunigen, wurden Professionisten von den anderen Regimentern der 
Division zucommandiert, überdies wurde die Aufnahme von Civil -Professionisten 
gestattet. 

Ueberhaupt war die Kriegsbereitschaft der Truppen vor dem Kriege 1877 — 1878 
bei weitem nicht so gross als jetzt. Unter anderem War zum Beispiele der acht- 
tägige Zwieback- Vorrath bloss für den Friedensstand vorhanden ; für einen Theil der 
Divisions-Lazarethe fehlten der Train, die Beschirrung, die Bekleidung und Rüstung; 
sogar die Waffen und die Kriegs-Taschenmunition wurden nur zum Theile bei den 
Truppen verwahrt, der Rest befand sich in Artilleriedepots. 

3 ) Die Garde-Infanterie wurde von 3 auf 4 Bataillone umgewandelt ; 24 Festungs- 
und 8 Local-Bataillone wurden in Regimenter entwickelt. 

4 ) 200 Ersatz-Bataillone, 13 Ersatz-Fuss-Batterien, Marsch-Escadronen, Divi- 
sions-Lazarethe, zeitliche Spitäler etc. 






33i 

bereitungen hervorgerufen waren, erfordei'ten die Bildung un- 
antastbarer Vorrathe, und zwar im Jahre 1876 für 358.389 Mann 
und 11.245 Pferde; im Jahre 1877 für 299.585 Mann und 
10.700 Pferde. Zur Deckung dieses Bedarfes wurde der ganze 
verfügbare ausserordentliche Vorrath fertiger Garnituren ver- 
wendet; das Fehlende wurde nach Weisung der Haupt-Intendanz- 
Verwaltung beschafft. 

Nebst dem aussergewöhnlichen Vorrathe bestand in den 
Intendanz-Depots noch ein currenter Vorrath für den laufenden 
Bedarf der Truppen. 

Die Militär-Kreis -Chef -Verwaltungen auf den Reservisten- 
Sammelpunkten hatten noch einen 5 procentigen Vorrath an fertigen 
Mänteln, Hosen und Stiefeln, um damit jene Reservisten, welche 
in schlechten eigenen Kleidern einrückten, für den Transport 
vom Sammelpunkte zum Truppenkörper zu betheilen. Ent- 
sprechend der Zahl der damals in Evidenz gestandenen Reserve- 
Mannschaft (596.969 Mann) betrug der 5procentige Vorrath 
28.400 Garnituren. 

Alle bisher aufgezählten Vorrathe hatten die Versorgung der 
Truppe mit Bekleidung und Rüstung sowohl für die Mobilisierung 
als für die Friedenszeit in bestimmten Terminen nach der normalen 
Tragdauer der Sorten sicherzustellen. Im Kriege ist jedoch die 
Abnützung eine viel raschere als im Frieden, und dies erfordert 
die Bildung besonderer Vorrathe für die Betheilung der Truppen 
ausserhalb der normalen Termine. Solche Vorrathe bezeichnet man 
ebenfalls als „ausserordentliche"; sie werden in der Nähe des Kriegs- 
schauplatzes deponiert. Die Errichtung eines Depots für ausser- 
ordentliche Vorrathe (für die Ergänzung ausser der Tragdauer) 
erfolgte schon während des Krieges, wird somit später besprochen 
werden. 

Massnahmen zur Sicherstellung der Bekleidung und 
Ausrüstung, welche in Voraussicht der Mobilisierung 
getroffen wurden. Um jeder Verzögerung in der Betheilung 
einrückender Reservisten mit Schuhwerk vorzubeugen, wurde im 
September 1876 seitens der Haupt-Intendanz- Verwaltung (Circular 
Nr. 4574 vom 29. September [11 October] 1876) verfügt, dass 
den Reservisten für die mitgebrachten Stiefel — nicht mehr als 
zwei Paar per Mann — seitens des Aerars eine Geldvergütung 
geleistet werde, wenn die Stiefel genügend weit waren und noch 
eine halbjährige Tragdauer versprachen. 



332 

Im September 1876 wurde (Verordnung* der Haupt-Intendanz- 
Verwaltung, Nr. 4072) angeordnet; dass jene Infanterie -Regi- 
menter, welche zur Feld- Armee bestimmt würden, einen Montur- 
Vorrath für ihre Ersatz-Bataillone zu bilden hätten. Hiezu sollten 
sie 1. aus der zweiten Garnitur des eigenen Vorrathes je 
600 Stück Röcke, Hosen, Pelzmützen, Mäntel und Baslyk aus- 
scheiden ; 2. die gleiche Anzahl Halsbinden von der Intendanz 
ansprechen; 3. ebensoviele Paar Stiefel anfertigen lassen. 

Aerarische Monturwerkstätten bestanden im Jahre 

1876 im g-anzen 6, und zwar in Petersburg, Moskau, Dünaburg, 
Brest Litowsk, Kijew und Tinis. Diese Werkstätten konnten in einem 
Jahre 255.616 Bekleidungs - Garnituren, 165.616 Paar Stiefel, 
60.000 Baslyk und 105.616 Paar Ohrenschützer, Fäustlinge und 
Fusslappen erzeugen. Mit Rücksicht auf die durch die eingetretene 
Mobilisierung gebotene Dringlichkeit bestellte die Haupt-Inten- 
danz-Verwaltung überdies Ende 1876 bei den Gefangenhaus- Werk- 
stätten zu Petersburg, Moskau, Dünaburg und Kijew (welche dem 
Ministerium des Innern unterstanden) 183.798 Montur- und Be- 
schuhungs-Garnituren. Diese Werkstätten vermochten bis Ende 

1877 bloss ungefähr ein Drittel der Bestellung, und zwar 63.597 Gar- 
nituren, zu erzeugen; der Rest wurde durch die ärarischen Werk- 
stätten fertiggestellt, welche im Laufe des Jahres 1877 im ganzen 
435.000 Garnituren lieferten. Ueberdies erzeugte der „Verein für 
billige Wohnungen" (Obscestwo djesowych kwartir) im Laufe des 
Jahres 1877 für das Krieg-s-Ministerium 10.000 Bekleidungs-Garni- 
turen ohne Stiefel. 

Die Versorgung mit warmer Bekleidung war durch die 
Wahrscheinlichkeit eines Winter-Feldzuges nothwendig geworden. 
Man beschloss, die Mannschaft des Combattantenstandes der 
Infanterie mit Unterleibchen (Westen), die Combattanten der 
übrigen Waffengattungen und sämmtliche Nichtcombattanten mit 
Halbpelzen zu betheilen ; ferner sollte die gesammte Mannschaft 
mit tuchenen Fusslappen, mit Leibbinden, Fäustlingen und Ohren- 
schützern versehen werden. Einzelne dieser Sorten wurden im 
Frieden gar nicht vorräthig gehalten (Westen und Halbpelze), 
andere waren bei den Truppen nur für den Friedensstand vor- 
handen. Der grösste Theil des Bedarfes musste somit erst eigens 
erzeugt werden. Einen Theil der Halbpelze (150.955 Stück) sollte 
die Indendanz, einen Theil die Truppen selbst beschaffen; über- 
dies wurde es den einrückenden Reservisten freigestellt, Halb- 
pelze mitzubringen, wofür sie eine Entschädigung von 3 Rubel 



333 

per Stück erhielten. Die Intendanz Hess auch 136.830 Westen 
anfertigen. Die Fusslappen, Leibbinden, Fäustlinge und Ohren- 
schützer, welche auf den Kriegsstand fehlten, wurden den Truppen 
theils in fertigem Zustande, theils in Material nebst Anfertigungs- 
beitrag ausgefolgt. 

Beim Abgehen nach Bessarabien waren indes nicht alle 
Truppen im Besitze der nöthigen Halbpelze, Westen und Leib- 
binden, weshalb im Monate November 1876 in Bender ein Depot 
warmer Bekleidungsstücke angelegt wurde ; in dieses Depot 
waren die aus den inneren Bezirken einlangenden Sorten abzu- 
liefern, und dort sollten auch alle durchmarschierenden Truppen 
damit versehen werden. Es wurden an warmer Bekleidung ein- 
geliefert, beziehungsweise abgegeben *) : 



Eingeliefert: 


Halbpelze 


Westen 


Leibbinden 


Bis I. [13.] Jänner 1877 


60.000 


77.OOO 


— 


Vom I. [13.] Jänner bis 1. [13.] Mai 1877 . 


31.000 


1.000 


23.OOO 


Im ganzen . 


91.000 


78.000 


23.OOO 


An die Truppen ausgegeben : 








Bis 1. [13.] Jänner 1877 


20.000 


60.000 


— 


Vom I. [13.] Jänner bis I. [13.] Mai 1877 . 


. T7.5OO 


18.000 


23.OOO 


Im ganzen . 


• 37-500 


78.000 


23.OOO 



Als die Truppen der Feld- Armee von Bessarabien im April 
ausmarschierten, wurde die Abfuhr der Halbpelze und Westen an 
die Militär-Kreis- Chefs verfügt. Auf die seitens mehrerer Truppen- 
körper gestellten Ansuchen um die Bewilligung zur Mitnahme 
der warmen Bekleidung gestattete das Armee-Obercommando, 
die Westen unter der Bedingung mitzunehmen, dass für den 
Transport derselben keine besonderen Mittel beansprucht 
würden 2 ). 

Nach dem Ausmarsche der Armee wurden die im Depot zu 
Bender zurückgebliebenen Halbpelze an das Monturdepot zu 
Kijew abgeführt. 

Im Monate April wurde den Truppen der Feld-Armee ge- 
stattet, Turnhemden 3 ) aus den Wirtschaftsgeldern zu beschaffen 
(Sommerhosen wurden vom Aerar geliefert); ferner wurden den 



') Laut der periodischen Berichte der Feld-Intendanz ■ an den Feldstab. 

2 ) Ueber die Betheilung der Armee mit warmer Bekleidung im Winter 
1877 — 1878 wird an entsprechender Stelle berichtet werden. 

: ' J ) Dieselben konnten in der warmen Jahreszeit an Stelle des Rockes getragen 
werden. — D LTeb. 



334 

[ruppen Geldbeiträge zur Anfertigung* weisser Ueberzüg-e und 
Nackenschützer zu den Kepis und Feldkappen (Furazka) aus- 
gefolgt. 

Marschzelte, welche früher gar nicht eingeführt waren, 
wurden im Jahre 1876 für 6000 Officiere und 205.000 Mann be- 
schafft. Die Absendung- dieser Zelte nach Bender, wo auch ein 
Zeltdepot errichtet wurde, begann erst im December 1876; bis 
1. [13.] Jänner wurden Zelte für 32.000 Mann ; von da bis 1. [13.] Mai 
für weitere 104.000 Mann abgeliefert 1 ). 

Es waren daher nicht alle Truppen der Operations-Armee 
beim Ausmarsche mit Zelten dotiert; einigen Truppenkörpern 
wurden solche erst nach dem Donau-Ueb ergange nachgesendet. 

Im Jahre 1877 beschaffte die Haupt-Intendanz- Verwaltung 
noch Zelte für 19.750 Officiere und 590.000 Mann. Immerhin 
trafen von den im Jahre 1877 mobilisierten Truppen noch einige 
ohne Zelte am Kriegsschauplatze ein und erhielten diese erst im 
weiteren Verlaufe des Feldzuges. 

Die Erzeugung- von Trainfuhrwerken und Pferde- 
Geschirren in den Jahren 1876 und 1877 war durch die Um- 
wandlung des Truppen-Trains und die Neuformierung der Divi- 
sions-Lazarethe und der zeitlichen Kriegs-Spitäler nothwendig 
geworden. Es bestanden damals 6 ärarische Trainwerkstätten; 
sie waren aber nicht imstande, alle Bestellungen der Haupt -Inten- 
danz-Verwaltung auszuführen, weshalb ein Theil der Lieferung 
an private Werkstätten in Petersburg und in der Provinz, ein 
Theil auch an die „Militär- Agentur " vergeben wurde. 

Versorgung der Armee mit Geld. Um der Armee die 
Ausnützung- der localen Ressourcen im fremden Lande zu er- 
möglichen, musste dieselbe mit einer genügenden Geldmenge in 
Gold versehen sein, das ist in einer Münzgattung, welche unab- 
hängig von den Schwankungen der Börse den Wert in sich trug. 

Vor dem Kriege besass die Regierung keinen verfügbaren 
Gold-Vorrath, der für die Armee hätte verwendet werden können. 
Der Armee-Obercommandat hatte während des Aufenthaltes der 
Armee in Bessarabien wiederholt erklärt, es sei nöthig, dass ihm 
eine grössere Summe in Gold zur Verfügung gestellt werde, um 
nach Ueberschreitung der Grenze die Verpflegung der Armee 
und die Gebüren der Officiere bestreiten zu können. 



') Laut der periodischen Berichte der Feld-Intendanz an den Feldstab. 



335 

Mitte December 1876 wurden 50.000 Rubel in Gold und 
200.000 Rubel in Silber dem Armee-Obercommandanten zur Ver- 
fügung - gestellt. In der bezüglichen Mittheilung an den Armee- 
Stabschef sagte der Kriegs-Minister : 

„Was die Zusendung von Metallgeld an die Armee betrifft, 
ist Eurer Hohen Excellenz bereits aus meinem Telegramm die 
Allerhöchste Entscheidung bekannt, welche auf Grund von Be- 
rathung-en über diese Frage in einer besonderen Sitzung gefasst 
wurde. Die seitens des Finanz-Ministers vorgebrachten Erwägungen 
führten zu dem Schlüsse, dass es ganz und gar unmöglich sei, 
sämmtliche Ausgaben, welche im Falle des Vormarsches der 
Armee auf fremdem Territorium bevorstehen, mit Gold zu be- 
streiten (auch in früheren Kriegen auf türkischem Gebiete zahlte 
man mit Papiergeld). Wenn demnach der Finanz-Minister sich 
einverstanden erklärt hat, 50.000 Rubel in Gold und 200.000 Rubel 
in Silber abzusenden, so hat dieser relativ wohl sehr gering- 
fügige Betrag selbstverständlich nicht zur Begleichung sämmt- 
licher Auslagen für die Armee im Auslande zu dienen, sondern 
bloss zur Deckung kleinerer Ausgaben von ganz besonderem 
und geheimem Charakter." 

Der Armee-Obercommandant fand diesen Betrag geradezu 
„nichtig" x ) und drückte auch diese Ansicht in einem Schreiben 
des Feldstabes an das Kriegs-Ministerium aus. General-Adjutant 
Nepokojcitzki [Armee-Stabschef] erklärte in einer Zuschrift an 
den General- Adj utanten Miljutin [Kriegs-Minister] vom 1 9. [3 1.] De- 
cember 1876, dass es unmöglich sei, die Verpflegung der Armee 
in Rumänien und Bulgarien auf den Nachschub allein zu basieren 
und theilte mit, dass die Armee nach den eingeholten Informationen 
in diesen Gebieten Verpflegsmittel finden würde, wenn man die 
Ankäufe bar bezahlte. Er fuhr in seinem Schreiben fort : „Zu 
den Ankäufen auf fremdem Territorium ist jedoch Gold uner- 
lässlich ; dasselbe ist übrigens auch zur Auszahlung" der Gagen an 
die Ofhciere nöthig, sonst bekommen diese statt 1 Rubel nur 
50 Kopeken. Ein Betrag von 50.000 Rubel in Gold bedeutet hier 
so viel wie nichts. In Rumänien ist hauptsächlich Gold im Ver- 
kehre, Silber gibt es wenig und Papiergeld gar nicht. Ich erachte 



x ) Wie geringfügig diese Summe thatsächlich war, geht aus folgendem hervor: 
Nach dem im Armee-Hauptquartier zusammengestellten Voranschlage für den vier- 
monatlichen Geldbedarf der Operations-Armee im Auslande (die Berechnung wurde 
im März 1877 gemacht) waren 20,841.422 Rubel nöthig; der tägliche Bedarf belief 
sich demnach auf 174. 000 Rubel. 



336 

es deshalb für meine Pflicht zu berichten, dass wir in Rumänien 
ohne Gold auf sehr grosse Schwierigkeiten stossen würden. 
Wenn man aber die Absicht hat, mit der Türkei Krieg zu führen, 
so muss dieser wichtigen finanziellen Frage besondere Aufmerk- 
samkeit gewidmet werden. Wenn wir in Rumänien und in der 
Türkei nicht bar bezahlen, sondern Quittungen ausgeben, wird 
alles vor uns versteckt werden, oder wir werden auf Schritt und 
Tritt mit Schwierigkeiten zu kämpfen haben. Fourage und Schlacht- 
vieh wird man in Rumänien gegen Barzahlung leicht beschaffen 
können ; fordert man hingegen die Ablieferung vom Lande gegen 
spätere Verrechnung, so werden die Truppen unter dem grössten 
Mangel an diesen Verpflegsmitteln leiden. Mich beängstigt schon 
der blosse Gedanke, dass wir nicht genügend mit Metallgeld ver- 
sehen sein könnten. Ich bitte zu entschuldigen, dass ich mich 
über diesen Gegenstand so breit auslasse — er ist aber zu 
wichtig, als dass man ihn mit Stillschweigen übergehen konnte." 
Am 29. März [10. April] 1877 wurden noch 2 Millionen Rubel 
in Gold für die Bedürfnisse der Armee abgesendet ; die Truppen 
erhielten vor dem Aufbruche einen Goldvorschuss. 

Verpflegung während der Mobilisierung und des 
Aufmarsches. In den Mobilisierungs-Stationen erfolgte die Ver- 
pflegung nach den Bestimmungen für den Frieden. 

Für die Verpflegung der Eisenbahntransporte *) — und zwar 
sowohl der zur Augmentierung einrückenden Reservisten als der 
mobilisierten Truppen auf der Fahrt in die Aufmarschräume — 
wurden „zeitliche Verpflegs-Stationen" errichtet; dieselben wurden 
in 70 Eisenbahn-Stationen über Verfügung und auf Rechnung des 
Kriegs - Ministeriums etabliert und hatten den durchfahrenden 
Transporten warme Kost 2 ) zu verabreichen. 

Da die Transportbewegungen in der kalten Jahreszeit (No- 
vember und December) stattfinden sollten, wurde es für nöthig 
erachtet, den Leuten ausser der einmal im Tage zu verabreichen- 
den warmen Kost noch zweimal täglich warmen Thee oder 
„Sbitenj" [im VIII. Capitel besprochen] zu verabfolgen. Zu diesem 
Zwecke wurden 155 Eisenbahn-Stationen in Aussicht genommen 



*) Relation des Hauptstabes über die Truppentransporte in den Monaten No- 
vember und December 1876 infolge der Mobilisierung eines Theiles der Armee (ent- 
halten im „"Wojennyj Sbornik", 6. Heft vom Jahre 1879). 

2 ) Die Verpflegs-Stationen haben in den Monaten November und December 1876 
im ganzen 2,369.310 (Mittags-)Portionen warmer Kost verabfolgt. 



337 

und das Rothe Kreuz erbot sich, auf Antrag des Kriegs- 
Ministeriums ; auf den betreffenden Bahnhöfen Theebuffets für 
Soldaten zu errichten; für jede an die Transporte verabfolgte 
Theeportion hatte das Militär- Aerar 3 Kopeken zu bezahlen 1 ). 

Die Sanitäts-Relation über den Krieg 1877 — 1878 bezeugt 2 ), 
dass die Qualität der warmen Kost und des Brotes in den Ver- 
pflegs-Stationen mit geringen Ausnahmen vorzüglich war ; die 
Thee-Zubusse erwies sich als sehr nützlich, indem sie die Leute 
erwärmte und ihren Hunger stillte. 

Die regelrechte Verpflegung in den Stationen wurde jedoch 
durch die Abweichungen von den Transport-Plänen, welche durch 
Unregelmässigkeiten im Verkehre der Militärzüge hervorgerufen 
worden, mitunter in empfindlicher Weise gestört. So zum 
Beispiele kam es nach dem Zeugnisse der erwähnten Relation 
vor, dass einige Truppenkörper mehrere Tage nacheinander 
keine warme Kost erhielten 3 ). 

Die laufende Verpflegung der Truppen im Auf- 
marschraume (Bessarabien) vollzog sich in folgender Art. 

Der Proviant (Mehl und Graupen) wurde den Truppen von 
der Intendanz in natura geliefert, und zwar entweder aus den 
ständigen Verpflegs-Magazinen 4 ) oder aus den neu errichteten 
Verpflegsdepots. Solche Depots wurden anfangs an zehn Orten 5 ) 
derart angelegt, dass sich die Truppen ihren Bedarf selbst zu- 
führen konnten. Die Vorräthe dieser Depots bestanden aus dem 
zehntägigen Bedarfe an Mehl und Graupen ; sie wurden entweder 
aus den erwähnten Hauptdepots (Kiszyniew, Bender, Tiraspol, 
Pyrlica, Razdielnaja und Odessa) über Verfügung der Intendanz 
zugeschoben oder directe von den Unternehmern eingeliefert. 
Die Depots bildeten sonach Ausgabe-Magazine (mit g-eringem 



1 ) Eine Theeration bestand aus einer Kanne Thee oder Sbitenj und einer 
Semmel mit Fleisch oder Käse. In den Monaten November und December 1876 wurden 
an die Transporte 3,568.040 solcher Portionen von den Theebuffets verabfolgt. 

2 ) IL Theil der Relation, S. 139. 

3 j Das II. Don-Kasaken-Regiment erhielt auf der fünftägigen Eisenbahnfahrt 
kein einzigesmal warme Kost; das Infanterie-Regiment Cherson Nr. 130 bekam 
während des viertägigen Transportes einmal, das Infanterie-Regiment Odessa Nr. 48 
während der fünftägigen Fahrt zweimal warme Kost etc. 

4 ) Magazine 2. Classe in Kiszyniew und Bender ; 3. Classe in Bielcy und 
Winnica ; 4. Classe in Tiraspol, Akkerman, Chotin und Balta. 

5 ) Soroki, Birzula, Ananjew, Pyrlica, Tuzora, Orgiejew, Grigoriopol, Gradenica, 
Malo Jaroslawskaja Kolonja und Nw. Kauszany. Später noch in Razdielnaja, Jampol, 
Rachnach, Guragalbina und Tatar Bunar. 

Der russisch-türkische Krieg. I. Bd. 22 



338 

Vorrathe), welche von den Haupt-, beziehungsweise Basis- 
Magazinen gefüllt wurden ; letztere hatten bekanntlich namhafte 
Vorräthe nicht nur an Mehl und Graupen, sondern auch an 
Zwieback, Thee, Zucker, Brantwein und Futter. 

Im Monate Jänner erhielten die Truppen Geldvorschüsse 
zur Beschaffung* von Proviant für den Fall, dass sie die Fassung 
in natura nicht rechtzeitig bewirken könnten. 

Zur Beschaffung der sonstigen Menage-Artikel wurde den 
Truppen anfang-s das Menagegeld nach dem garnisonsweise für 
das laufende Jahr festgesetzten Ausmasse erfolgt. 

Am 30. November [12. December] führte der Armee-Ober- 
commandant die Thee-Zubusse für die Mannschaft (in Ausnahms- 
fällen Brantwein statt Thee) in Geld ; und zwar in der Höhe 
einer halben Kopeke per Mann, ein. 

Infolge der durch die Anhäufung von Truppen im Auf- 
marschraume entstandenen Preiserhöhung der Verpflegs-Artikel, 
wurde am 16. [28.] December das Menagegeld über Verfügung 
des Armee-Obercommandos um 1V2 Kopeken pro Mann und Tag 
erhöht. Vom 1. [13.] Jänner 1877 an wurden die Truppen der 
Operations- Armee angewiesen, sich bezüglich der Gebür an 
Menagegeld nach den für das Jahr 1877 getroffenen Verfügungen 
der Bezirksräthe zu Kijew, beziehungsweise Odessa zu richten, und 
zu dieser Gebür noch die vom Armee-Obercommando genehmigten 
Zuschüsse zuzurechnen, und zwar 1 Vs Kopeken zum Menagegelde 
und V2 Kopeke für die Thee- oder Brantwein-Ration. 

Das Futter sollte anfangs von den Truppen selbst beschafft 
werden ; die Ankaufpreise waren bereits nach den Local- 
verhältnissen verschieden festgesetzt ; sie schnellten aber infolge 
der grossen Truppenanhäufung auf engem Räume und der grossen 
Bestellungen der Intendanz rasch empor ; dies veranlasste das 
Armee-Obercommando, am 21. März [2. April] einen eigenen 
Tarif für Futterpreise aufzustellen. 

Im Monate Februar stellte sich die Nothwendigkeit heraus, 
die Futter-Vorräthe in den Flauptdepots aufzufrischen, da sie 
durch das lange Liegen unter Flugdächern und im Freien dem 
Verderben ausgesetzt waren J ). Es wurde hienach verfügt, dass 
das Futter direct aus den Hauptdepots in natura erfolgt werde, 
und zwar : 



*) So lautete die Motivierung dieser Massregel in einem vom 22. Februar 
[6. März] 1877 datierten Berichte des Armee-Obercommandanten an Seine Majestät. 



339 

i. an den Intendanz-Transport (14.000 Pferde) — die ganze 
Gebür ; 

2. an die in den Standorten der Magazine befindlichen 
Truppenkörper — die Hälfte in natura, der Rest in Geld ; 

3. an die übrigen Truppen — bloss das Hartfutter zur Hälfte in 
natura (Rest und Heu in Geld). Die Zufuhr oblag bei Entfernungen 
bis zu 25 Werst den Truppen, darüber hinaus der Intendanz; 

4. nur die in grösserer Entfernung von den Depots, das ist 
also im nördlichen Theile des Kreises Jassi [Kreisstadt Bielcy], und 
in den Kreisen Soroki, Jampol und Winnica gelegenen Truppen 
erhielten die ganze Futtergebür in Geld. 

Um den Truppen den Ankauf von Heu zu erleichtern, 
wurde im Einvernehmen mit dem Finanz-Minister die zollfreie 
Einfuhr von Heu aus der Moldau gestattet. 

Was die Bekleidungsgebür betrifft, so fiel die Mobili- 
sierung auf einen Zeitpunkt, zu welchem die Truppen ihre normale 
Jahresgebür pro 1876 für den Friedensstand schon theilweise 
gefasst hatten. Sie hatten somit noch Anspruch auf die Kriegsgebür 
an Monturen für das Jahr 1876, das ist also auf das Doppelte 
der ursprünglich bestimmten und zum Theile schon gefassten 
Gebür. Ueberdies wurde für die in der Zeit vom 2. [14.] November 
bis 15. [27.] December eingerückten Reservisten das Ausmass an 
Jahressorten nach der Gebür für ein halbes Jahr bemessen, ohne 
dieselbe für das Jahr 1877 in Rechnung zu stellen, wie es vorerst 
beabsichtigt war. Dieser gesammte Mehrbedarf wurde aus den 
currenten Vorräthen ohne besondere Neuerzeugung gedeckt. 

Einige Truppen hatten es vor dem Verlassen ihrer Garnisons- 
orte zuwege gebracht, ihre ganze Bekleidungsgebür für das 
Jahr 1877 zu fassen und alle Sorten auch fertigzustellen. Diese 
Truppen wurden angewiesen, nur die neuen Monturen (Gebür 
1877) beim Ausmarsche mitzunehmen, alle älteren Bekleidungs- 
stücke aber an die Militär-Kreis-Chefs abzuführen. 

Andere Truppenkörper hatten zwar in ihren Garnisonen die 
ganze Monturgebür pro 1877 in Material erhalten, aber sie hatten 
nicht vermocht, die Sorten bis zum Ausmarsche fertigzustellen und 
führten selbe beim Verlassen der Garnison in unfertigem Zustande 
an die Militär-Kreis- Chefs ab. Schliesslich hatten einige Truppen- 
körper (der Militär-Bezirke Kijew und Charkow) die Gebür für 
das Jahr 1877 vor dem Ausmarsche überhaupt noch nicht gefasst. 

Nach dem Eintreffen aller dieser Truppen in Bessarabien 
wurde Folgendes verfügt : das bei den Militär-Kreis-Chefs zurück- 



340 

gelassene Material sollte eingeholt werden ; jene Truppen, welche 
die Monturgebür pro 1877 noch nicht erhalten, hatten sie 
sofort anzufordern ; mit der Anfertigung der fehlenden Bekleidung 
war so rasch als möglich zu beginnen, und zwar in erster Linie 
mit den Stiefeln und Mänteln, als den wichtigsten Sorten. 

Der Armee-Obercommandant drückte sich in seinem Berichte 
an den Kaiser über die Lage der Armee am 26. December 
[7. Jänner] diesbezüglich folg-end aus: 

„In materieller Beziehung befinden sich alle Theile der 
Armee in sehr guter Verfassung. Die Adjustierung ist vorzüglich, 
die Ausrüstung desgleichen." 

„Gewisse Mängel sind bezüglich der Beschuh ung zu consta- 
tieren, da die Mobilisierung zu Ende des Jahres stattfand, wo ein 
beträchtlicher Theil der Leute nur ein Paar Stiefel besitzt." 

„Obgleich verfügt wurde, die Jahresgebür pro 1877 sofort aus- 
zufolgen r j, so konnten infolge des Abgehens der Truppen in den 
Aufmarschraum diese Sachen nicht mehr übernommen werden; jene 
Truppen aber, welche sie wohl empfangen hatten, waren nicht mehr 
in der Lage gewesen, die Stiefel anfertigen zu lassen. Zur Herstellung- 
der Beschuhung wurden die energischesten Massregeln getroffen." 

Bequartierung. Die Truppen der Feld-Armee waren in 
Bessarabien bei den Bewohnern untergebracht. Ueber Allerhöchste 
Verfügung vom 17. Februar [1. März] 1877 wurde auf diese Unter- 
kunft der Punkt 1 der „Bestimmungen über die Aenderung der Be- 
quartierungs-Pflicht" (Prikas Nr. 244 vom Jahre 1874) angewendet, 
das heisst die betreffenden Orte wurden als „in ausserge wohnlichen 
Verhältnissen befindlich" erklärt; hiebei wurde aber den Gemeinde- 
Verwaltungen die volle Gebür an Transenalgeld (im Wege der 
Intendanz und der Gouvernements-Executivcomites) zugestanden. 

Die Versorgung der Truppen mit Heiz-Material erfolgte im 
Wege der Gouvernements-Executivcomites durch Unternehmer. 
Anfangs ergaben sich hiebei grosse Schwierigkeiten, da das 
gesetzliche Ausmass an Quartiergeld für die Beheizung und 
Beleuchtung der Unterkünfte für die Commanden und Stäbe 
den localen Preisen nicht entsprach, die infolge der Anhäufung 
von Truppen rasch gestiegen waren. Ueber Allerhöchste Ver- 
fügung wurden aber bald die Gebürsätze temporär erhöht. 



x ) Das heisst, die Mannschaft zwei Monate vor dem Termine mit den Sorten 
zu betheilen. 



X. CAPITEL. 
Kriegserklärung Russlands an die Türkei. 

Eintreffen Kaiser Alexanders II. bei der Armee. — Allerhöchstes Manifest über 
die Kriegserklärung an die Türkei. — Circular des Reichskanzlers Fürsten Gorcakow. 
— Regeln für die Beziehungen zum Feinde und zu den neutralen Staaten. — Armee - 
Befehl vom 12. [24.] April. — Proclamation an die Bevölkerung Rumäniens. — 
Abreise des Kaisers Alexander von der Armee und Rückkehr desselben. 

Als der Krieg Russlands mit der Türkei unvermeidlich 
wurde, wollte Kaiser Alexander II., welcher seinen Truppen so 
innig zugethan war, sich vor ihrem Abgehen zur Befreiung 
Bulgariens persönlich von ihnen verabschieden. 

Seine Majestät reiste in Begleitung des Grossfürst-Thron- 
folgers Alexander Alexandrowic am 8. [20.] April 1877 von 
Petersburg ab und traf am 10. [22.] April morg'ens in Zmerinka 
ein, wo er die 5. Infanterie-Division mit ihrer Artillerie besichtigte. 
Nach der Revue wandte sich Seine Majestät an die vorgerufenen 
Ofhciere mit folgenden "Worten : 

„Es ward Mir schwer, euch in den Krieg zu senden und 
deshalb zögerte Ich, solange es ang'ieng; es that Mir leid, das Mir 
theure Blut zu vergiessen . . . nun aber, da Russlands Ehre engagiert 
ist, bin Ich überzeugt, dass Wir alle bis zum letzten Manne für 
sie einzutreten wissen werden. Mit Gott! Ich wünsche euch vollen 
Erfolg. Auf Wiedersehen!" 

Am selben Tage sagte Seine Majestät nach einer Truppen- 
besichtigung" bei Birzula zu den versammelten Ofncieren: 

„Bevor ihr in den Krieg zieht, will Ich von euch Abschied 
nehmen. Wenn ihr mit dem Eeinde zusammentrefft, stellt euren 
Mann im Kampfe und erhaltet den alten Ruhm eurer Regimenter. 
Es gibt unter euch auch junge Truppen, die noch nicht im Feuer 



342 

waren, Ich hoffe aber, dass sie hinter den alten nicht zurück- 
bleiben, sondern vielmehr trachten werden, die gleichen Tapferkeits- 
Abzeichen zu erringen, wie die alten Truppen. Ich wünsche euch 
baldige und ruhmvolle Rückkehr. Lebt wohl, ihr Herren!" 

Bei den späteren Besichtigungen in Tiraspol und Ungheni 
richtete Kaiser Alexander ähnliche gütige und aufmunternde 
Worte an die Officiere. In der Station Ungheni wandte sich 
Seine Majestät zum letztenmale an die Officiere, welche ihn vom 
Paradeplatze zu Pferde begleitet hatten, und sprach: 

„Gott schütze euch! Wahret die Ehre der russischen Waffen!" 

Das Manifest über die Kriegserklärung an die Türkei 
wurde dem Kaiser Alexander am 12. [24.] April morgens in 
Kiszyniew durch den Reichskanzler Fürsten Gorcakow zur Unter- 
zeichnung vorgelegt. Am selben Tage, nach dem Abreiten der 
Fronten der ausgerückten Truppen durch Seine Majestät, wurde 
das Manifest durch den Hoch würdigen Pawel, Bischof von 
Kiszyniew und Chotin, vorgelesen. 

In dem Manifeste wurde kundgegeben: 

„Allen Unseren Unterthanen ist die lebhafte Theilnahme 
bekannt, welche Wir stets den Schicksalen der unterdrückten 
christlichen Bevölkerung der Türkei entgegengebracht haben. 
Den Wunsch, die Lage derselben zu verbessern und sicher- 
zustellen, theilte mit Uns das ganze russische Volk, welches jetzt 
seiner Bereitwilligkeit zu neuen Opfern für die Befreiung der 
Christen der Balkan-Halbinsel Ausdruck verleiht." 

„Das Blut und das Wohl Unserer treuen Unterthanen waren 
Uns immer theuer; Unsere ganze Regierungszeit zeugt von 
Unserer beständigen Sorge, Russland die Segnungen des Friedens 
zu erhalten. Diese Sorge war auch vorherrschend angesichts der 
traurigen Ereignisse, die sich in der Hercegovina, in Bosnien und 
Bulgarien abgespielt haben. Wir steckten uns dort vorerst das 
Ziel, im Vereine mit den verbündeten und befreundeten europäischen 
Grossmächten eine Verbesserung zu erreichen. Zwei Jahre lange 
verfolgten Wir unausgesetzt das Streben, die Pforte zu Reformen 
zu bewegen, welche die Christen Bosniens, der Hercegovina und 
Bulgariens vor der Willkür der Local-Behörden schützen sollten. 
Zur Durchführung solcher Reformen hatte sich die Pforte früher 
schon angesichts ganz Europas verpflichtet. Aber alle Unsere Be- 
mühungen führten trotz der Unterstützung durch diplomatische 
Vorstellungen der übrigen Mächte nicht zum erwünschten Ziele." 



343 

„Die Pforte blieb unbeugsam bei ihrer entschiedenen 
Weigerung, den Schutz ihrer christlichen Unterthanen zu garan- 
tieren und lehnte alle Beschlüsse der Constantinopler Conferenz ab." 

„In dem Wunsche, alle nur möglichen Mittel zu einer 
friedlichen Ueberredung der Pforte zu versuchen, schlugen Wir 
den übrigen Cabinetten vor, ein eigenes Protokoll zu verfassen und 
in dasselbe nur die wichtigsten Beschlüsse der Constantinopler 
Conferenz aufzunehmen, zugleich aber die türkische Regierung 
dringend aufzufordern, sie möge sich diesem internationalen 
Schritte anschliessen, welcher die äusserste Grenze Unserer 
friedliebenden Absichten bezeichnete. Auch diese Erwartungen 
giengen nicht in Erfüllung : die Pforte achtete nicht auf den ein- 
müthigen Wunsch des christlichen Europa und schloss sich nicht 
den im Protokolle niedergelegten Resolutionen an." 

„Nachdem nun Unsere Friedensliebe erschöpft ist, sind Wir 
durch den hochgradigen Eigensinn der Pforte zu enscheidenderen 
Thaten genöthigt. Dies fordern auch die Gefühle der Gerechtigkeit, 
und Unserer eigenen Würde. Die Pforte zwingt Uns durch ihre 
Weigerung, zu den Waffen zu greifen. Innig durchdrungen von 
der Gerechtigkeit Unserer Sache, vertrauend auf die Hilfe und 
die Gnade des Allmächtigen, geben Wir allen Unseren treuen 
Unterthanen kund, dass nun jene Zeit gekommen ist, die in Unseren, 
von ganz Russland einmüthig aufgenommenen Worten angedeutet 
war. Wir hatten die Absicht ausgedrückt, selbständig zu handeln, 
wenn Wir es für nöthig erachten und Russlands Ehre dies er- 
fordern würde." 

„Indem wir den Segen Gottes auf Unsere glänzenden Truppen 
herabflehen, befehlen Wir ihnen nun, in dieTürkei einzumarschieren." 

Nach dem Gottesdienste Hess der Kaiser die Truppen Revue 
passieren, rief sodann die Officiere vor, sprach in leutseligster 
Weise mit ihnen und wandte sich hierauf an die Truppen mit 
den Worten: 

„Lebt wohl! Auf Wiedersehen. Kehrt baldigst mit Ruhm 
zurück. Erhaltet die Ehre der russischen Waffen — und der All- 
mächtige möge euch beschützen !" 

Das Allerhöchste Manifest über die Kriegserklärung wurde 
durch zwei Staatsacte ergänzt, und zwar durch ein Circular des 
Reichskanzlers Fürsten Gorcakow an die russischen Gesandten 
in Berlin, Wien, Paris, London und Rom, dessen Inhalt den 
betreffenden Regierungen mitzutheilen war, ferner durch die 



344 

Verlautbarung der Regeln, welche Russland in den Beziehungen 
zu dem Feinde und dessen Unterthanen, wie zu den neutralen 
Mächten und ihrem Handel einzuhalten beabsichtigte. 

Das Circular des Fürsten Gorcakow lautete: 

„Das Kaiserliche Cabinet hat vom Beginne der Orient-Krisis 
vergeblich alle in seiner Macht gelegenen Mittel erschöpft, um 
mit Hilfe der europäischen Grossmächte einen dauerhaften Frieden 
in der Türkei zu erzielen." 

„Alle Vorschläg-e, welche der Pforte im Einvernehmen mit 
den Cabinetten successive gemacht wurden, stiessen bei ihr auf 
unüberwindlichen Widerstand." 

. ; Das in London am 19. [31.] März laufenden Jahres unter- 
zeichnete Protokoll war der letzte Ausdruck des vereinigten 
"Willens Europas.' 7 

„Das Kaiserliche Cabinet betrachtete dieses Protokoll als den 
äussersten Versuch einer friedlichen Beilegung. Es stellte in der 
unter gleichem Datum abgegebenen und dem Protokolle bei- 
geschlossenen Declaration solche Bedingungen, welche — wenn 
sie von der Ottomanischen Regierung ehrlich und aufrichtig 
angenommen und durchgeführt wurden — geeignet waren, 
den Frieden herzustellen und ihn auf die Dauer zu erhalten. 
Alles dies beantwortete die Pforte nur mit einer neuerlichen 
Weigerung." 

„Diese Möglichkeit war im Londoner Protokolle nicht vor- 
gesehen. Indem dasselbe die Wünsche und Beschlüsse Europas 
zum Ausdrucke brachte, beschränkte es sich auf folgende Er- 
klärung: im Falle die europäischen Grossmächte sich in der 
Hoffnung täuschen sollten, dass die Pforte die zur Verbesserung 
der Lag*e der christlichen Bevölkerung — einer einmüthig erklärten 
Voraussetzung des europäischen Friedens — vorgeschlagenen 
Massnahmen energisch durchführen würde, so behalten sich die 
Mächte das Recht vor, jene Mittel zu erwägen, welche sie zur 
Sicherung einer besseren Lage dieser Bevölkerung- und zur Er- 
haltung des allgemeinen Friedens für die geeignetsten halten." 

„Die Cabinette hatten also für den Fall vorgedacht, dass 
die Pforte die Versprechungen, welche sie geben konnte, nicht 
erfüllen würde, sie hatten jedoch die gänzliche Ablehnung aller 
Forderungen PLuropas nicht vorhergesehen." 

„Zugleich besagte aber die von Lord Derby gleich nach 
Unterzeichnung des Protokolls abgegebene Declaration, dass die 
Regierung Ihrer Majestät der Königin nur in der Absicht, den 



345 

allgemeinen Frieden zu erhalten, ihre Zustimmung zur Unter- 
zeichnung dieses Actes gegeben habe ; daraus also ist zu schliessen, 
dass das Protokoll als nicht bestehend und nicht gütig erachtet 
werden solle, wenn der angestrebte Zweck, nämlich die gleich- 
zeitige Abrüstung und die Erhaltung des Friedens zwischen Russ- 
land und der Türkei, nicht erreicht werden sollte." 

„Die Weigerung der Pforte und ihre Gründe hiefür lassen 
keine Hoffnung zu, dass die Türkei die Wünsche und Rathschläge 
Europas berücksichtigen wird und geben keine Gewähr, dass die 
zur Verbesserung der Lage der christlichen Bevölkerung vorge- 
schlagenen Reformen durchgeführt werden ; sie machen den Frieden 
mit Montenegro und die Erfüllung jener Bedingungen unmöglich, 
welche zur Abrüstung und Herstellung des Friedens führen 
könnten. Unter diesen Umständen verlieren die friedlichen Ver- 
suche jede Wahrscheinlichkeit des Erfolges, und es bleibt nur die 
Wahl: entweder den Fortbestand einer Lage zuzulassen, welche 
von den Mächten als mit ihren eigenen und den allgemeinen 
Interessen Europas unvereinbar erklärt wurde, oder aber den Ver- 
such zu machen, dasjenige durch Zwang zu erreichen, was die 
einmüthig'en Bemühungen der Cabinette durch Ueberredung nicht 
zu erzielen vermochten." 

,, Unser Erhabener Monarch hat beschlossen, die Vollendung 
des Werkes, zu dessen gemeinsamen Ausführung Er die Gross- 
mächte eingeladen hatte, nunmehr auf sich zu nehmen." 

„Er hat Seinen Truppen den Befehl ertheilt, die türkische 
Grenze zu überschreiten." 

„Wollen Sie dies zur Kenntnis der Regierung bringen, bei 
welcher Sie accreditiert sind." 

„Indem unser Erhabener Monarch Sich diese Last aufbürdet, 
erfüllt Er zugleich eine durch die Interessen Russlands g-ebotene 
Pflicht, da die friedliche Entwickelung unseres Reiches durch die 
beständigen Wirren im Orient aufgehalten wird. Seine Majestät 
ist hieb ei von der Ueberzeugung durchdrungen, dass Er im Ein- 
klänge mit den Gefühlen und Interessen Europas handelt." 

Schliesslich genehmigte Kaiser Alexander, über aller- 
unterthänigsten Vortrag des Reichskanzlers, am n. [23.] Mai die 
im Ministerium des Aeussern ausgearbeiteten Regeln, welche 
Russland, im Sinne der bestehenden Verträge und der allgemein 
giltigen Grundsätze des Völkerrechtes, in dem bevorstehenden 
Kriege, sowohl für die Beziehungen zum Feinde und dessen 



34ö 

Unterthanen als zu den neutralen Mächten und ihrem 
Handel zu befolgen beabsichtigte. 

Diese Regeln lauteten : 

,,I. Den Unterthanen der Türkei wird es freigestellt, während 
des Krieges' ihren Aufenthalt und ihre friedliche Beschäftigung 
innerhalb des Reiches unter dem Schutze der bestehenden Gesetze 
fortzusetzen/' 

„II. Betreff der türkischen Handelsschiffe, welche durch die 
Kriegserklärung- in russischen Häfen überrascht werden, wird die 
Regel bestätigt, wonach ihnen gestattet ist, nach einer zum Auf- 
laden der Waren — insoweit sie keine Kriegs-Contrebande bilden 
— genügenden Frist frei auszulaufen." 

„III. Die Unterthanen der neutralen Mächte können ihre 
Handelsbeziehungen mit russischen Häfen und Städten un- 
behindert fortsetzen, unter der Bedingung, dass sie die Reichs- 
gesetze und die Grundsätze des Völkerrechtes beachten." 

„IV. Die Militär-Behörden sind verpflichtet, alle Massnahmen 
zu ergreifen, um die Freiheit des gesetzlichen Handels der 
Neutralen zu wahren, insoweit die militärischen Operationen dies 
zulassen." 

„V. Auf Grund der Pariser Declaration vom 4. [16.] April 1856 
hat die Kaperei als abgeschafft zu gelten und ist die Ausfolgung 
von Kaperbriefen (lettre de marque) an Private verboten. 
Ueberdies gelten, im Sinne dieser Declaration, bezüglich des 
neutralen Handels folgende Grundsätze : 1 . die neutrale Flag-ge 
deckt feindliche Ware, mit Ausnahme von Kriegs-Contrebande ; 

2. neutrale Ware — mit Ausnahme der Kriegs-Contrebande — 
unter feindlicher Flagge darf nicht mit Beschlag belegt werden ; 

3. eine Blockade muss, um rechtsverbindlich zu wirken, auch effectiv 
sein, das heisst von einer Streitmacht aufrechterhalten werden, 
welche hinreicht, die Annäherung an die feindliche Küste that- 
sächlich zu verhindern. Diese Grundsätze der Pariser Declaration 
gelten für alle Staaten, die Vereinigten Staaten Nord-Amerikas 
und Spanien nicht ausgenommen^ obwohl diese beiden Staaten 
bisher der erwähnten Declaration nicht beigetreten sind." 

„VI. Im Sinne der vorangeführten Grundsätze der Pariser 
Declaration und mit Rücksicht auf die Interessen des neutralen 
Handels haben als Kriegs-Contrebande zu gelten: Waffen 
jeder Art, ob Handwaffen oder Artillerie-Material, sowohl zu- 
sammengesetzt als zerlegt; Munition und einschlägiges Zugehör 
jeder Art, Artillerie - Geschosse, Zünder, Kugeln, Kapseln, 



347 

Patronen, Hülsen, Pulver, Salpeter, Schwefel ; Material oder Zu- 
gehör für Sprengungen, wie Minen, Torpedos, Dynamit, 
Pyroxilin und andere Sprengmittel ; das Zugehör der Artillerie-, 
Ingenieur- und Truppen-Trains, als Lafetten, Bettungen, Munitions- 
wagen und -Verschlage, Feld-Schmieden, Feld-Küchen, Werkzeug- 
wagen, Pontons, Brücken-Böcke, Beschirrung etc. ; militärische 
Ausrüstungs- und Bekleidungs- Gegenstände, wie Patron- 
taschen, Tornister, Riemenzeug, Kürasse, Schanzzeug-, Trommeln, 
Kessel, Sättel, Zaumzeug, Monturstücke, Zelte etc., überhaupt alle 
sonstigen Gegenstände, welche unmittelbar zur Kriegführung 
zu Land oder zur See bestimmt sind. Alle diese Gegenstände 
können, wenn sie auf einem neutralen Schiffe sich vorfinden, mit 
Beschlag belegt und confisciert werden, im Falle sie für einen 
feindlichen Hafen bestimmt sind ; von der Confiscation wird nur 
soviel ausgenommen, als das neutrale Schilf für sich selbst bedarf. 7 ' 

„VII. Wie die Ware werden auch folgende Handlungen 
neutraler Staaten als Kriegs-Contrebande angesehen: der Transport 
feindlicher Truppen, die Beförderung feindlicher Depeschen und 
Correspondenzen, Beistellung und Zuführung feindlicher Schiffe. 
Die neutralen Schiffe, welche mit solcher Contrebande getroffen 
werden, können je nach Umständen nicht nur mit Beschlag- 
belegt, sondern überhaupt confisciert werden." 

„VIII. Während der Kriegs-Operationen, die sich auf der 
Donau oder an deren Ufern abspielen können, hat das Commando 
der Operations- Armee alle in seinem Wirkungskreise liegenden 
Massnahmen zu treffen, um die Schiffahrt und den Handel der 
Neutralen — soweit als thunlich — nicht zu behindern und die 
Neutralen bloss solchen zeitlichen Beschränkungen zu unter- 
werfen, welche sich infolge der Kriegsverhältnisse als noth- 
wendig erweisen; diese Beschränkungen sollen aber thunlichst 
bald aufgehoben werden." 

„IX. Die Militär-Behörden werden überdies den Gebäuden, 
Arbeiten und dem Personal der durch ihre eigene neutrale 
Flagge gedeckten Europäischen Donau-Commission besonderen 
Schutz angedeihen lassen." 

„X. Im Sinne der Genfer Convention vom 10. [22.] August 
1864, betreff der Verwundeten und Kranken, sind die Befehls- 
haber der operierenden Armeen verpflichtet, die Bestimmungen 
über die Unverletzlichkeit der feindlichen Spitäler, Feld-Lazarethe 
und des ärztlichen Personals einzuhalten — unter der Voraus- 
setzung der Reciprocität seitens des Feindes." 



..Anmerkung-. Sobald die türkische Regierung, mit Zu- 
stimmung- Russlands, an Stelle der Genfer Flagge mit dem rothen 
Kreuze ein anderes Abzeichen für ihre Spitäler und Lazarethe 
festgesetzt haben wird, sind seitens der Armee-Commanden alle 
nothigen Massnahmen zu treffen, um die Unverletzlichkeit der 
unter dem Schutze dieses besonderen Abzeichens stehenden 
Gebäude, Unterkünfte und Personen im Sinne der Genfer Con- 
vention zu sichern — wenn alle Bestimmungen der letzteren 
seitens der türkischen Behörden befolgt werden." 

„XI. Auf Grund der Petersburger Declaration vom 29. No- 
vember [1 1. December] 1868 ist die Verwendung von Geschossen 
unter 400 g, welche die Eigenschaft von Sprenggeschossen be- 
sitzen oder mit Zündstoff gefüllt sind, unbedingt verboten." 

,,XIL In der Absicht, die Drangsale des Krieges thunlichst 
zu beschränken und die militärischen Operationen, soweit als 
möglich und unter Voraussetzung der Reciprocität, mit den Forde- 
rungen der Menschlichkeit in Einklang zu bringen, werden die 
militärischen Behörden nicht ermangeln, sich in ihren Ver- 
fügungen nach den von der Brüsseler Conferenz des Jahres 1871 
aufgestellten Grundsätzen zu richten, insoweit dieselben auf die 
Türkei und mit Rücksicht auf den besonderen Zweck des bevor- 
stehenden Krieges anwendbar sind.' 7 

Am Tage der Verlautbarung des Allerhöchsten Manifestes 
erliess der Armee-Obercommandant einen Armee-Befehl und eine 
Proclamation an die Bevölkerung Rumäniens. 

Der Armee-Befehl lautete: 

„Jahrhundertelang lastet das türkische Joch auf den Christen 
— unseren Brüdern." 

„Bitter ist ihre Knechtschaft ! Alles, was dem Menschen 
theuer ist : der heilige christliche Glaube, der ehrliche Name, 
das mit Blut erkaufte Gut — alles ist durch die Ungläubigen 
verunglimpft und besudelt." 

„Die Unglücklichen haben es nicht ertragen — sie erhoben 
sich gegen ihre Unterdrücker, und schon zwei Jahre lang fliesst 
Christenblut ; Städte und Dörfer sind in Flammen aufgegangen, 
Hab und Gut wurden geraubt, Frauen und Töchter entehrt, in 
manchen Orten die halbe Bewohnerschaft erschlagen." 

„Alle Vorstellungen unseres Monarchen und der fremden 
Regierungen zu Gunsten einer Verbesserung der Lage der 
Christen sind erfolglos geblieben." 



349 

„Das Mass der Geduld des Zar-Befreiers ist voll." 

„Der Zar hat sein letztes Wort gesprochen." 

„Der Krieg ist erklärt." 

„Truppen der mir anvertrauten Armee ! Uns ist die Auf- 
gabe zugefallen, den Willen des Zaren und das Vermächtnis 
unserer Vorfahren zu vollbringen." 

„Wir ziehen ins Feld nicht als Eroberer, sondern zum Schutze 
unserer entehrten und geknechteten Brüder und zum Schutze 
des christlichen Glaubens." 

„Und nun vorwärts ! Unsere Sache ist heilig, und Gott ist 
mit uns." 

„Ich bin überzeugt, dass jeder, vom General bis zum ein- 
fachen Soldaten, seine Schuldigkeit thun und den russischen 
Namen nicht entehren wird. Es stehen uns ebenso furchtbare 
Zeiten bevor, als es die früheren Jahre waren. Wir werden uns 
aber weder durch Hindernisse, Mühen und Verluste, noch durch 
den Widerstand des Feindes aufhalten lassen. Die friedlichen 
Bewohner hingegen, welchem Glauben und welcher Nationalität 
immer sie angehören mögen, sowie deren Hab und Gut, sollen 
uns als unantastbar gelten. Nichts darf ohne Bezahlung genommen 
werden; niemand darf sich Willkürlichkeiten gestatten." 

„In dieser Richtung fordere ich von allen und von jedem 
einzelnen die strengste Ordnung und Disciplin — darin liegt 
unsere Stärke, das Pfand des Erfolges, die Ehre unseres Namens." 

„Ich erinnere die Truppen, dass wir nach Ueberschreitung 
der Grenze das Gebiet des uns von altersher befreundeten 
Rumänien betreten, für dessen Befreiung genug russisches Blut 
genossen ist. Ich bin überzeugt, dass wir dort die gleiche Gast- 
freundschaft finden, wie unsere Väter und Ahnen." 

„Ich fordere, dass ihnen — unseren Brüdern und Freunden 
— dies alle Armee- Angehörigen mit voller Freundschaft, mit dem 
Schutze ihrer Einrichtungen und mit Hilfe gegen die Türken 
vergelten ; wo es nothwendig ist, sollen sie auch die Häuser der 
Rumänen so schützen, als wenn es ihre eig'enen wären." 

Die Proclamation an die Rumänen lautete: 
„Bewohner des Fürstenthums Rumänien ! Ueber Befehl 
Seiner Majestät des Kaisers aller Russen betritt Seine zum 
Kampfe gegen die Türkei bestimmte Armee, unter meinem Ober- 
befehle euer Land, das mehrmals schon mit Freude russische 
Truppen begrüsst hat. Indern ich euch dies verkünde, füge ich 



350 

bei, dass wir als alte Freunde und Wohlgesinnte zu euch 
kommen und hoffen, bei euch dieselbe Gastfreundschaft und dasselbe 
Entgegenkommen zu finden, wie sie eure Vorfahren unseren Truppen 
in den früheren Kriegen gegen die Türkei erwiesen haben. Ich 
meinerseits erachte es, im Auftrage Seiner Kaiserlichen Majestät, 
meines Erhabenen Bruders, als Pflicht, euch, Rumänen, bekannt- 
zugeben, dass der Durchzug unserer Truppen durch euer Land 
und der vorübergehende Aufenthalt in demselben euch in keiner 
Weise äng*stig*en soll, und dass wir eure Regierung als eine be- 
freundete ansehen. " 

„Ich fordere euch sonach auf, eure friedliche Beschäftigung 
fortzusetzen, hiebei unsere Armee zu unterstützen und ihre Be- 
dürfnisse zu befriedigen ; ich habe verfügt, dass alle von euch 
für unsere Armee gelieferten Gegenstände durch die Feldcassen 
ohne Verzögerung in vollem Werte bezahlt werden." 

„Es ist euch bekannt, dass die Armee Seiner Majestät sich 
durch strenge Disciplin auszeichnet. Ich bin überzeugt, dass sie 
auch unter euch ihre Ehre bewahren wird. Unsere Truppen 
werden euren Frieden nicht stören, sie werden die Gesetze, die 
Person und das Eigenthum der friedlichen Bürger respectieren." 

„Rumänen! Unsere Vorfahren haben ihr Blut vergossen, um 
eure Vorfahren zu befreien. Wir glauben also mit Recht 
beanspruchen zu können, dass ihr dem durchziehenden Heere 
eure Unterstützung leihet, einem Heere, welches hinauszieht, um 
hilfreiche Hand zu bieten den unterdrückten Christen der Balkan- 
Halbinsel, deren Leiden die Theilnahme nicht Russlands allein, 
sondern ganz Europas hervorgerufen haben." 

Kaiser AI ex an der II. blieb in Kiszyniew bis 19. April [i.Mai] 
und reiste in der Nacht auf den 20. ab. Beim Abschiede sprach 
Seine Majestät zu den ihn geleitenden Officieren : 

„Ich danke euch nochmals, meine Herren, für eure Dienste. 
Ihr habt meine Erwartungen vollauf gerechtfertigt. Ich nehme 
nicht Abschied, sondern sage bloss — auf baldiges Wiedersehen. 
Ich fahre jetzt nach Odessa, Kijew, Moskau und Petersburg. 
Dann kehre ich zurück, um mit euch Freud und Leid zu theilen. 
Gott helfe uns ! Auf Wiedersehen." 

In der That kehrte Kaiser Alexander bald zur Armee 
zurück. In Begleitung des Grossfürst-Thronfolgers Alexander 
Alexandrowic und des Grossfürsten Sergej Alexandrowic 
reiste Seine Majestät am 21. Mai [2. Juni] von Zarskoje Selo ab und 






35i 

traf am 25. Mai [6. Juni] in Bräila ein, wo er von dem Armee- 
Obercommandanten Grossfürsten Nikolaus Nikolajewic dem 
Aelteren und den Grossfürsten Wladimir Alexandrowic und 
Nikolaus Nikolajewic dem Jüngeren, sowie den Herzogen von 
Leuchtenberg, Nikolaus Maximilianowic und Sergej 
Maximilianowic empfangen wurde. 

Die Gefühle, welche Kaiser Alexander bewogen, zur Armee 
zu kommen, hat er sowohl in seinen Abschiedsworten vom 19. April, 
[1. Mai] als auch bei einer späteren Gelegenheit nach seinem 
Eintreffen bei der Armee zum Ausdrucke gebracht; in dem auf 
Befehl des Grossfürsten-Obercommandanten geführten Tagebuche 
des Obersten Skalon sind unter dem 15. [27.] Juni folgende Worte 
Seiner Majestät verzeichnet : 

„Von Kindheit an mit der Armee verwachsen, hielt ich es 
daheim nicht aus und kam hieher, um mit meiner Armee alle 
Mühen und Freuden zu theilen." 



Druck von Josef Roller & Comp.. Wien. 



^ras^ Zum Werke " Der 



türkische Krieg 1877/78" vom russ. ßrlstb., deutsche Ausg. vom k. und k. Kriegs- Archiv, I. Band. 



Karten-Beilage 2. 



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Zeichen-Erklärung. 
Bestehende Bahnen. 






==, Bahnen im Bau. 




=___ __ Bnlinen im Bau, auf welchen Militär-Transporte stattfanden. 


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Zum Werkt „Der russisch-turkisote Kriff 1S77 7K- vom ms. lirlslk.. dralscho Aase, vom k. und. k Kna-s-Arvliiv. I. Bund 

ÜBERSICHTSKARTE 

Kriegsschauplatzes vom Jahre 1877/78 

auf der Balkan-Halbinsel. 










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